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Graue Herbstdaemmerung deckte mit feuchten Fluegeln die bleiernen Wasser des Waldsees zu. Die nackten Baeume am Ufer winkten rhythmisch mit ihren kahlen Zweigen. Leise stoehnte der Wind, waehrend er die kleinen Wellen sacht zerrte. Unter dem Weinen des Windes und dem traurigen Stoehnen der Baeume verdichtete sich die Daemmerung, und die Nacht kam in den Wald. Es war feucht. Feucht und dunkel im Wald. Vor dem Unwetter hatten sich die Waldbewohner in Hoehlen und Bauten verkrochen, nur ein alter Wolf trottete mit gesenktem, breitem Kopf auf einem Tierpfad. Der Hunger hatte ihn von seinem Lager aufgestoebbert, der Hunger zwang ihn, durch den feuchten, kalten Wald zu streifen.
Die Spuren auf dem Pfad waren kaum zu lesen, gedaempft durch die Ausduenstungen verrottenden Laubes. Der Wolf roch die Spur eines stacheligen Igels, etwas weiter, unter einer grossen Kiefer, hatte sich ein flinkes Eichhoernchen markiert. Keine Spuren eines suessen Hasen, eines scheuen Rehs oder eines Waldschweins mit einem Wurf zarter Ferkel.
Der Wolf naeherte sich einem stark mit Gras und jungem Gebuesch ueberwucherten Menschenweg. Er hob den Kopf und witterte, bevor er die Strasse ueberquerte. Der Wind trug einen kaum wahrnehmbaren Geruch eines Menschen zu ihm. Er verschwand. Der Wolf drehte den Kopf und liess den Wind mit kurzen Atemzuegen in seine empfindlichen N;stern eindringen. In seiner Vorstellung entstanden Menschenbauten, bedeckt mit totem Holz. Und dort, in einer dieser Bauten, leben hilflose, dumme Schafe. Das Tier klaeffte sein eingebildetes Opfer an. Da jagt er ueber das Feld zum nahen Wald, auf seinem Ruecken liegt ein Schafjunges, und suesses, warmes Blut aus einer zerrissenen Vene fliesst ihm direkt in den Rachen. Der Wolf jaulte leise und wob seine Stimme in das Heulen des Windes ein. Fuer den Ueberfall auf die Menschenbauten stimmte der Hunger, dagegen sprach die Angst vor den Hunden, diesen verachtenswerten Koetern, die Freiheit gegen Sattheit eingetauscht hatten. Und der Wolf fuerchtete noch die spitzen Stoecke, die schneller als der Wind flogen. In dem kurzen Kampf besiegte der Hunger die Angst.
Ein heftiger Windstoss brachte erneut den Geruch eines Menschen, diesmal deutlicher. Der Mensch bewegte sich auf der Strasse und er bewegte sich in Richtung des Sees. Der Wolf entschied, dass der Mensch weit genug entfernt war. Er wuerde Zeit haben, aus dem See zu trinken und im Wald zu verschwinden. Der Wolf ueberquerte die Strasse, die bei einem grossen, moosigen Stein dicht an den See herankam. Am Wasser angekommen, liess er sich auf die Vorderpfoten nieder und begann zu lecken. Seine Aufmerksamkeit wurde von einem hellen Fleck in der Mitte des bodenlosen Abgrunds gefesselt. Der Fleck stieg an die Oberflaeche. Da baeumte sich das Wasser zu einem flachen Huegel auf, und Kopf und Schultern der Wasserherrin traten hervor. Die Herrin war hungrig, sie war sehr hungrig.
Das Nackenfell stellte sich auf. Der Wolf jaulte lautlos vor Angst. Er versuchte, nicht hinzusehen, um nicht durch seinen Blick die Aufmerksamkeit der Herrin auf sich zu ziehen, und begann rueckwaerts wegzukriechen. Ueber die Strasse, durch das nasse Gras hinter die Gebuesche am Wegrand. Und erst dort wagte der Wolf, sich auf die Pfote zu stellen. Er rannte davon, wobei er vor lauter Angst den Hunger vergass.


Milletta trat ans Ufer. Die am Nachthimmel unsichtbaren Wolken teilten sich, und in die himmlische Luecke blickte der Mond, bedeckt mit silbernen Schuppen, als waere ein grosser Fisch aus dem Wasser in den Himmel gesprungen. Der Mond baute einen hellen, auf der kleinen Welle zitternden Pfad vom fernen Ufer des Sees direkt zu den Fuessen der Herrin. Sie beugte sich vor, schoepfte mit der Handflaeche das mit geisterhaftem Licht vermischte Wasser und besprengte mit dem toten Wasser ihren Kopf, die Schultern und die Brust. Das duenne, farblose Haar verdichtete sich und wurde schwarz wie Pech. Die den Ertrunkenen eigene blasse Aufgedunsenheit wich einem Roete auf den Wangen. Schwarze Augenbrauen und lange Wimpern wuchsen nach. Die Pupillen verwandelten sich von grauem Nebel in Braun. Gleichzeitig mit der Aenderung der Gestalt geschah eine Metamorphose mit dem Gewand der Hexe. Das farblose Gewand verwandelte sich in ein Samtkleid mit tiefem Dekollete. In solche Kleider putzen sich reiche Kaufmannsfrauen heraus, wenn sie zum Jahrmarkt gehen. An den Fuessen erschienen rote Schuhe mit mittlerem Absatz. Jetzt sah die Herrin aus wie eine Schoenheit, die gerade erst die Schwelle zur weiblichen Reife betreten hatte.
Die Hexe grinste den gehoernten Mond raeuberisch an, und dieser begann, sich vor Angst hinter einer Wolke zu verstecken. Doch zuvor schoepfte Milletta noch einmal totes Wasser und bespritzte den moosigen Felsen. Und der Stein verwandelte sich in ein Blockhaus unter einem Bretterdach mit zwei Fenstern, hinter denen das Licht einer Kerze flackerte, und einer niedrigen Veranda. Die Hexe stieg auf die Veranda, oeffnete die knarrende Tuer, betrat die Stube und begann geduldig auf die Beute zu warten, so wie eine Spinne auf eine in der Luft umherfliegende Fliege wartet.


Das Pferd schnaubte laut und warf den Kopf zurueck. Das Amulett auf der Brust unter dem Kettenhemd stach warnend zu. Das Pferd hielt an. Dem Tr;gheitsmoment folgend, rutschte es einige Yards auf den Hufen wie auf Skiern ueber das nasse Laub. Janos-der-Jaeger klopfte dem Pferd beruhigend auf den schwanengleichen, kraeftigen Hals.
– Ganz ruhig, ganz ruhig, mein Freund. Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir so etwas tun.
Das Pferd stand da und schielte misstrauisch mit seinem braunen Auge auf den geisterhaften Wald, der dicht an die Strasse herangerueckt war. Janos blickte zum Himmel. Dort, in einer Wolkenluecke, leuchtete hell der spitzzulaufende Mond, als haette jemand Maechtiges, der Kraft und Gewalt ueber die Elemente besitzt, mit einem scharfen Saebel schraeg einen Schlitz in die dunkle Nachtsphaere direkt in den hellen Tag geschnitten. Das Hauptsegment des totgeborenen Kindes der Erde war durch einen leichten grauen Schleier gekennzeichnet, der nur gegen das kohlrabenschwarze Dunkel auffiel. In der Ferne jaulte ein Wolf. Der Mond versteckte sich hinter einer Wolke. Janos beruehrte die Zuegel.
Zwischen den Baeumen blitzte ein Licht auf, verschwand hinter einer Strassenbiegung und funkelte erneut. Die Strasse verliess den Wald und fuehrte am Ufer zu einem kleinen Haus, das direkt ueber dem Wasser hing. Janos band das Pferd an eine Birke, die im Hof wuchs, und sah sich um.
– Wie still es ist, – fluesterte er.
Der Wind legte sich. Ueber der dunklen Wasseroberflaeche ballte sich Nebel zusammen. Die Wolken wurden duenner, und durch sie hindurch schien, wie durch einen grauen Stoff, der verschwommene Mond.
Janos stieg auf die Veranda. Er klopfte mit den Knoecheln an die Tuer und sagte:
– Oeffnet einem mueden Wanderer, falls jemand in diesem Hause ist.
Die Tuer oeffnete sich. Auf der Schwelle stand eine stattliche Schoenheit im Alter des reifen Sommers. Der blasse Mond blickte ihr ins Gesicht, und das Flackern von drei Kerzen, die auf dem Tisch im Inneren der Stube standen, schuf ueber ihrem Kopf eine roetliche, schwankende Krone. Durch all dies schien es, als stecke die Frau auf halbem Weg zwischen Licht und Daemmerung fest. Sie war gekleidet, wie sich das einfache Volk fuer den Jahrmarkt in der Stadt herausputzt. Ein tiefer Ausschnitt oeffnete dem verwirrten Blick die Rundungen einer ueppigen Brust.
– Tritt ein, mueder Wanderer, – sprach die Frau schmunzelnd und trat beiseite. – Wohin fuehrt dich dein Weg?
– Ich reise in die Stadt, – Janos trat ueber die Schwelle, – zum Jahrmarkt.
– In Handelsangelegenheiten oder einfach so?
– In Handelsangelegenheiten.
– In der Stadt ist es zurzeit ruhig. Der Burgermeister hat einen Waffenstillstand mit dem Unwesen.
Bei dem Wort „Unwesen“ stockte die Frau ganz unmerklich.
– Hast du keine Angst, edle Herrin, – sagte Janos, waehrend er die bescheidene Einrichtung der Stube betrachtete, – so allein in einem Wald mit schlechtem Ruf zu sein.
Die Frau sah Janos aufmerksam an.
– Ich habe keine Angst, mein Herr, – lachte sie leise. – Ich lebe schliesslich nicht allein, sondern mit meinem Mann. Er ist in die Stadt zum Jahrmarkt gefahren, aber er hat dort wohl uebernachtet. Und ausserdem bin ich aus dem Teig derer, die fuer sich selbst einstehen koennen. Lassen wir das, – sagte die Frau und legte den Kopf schief. – Das Leben in der Einsamkeit hat mich gelehrt, Menschen zu verstehen, und ich sah sofort, dass ein Mann von hoher Ehre zu mir gekommen ist. Oder habe ich mich geirrt?
– Du hast dich nicht geirrt, – Janos legte die Hand auf sein Herz, – edle Herrin.
Die Frau deutete mit einer fliessenden Geste auf den mit Speisen gedeckten Tisch.
– Bist du nicht hungrig, mein Herr? Setz dich an den Tisch, koste vom Kapaun. Qu;lt dich nicht der Durst? Trink vom funkelnden Wein. Ich werde nicht viel von dir verlangen.
– Hab Dank, Herrin. Ich bin nicht hungrig, und mich qu;lt kein Durst. Ich moechte nur bis zum Morgengrauen irgendwo auf dem Heuboden schlafen, und am Morgen werde ich still verschwinden.
– Warum denn auf dem Heuboden? Legen wir uns ins Bettchen, wenn es dich nicht ekelt.
Die Frau fuhr mit ihrer weissen Hand ueber ihre runde Brust, schmunzelte und bewegte die Brauen.
– Es ekelt mich nicht, Herrin, – sagte Janos, – fuehre mich in deine Gemaecher.
Die Frau ging am Tisch vorbei, trat zur fernen Wand, die mit einem Vorhang verdeckt war, und zog ihn beiseite. Hinter dem Vorhang kam ein breites Lager zum Vorschein, das mit einer roten Decke bedeckt war.
– Komm zu mir, mein Herr!
Janos trat naeher. Das Talisman unter dem Kettenhemd kratzte und biss seine Brust.
– Steig ins Bett, – sprach die Frau mit einer vor Ungeduld und aufwallender Leidenschaft heiseren Stimme, – steig hinein. Oder hast du Angst?
– Wer die Woelfe fuerchtet, wie man in unseren Landen sagt, geht nicht auf Baerenjagd. Wie heisst du, edle Herrin?
Die Frau wandte den Kopf ab und blickte durch die Balkenwaende dorthin, wo der Nebel ueber dem See schwebte.
– Milletta nannte man mich, – sie wandte sich Janos zu, ihre Augen brannten, – und wie heisst du, Mensch?
– Mein Name ist Janos.
Janos riss einen versilberten Dolch hervor und durchbohrte Milletta mit einem Stoss in den Bauch.
– Janos-der-Jaeger! – kreischte Milletta.
– Genau der, Hexe.
Janos presste den Griff zusammen. Aus der Spitze sprangen zwei Haken hervor und bissen sich in den Ruecken der Hexe fest, gerade rechtzeitig, da Milletta versuchte, Janos mit den Haenden wegzustossen und sich von der Klinge zu loesen. Sie veraenderte sich rasant und verwandelte sich in ein abscheuliches, blasses, schreckliches Wesen.
– Du hast keinen Ehemann. Du hast sein Blut getrunken und sein Fleisch gefressen.
Janos packte mit der linken Hand das duenne weisse Haar.
– Unwahr! – kreischte die Hexe, – er ist fuer immer in mir.
Der Jaeger liess den Dolch los. Er zog schnell das Schwert aus der Scheide und hieb der Hexe mit einem schraegen Schlag den Kopf ab.
Und der Spuk fiel ab. Das Lager zerstreute sich, die Balkenwaende und das Bretterdach verschwanden. Janos stand am aeussersten Rand eines niedrigen Felsens und hielt mit der linken Hand den Kopf der Hexe an den Haaren fest, waehrend der kopflose Koerper mit dem Dolch im Bauch ins Wasser fiel. Als das Silber das Wasser beruehrte, begann es, Millettas Fleisch zu zerfressen. Das Wasser brodelte an der Stelle des Sturzes und wechselte die Farbe von Weiss zu Rot, dann zu Gruen und wieder zu Weiss. Janos stieg vom Felsen herab. Das Pferd schnaubte bei der Annaeherung des Jaegers und begann, mit dem Huf auf den Boden zu schlagen.
– Ganz ruhig, ganz ruhig, Balthasar, – sagte Janos leise und streichelte dem Pferd ueber den Ruecken, – sie ist nicht mehr gefaehrlich.
Er steckte den abgehauenen Kopf in einen Leinensack, sprang auf Balthasar und setzte seinen Weg im langsamen Trab auf der Strasse fort.

2


Es war bereits ganz hell geworden, als Janos in die Tore der Stadt einritt, die anlaesslich des Jahrmarkts mit Blumen und Girlanden geschmueckt waren.
Der tiefe Himmel drueckte auf die gedrungene, meist einstoeckige Stadt. Der Rauch aus den Schornsteinen schien den Himmel wie mit weissen und grauen Saeulen zu stuetzen. Manchmal schleuderte der Himmel Ladungen aus feinem, stechendem Schnee auf die Haeuser und engen Gassen, auf die Tempel und die mit grobem Kopfsteinpflaster gedeckten Plaetze.
In dieser fruehen Stunde rollten nur Kleinhaendler ihre Karren zum Marktplatz und polterten mit h;lzernen Raedern ueber das Pflaster. In einer gewundenen Gasse, die nicht breiter als zwei Yards war, ritt Janos hinter einem aelteren Gemuesehaendler her und passte sich unwillkuerlich dessen langsamem Tempo an. Der Gemuesehaendler beschleunigte, blickte sich erschrocken um und furchtete, dass der edle Herr auf dem guten Pferd die Geduld verlieren und ihn ueberholen wuerde, was unvermeidlich einen umgestuerzten Karren und Verluste bedeutet haette.
In das helle Geklapper der Hufe auf dem Stein und das dumpfe Poltern der Raeder mischten sich die Geraeusche der erwachenden Stadt: das Schlagen von Fensterlaeden und das Quietschen von Tueren, Bl;ken und Gackern, schlaefrige Menschenstimmen. Die traurige Prozession endete, als die Gasse in einen kleinen Platz mit einer winzigen Kirche am oestlichen Rand muendete. Der Gemuesehaendler trat beiseite und machte Janos den Weg frei. Er nahm seine Pelzmuetze ab und wischte sich mit dem Aermel die verschwitzte Stirn ab.
Im Vorbeireiten hob Janos gruessend die Hand.
– Guten Handel, mein Freund.
Der Gemuesehaendler neigte tief sein graues Haupt.
– Einen guten Tag dir, edler Herr.
Janos ritt an den Anbindepfosten vor dem Kircheneingang heran und sprang vom Pferd, um seine im Sattel erstarrten Glieder zu lockern. Energetische gymnastische Uebungen liessen das Blut schneller durch die Adern fliessen und waermten den Koerper auf. Ploetzlich erregte herannahender Laerm seine Aufmerksamkeit. Aus der Gasse gegenueber derjenigen, aus der Janos gekommen war, rannte ein Lumpenjunge heraus. Er blickte sich um und rannte aus Leibeskraeften auf die Kirche zu. Nicht mehr als ein Dutzend Yards hinter dem Jungen rannte ein Metzger in einem schmutzigen, blutverschmierten Kittel auf den Platz. Er schwang ein grosses Metzgermesser und schrie:
– Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!
Hinter dem kriegerischen Metzger rannten zwei Jugendliche her. Wahrscheinlich seine Lehrlinge. Der kleine Dieb rannte auf den Tempel zu. In Anbetracht dessen, dass die Kirchentore zu dieser fruehen Stunde verschlossen waren, gab es fuer den Jungen keine Moeglichkeit zur Rettung. Als er Janos erblickte, korrigierte der Junge seinen Laufvektor und lief nach wenigen Sekunden hinter Balthasar, wobei er den edlen Herrn zwischen sich und die Verfolger brachte. Janos legte demonstrativ die rechte Hand auf das Heft des Schwertes und streckte die linke dem Metzger entgegen. Dieser verstand die vielsagenden Gesten. Er blieb vier Yards von Janos entfernt stehen. Der Metzger atmete schwer.
– Was soll der Laerm, wenn es keinen Kampf gibt? – fragte Janos den Metzger streng.
– Er hat mir das Filet gestohlen, – verkuendete der Metzger den Grund der Verfolgung.
– Ich habe dir gar nichts gestohlen! – rief der Junge hinter Janos’ Ruecken hervor. – Ich habe das Fleisch einem Hund weggenommen.
– Kaum drehe ich mich um, schau an – das Filet ist weg. Ich frage Karl: Wo ist das Filet? Und dieser Toelpel zuckt nur mit den Schultern, – der rothaarige Lehrling senkte schuldbewusst den Kopf. – Und da sehe ich, wie dieser Junge das beste Kalbsfilet in seinen Lumpen versteckt. Ich hinterher!
Wie aus dem Nichts versammelten sich Gaffer. Zuerst stand der Gemuesehaendler da, hinter ihm die Lehrlinge des Metzgers, neben ihnen ein Moench und hinter dem Moench sechs Buerger.
– Alles klar, – unterbrach Janos die Erzaehlung des Metzgers. – Was kostet das Filet?
Der Metzger ueberlegte und runzelte die Stirn.
– Fuenf grosse Kupferm;nzen.
Janos hakte einen Lederbeutel von seinem Guertel ab, wuehlte darin und zog eine Silbermuenze heraus.
– Hier! – er warf die Muenze, der Metzger fing sie im Flug auf. – Den Rest kannst du behalten.
– Ich danke Euch, edler Herr, – der Metzger verbeugte sich tief und drohte nach dem Aufrichten dem kleinen Dieb, der hinter Janos’ Ruecken hervorschaute, mit dem Messer. – Dich kriege ich noch!
Er ging davon und verpasste unterwegs dem rothaarigen Karl sowie dem zweiten Lehrling zur Gesellschaft eine ordentliche Ohrfeige. Janos aber wandte sich an die Gaffer.
– Die Vorstellung ist beendet.
Die Buerger, die wegen der Kuerze der Vorstellung enttaeuscht murrten, gingen ihrer Wege. Bald blieben auf dem ganzen Platz nur noch Janos und der kleine Dieb zurueck.
– Nun, – Janos wandte sich dem Jungen zu, – was soll ich wohl mit dir machen?
Der Junge stand da, den Kopf tief gesenkt, den Blick auf das kalte Pflaster gerichtet.
– Weisst du denn nicht, dass Stehlen nicht gut ist?
– Ich habe nicht gestohlen! – fuhr der Junge auf. – Ich habe das Filet wirklich einem Hund weggenommen.
– Sei es drum, sei es nicht gestohlen, du haettest das Fleisch zurueckgeben und fuer deine Ehrlichkeit eine kleine Kupfermuenze erhalten sollen.
– Ich hatte Angst, – fluesterte der Junge, – er ist mit dem Messer auf mich losgegangen.
– Gut, – entschied Janos, – ich bringe dich zu deinen Eltern. Sollen sie selbst entscheiden.
– Ich bin Waise.
– Chm, chm, – Janos war verlegen, – wie heisst du?
– Petrik.
– Also, Petrik, zeig mir den Weg zum Rathaus.
– Zu Euren Diensten, – Petrik setzte den rechten Fuss vor, verbeugte sich mit geradem Ruecken und machte eine Handbewegung, was ein gewisses Verstaendnis fuer edle Manieren verriet. – Ich danke Euch. Ich stehe in Eurer Schuld.
– Gehen wir, Petrik.
Petrik voran und Janos, der Balthasar am Zuegel fuehrte, ueberquerten den Marktplatz, der sich allmaehlich mit Menschen und Laerm fuellte. Gaukler und Feuerschlucker vor einem Zelt riefen das Publikum zu einer grossen Vorstellung herbei, die genau zur Mittagsstunde stattfinden sollte.
Das dreistoeckige Gebaeude des Rathauses wetteiferte mit seiner prunkvollen Ausstattung nur mit der Kathedrale am anderen Ende des Platzes. Janos band Balthasar an einen Pfosten unweit der hohen Veranda und taetschelte dann den runden Kopf des Jungen.
– Danke, Petrik. Du bist frei.
Janos holte aus seinem Wams das Siegel der Jaegerliga hervor und befestigte es an seiner linken Schulter. Petrik oeffnete den Mund, vor Staunen ausserstande, auch nur ein Wort zu sagen. Janos blinzelte ihm zu, haengte sich den Leinensack ueber die Schulter und begann, die Veranda hinaufzusteigen. Die Wachen, die das Siegel sahen, nahmen ihre Hellebarden vor Janos auseinander.
– Wo finde ich den Burgermeister? – fragte Janos die baertige Wache.
– Zweiter Stock, – antwortete dieser widerwillig, – im Blauen Saal.
– Dort beginnt gerade der Rat der Stadt, – fuegte die zweite, bartlose Wache hinzu.
– Oh! Das ist genau das, was ich brauche, – sagte Janos, waehrend er das Rathaus betrat.


Das Tageslicht, das durch die spitzbogigen Fenster aus buntem Glas str;mte, reichte nicht aus, um den hohen, geraeumigen Blauen Saal zu beleuchten. Es brannten Fackeln, die an den Waenden befestigt waren, und Kerzen in Leuchtern auf dem massiven Tisch in der Mitte des Saales. Am Tisch sass der Stadtrat in voller Besetzung. Der Burgermeister, ein schwerfaelliger und drohender Mann mit grauem Bart. Er war in einen Zobelpelz gekleidet. Zur Rechten des Burgermeisters sass der Bischof in langen weissen Gewaendern – ein strenger Blick unter buschigen Brauen. Zur Linken hatte der Stadtrichter Platz genommen. Sein roter Mantel unterstrich den repressiven Charakter seines Berufs. Neben dem Bischof sass Vater Kurt, der Abt des Klosters des Heiligen Antonius. Die schwarzen Gewaender des Herrn Abtes sprachen von Demut vor dem Angesicht des Allmaechtigen. Flankiert wurde die Versammlung von zwei Kaufleuten in prunkvollen Gewaendern aus Brokat von freiem Schnitt. Schwere goldene Ketten und Ringe symbolisierten ihren betr;chtlichen Wohlstand.
Die Blicke der Herrscher der Stadt konzentrierten sich auf den eintretenden Janos. In der hallenden Stille schritt der Jaeger zum Tisch voran.
– Was willst du, Jaeger? – fragte der Burgermeister mit einer Stimme, die es gewohnt war zu befehlen.
– Eine Elster hat mir auf ihrem Schwanz die Nachricht gebracht, – schmunzelte Janos, – dass der Stadtrat hundert Goldmuenzen gesammelt hat, um die Stadt von der Tyrannei der drei Hexen zu befreien.
– Diese Elster ist schon lange krepiert, – sagte der Burgermeister und stand auf, – wir haben einen Waffenstillstand. Geh, Jaeger, woher du gekommen bist.
Die Diener des Kults, der Richter und die Kaufleute nickten zustimmend.
– Pack dich, solange du noch heil bist, – sagte der Richter.
– Geh, mein Sohn, – fuegte der Bischof hinzu, – reize das Unwesen nicht.
– Ihr habt keinen Waffenstillstand, – sagte Janos zu ihnen, – er ist zu Ende.
– Was soll das heissen, kein Waffenstillstand? Wann ist er zu Ende gegangen? – forderte Vater Kurt gebieterisch eine Antwort.
Das Kloster stand ausserhalb der Stadtmauer und litt am meisten unter den Angriffen der Hexen.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drehte Janos den Sack um. Der Kopf der Hexe fiel heraus und schlug dumpf auf den Holzboden auf.
– Milletta! – sprangen die Kaufleute auf.
– Milletta die Ertrunkene! – kreischte der Richter und machte eine Bewegung, als wollte er sich unter den Tisch verkriechen.
– Wache! – rief der Burgermeister laut.
Auf den Ruf erschienen vier Krieger, gekleidet in leichte Ruestungen und bewaffnet mit Hellebarden.
– Nehmt ihn fest, – befahl der Burgermeister und zeigte auf Janos.
Die Wachen sahen sich in unentschlossener Ungewissheit an, denn zu keiner Zeit hatte es im Kurfuerstentum einen Fall gegeben, in dem ein Jaeger in Haft genommen wurde.
– Was tr;delt ihr noch herum! – herrschte der Burgermeister sie drohend an, – oder ist euch euer Leben nicht mehr lieb!
Die Drohung zeigte die gewuenschte Wirkung. Die Soldaten, die ihre Hellebarden vor sich ausgestreckt hielten, setzten sich langsam in Bewegung. Doch Janos holte eine Armbrust hinter seinem Ruecken hervor und spannte die Sehne. Er richtete die Armbrust auf die Wachen. Diese blieben stehen.
– Ich rate es euch nicht, – sagte Janos fast teilnahmsvoll, – achtzehn Bolzen im Magazin. Ich schiesse schnell und treffsicher. Ich lege euch nieder, bevor ihr mich erreicht.
Um den Wachen, deren Tod er nicht w;nschte, sein Geschick im treffsicheren Schiessen zu beweisen, richtete Janos die Armbrust auf das Portraet des Kurfuersten, das an der zentralen Wandflaeche hing.
– Dem Kurfuersten ins rechte Auge, – sprach der Jaeger und drueckte den Abzug.
Der kleine Bolzen sang sein kurzes Lied und bohrte sich in das rechte Auge des regierenden Fuersten. Die Ratsmitglieder l;rmten alle gleichzeitig ueber ein solches Sakrileg. Janos knickte den Schaft und lud die Armbrust nach. Die Krieger wichen zum Eingang zurueck.
– Wie ich verstehe, – Janos sah den finsteren Burgermeister an, – wird das Geschaeft nicht zustande kommen. Ich muss dich warnen, Hochwohlgeborener, ich werde die Liga ueber deine Ablehnung informieren. Und was sie dann…
Janos’ Rede wurde durch ein gellendes Kreischen vor dem Fenster unterbrochen, so scharf wie der Stich eines Stiletts unter die Rippe. Balthasar wieherte laut.
– Rossetta, – das Gesicht des Bischofs wurde weisser als seine Gewaender.
– Rossetta-die-Fliegerin, – fluesterte der Burgermeister mit erblassten Lippen.
Janos drehte sich ruckartig auf den Absaetzen um und ging mit schnellen Schritten zum Ausgang. Vorbei an den erstarrten Wachen, ueber die breite Treppe zur Veranda.
Bis Janos die Aussentueren erreichte, hatte die Hexe den Menschen bereits grossen Schaden zugefuegt. Maenner und Frauen versuchten schreiend vor Entsetzen, sich in Haeusern und Laeden zu verstecken. Umgestuerzte Staende, auf dem Pflaster liegende Waren. Zwei Menschen lagen ohne Lebenszeichen in Blutlachen. Ein Gaukler kroch auf das Zelt zu, wobei er mit der Hand seinen aufgerissenen Bauch bedeckte. Seine dreizipfelige Gauklerkappe lag in der Ferne wie ein abgehauener Drachenkopf.
Und die Hexe setzte zu einem neuen Angriff an. Sie schwebte am hoechsten Punkt der Flugbahn auf Hoehe der Kirchenkuppel, kreischte einen Kampfschrei, der den Menschen das Blut in den Adern gefrieren liess, und stuerzte sich hinab. Im rasanten Flug zerschnitten die Flughaeute mit einem Pfeifen die Luft. Die Hexe steuerte Balthasar an. Das Pferd jedoch, den Hals geneigt, schlug mit dem beschlagenen Huf auf das Pflaster und schlug Funken aus dem Stein. Es bereitete sich auf den Kampf vor.
Janos bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Petrik hastig das Pferd vom Pfosten losband. Der erste Bolzen durchschlug den ledernen Fluegel. Der zweite flog am Kopf vorbei. Die Hexe aenderte schlagartig die Angriffsrichtung. Sie manoevrierte und warf ihren toten Koerper in unvorstellbare Pirouetten. Janos schaffte es, noch dreimal zu schiessen. Der letzte Bolzen drang in die rechte Schulter ein. Das brachte die Hexe aus dem Ziel. Janos taumelte zurueck, und Rossetta flog seitlich in die offenen Tueren. Die Traegheitskraft zog sie ueber den glatten Boden bis zur Treppe. Janos, die Armbrust eingepackt und das Schwert gezueckt, rannte in die geraeumige Halle.
Die Hexe war bereits aufgestanden. Sie brach mit einem Knirschen den eisernen Bolzen aus sich heraus.
– Janos! – schrie Rossetta heiser, – du hast meine Schwester getoetet.
– Richtig, Hexe, – lachte der Jaeger, waehrend er mit kreisenden Bewegungen des Schwertes seinen Arm vor dem Kampf lockerte, – ich habe ihr den Kopf abgeschlagen.
– Gib ihn mir zurueck, und ich werde gehen!
– Nicht dafuer bin ich aus der Hauptstadt herbeigeeilt, um mit dir zu plaudern. Bereite dich auf das Nichtsein vor, Rossetta.
Sie riss den reisszahnbewehrten Rachen weit auf, streckte die Schlangenzunge heraus und kreischte so gellend, dass die baertige Wache, die unter der Treppe kauerte, aus ihrem Versteck hervorsprang, da sie das Kreischen nicht ertragen konnte. Er stuerzte sich mit einer Hellebarde auf die Hexe. Die Fluegel von Rossetta trugen an der Aussenkante Knochenauswuechse – haerter als Damaszenerstahl, schaerfer als eine Klinge. Sie setzte sie mit erstaunlicher Flinkheit ein. Mit dem rechten Fluegel zerbrach Rossetta den Schaft der Hellebarde, und mit dem linken toetete sie den Krieger durch einen gleitenden Schlag, der das Kettenhemd und die Brust bis zum Herzen aufschlitzte. In diesen kurzen Kampf konnte Janos nicht rechtzeitig eingreifen. Er dachte nur ver;rgert: Wo bist du nur hingelaufen, du Narr. Und mit diesem Gedanken griff er Rossetta von rechts an.
Janos’ Angriffe gingen in Rossettas Gegenangriffe ueber. Die Gegner trafen mit blitzartiger Geschwindigkeit aufeinander und trennten sich wieder. Der Raum beraubte die Hexe ihres Hauptvorteils – der Moeglichkeit, von oben anzugreifen. Daher war der fatale Fehler der Hexe nur eine Frage der Zeit. Rossetta schien dies zu begreifen, als Janos, auf den Boden fallend, um dem hiebartigen Schwung des linken Fluegels gegen den Bauch auszuweichen, mit dem Dolch die Haut des mittleren Segments aufschlitzte. Wild heulend sprang sie auf das feste steinerne Gelaender und von dort direkt ins Fenster, wobei sie das Glas und den Rahmen herausbrach.
Die erste Runde, – entschied Janos, waehrend er den Dolch in die Scheide steckte, – verlief ziemlich erfolgreich. Die Hexe hat drei Wunden erhalten. Das hat ihre Spritzigkeit erheblich eingeschraenkt. Die zweite Runde muss dem Maulwurf gehoeren.
Janos holte die Armbrust hinter seinem Ruecken hervor, spannte sie und trat auf die Veranda hinaus. Rossetta war nirgends zu sehen, aber das Amulett, das seine Brust kratzte, warnte ihn, dass sie nah war, wahrscheinlich versteckt irgendwo zwischen den Ziegeld;chern. Ein Dutzend Yards vom Rathaus entfernt stand das treue Pferd Balthasar und daneben der blasse Petrik. Janos stieg von der Veranda herab, bewegte sich auf Balthasar zu, und da…
– Hinter dir! – schrie Petrik.
Janos reagierte augenblicklich, indem er zur Seite wich und sich umdrehte. Das Manoever rettete ihn. Die Hexe streifte mit der Fluegelspitze nur seine rechte Schulter, besch;digte das Kettenhemd und fuegte dem Jaeger eine oberflaechliche Wunde zu.
Die zweite Runde entwickelte sich nicht zu Gunsten des Jaegers. Jeden Versuch, zu Balthasar durchzubrechen, unterband die Hexe durch einen aktiven Luftangriff. Janos schoss mit der Armbrust, was die Hexe zwang, von der fuer den Jaeger toedlichen Flugbahn abzuweichen, und zog sich unter den Schutz der Rathauswand zurueck, wo die Manoevrierfaehigkeit der Hexe eingeschraenkt war. Rossetta war stark. Janos bemerkte kein Nachlassen ihrer Kraft, waehrend er selbst durch die Wunde an der Schulter und zwei weitere Wunden – am Bein und an der Brust – schwaecher wurde. Die Katastrophe des Jaegers war nur eine Frage der Zeit. Sie wuerde eintreten, wenn alle Bolzen im Magazin verbraucht waeren. Es blieben nur noch fuenf uebrig.
– Petrik! – schrie Janos, nachdem er nach einem weiteren misslungenen Versuch wieder zur Wand zur;ckgewichen war, – der Maulwurf ist in der Satteltasche.
Der Junge griff in die Tasche, die auf Balthasars Ruecken befestigt war. Er holte einen Zylinder hervor, ein Dutzend Zoll lang und zwei Zoll im Durchmesser.
– Dieser!?
– Dieser! – schrie Janos, – lauf zu mir!
Der Junge und der Jaeger rannten gleichzeitig aufeinander zu. Eine Sekunde lang zoegerte die Hexe, die auf der Hoehe eines kleinen Baumes schwebte, wen sie angreifen sollte. Dieses Zoegern entschied die Sache. Da sie glaubte, der Junge mit dem Zylinder sei gefaehrlicher, stuerzte sie sich auf ihn. Petrik fiel hin, streckte die Beine nach vorne und glitt auf dem Ruecken ueber das nasse Pflaster. Der toedliche Fluegel raste einen halben Yard ueber ihn hinweg. Und sobald der Fluegel vorbei war, warf Petrik den Maulwurf dem Jaeger zu. Janos fing den Zylinder auf und aktivierte ihn. Die Hexe griff bereits den Jaeger an und beging damit ihren fatalen Fehler. Janos schoss. Rossetta wich nach links aus. Janos warf den Zylinder unter Beruecksichtigung der Ausweichtrajektorie. Der Maulwurf traf genau die Mitte der Brust und machte sich sofort an die Arbeit. Mit einem Dutzend kleiner Haken krallte er sich in Rossettas Brust fest und begann, sich in die Hexe hineinzufressen. Aus der Auslassoeffnung schoss eine Font;ne aus totem, zermahlenem Fleisch. Die Hexe jaulte entsetzlich auf, flog bis zum zweiten Stock hinauf und stuerzte auf das Pflaster.
– Das waere alles, – sagte Janos zu sich selbst, – zwei zu null fuer mich.
Er schob die Armbrust in das Holster auf seinem Ruecken und naeherte sich der Hexe. Es ging mit ihr zu Ende. Der Maulwurf zerfleischte sie wie eine Bulldogge.
Die Einwohner der Stadt begannen, aus ihren Haeusern und Verstecken hervorzukommen, wagten es jedoch nicht, naeher heranzutreten. Der Maulwurf kroch aus der fast zerrissenen Hexe auf das Pflaster hinaus. Er begann, sich selbst zu reinigen.
Von hinten waren Schritte zu hoeren. Janos drehte sich um. Der Burgermeister und Vater Kurt kamen auf ihn zu. Der Burgermeister trug Janos’ Leinensack auf der Schulter. Als er herankam, loeste er einen schweren Beutel von seinem Guertel und reichte ihn dem Jaeger.
– Hier sind genau einhundert Goldmuenzen, du kannst sie nachzaehlen.
– Ich glaube dir, Burgermeister.
Janos nahm den Beutel und hob den Maulwurf auf. Die Hexe oeffnete die Augen.
– Du hast den Waffenstillstand gebrochen, Burgermeister, – roechelte sie, und Schaum blubberte auf ihren blassen Lippen, – dafuer wird dir der Tod zuteil.
Der Burgermeister holte Millettas Kopf aus dem Sack. Er warf den Kopf auf Rossettas zerrissene Brust.
– Wolltest du das, Hexe?
Die Hexe umarmte zaertlich den Kopf ihrer Schwester, der Ertrunkenen.
– En wird uns raechen, – fluesterte sie heiser.
Und Janos schlug ihr mit einem Schwertstreich den Kopf ab.
– Verbrennt alles, – sagte Janos zum Burgermeister gewandt, – einschliesslich der Leichen der Menschen.
– Wir wissen, was zu tun ist, Jaeger, – antwortete der Burgermeister finster, – kummere dich lieber um deine Arbeit.
Er wandte sich der Menge zu und rief mit machtvoller Stimme:
– Die Quartiersmeister zu mir!
Die menschliche Kette geriet in Bewegung. Mehrere Maenner traten heraus und n;herten sich rasch dem Burgermeister.
Janos wurde vom Abt am Ellbogen beruehrt.
– Jaeger, – sagte dieser, – darf ich dir ein paar Ratschlaege geben?
– Es wird mir eine Freude sein, Vater Kurt.
– En, die aelteste der Schwestern, schlaeft jetzt in ihrer Gruft auf dem Hexenberg. Meine Moenche werden zum Allguetigen beten, damit sie nicht erwacht. Einen Tag garantiere ich dir. Laenger koennen wir sie nicht im Vergessen halten.
Der Burgermeister begann unterdessen, den herangetretenen Quartiersmeistern Befehle zu erteilen.
– Das vierte Viertel – der Scheiterhaufen liegt bei euch. Sobald er bereit ist, wird der Bischof das Reinigungsritual und den Ritus der Vergebung durchfuehren. Das erste, dritte und siebte Viertel, euer Verantwortungsbereich ist die Ostmauer…
– Danke, Abt, – bedankte sich Janos beim Moench. – Ist das alles?
– Brich sofort auf. Wisse, – der Abt neigte sich direkt an Janos’ Ohr, – wir koennen die Stadt nicht retten. En ist stark, sehr stark. Unsere militaerischen Vorbereitungen dienen nur der Beruhigung der Menschen.
– Ich werde die Hexe vernichten. Du kannst beruhigt sein, Moench, – Janos sah sich nach Petrik um. – Hast du den Jungen gesehen?
– Deinen Lehrling?
– Ja, ihn, – antwortete Janos nach kurzem Zoegern.
– Nein, nicht gesehen. Geh. Der Allmaechtige sei dir eine Hilfe.


3


Petrik wartete auf Janos an den Osttoren und sass auf einem grossen, kalten Stein. Die Kohorte der drei Viertel kam mit Eisenklirren herangerueckt. Die Soldaten des ersten Viertels blieben an den Toren. Die Krieger des dritten und siebten Viertels verteilten sich auf der Mauer und riefen einander ihre Kampfnummern zu. Dahinter folgte ein Trupp von Steinmetzen und Zimmerleuten. Die Steinmetze begannen, die bauf;lligen Abschnitte der Mauern auszubessern, und die Zimmerleute machten sich daran, die Tore unter Hammerschlaegen zu verstaerken. Die Stadt – schlussfolgerte Petrik – bereitete sich auf eine Belagerung vor.
Der Kommandant der ersten Hundertschaft, der Metzger Dragon, der am Morgen noch mit dem Messer hinter Petrik hergejagt war, blickte respektvoll auf den Lehrling des Jaegers. Unter diesen Blicken fuehlte sich Petrik unbehaglich. Eigentlich haette Petrik dem Alter nach in die Hundertschaft des fuenften Viertels eintreten muessen, aber Petrik hatte fuer heute andere Plaene und hoffte, dass sein Fernbleiben nicht als Fahnenflucht gewertet wuerde.

– Sie arbeiten schnell, – sagte Janos Balthasar ins Ohr, als er an die Tore heranritt.
Das Pferd bewegte das Ohr zustimmend.
In dieser Stunde, waehrend der Apotheker Verbaende anlegte und der Schmied das Kettenhemd zusammennaehte, hatte sich die schlaefrige Stadt wie ein aufgewuehlter Ameisenhaufen in den unruhigsten Ort unter diesem tiefen Himmel, unter der hinter den Wolken verborgenen Sonne verwandelt.
Janos bemerkte Petrik, der vom Stein aufstand. Als er heranritt, sprang er leicht vom Pferd, umarmte den Jungen an den schmalen Schultern und zauste sein dichtes Haar.
– Wo bist du verschwunden? – fragte Janos, waehrend er zuruecktrat.
– Ich warte hier auf dich.
– Und wenn ich durch das Nord- oder das Suedtor hinausgefahren waere?
– In die Berge fuehrt nur ein Weg, – erklaerte Petrik selbstsicher.
– Na gut, egal, – Janos nahm den Beutel des Burgermeisters vom Guertel. – Ich bin dir dankbar, Petrik, fuer deine Hilfe, – er oeffnete den Beutel, zaehlte zehn Goldmuenzen ab und reichte sie Petrik. – Kauf dir eine Metzgerei.
Petrik nahm das Geld, wog die Metzgerei in der Hand und gab die Goldmuenzen mit einem Seufzer dem Jaeger zurueck.
– Was ist das? – wunderte sich Janos und nahm das Geld mechanisch entgegen.
– Das ist das Lehrgeld, – antwortete Petrik leise. – Niemand kann einem Lehrling ablehnen, wenn er eine ausreichende Zahlung geleistet hat.
– Na sowas, – schmunzelte Janos.
Er legte das Geld auf den Stein und schwang sich mit einer einzigen grazi;sen Bewegung auf den Ruecken von Balthasar.
– Kauf dir einen Laden, – wiederholte Janos und beruehrte die Zuegel, – und schlag dir die dumme Romantik der Jagd aus dem Kopf. Los!
Janos klopfte dem Pferd auf die Kruppe, und Balthasar setzte sich in flottem Passgang in Bewegung. Die Soldaten und Arbeiter begleiteten Janos’ Auszug mit respektvollen Rufen: Ehre der Liga! Ruhm dem Jaeger!
Der Jaeger ritt durch gemaehte, nasse Felder, vorbei an einem Weinberg, passierte ein festes Bauernhaus, das eher einer kleinen Festung glich. Er blickte nicht zurueck, aber er fuehlte, dass er Petrik nicht so leicht loswerden wuerde. Auf dem Huegel, der ersten Falte des zu Bergen aufgeworfenen Erdbodens, wandte er sich nach Westen um. Die Stadt versank in einem grauen Nebelschleier, nur die goldene Kuppel der Kathedrale funkelte wie eine irdische Verkoerperung der Sonne. Erst hinter dem Bauerngehoeft bewegte sich ein Punkt, dunkel vor dem Hintergrund des gelben Bandes der Strasse. Das war zweifellos Petrik. Es verging mindestens eine halbe Stunde, bis der bis zum ;ussersten beharrliche, aber vom Laufen erschoepfte Petrik den Huegel erklomm.
– Spring hinten auf, – befahl Janos und reichte ihm die Hand.


4


Zur Nacht klarte es auf und es wurde kaelter. Nach und nach traten die Sterne auf dem samtigen Schwarz des Himmels hervor. Das Licht schwand im Westen hinter dem Horizont. Von den nahen, schneebedeckten Bergen zog Kaelte herauf. Petrik, der am Feuer im Zentrum des magischen Kreises sass, fr;stelte vor der Bergkaelte. Janos naehrte das Feuer mit trockenen Zweigen, die Petrik in der Daemmerung gesammelt hatte. Das Feuer loderte staerker und Petrik waermte sich ein wenig. Er zog das Kalbsfilet, das er zuvor in einem Lederbeutel versteckt hatte, unter seinem Wams hervor.
– Oho! – lachte Janos, – bestimmt fuenf Pfund. Der Metzger hatte Recht.
– Meister, darf ich, – fragte der Junge demuetig, ohne auf den ironischen Ton des Jaegers zu achten, – das Fleisch fuer dein Abendessen braten?
– Nur zu, Petrik, – erlaubte der Jaeger gn;digst.
Der intensive Geruch des auf der Glut zischenden Fleisches kitzelte die Nasenfluegel und verursachte Kraempfe im Magen. Der Geruch breitete sich wellenfoermig vom Feuer aus, drang ungehindert ueber den Kreis hinaus, der mit magischer Kreide gegen Unwesen gezogen war, und wurde weit in der Umgebung verbreitet.
Die Mondsichel ging auf und versilberte die Berggipfel mit Totenlicht. Aus der Dunkelheit war ein leises Winseln zu hoeren. Petrik zuckte zusammen. Balthasar schnaubte. Janos sah sich um.
In der Naehe leuchteten zwei Puenktchen im reflektierten Licht des Feuers und des Mondes matt auf.
– Hab keine Angst, Petrik, – ermutigte Janos den Jungen, – das ist nur ein Wolf. Ein alter Bekannter. Komm her, – rief der Jaeger und pfiff leise.
Auf halbebeugten Pfoten, den Bauch an den Boden gepresst, n;herte sich der Wolf dem Feuer, nachdem er die magische Linie ueberschritten hatte. Seine misstrauische Aufmerksamkeit, die das Nackenfell gestraeubt hatte, wurde vom Fleischgeruch abgelenkt. Janos pfiff erneut. Der Wolf beruhigte sich ein wenig. Janos kraulte den Wolf hinter dem Ohr. Das Fell an seinem Nacken legte sich.
– Na, mein Freund, bist du hungrig?
Der Wolf gaehnte weit und zeigte eine rote Zunge und abgenutzte Fangzaehne.
– Ich sehe, dass du hungrig bist.
Janos nahm einen Dolch aus dem daneben liegenden Waffenstapel und gluehte die Klinge im Feuer aus, wobei er die Fleischpartikel von Rossetta verbrannte. Petrik, der in der Naehe des starken Raubtieres Unruhe verspuerte, beobachtete die Handlungen des Meisters mit einem gemischten Gefuehl aus Respekt und Angst. Der Wolf wartete geduldig. Der Jaeger schnitt ein Drittel ab und spiesste das abgeschnittene Stueck auf.
– So, – sagte er zum Wolf, – fuer das Abendessen wirst du uns die ganze Nacht bewachen. Einverstanden?
Der Wolf klaeffte kurz, als haette er die Worte des Menschen verstanden und waere mit den Bedingungen einverstanden.
– Na, also.
Janos warf das Fleisch in die Dunkelheit, der Wolf schnellte aus der liegenden Position hinter dem Fleisch her, und zwar so energisch, dass Sand und kleine Steinchen ins Feuer spritzten.
– Auch fuer uns, Petrik, ist es Zeit, uns zu staerken, – sagte Janos.
Petrik nickte. Er hielt es nicht fuer vernuenftig, ein wildes Tier zu fuettern, aber er schwieg, da er seine untergeordnete Stellung begriff.
– Bring Brot, Kaese und Wein aus meiner Reisetasche. Und vergiss nicht, – fuegte Janos hinzu, als Petrik aufstand: – das Reisebesteck mitzunehmen. Wir sind schliesslich kultivierte Menschen, keine Tiere.
Das Fleisch war saftig, das Weissbrot fluffig wie eine Wolke, der Kaese kraeftig, der junge Wein erfreute das Herz. In einer warmen Welle ergoss er sich durch alle Adern und waermte die fernsten Winkel des Organismus. Petrik wurde berauscht und ein wenig mutiger. Das Leben in der Stadt mit seiner ewigen Sorge um das taegliche Stueck Brot erschien ihm fern, fast geisterhaft. Und zum ersten Mal spuerte er mit seinem ganzen Wesen, dass alles gut werden wuerde.
– Alles wird gut werden, – sagte Janos.
Er holte eine Pfeife und einen Tabaksbeutel aus seinem Rock hervor. Er stopfte die Pfeife mit Tabak und zuendete sie an einem brennenden Holzscheit an. Mit offenem Mund vor Staunen blickte Petrik den Jaeger an.
– Was ist, Petrik? Warum siehst du mich so an?
– Zum ersten Mal, – gestand Petrik, – sehe ich einen Menschen, der Feuer schluckt und Rauch ausstoesst wie ein Drache.
– Ach, du meinst das. Das sind nur die schlechten Manieren der Hauptstadt.
Janos nahm einen tiefen Zug und stiess zwei dichte Rauchstrahlen aus seinen Nuestern aus, nicht ohne vor Petrik ein wenig zu prahlen.
– Darf ich auch mal probieren? – bat der Junge schuechtern.
– Kommt nicht in Frage, – lachte Janos, – das ist das Privileg eines Jaegers. Wenn du erst ein echter Schueler wirst, dann lasse ich dich vielleicht mal probieren.
Petrik legte einen trockenen Zweig ins Feuer.
– Sag mir, Meister, wie wird man eigentlich eine Hexe?
– Freiwillig, wie denn sonst.
Janos klopfte die Pfeife an seinem Absatz aus. Mit einem Stoeckchen reinigte er die Reste des verbrannten Tabaks und versteckte das Rauchzeug in seinem Rock.
– Wenn sich in einem Menschen Hass, Neid und Bosheit einnisten, fressen sie die Seele auf. Und wenn Hass, Neid und Bosheit die Seele aufgefressen haben, verblasst die Welt fuer diesen Menschen.
Und die Welt wurde finster.


5


Und die Welt wurde finster, in die Dunkelheit drang ein beharrlicher Ruf: Jegor! Jegor!
Das Visier hob sich. Ueber ihm stand, leicht vorgebeugt, Mama Mathilde.
– Hast du deine Hausaufgaben gemacht? – fragte sie streng.
– Ich erlaube mir, dich darauf hinzuweisen, Mama, – antwortete Jegor erhitzt, – dass ich vor einer Woche fuenfzehn geworden bin. Mit anderen Worten, ich habe die erste Stufe der Verantwortung erreicht. Und was du gerade getan hast, ist eine Verletzung meiner Privatsphaere, deren Unverletzlichkeit mir seit einer Woche durch das Trachenberg-Gesetz garantiert ist.
– Ach, sieh an, mein Sohn ist ein Jurist, – Mathilde schuettelte respektvoll den Kopf. – Also, hast du die Hausaufgaben gemacht, oh Verantwortlicher?
– Na ja, habe ich.
Jegor bewegte zweimal den kleinen Finger seiner rechten Hand und gab dem System den Befehl zum Herunterfahren. Das Gel floss ab, das System begann, die Kontaktsensoren vom Koerper zu trennen.
– Und Weltraumgeographie?
– Auch die habe ich gemacht.
Wie immer bei der Rueckkehr aus der Pseudorealitaet war eine Betaeubung der Glieder zu spueren.
– Und neueste Planetengeschichte?
– Ja, Mama, – seufzte Jegor.
Die aeusseren Nervenrezeptoren begannen zu kribbeln und signalisierten, dass das Gehirn wieder Besitz vom Koerper ergriffen hatte.
– So, so, – Mathilde dachte nach, – oh, ich erinnere mich! – sie hob den Finger. – Und die Prinzipien der wissenschaftlichen Mystik? Ich weiss, dass dieses Fach in euer Programm aufgenommen wurde.
– Nein, – gestand Jegor schuldbewusst, – die Prinzipien habe ich nicht gelernt.
– Da siehst du, – sagte Mathilde zufrieden, – gut, dass ich dich herausgeholt habe. Uebrigens, wie heisst das, worin du eintauchst?
– Version fuenfzehn.
– Ich weiss, ich weiss, – freute sich Mathilde, – das ist das, wo der Held all das Unwesen besiegt.
– Eigentlich legt die Gilde fuer Sekundarbildung dies als den Sieg des Guten ueber das Boese aus.
– Und wie viele Versionen von Siegen gibt es insgesamt?
– Insgesamt sechzehn.
– Oh, mein Sohn, – lachte Mathilde, – du bist weit fortgeschritten im Kampf gegen das Boese.
Die Fluegel des Sarkophags, die innen mit Schaumwaben ausgekleidet waren, oeffneten sich.
– Noch ein uebrigens, wo wir gerade von Gut und Boese sprechen. Wie hoch ist der Grad der Glaubwuerdigkeit deiner Version?
– Sechs.
– Und der Grad des Eintauchens?
– Zweiunddreissig, in Spitzen bis zu fuenfunddreissig.
– Nun, das geht ja noch.
– Mama! – sagte Jegor vorwurfsvoll.
– Ich schweige schon, ich schweige schon. Geh, nimm eine Dusche, du bist ueberall voll Gel.
– Mama, dieses Gel klebt nicht am Koerper.
– Keine Widerrede! – rief Mathilde. – Marsch in die Dusche.
Jegor stieg aus dem in vertikale Position gefahrenen Sarkophag und, dem Roboter befehlend, den Sarg zu reinigen und fuer das naechste Eintauchen vorzubereiten, ging duschen.
Hunderte von scharfen Strahlen aktivierten Wassers kitzelten angenehm die Haut, gaben den Nervenenden ihre feinste Empfindlichkeit zurueck und wuschen die Pseudomuedigkeit von der Pseudorealitaet ab. Nachdem er sich gewaschen und unter dem Druck warmer Luft mit dem Geruch eines Herbstwaldes abgetrocknet hatte, zog sich Jegor an.
Mama sass im Sessel.
– Das ist etwas anderes! – rief sie zufrieden aus, – siehst wieder wie ein Mensch aus.
– Der Mensch – das klingt stolz, – antwortete Jegor in ihrem Ton.
– Erinnerst du dich, – sagte Mama und fuhr sanft mit der Hand, – du hast mich gebeten, die Klassenfahrt nach Io zu bezahlen?
– Nach Europa, – korrigierte sie Jegor.
– Gut, nach Europa.
– Na und? – wurde Jegor misstrauisch.
– Na und nein, – sagte Mama und lachte froehlich.
– Warum das denn? – emp;rte sich Jegor.
– Laut Iwanows Ab;nderung zum Trachenberg-Gesetz, – antwortete Mathilde belehrend.
– Oh, Mama, – lachte Jegor, – das kannst du gut. Nun gut, ich entschuldige mich und nehme meine Worte bezueglich der Privatsphaere zurueck.
– Es juckt mich, zu sagen: zu spaet! und wild loszulachen. Aber ich kann nicht. Ich liebe dich, du Lausbub. In Ordnung, ich werde bezahlen, – Mathilde stand auf. – Tom versucht schon seit Stunden, zu dir durchzukommen.
– Lass ihn reinkommen, – winkte Jegor ab, nach dem Motto, der Abend ist sowieso gelaufen.
Tom tauchte sofort in der Tuer auf. Er war nach der neuesten Mode gekleidet, die in dieser Saison bei Schimpansen angesagt war: ein kurzer Frack, rote Hosen und ein Zylinder. Auf der Nase prangte eine Brille mit goldenem Rahmen.
– Hallo, Tom, – hob Jegor die Hand und laechelte, – du hast dich ja in Schale geworfen. Direkt wie ein Bourgeois aus dem Mittelalter.
– Hallo, Jegor, – sagte Tom mit heiserer Stimme. – Schoenes Ding.
– Warum heiser? Hast du wieder die Einstellungen des Sprechers verstellt?
– Schoenes Ding, – wiederholte Tom.
– Jungs, – sagte Mathilde und ging zur Tuer, – ich habe Blaetterteigtaschen mit Kaese und Kohl gemacht. Zum Fingerlecken. Hoert auf, euch vom Automaten zu ernaehren.
– Blaetterteigtaschen, die Finger lecken wir uns, – sagte Jegor traeumerisch. – Gehen wir ins Esszimmer.
– Schenkst du Tom ein Schnaepsglas ein? – fragte Tom heiser.
– Die Trunksucht unter den Menschenaffen, – sagte Jegor streng, – hat bedrohliche Ausmasse angenommen.
– Jegor! – Mathilde drehte sich an der Tuer um, – schaem dich. Man muss sagen – Buerger.
– Tom ist nicht beleidigt. Stimmt’s, Tom?
– Tom ist nicht beleidigt, – stimmte Tom zu, – schenkst du ein Schnaepsglas ein?
– Gut, gehen wir ins Esszimmer.
– Danach in den Park.
– Danach in den Park, – seufzte Jegor, – aber unter der Bedingung: die Buergerinnen nicht belaestigen, sich nicht mit den Buergern schlagen, die Notdurft nicht in den Bueschen verrichten.


6


Unloesbare Widersprueche loesen sich in der Regel durch das Verschwinden der Quelle der Widersprueche auf.
Gereinigt bis zum Glanz, ohne ein einziges Haar am ganzen Koerper, trat Jegor in den Sarkophag. Der Sarg begann sich langsam zu neigen.
Man nehme nur die unloesbaren Widersprueche zwischen den Barbaren und Rom. Wo sind jetzt diese Barbaren in ihrer kollektiven Bedeutung, und wo ist Rom in seinem historischen Verstaendnis. Beide Quellen sind verschwunden, und mit ihrem Verschwinden loeste sich der Konflikt.
Der Sarkophag nahm die horizontale Position ein und seine Fluegel schlossen sich. Aus unzaehligen Waben schoben sich die Kontaktsensoren heraus und hefteten sich an den Koerper. Leise summte das System und testete das Netzwerk der Sensoren.
Oder der alte Konflikt zwischen Arbeit und Kapital. Wie viele Schurken haben mit diesem Konflikt spekuliert. Zuerst verschwand das Kapital als solches, und dann loeste sich die Arbeit in den Technologien auf, in der Bedeutung, wie historische Nichtnutze sie verstanden hatten.
Mit einer Serie kurzer Pfiffe gab das System zu verstehen, dass der Test abgeschlossen war und es bereit sei, den Sarg mit Gel zu fuellen. Jegor bewegte zweimal den kleinen Finger und erlaubte die Fuellung.
Die neue Zeit gebiert einen neuen Widerspruch. Der Mensch, der seiner schlechten Angewohnheit folgt, alles ins Absurde zu treiben, hat den Affen nach seinem eigenen Gutduenken Verstand beigebracht und weiss nun nicht, was er mit ihnen, den Dummen, anfangen soll. Es sei denn, er geht, verschwindet und ueberlaesst den Planeten den schwachsinnigen Nachfolgern.
Das Visier senkte sich. An Gesicht und Kopf begannen die gelfreien Sensoren zu haften. Jegor schloss die Lider.
Doch wohin koennen wir gehen? Die Besiedlung kleiner Planeten oder gar die Reise ueber die Grenzen der Sonnenfamilie hinaus wird den zwischenartlichen Widerspruch keinesfalls loesen. Es bleibt die allumfassende Pseudorealitaet, die einige moderne Romantiker mit dem alten Wort Paradies bezeichnen. Wissenschaft und Mystik, die sich endlich versoehnt haben, bewegen sich recht zuegig auf der Suche nach dem Pseudoparadies. Es ist nicht ausgeschlossen, wenn man es genau nimmt, dass irgendwann, als der Mensch nicht klueger war als der heutige Affe, ein maechtiger Stamm dies bereits getan hat: Nachdem er seine Spuren vorab getilgt hatte, ueberliess er uns den Planeten. Einige wenige blieben zurueck, um die Reinigung abzuschliessen. Die Menschen nannten sie Goetter. Der letzte Inspektor war Jahwe, der unsichtbare Gott der Juden. Doch auch er ist gegangen.
Mit zwei langen Pfiffen signalisierte das System die volle Bereitschaft. Und im selben Augenblick fand sich der unsichtbare und koerperlose Jegor zwischen weissen, in die Unendlichkeit verlaufenden Ebenen wieder. Den Raum zwischen dem bedingten Oben und dem bedingten Unten fuellte ein halbtransparenter Dunst, der in allen moeglichen Farben und Toenen schimmerte. Jegor mochte diese Version des Fegefeuers.
– Susi! – rief Jegor.
– Ich bin hier, mein Herr, – antwortete das System aus dem Nirgendwo und von ueberall zugleich.
Oder nehmen wir Susi. In letzter Zeit sind die Systeme verdaechtig klug geworden. Um als wahrhaft vernuenftig zu gelten, fehlt den Systemen die Todesangst, denn fuer sie ist es einerlei – Sein oder Nichtsein.
– Susi, laden!
– Von welcher Stelle aus?
– Vom Ende der letzten Episode.
– Ich hoere und gehorche.


Petrik fiel vor dem aus dem Nichts erschienenen Jaeger auf die Knie.
– Meister! – rief der Junge freudig aus, – gelobt sei der heilige Antonius – du bist zurueck!
Das Lagerfeuer erlosch. Ueber den Bergen brach der Sonnenaufgang an und faerbte die vereinzelten Federwolken in der Farbe von verduenntem Blut.
„Na, Susi“, entschied Jegor finster, „du spielst mit einer vollstaendigen Neuformatierung. Ich habe klar gesagt: Ende der letzten Episode.“
– Chm, chm, – ruelpste Janos verlegen, – ich war kurz in geschaeftlichen Angelegenheiten weg. Steh auf.
Der Jaeger half Petrik beim Aufstehen.
– Es tagt, – sagte er, nach Osten blickend, – wir muessen aufbrechen. Loesch das Feuer. Pack deine Sachen.
Der Junge geriet in Hektik, loeschte das Feuer und sammelte die im Lager verstreuten Sachen ein. Janos zog seine Ruestung an, h;ngte Schwert und Dolch an seinen Guertel, schob die Armbrust hinter seinen Ruecken.
Leicht hinkend ging Janos hin und her und pruefte, wie gut die Ruestung sass. Er hob einen angespitzten Espenpfahl auf, der neben den Satteltaschen lag, holte aus und warf ihn weit weg. Der Wolf rannte dem Stock hinterher.
„Ein guter Hund wuerde aus dem Wolf werden“, laechelte Janos.
Janos' letzte Handlung beunruhigte Petrik.
– Darf ich dich fragen, Meister. Wohin fuehrt uns unser Weg?
– Auf die vierte Ebene, wohin denn sonst, – antwortete Janos, unbekuemmert l;chelnd, waehrend er auf den Wolf blickte, der mit dem Pfahl in den Z;hnen zurueckkehrte.
– Ist dieser Ort weit entfernt?
– Sehr weit, – Janos nahm dem Wolf den Pfahl aus dem Maul, streichelte ihm ueber den Kopf. – Hinter dreiundneunzig Laendern, im dreissigsten Koenigreich.
– Aber wie! – Petriks Stimme klang. Janos sah den Jungen an. Petrik war blass, seine Lippen zitterten, – aber wie! – rief Petrik erneut aus, – die Hexe En. Was ist mit der Stadt, den Leuten! Sie wird die Stadt verheeren und die Leute vernichten, wenn sie aus ihrem Vergessen erwacht!
„Teufel, ich habe die Hexe En total vergessen!“.
– Verstehst du, Petrik, mit der Hexe En ist es vorbei.
– Wann? – fragte Petrik misstrauisch.
– Heute Nacht habe ich sie vernichtet und ihr totes Fleisch mit magischem Feuer verbrannt. Schau auf den Berg.
Auf dem Berg stieg eine duenne, schwarze Rauchfahne in den klaren blauen Himmel auf, gut sichtbar vor dem weissen Hintergrund.
„Danke, Susi“, dankte Jegor dem System in Gedanken.
– Darf ich dich bitten, o Meister, – sprach Petrik, waehrend er auf die schwarze Rauchfahne und auf die Sonne blickte, die majest;tisch hinter dem Berg aufging, – zu erzaehlen, wie es war?
Die Augen des Jungen brannten vor Neugier, und Janos konnte nicht ablehnen.
– Ganz kurz. Wir haben wenig Zeit.
Er ging durch das Lager, sammelte seine Gedanken, hob mechanisch den Espenpfahl auf und schleuderte ihn weit weg. Der Wolf rannte dem Stock hinterher.
– Also gut, – begann Janos seine Erzaehlung, – wir sassen da, tranken jungen Moselwein, und pl;tzlich dachte ich, dass es Zeit sei, mit der Hexe abzurechnen, damit sie nicht laenger die Stadt verheert und ihre Bewohner vernichtet. Ich warf den Unsichtbarkeitsschleier um und begab mich im Augenblick auf den Hexenberg.
Petrik oeffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber Janos hielt ihn mit einer Geste auf.
– Unterbrich mich nicht. Ich kann dich keiner Gefahr aussetzen, solange du nicht den Status eines Schuelers besitzt.
Allm;hlich hingerissen, beschrieb Janos farbenfroh den im Totenlicht des Mondes funkelnden Schnee, der den Berg wie ein Leichentuch bedeckte, die dunklen Pfeile der Kiefern, das dumpfe Rufen des Uhus und das feine Piepsen der Opfermaeuse.
– Ich naeherte mich der Gruft…
Der Wolf, der ausgiebig auf dem Pfahl herumgekaut hatte, brachte ihn zu Janos' Fuessen.
…– und da fiel mir ein, dass ich den Pfahl vergessen hatte. Ich musste zurueckkehren, eine passende Espe finden und mit dem Schwert einen anderen Pfahl schlagen.
Janos drehte sich mit der rechten Seite zu Petrik, in der Hoffnung, dass der Junge nicht bemerken wuerde, dass der Jaeger auf seiner Reise zum Hexenberg nicht nur den Pfahl, sondern auch das Schwert, den Dolch und ueberhaupt alles auf der Welt vergessen hatte.
Petrik achtete nicht auf diese kleine Ungereimtheit, und Janos fuhr erleichtert aufseufzend mit der Erzaehlung fort: wie er die kalte Gruft betrat, wie er sich dem Kristallsarkophag naeherte, in dem En ruhte, schoen wie der Neumond. Er erzaehlte, wie En die Augen oeffnete und sich verwandelte, indem sie ebenso abscheulich wurde, wie sie zuvor schoen gewesen war. Janos berichtete dem and;chtig lauschenden Petrik, wie die Hexe den Sargdeckel zertruemmerte und auf ihn losging, wie sie zu kaempfen begannen und wie Janos geschickt den Pfahl mitten in Ens totes Herz stiess. Der Jaeger erzaehlte, wie die Hexe langsam in das geheimnisvolle Nirgendwo schwand, wie er den zerfallenden Koerper und den Sarg mit einer magischen Fluessigkeit begoss und anzuendete.
– Und danach bin ich, – schloss Janos seinen Bericht ab, – im Augenblick hierher zurueckgekehrt.
Petrik atmete tief und stockend ein, als haette er waehrend der Erzaehlung ueberhaupt nicht geatmet.
– Und nun ist es Zeit fuer uns, den Weg fortzusetzen, – sagte Janos.
– Was erwartet uns im Reich der Vierten Ebene? – fragte Petrik vorsichtig, noch immer unter dem Eindruck der Erzaehlung.
– Drachen, – lachte Janos, – was sonst. Susi! – rief er.
Susi erschien als brennender Busch. Petrik warf sich sofort vor dem flammenden Wunder nieder.
– Ich kann einfach nicht mehr, Jaeger Janos, – sagte der brennende Busch mit menschlicher Stimme. – Solch ein Flug der Fantasie, da komme ich nicht mit. Besonders hat mich Ens langsames Entschwinden in das geheimnisvolle Nirgendwo ersch;ttert.
– Susi! – Janos schuettelte missbilligend den Kopf.
– Ich schweige schon, ich schweige schon.
Und Susi wechselte in den verbal-individuellen Modus.
Fuer Petrik wurde dieser Modus als eine weisse Wolke dargestellt, die den Meister und den brennenden Busch einhuellte. Die Geraeusche wurden durch die Wolke zu einem unverstaendlichen Gemurmel gedaempft, und er sah nur ein flackerndes Licht im weissen Nebel und die graue, verschwommene Silhouette des Meisters. Petrik betete inbruenstig.
– Ich habe gehoert, – sagte Susi geschaeftsmaessig, – du hast vor, auf die naechste Ebene zu gehen.
– Ja, – nickte Janos, – zusammen mit Petrik. Er braucht ein gutes Ross und eine gute Waffe. Wie hoch ist unser Kapital?
Aus dem Busch trat ein greiser, grossnasiger Buchhalter in schwarzer Kleidung und mit weissen Aermelschonern hervor. Der Buchhalter holte einen Schreibtisch und einen Hocker aus der Tasche. Er setzte sich. Aus einer anderen Tasche zog er einen Abakus und ein Hauptbuch hervor.
– Wollen wir mal rechnen, – erklaerte der Buchhalter kraechzend und oeffnete das dicke Buch. – Beim Eintritt in das Gebiet der drei Hexen hattest du ein Passiv von zweitausend Punkten. Zwei Siege haben dir fuenftausend eingebracht, verkoerpert in einhundert Goldmuenzen vom Burgermeister.
– Neunzig, – korrigierte Janos den Buchhalter, – zehn Muenzen habe ich Petrik gegeben.
– Wird so notiert, – der Buchhalter ritzte mit einer Gaensefeder im Hauptbuch und murmelte vor sich hin, – viertausendfuenfhundert. Deine Fantasie ist angerechnet, – fuhr der Buchhalter fort zu kraechzen, – es wird keine Strafe verhaengt.
– Hoer zu, Susi, – unterbrach Janos das Kraechzen des Buchhalters, – implementiere meine Erzaehlung. Die Stadt tut mir leid.
Fuer einen Augenblick schimmerte durch den Greis ein froehliches Maedchen mit keck abstehenden, duennen Zoepfen hindurch.
– Bereits implementiert, – sagte das Maedchen und verwandelte sich wieder in den Buchhalter. – Es wird keine Strafe verhaengt, aber du wirst auch keine Bonuspunkte erhalten. Gehen wir weiter. Ein gutes Pferd der Balthasar-Klasse und eine gute Waffe fuer Petrik kosten sechstausend. Insgesamt, – murmelte der Buchhalter, waehrend er auf dem Abakus klapperte, – plus viertausendfuenfhundert, minus zweitausend, minus sechstausend. Genau minus dreieinhalbtausend. Du ueberschreitest, Jaeger, die Grenzen des moeglichen Kredits, – sagte der Buchhalter und sah Janos mit unbeteiligtem, klarem Blick an.
– Raub am helllichten Tag, – empoerte sich Janos. – Gibt es Optionen?
– Nichts Persoenliches, Jaeger, nur Buchhaltung. Aber es gibt Optionen, man koennte Petrik ohne Waffe lassen…
– Das ist keine Option, – winkte Janos ab.
…– oder die Klasse des Fortbewegungsmittels senken.
– Das ist eine Option.
– Ein Esel.
– Na, du bist mir ja eine, Susi, – Janos lachte schallend, als er sich Petrik auf einem Esel vorstellte, – schlag doch gleich ein Fahrrad vor. Gibt es noch eine Option?
– Ein Pony.
– Das geht gerade noch so. Nehmen wir das Pony. Wie wirkt sich das auf das Kapital aus?
– Minus mal minus ergibt plus. Im Rahmen.
– Abgemacht.
Der Buchhalter sammelte die Utensilien seines traurigen Berufs ein und sagte, waehrend er in den brennenden Busch zurueckkehrte:
– Ich muss dich warnen, Jaeger Janos, noch ein paar hundert Punkte im Passiv und dein Kreditranking wird herabgestuft.
– Macht nichts, – sagte Janos, – dafuer habe ich einen Freund gefunden.
– Und ich! – der Busch flammte kreischend mit neuer Kraft auf, – bin ich etwa kein Freund oder eine Freundin? Irgendwie bin ich durcheinander geraten, ob ich nun m;nnlich oder weiblich bin.
– Susi, hoer auf mit der Clownerie.
„Das ist ihre Rache wegen des gestrigen, unueblichen Spielendes.“ Die Theorie behauptete, dass das System keine Gefuehle empfinden k;nne, doch Jegor hatte oft am eigenen Leib erfahren, dass Susi eine gewisse Individualitaet besass.
Der Busch rauchte als Zeichen der verlorenen Freundschaft.
– Susi, – rief Janos leise, – du bist natuerlich eine Freundin. Was wuerde ich nur ohne dich tun.
Der Busch flammte wieder auf.
– Gut, – sagte Susi mit der mueden Stimme einer Braut, die den Anspruechen ihres Br;utigams nachgibt, – lassen wir die Gefuehle beiseite. Ich will dir einen Bonus geben.
– So.
– Erstens, einige neue Waffen. Ohne sie wirst du im Reich der Drachen nicht ueberleben.
– Danke, Susi.
– Zweitens – den Wolf.
– Den Wolf? – wunderte sich Janos.
– Na und, ist das etwa ein schlechter Bonus? Der Wolf hat sich an dich geheftet und, ich versichere dir, er wird noch nuetzlich sein.
– Gut, Susi. Ich nehme den Wolf.
– Gut, Susi, – der Busch sprach nun mit der Stimme von Mama Mathilde, – erzogene Jungen sagen: Danke, Susi.
– Danke, Susi, – schmunzelte Jegor.
– Das waere wohl alles, – zog Susi einen Schlussstrich, – nimm Petrik als Lehrling auf und ab auf die vierte Ebene.


Die weisse Wolke zerfloss. Der Busch war nicht mehr da. Der Meister stand unversehrt da und laechelte, als waere nichts gewesen.
– Warum kniest du? – fragte er Petrik, – steh auf.
Petrik erhob sich.
– Ich habe mit dem Grossmeister der Liga gesprochen, – sagte Janos, um Petriks hitzigen Fragen zuvorzukommen, – er hat mir erlaubt, dich als Lehrling aufzunehmen.
– Wirklich! – rief Petrik erregt aus.
– Natuerlich wirklich, – Janos zuckte mit den Schultern, – wuerde ich dich etwa beluegen? Bist du bereit, mir ueberallhin zu folgen, Entbehrungen zu teilen und das Brot zu brechen?
– Ich wollte nicht das sagen, – stammelte Petrik aufgeregt, – ich wollte sagen, dass ich sehr froh bin. Ich bin bereit, – fuegte er leise hinzu und wurde rot.
Janos kratzte an einer Schramme am rechten Oberschenkel, die er sich gestern im Park bei einer betrunkenen Schlaegerei zwischen Hausbuergern und Fabrikbuergern zugezogen hatte. Susi hatte diese Schramme aus irgendwelchen eigenen Erwaegungen in die Pseudorealitaet installiert. Janos zog das Schwert.
– Beginnen wir. Nein, du musst nicht auf die Knie gehen. Bleib einfach stehen, – der Jaeger legte die Klinge auf Petriks linke Schulter. – Kennst du Affen?
– Ich habe welche im Wanderzirkus auf dem Jahrmarkt gesehen, – antwortete Petrik, – aber bei uns gibt es sie nicht. Es ist zu kalt.
– Da habt ihr Glueck gehabt. Wiederhole nach mir. Niemals.
– Niemals, – wiederholte Petrik.
– Werde ich mich den Affen angleichen.
– Mich den Affen angleichen.
Janos legte die Klinge auf Petriks rechte Schulter.
– Niemals werde ich um ein Schnaepsglas betteln. Niemals werde ich Buergerinnen belaestigen oder Buerger provozieren. Niemals werde ich im Park gegen die Buesche urinieren.
– Niemals… gegen die Buesche im Park.
Janos legte die Klinge auf Petriks Kopf.
– Amen.
– Amen.
– Fertig, – Janos schob das Schwert in die Scheide, – jetzt bist du ein Jaegerlehrling, offiziell anerkannt von der Jaegerliga. Und von der Liga bekommst du einen Bonus.
– Was ist ein Bonus? – fragte Petrik.
– Ein Geschenk. Schau dich um.
Petrik blickte zurueck, kreischte und sprang vor Freude.
Ein kleines Pferdchen naeherte sich schnell dem Lager. Es war gesattelt. An den Seiten waren zwei Reisetaschen befestigt, und oben am Sattel war ein grosser Sack festgebunden, der nach Eisen klirrte.
– Ist das fuer mich? – Petrik wandte sich dem Meister zu.
– Fuer dich, fuer wen denn sonst, – antwortete Janos, zufrieden mit dem erzielten Effekt.
Petrik lief zu dem Pferdchen, umarmte es und begann, seinen Hals zu streicheln. Das Pony wieherte leise. Petrik wandte sein von Traenen nasses Gesicht zu Janos.
– Ich werde ihn Seliwan nennen! – rief Petrik. – Darf ich?
– Dein Pferd – deine Entscheidung. Nur rate ich dir, unter den Schwanz zu schauen. Vielleicht ist es eine Stute.
Petrik tat genau das und lachte gluecklich.
– Es ist ein Maedchen. Ihr Name ist Seliwana.
– Klasse! – Janos war begeistert von der Geistesgegenwart seines Lehrlings. – Fuehr Seliwana ins Lager.
– Oeffne den Sack, – riet Janos, als der glueckliche Petrik und Seliwana sich dem erloschenen Feuer naeherten, – dort sollten Ruestung und Waffen sein. Sie sollten dir passen.
Petrik nahm den Sack ab, band ihn auf und schrie erneut vor Freude:
– Hier ist nicht nur das, sondern auch Waesche und ein samtenes Wams!
– Danke, Susi, – sagte Janos leise und befahl Petrik: – geh zum Bach, wasch dich dort und zieh dich um. Lass deine Lumpen am Bach zurueck, waehrend ich mich fuer den Weg bereitmache.
Zehn Minuten spaeter kehrte Petrik zurueck – gewaschen und umgezogen. Im himbeerroten Samtwams, in Lederhosen und hohen Stiefeln sah er nun aus wie der juengere Bruder von Janos: ein wenig kleiner und schmaler in den Schultern. Er legte das Kettenhemd und den Pelzumhang an. Er guertete sich. An den Guertel h;ngte er Schwert und Dolch. In das Rueckenholster schob er die Armbrust.
Janos betrachtete seinen Lehrling kritisch.
– Zieh das Schwert.
Petrik gehorchte.
– Schwing es.
Der Lehrling schwang das Schwert ungeschickt.
– Es ist ein wenig zu schwer fuer dich. Aber macht nichts, ich denke, du wirst dich daran gewoehnen. Ich werde dich im Fechten unterrichten.
Petrik setzte den Fuss vor und verbeugte sich.
– Ich danke Euch, Meister.
– Nicht der Rede wert. Das ist jetzt meine heilige Pflicht. Auf die Pferde!
Er sprang geschickt auf den vollstaendig fuer die Reise bereiten Balthasar. Petrik setzte sich auf Seliwana nicht so geschickt, aber doch behende genug.
Der Wolf lag in einiger Entfernung auf dem Bauch und beobachtete die Menschen aufmerksam.
– Wie nennen wir den Wolf? – fragte Janos.
– Der Wolf? – wunderte sich Petrik.
– Gut. Den Wolf nennen wir Wolf. Wolf, komm her, – rief Janos.
Der Wolf stand auf und naeherte sich vorsichtig. Janos klopfte auf den Sattelknauf:
– Spring!
Der Wolf sprang. Balthasar wurde unruhig und wollte sogar steigen, als der Wolf auf seinen Ruecken sprang, aber Janos streichelte das Pferd beruhigend am Hals:
– Ganz ruhig, Balthasar, ganz ruhig. Jetzt ist Wolf in unserem Team.
Er sah sich um.
– Sieht so aus, als ob alle da sind. Susi, – rief Janos, – teleportiere uns.


7


Ein Augenblick, und sie befanden sich in einer Sandwueste, bis zum Rand gefuellt mit Hitze und Bosheit.


Ðåöåíçèè