Erster Tag 1

Erster Tag. Montag.


1


Morgens pflegte dem Klempner Iwanow der Erzengel Gabriel zu erscheinen.
Iwanow sitzt da und fruehstueckt. Der Kopf droehnt von dem, was er gestern getrunken hat, im ganzen Organismus herrscht eine gewisse Schwaeche, und ploetzlich tritt ein riesiger Kerl in dunklen Kleidern in die Kueche ein. Er tritt nicht einfach nur ein, er setzt sich auf den Hocker und lehnt seine kurze Mistgabel so vorsichtig an die Wand. Iwanow erstarrte, die Gabel noch vor dem offenen Mund haltend.
– Das Ei wird runterlaufen, – bemerkte der ungebetene Gast teilnahmsvoll und deutete mit den Augen auf die Gabel.
Mechanisch schob Iwanow das Ei in seinen Mund, kaute, ohne den Geschmack zu spueren, und schluckte es hinunter. Nach diesen einfachen Handlungen kehrte Iwanows Sprache zurueck.
– Wer bist du? – fragte er heiser und hustete.
– Soll ich dir auf den Ruecken klopfen? – fragte der Mann und erhob sich halb vom Hocker.
– Nein, nicht noetig, – stoppte ihn Iwanow mit einer Geste.
– Wenn nicht noetig, dann eben nicht, – zuckte der Mann mit den Schultern. – Mein Name ist Dschabrail, aber in der Welt bin ich eher als Erzengel Gabriel bekannt.
Mit dem Handruecken wischte sich Iwanow die Traenen ab, die vom Husten gekommen waren, und atmete tief durch.
– Gehoerst du zu den Kriminellen oder was? – fragte er.
– Du bist unwissend, Grischa, – seufzte der Erzengel und schuettelte traurig und vorwurfsvoll den Kopf. – Gott bin ich.
– Wahnsinn, – staunte Iwanow aufrichtig, – woher kennst du meinen Namen!
– Was ist schon ein Name, – sprach Gabriel singend, – Gott ist viel Wissen gegeben. Zum Beispiel hast du Achmadulin die Paradeuniform geklaut…
– Also, gut, Schwamm drueber. Ich glaube dir, – unterbrach Iwanow ihn hastig.
Ueber den Teller gebeugt, begann er, das Spiegelei und die Bratkartoffeln zu verschlingen.
– Woran glaubst du, Grigori Iwanowitsch? – erkundigte sich Gabriel vorsichtig.
Iwanow, der sein Mahl beendet hatte, wischte sich mit der Hand den Mund ab und antwortete, waehrend er die Augen zum Erzengel erhob.
– Nun, ich glaube, dass du ueber deine Kanaele meinen Namen erfahren hast.
– Und glaubst du daran, dass ich Gott bin?
– Das muss man beweisen, – grinste der Klempner Iwanow, – hier laufen allerhand Zauberer und andere Scharlatane herum, und danach verschwinden bei ehrlichen Leuten die Uniformen.
Beim Wort „Paradeuniform“ brach ihm die Stimme weg.
– Ich hatte gehofft, ohne demuetigende Demonstrationen auszukommen, – sagte Gabriel und laechelte Iwanow strahlend an, – aber es soll nach deinem Willen geschehen, Iwanow Grigori Iwanowitsch. Was waere fuer dich ein erschoepfender Beweis?
Iwanow dachte tief nach. Vor lauter geistiger Anstrengung hoerte sein Kopf auf zu schmerzen, und der erste vernuenftige Gedanke kam ihm: den Ball zum „Erzengel“ zurueckzuspielen.
– Und was kannst du so an Goettlichem?
– Ich kann fuer die verstorbenen Gerechten erscheinen, – grinste Gabriel.
Iwanow schrak zusammen. Fuer einen Moment kam es ihm so vor, als sei er gestorben und am Tisch saesse nicht er, sondern seine vom Kater geplagte Seele. Unbemerkt pfiff sich Iwanow in das Bein und war getroestet, als er den Schmerz spuerte.
– Ich kann Voelker mit der Pest schlagen, – fuhr Gabriel fort und bog den zweiten Finger aus der Faust, – ich kann Vulkane ausbrechen lassen und himmlisches Feuer schleudern…
– Genug, genug, – hielt ihn Iwanow auf, – ein Vulkan hat mir hier gerade noch gefehlt. Schleuder das himmlische Feuer, aber vorsichtig, ganz vorsichtig, – Iwanow drohte Gott mit dem Finger.
– Wohin? – erkundigte sich Gabriel.
Iwanow musterte die Kueche. Neun Quadratmeter mit einem Fenster, das mit dunklem Glas in den Hof blickte. Ein Gasherd, die Wasserverteilung aus polnischer Sanitaertechnik, die er letztes Jahr bei der Renovierung eines Genossenschaftlers abgezweigt hatte. Die Moebel standen nach Armee-Gewohnheit in perfekter Ordnung. Iwanow tat es leid, sie der feurigen Zerstoerung auszusetzen. Er glaubte zwar nicht daran, aber was, wenn doch.
Sein Blick fiel auf das Fensterbrett, auf einen Kaktus im gruenen Topf.
– Hier! – Iwanow deutete auf die Pflanze, – nimm ihn.
Gabriel nahm die Gabel in die Hand, drehte sie kurz und stellte sie wieder zurueck, waehrend er sagte:
– Ich fuerchte, dein erbaermliches Heim wird echtes himmlisches Feuer nicht ueberstehen. Ich werde ein kleines Feuer schleudern, mit dem ich meine nachlaessigen Diener antreibe.
Er schnippte mit den Fingern, und in seinen Fingern entstand ein zickzackfoermiger Blitz. Auf einer seltsamen Flugbahn raste er durch die Kueche und traf den stacheligen Kaktus, dessen einzige Schuld darin bestand, Iwanow ins Auge gefallen zu sein. Die Pflanze entzuendete sich in einer hellen, rauchlosen Flamme.
Ein paar Minuten lang brannte sie vor Iwanows staunenden Augen, dann loeschte Gabriel das Feuer mit einer komplizierten Geste.
– Wahnsinn! – murmelte Iwanow leise, noch immer unter dem Zauber der Blitzdemonstration. – Hoer mal, Gabriel, kannst du auch so unseren Polier Goldmann erledigen? Glaub mir oder nicht – er nervt total, das Brillenvieh. Mal darf man am Arbeitsplatz nicht trinken, aber wie soll man nicht trinken, wenn die Kunden einschenken, mal soll man sich umstellen. Ich sage ihm: Stell dich doch selber um.
– Ich kann, Grigori Iwanowitsch, jeden zu Asche machen. Fuer mich ist das wie… – Gabriel stockte, waehrend er nach dem richtigen Wort suchte.
– Wie zwei Finger auf den Asphalt, – half ihm Iwanow aus.
– Wahrscheinlich so, – bestaetigte der Erzengel unsicher. – Ich kann, Grischa, aber ich will nicht.
Iwanow wurde ploetzlich bis zu den Traenen beleidigt. Da kommt so ein Kerl in einem Clownskostuem zu ihm, erzaehlt Maerchen von Goettern, verbrennt einen Kaktus, will sich anfreunden und weigert sich bei all den Unannehmlichkeiten, eine Kleinigkeit zu erledigen. Grigori stand auf, um seine schlechte Laune zu verbergen, und ging zum Fenster.
– Du willst nicht, – sagte Iwanow und presste seine heisse Stirn gegen das kalte, feuchte Glas, – dann geh doch zum…
Und Iwanow fuegte ein derbes russisches Wort hinzu, das Gabriel missverstand.
– Dein Vorschlag ist nicht ohne einen gewissen Reiz, aber ich bin heute nicht zu dieser Art von Vergnuegen aufgelegt.
Zuerst verstand Grigori nicht, wovon Gabriel sprach, doch als es ihm daemmerte, schaemte er sich, da er sich an die starken Muskeln des Gastes und seine scharfe Gabel erinnerte.
– Also, Gabriel, – sagte Iwanow entschuldigend, – verzeih mir, das war nur so dahergesagt. Nur so eine Redensart.
– Gott wird vergeben.
Iwanow loeste die Stirn vom Glas und blickte ueber die Schulter zurueck. In der Kueche war niemand. Weder Gabriel noch seine Gabel.
„Er ist wohl beleidigt“, – bei diesem Gedanken kehrte der Kopfschmerz mit doppelter Kraft zurueck.
– Gabriel, Gabriel, – rief Iwanow nach Gott, wie Marja Petrowna aus dem Nachbareingang nach ihrem Pudel Schula ruft, der einen Haufen in den Sandkasten setzt.
Stille. Grigori ging ins Zimmer – auch dort niemand. Er pruefte den Balkon und die Abstellkammer, schaute ins Bad und in die Toilette. Aus irgendeinem Grund hob er den Deckel der polnischen Toilette an. Niemand. Als er in die Kueche zurueckkehrte, blickte er auf die runde Wanduhr.
– Mist! – rief er veraergert aus, – Ljoscha wartet schon eine Viertelstunde beim Kunden.
Von diesem Moment an nahmen Grigoris Gedanken eine andere Richtung, und das Bild des Erzengels Dschabrail verblasste in seinem Bewusstsein. Die Umstaende zwangen Iwanow, auf den Tee zu verzichten und das Geschirrspuelen auf den Abend zu verschieben. Keine drei Minuten spaeter war er auf dem Weg zur Wassiljewski-Insel.


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