Erster Tag. 2
Die Kundin, Swetlana Sergejewna Senzowa, eine junge Professorenwitwe, wartete geduldig auf die zwei sanitaertechnischen Zauberer. Die Stille der grossen Wohnung wurde nur durch das monotone Murmeln der defekten Toilette unterbrochen. Der kaputte Wasserhahn in der Kueche zaehlte laut die letzten Sekunden im Leben der groben sowjetischen Geraete. Und im Wohnzimmer, auf dem Teppich, breitete sich ein tschechisches Sanitaerwunder aus, ausgefuehrt in zarten Rosa- und Blautoenen. Die rosa Toilette wetteiferte in ihrer Vollkommenheit durchaus mit Skizzen von Chagall, und die blaue Badewanne – wie Swetlana Sergejewna sich besch;mt eingestand – uebertraf sogar die Werke des Meisters.
Im Arbeitszimmer des verstorbenen Ehemanns lagen auf einer alten Decke, in straffe Ringe gewickelt, schlangenartige Schl;uche; in einem unordentlichen Haufen lag die Arbeitskleidung, und wie ein lebensbejahendes Prinzip erhob sich eine blaue, raketenartige Gasflasche.
„Acetylen“, – hatte Grigori Iwanowitsch am Freitagabend beilaeufig ueber die Flasche bemerkt.
Swetlana Sergejewna fuerchtete die Flasche ein wenig. Sie wirkte so fremd in dieser Umgebung, wie ein Gast aus einer fernen Welt, in der man Hochoefen entzuendete, Fluesse umleitete und Raumschiffe in den Kosmos schoss.
Etwa vor einem halben Jahr, einen Monat nach dem Tod von Arnold Semjonowitsch, hatte Swetlana mit aller Unbeirrbarkeit die Fehlerhaftigkeit des sozialistischen Weges erkannt. Zeitungen und Fernsehen wetteiferten darin, die sowjetischen Idole zu entlarven. Nicht nur Lenin und Stalin bekamen ihr Fett weg, auch Karl Marx und Friedrich Engels wurden von ihren Sockeln gestuerzt. Manche Kaempfer gelangten bis zu Saint-Simon und Fourier – den Quellen und Bestandteilen der nationalen Krankheit namens Kommunismus. Wenn man bricht, dann richtig – bis auf die Grundmauern. Und ploetzlich stellte sich heraus, dass die unerschuetterlichen historischen Gesetze auf dem Sand von Mythen ruhten, auf den Wolken von Legenden und Geruechten, die von den Kommunisten selbst erfunden worden waren.
„Genug!“, riefen die K;mpfer fuer die Demokratie, „genug davon, in der sozialistischen Grube zu sitzen und von dort aus der ganzen Welt mit der Atomkeule zu drohen. Genug davon, fuer eine fehlerhafte Idee der Klassengleichheit am Hungerblock zu nagen.“
„Genug!“, verkuendeten die Patrioten aus dem Fernseher, „genug davon, Aussenseiter zu sein. Genug! Man muss sich auf die Zivilisation zubewegen, auf die Demokratie und die vollen Ladenregale.“
„Man muss die Perestroika bei sich selbst beginnen“, sagte Swetlana Sergejewna laut und folgte damit ihrem Gedankengang.
Swetlana beschloss, ihre persoenliche Umgestaltung mit dem Austausch der Sanitaeranlagen zu beginnen. Doch den Traum in konkrete Geraete umzusetzen, erwies sich als gar nicht so einfach. Swetlana wusste einfach nicht, wo sie anfangen sollte. Alles arrangierte Witja Goldmann, ein Kommilitone von Swetlana. Er arbeitete als Polier in einer genossenschaftlichen Einrichtung. „Ein Keim des Neuen auf dem verrottenden sowjetischen Koerper“, – so praesentierte Viktor sein Institut.
Der Keim des Neuen war ausserordentlich unternehmerisch. Goldmann bot Swetlana eine komplette Renovierung nach europaeischem Standard an, einschliesslich des Austauschs von Rohren und Apparaten. Er ging durch die Wohnung, mass etwas, notierte etwas, rechnete etwas auf seiner elektronischen Rechenmaschine aus, stellte Swetlana Fragen zu Tapeten, zum Schleifen des Parketts, zum Stuck an der Decke. Und wenn Swetlana Schwierigkeiten mit einer Antwort hatte, half er ihr fluesternd aus, wie frueher in der Schule im Geschichtsunterricht.
Schliesslich nannte Goldmann, nachdem er die Stirn in Falten gelegt hatte, den Preis.
„Ich bin einverstanden“, sagte Swetlana schnell, erstaunt ueber die Bescheidenheit des kapitalistischen Keims und berechnete gleichzeitig, wie viele Monate sie von Kefir und Brot leben muesste.
– Sweta, – Goldmann nahm die Brille ab und begann, sie mit einem weichen Tuch abzuwischen, – das ist in Dollar.
– In Dollar! Wie viel wird das in Rubel sein?
Goldmann nannte die Summe in Rubel.
Und Sweta begriff, dass sie sich fuer den Rest ihres Lebens von Kefir ernaehren muesste, und selbst dann wuerde es noch fuer ein paar Jahrzehnte reichen.
– Nein, Witja, das ist zu teuer fuer mich.
Goldmann setzte die Brille auf und sah Sweta schuldhaft an.
– Man kann sich auf die Sanitaeranlagen beschraenken, zumal die Wohnung erst kuerzlich renoviert wurde.
– Vor vier Jahren, – praezisierte Sweta.
– Da siehst du es! – Goldmann freute sich ueber etwas Unverstaendliches.
Swetlana erkundigte sich, wie viel der Austausch der Rohre und Apparate in Rubel kosten wuerde.
– Etwa die Haelfte des urspruenglichen Preises.
– Auch das ist mir zu teuer, Witja. Entschuldige, – sagte Swetlana leise und verabschiedete sich von ihrem Traum.
Doch Goldmann gedachte nicht, vor den Umstaenden zurueckzuweichen.
– Sind diese Bilder echt? – fragte er und deutete auf die Wand mit Zeichnungen von Kandinsky.
– Natuerlich, – Swetlana zuckte mit den Schultern, – Arnold Semjonowitsch war ein leidenschaftlicher Sammler.
– Man kann sie verkaufen und mit dem Erloes die Renovierung finanzieren, – erklaerte Goldmann.
Swetlana war fassungslos.
– Dein Vorschlag kommt irgendwie sehr unerwartet, Goldmann. Es ist doch jetzt keine Blockade, um Bilder zu verkaufen.
– Sweta, ich will dir nur helfen, – sagte Goldmann sanft, – ich habe hier kein Eigeninteresse.
– Ich glaube dir, ich glaube dir, aber… – Swetlana stockte; sie wollte dieses muehsame Gespraech nicht fortsetzen, – ich muss nachdenken, – fand sie schliesslich einen Ausweg, – ich rufe dich an.
Noch am selben Abend rief Swetlana Sergejewna Goldmann an und willigte ein, eine Zeichnung von Kandinsky gegen Sanitaerapparate einzutauschen. Verkaufen musste sie allerdings beide Zeichnungen, aber dafuer reichte es fuer eine Klimaanlage.
Sweta blickte auf die Wand, wo zuvor die Zeichnungen gehangen hatten, und sie schaemte sich, als haette sie etwas Richtigem, Lichtem untreu geworden. Sie wandte sich von der Wand ab und beschloss, an etwas Angenehmes zu denken. Witja Goldmann war ihr gegenueber nicht gleichgueltig. Er strebte nach Naehe.
„Ich werde mich ihm hingeben“, entschied Sweta und schuettelte keck den Kopf, „sobald ich die Renovierung beendet habe, werde ich mich ihm hingeben. Na und, wenn er eine Frau und zwei Kinder hat. Heutzutage sind es andere Zeiten. Und ausserdem, ein halbes Jahr ohne Mann.“
Monoton murmelte die Toilette, laut klopfte der Wasserhahn in der Kueche. Swetlana Sergejewna blickte auf ihre Uhr.
„Allerdings“, rief sie aus, „wo bleiben die Arbeiter?“
Sie ging in die Kueche. Sie versuchte, den Hahn zuzudrehen. Der Hahn gab nicht nach. Sie winkte ab angesichts dieser nutzlosen Taetigkeit und ging zur Eingangstuer. Sie oeffnete die Tuer, streckte vorsichtig den Kopf in das Treppenhaus hinaus und lauschte. Niemand. Stille. Es roch nach Katzen, und von irgendwo aus den unteren Stockwerken stieg der dichte Duft einer kraeftigen Borschtsch-Suppe empor. Sie liess die Tuer einen Spalt breit offen und kehrte ins Wohnzimmer zurueck. Dumme Gedanken, einer schrecklicher als der andere, begannen sich in ihrem Kopf zu draengen.
„Was, wenn sie es vergessen haben“, Swetlana ging nervoes im Zimmer auf und ab und zupfte unbewusst an den Ra;ndern ihres Schals, „oder es sich anders ueberlegt haben. Was, wenn Witja etwas zugestossen ist? Er ist krank geworden, oder“, sie erschrak, „hatte einen Unfall. Und was, wenn man jetzt, genau jetzt, aus dem Institut anruft und sagt: Das Projekt brennt und ihre Anwesenheit ist dringend erforderlich? Und sie wird zur Arbeit fahren, waehrend genau dann die Arbeiter kommen…“
Verstandesmaessig begriff Swetlana, dass ihre ;ngste unbegruendet waren, in hoechstem Masse kuenstlich, aber sie konnte nichts gegen sich tun.
„Oh!“, sie zuckte zusammen, das war die Haustuer, die mit einem charakteristischen Klirren zufiel, „vielleicht sind sie es.“
Swetlana lief auf Zehenspitzen zur Tuer. Sie trat ueber die Schwelle.
„Ja, sie sind es.“
Die Klempner unterhielten sich beim Aufsteigen im Treppenhaus und nutzten dabei eine breite sprachliche Palette. Die helle und angriffslustige Stimme, die Alexej Michailowitsch gehoerte, tadelte Grischa wegen der Verspaetung. Grigori Iwanowitsch antwortete mit einer tiefen, leicht heiseren Stimme, dass man nicht vor der Tuer haette stehen sollen, sondern einfach in die Wohnung haette gehen muessen. Schlaeuche ausrollen, den Brenner pruefen.
– Mist! – quiekte Alexej Michailowitsch, – jetzt bin ich auch noch schuld.
Bei dieser Note wich Swetlana Sergejewna in die Wohnung zurueck und schloss sogar lautlos die Tuer, um die Arbeiter nicht dadurch zu besch;men, dass sie zuf;llig ihr professionelles Gespraech mitangehoert hatte. Hinter der Tuer verloren die Stimmen an Deutlichkeit. Nur zwei Stroeme murmelten im Treppenhaus – ein heller und ein dumpfer.
Die Glocke laeutete. Swetlana Sergejewna wartete etwa eine halbe Minute und oeffnete dann die Tuer. Auf der Schwelle standen Grigori Iwanowitsch und Alexej Michailowitsch.
„Wenn ich Gott waere“, dachte Swetlana unpassenderweise, „wuerde ich die helle Stimme dem grossen und schlanken Grigori geben und dem staemmigen Alexej die dumpfe lassen.“
– Guten Tag, – sagte Swetlana Sergejewna und stockte, – guten Tag, Freunde. Kommen Sie herein.
Sie trat beiseite und lud die Arbeiter mit einer weiten Geste in die Wohnung ein.
Die Freunde brummten unverstaendliche Gruesse zurueck, traten kurz auf der Fussmatte auf und betraten die Wohnung.
Swetlana Sergejewna wusste absolut nicht, wie sie weiter mit diesen sanitaertechnischen Wesen aus einer ihr fremden Welt umgehen sollte.
– Vielleicht einen Tee? – fand sie einen Ausweg, indem sie sich an den guten Rat von Maria Fjodorowna erinnerte, dass man Arbeiter verpflegen solle, aber in Masen.
– Tee ist kein Wodka, – erwiderte Alexej Michailowitsch froehlich und blinzelte ihr zu, – davon kann man nicht viel trinken.
– Chm, chm, – hustete Grigori Iwanowitsch in die Faust, – mach keinen Quatsch, Ljoscha. Swetlana… – und er machte eine Pause.
– Sergejewna, – fuellte sie die Luecke.
– Swetlana Sergejewna, wir fangen erst mal an, und Tee trinken wir, wenn wir etwas geschafft haben.
– Ja, ja, natuerlich, – stimmte Swetlana Sergejewna bereitwillig zu, – Ihre Sachen sind im Arbeitszimmer von Arnold Semjonowitsch, die zweite Tuer rechts.
Die Arbeiter gingen ins Arbeitszimmer, und Swetlana kehrte ins Wohnzimmer zurueck. Sie trat ans Fenster und strich unbewusst die Falten des schweren Vorhangs aus himbeerrotem Samt glatt. Arnold Semjonowitsch liebte die englische Gruendlichkeit, wie er sie sich vorstellte.
Der Gedanke an den verstorbenen Ehemann loeste einen kummervollen Seufzer aus.
Nehmen wir nur diese Vorh;nge. Nach ihrem Geschmack waere es schoen gewesen, wenn etwas Leichtes, Luftiges das Fenster verhuellt haette, etwas, das imstande waere, im sanften Wind zu beben.
Swetlana schob den Stoff beiseite. Vom Glas blickte ein blasses Spiegelbild traurig auf Sweta, und Sweta blickte durch das Glas. Der Nebel, der die Stadt eingehuellt hatte, hatte sich fast aufgeloest. Durch die milchigen Wolken, die gleichmaessig am niedrigen Himmel verschmiert waren, drang die gelbe Sonne.
– Swetlana Sergejewna, – hoerte sie Grigoris Stimme von der Tuer.
– Ja, – sie drehte sich bereitwillig um.
Grigori stand an der Schwelle in all seiner proletarischen Pracht. Ihm standen diese schweren Stiefel mit den eisenbeschlagenen Spitzen, dieser grobe Segeltuchstoff von Hose und Jacke, der stellenweise brandloechrig war, diese Handschuhe, die hinter dem straffen Soldatenguertel steckten, und diese Schweissermaske, die er wie einen antiken Kriegerhelm unter dem Arm hielt.
Die Sonne, die den Himmelsschleier beiseitegeschoben hatte, blickte ins Zimmer. Ihre Strahlen verfingen sich in Swetas hellem Haar, und es leuchtete auf wie eine Sonnenkorona. Grigori blickte mit Entzuecken und Staunen auf den goldenen Nimbus. Ploetzlich verdichtete sich die Luft im Wohnzimmer, und die dichter gewordene Atmosphaere wurde von einer Entladung von Herz zu Herz durchbrochen. Synchron machten sie eine unwillkuerliche, kaum wahrnehmbare Bewegung aufeinander zu.
– Mist! – ert;nte ein Ausruf im Flur, begleitet von einem klappernden Krachen, – uebierall haben sie diesen ganzen Schrott hingestellt.
– Was? – laechelte Swetlana, als sie aus der sekundenlangen Verzauberung erwachte, – wollten Sie etwas, Grigori Iwanowitsch?
– Ja… – Grigori hatte voellig vergessen, was er wollte; mit der Hand, die nicht die Schweissermaske hielt, kratzte er sich an der Stirn, erinnerte sich und war verlegen, – ich entschuldige mich natuerlich, Swetlana Sergejewna… – Grigori stockte, waehrend er nach einer hoeflichen Formulierung suchte, – wir werden die Geraete demontieren. Wenn Sie sich also waschen muessen oder was anderes, waere es gut, das jetzt zu tun, damit spaeter… – bei diesem „spaeter“ erlosch Grigoris rhetorischer Eifer, und er verstummte.
Swetlana wurde leicht rot.
– Danke, Grigori Iwanowitsch, – sagte sie leise.
In der Tuer erschien Alexej Michailowitsch. Er rieb sich die geprellte Schulter.
– Was ist mit dir? – fragte Grigori seinen Partner und blickte ueber die Schulter zu ihm.
– Was, was, – antwortete dieser quiekend, – bin ueber den Teppich geflogen… hingefallen halt.
– Hast du den Brenner durchgeblasen?
– Was gibt es da durchzublasen!
– Geh und blas ihn durch, habe ich gesagt.
Brummelnd zog sich Alexej ins Arbeitszimmer zurueck, um den Brenner durchzublasen; Grigori folgte ihm.
Swetlana Sergejewna wusch sich und tat das andere. Auf ihr hoefliches Klopfen hin oeffnete Alexej Michailowitsch die Tuer des Arbeitszimmers.
– Ich bin fertig.
– Hm.
– Wenn Sie mich brauchen, ich bin im Wohnzimmer.
– Aha.
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