Erster Tag. 3
Zar Peter, der Autokrat Russlands mit dem eisernen Herzen, baute diese Stadt auf Knochen.
In der Ferne schlugen die Arbeiter Eisen auf Eisen, schlangenartig zischte der Brenner und stach in den Stahl.
Swetlana sass in einem tiefen Sessel und betrachtete die Illustrationen eines neuen, noch nach Druckerei riechenden Buches ueber die Gruendung von Petersburg. Die Ideologie des Landes, die ihre alten Orientierungspunkte verloren hatte, stand am Scheideweg. Die ideologische Unklarheit war sowohl im Text als auch in den Illustrationen zu spueren. Der Autor, ein gewisser Potin V.V., wusste nicht, ob er die Taten des Zaren tadeln oder preisen sollte. Fuer alle Faelle tat er beides mit gleichem Eifer.
An der Tuer vorbei schwebten die Klempner, schwer atmend vor Anstrengung. Sie schleppten die alte gusseiserne Badewanne, die den Menschen vielleicht ein halbes Jahrhundert lang treu gedient hatte. Die traurige Prozession der Arbeiter rief in Swetlanas Ged;chtnis einen lustigen englischen Reim hervor: Drei Weise in einer Sch;ssel fuhren uebers Meer im Sturm, waere die Schuessel staerker gewesen, waere meine Geschichte laenger gewesen. Na ja, wo ist der dritte Weise?
Zar Peter deutete mit dem Finger auf eine Steinfestung, die teilweise im Pulverdampf verborgen war. Fuerst Menschikow, der engste Freund und erste Helfer, war auf Befehl von Mynheer bereit, sich in Feuer und Wasser zu stuerzen, selbst in den reissenden Rachen des Satans.
„Der Sturm auf die Festung Nieburg, – lautete der Text unter dem Bild, – A.E. Kotzebue.“
Als sie einen Blick auf sich spuerte, schaute Swetlana vom Buch auf, aber Grigori ging bereits weg; sie sah nur noch seinen Ruecken und hoerte einen leichten Seufzer.
– Rauchpause, – drang Grigoris Stimme zu ihr durch.
– Laengst faellig, – antwortete ihm Alexej.
Eine Minute spaeter drang der Rauch vaterlaendischer Papirossy ins Wohnzimmer.
„Der Rauch des Vaterlandes“, – Swetlana ruempfte das Naeschen, – „ist nicht gerade suess. Er riecht eher nach einer verbrannten Fusslappe.“ Obwohl Swetlana Sergejewna niemals an einer verbrannten Fusslappe gerochen hatte, musste eine solche in ihrer durch und durch buecherlichen Vorstellung genau so stinken, wenn sie qualmte.
Zar Peter schritt mit weiten Schritten irgendwohin dem boesen Nordwind entgegen. Moeglicherweise, um das Fenster nach Europa zu schlagen. Hinter ihm eilten hollaendische Ingenieure her, die sich in ihre Maentel huellten. Links hatte der Kuenstler skizzenhaft ein im Bau befindliches Haus dargestellt, das antiken Ruinen glich. In der Ferne, hinter einem Streifen Flusswasser, sah man eine steinerne Festung. Direkt am Wasser stand eine Kuh, die den Kopf bis zum Boden neigte. Die Festung und die Kuh auf einer Linie symbolisierten wahrscheinlich das Neue – Progressive und das Alte – Patriarchale in ihrem ewigen unzertrennlichen Kampf und ihrer unversoehnlichen Einheit. Es gab allerdings eine Unstimmigkeit in den Symbolen des Kuenstlers Serow. Die gemalte Erde hatte er aus Unachtsamkeit oder Vergesslichkeit nicht mit saftigem gruenem Gras bedeckt. Deshalb trank die Kuh auf dem Bild entweder salziges Wasser aus dem Meer oder nagte an der gefrorenen Erde. Beides widersprach der Natur einer Kuh, obwohl… und die Festung selbst…
- Sveta.
Sie hob den Kopf. In der Tuer stand Viktor.
– Die Tuer war offen. Ich bin reingekommen.
– Das waren die Arbeiter, sie haben die Badewanne rausgetragen. Wie spaet ist es?
– Fast zwoelf. Ich bin mit dem Lastwagen da, um die alten Geraete abzuholen.
Das Badezimmer ohne Wanne sah erbaermlich aus, irgendwie verwaist. An der Stelle, wo sie auf Bronzepfoten gestanden hatte, war der Boden mit aschefarbenem Staub bedeckt. In der fernen Ecke lag ein gelber Kamm, der vorletztes Jahr verloren gegangen war. Die Arbeiter brachen konzentriert das Waschbecken aus der Wand.
– Na, schau an, Karlovitsch ist aufgetaucht, – sagte Aleksej heiser und drehte sich halb zu Viktor und Svetlana um, die in der Tuer standen.
– Halt fester, – befahl Grigorij, – sonst laesst du es fallen.
Die Arbeiter zogen im Chor aechzend das Waschbecken heraus. Zementkruemel fielen auf den Boden. Sie hockten sich hin und stellten das demontierte Geraet vorsichtig auf den Boden. Unter seiner keramischen Last knirschten die klebenden Steinchen.
Viktor trat in das verwoestete Badezimmer. Hinter ihm draengte sich zaghaft Svetlana hinein.
Die Arbeiter richteten sich auf. Grigorij wischte sich mit der Handflaeche den Schweiss von der Stirn und blinzelte Svetlana keck zu. Sie laechelte ihm unwillkuerlich zurueck. Viktor zog die buschigen Brauen zusammen.
– Seid ihr immer noch nicht fertig? – fragte er streng und wandte sich an Grigorij.
Aleksej antwortete:
– Verstehst du, Karlovitsch, es gab technische Schwierigkeiten.
– Was fuer Schwierigkeiten? – Viktor trat an Aleksej heran, – na los, hauch mich mal an.
– Was ist mit dir, Karlovitsch, – sagte Aleksej beleidigt, – ich bin nuechtern, – und hauchte Viktor schroff ins Gesicht.
Der Bauleiter blickte zu Grigorij.
– Na gut, ich bin eine Stunde zu spaet gekommen, – sagte Grigorij mit Bedacht, als wuerde er jemanden zum Duell fordern, – aber wenn du mir befiehlst, dich anzuhauchen, Karlovitsch – dann kriegst du eins auf die Fresse.
Viktor lief rot an, vom borstigen Kinn bis zum Scheitel mit der beginnenden Glatze im kurzen hellen Haar.
Vor Scham waere Svetlana Sergeevna am liebsten durch den Fliesenboden versunken. Doch ganz unten, am Grunde dieser tiefen Scham, lauerte ein angenehmer Gedanke: dass dies nicht nur Grigorijs Grobheit und Viktors Demuetigung war, sondern ein Duell, und dass diese Maenner um ihre Gunst kaempften.
Aleksej entschaerfte die Spannung.
– Karlovitsch, was gibt’s Neues, – rief er aus, – wir sind fast fertig. Es bleibt nur noch die Toilette. Waehrend sie die Fliesen entladen, reissen wir sie raus.
– Und die Rohre, – musterte Viktor Aleksej boese, – und die Steigleitungen, und die Inneninstallation. Soll ich wegen euch etwa ein zweites Mal den Lastwagen fahren lassen?
Die Verlagerung des Streits auf die technische Ebene bedeutete nach irgendwelchen unklaren Gesetzen den Sieg Grigorijs. Svetlana verstand, dass Grigorij eine Herausforderung ausgesprochen hatte und dass Viktor ausgewichen war.
– Und hast du das Wasser abgestellt? – fragte Aleksej.
Grigorij schwieg missmutig.
– Es ist schon abgestellt. Also hoert mal, ihr Faulenzer, – Viktor warf Grigorij einen kurzen Blick zu, – lasst die Toilette in Ruhe. Konzentriert euch auf die Steigleitungen. Ihr habt drei Stunden Zeit...
Bei diesen Worten schlich sich Svetlana leise davon. Kaum hatte sie es sich im weichen Sessel am Wohnzimmerfenster bequem gemacht, erschien ein junger Mann, fast ein Junge, in der Tuer. In seinen Haenden hielt er ein schweres Paket mit Keramikfliesen.
– Entschuldigen Sie, – sagte er hoeflich, – sind Sie die Hausherrin?
– Ja, – nickte Svetlana Sergeevna.
– Wohin soll ich die Fliesen lagern?
– Lagern Sie sie, wohin Sie wollen, – seufzte Svetlana, – fragen Sie Viktor Karlovitsch.
– Sascha! – hoerte man Viktors Stimme aus dem Korridor, – du heisst doch Sascha, oder?
– Ja, – bestaetigte der junge Mann und wandte sich dem Ruf zu.
– Also gut, links von dieser Tuer legt ihr Polyethylen aus und stapelt die Fliesen darauf.
Viktor ging und verabschiedete sich kuehl von Sveta, und die Wohnung glich immer mehr einem Durchgangshof.
Ein schmaechtiger Klempner von der Hausverwaltung kam vorbei. Er stritt sich hitzig mit den Hausklempnern ueber den Zeitpunkt, zu dem das Wasser wieder angestellt werden sollte, denn es f... ihn nicht an, was ihre Probleme seien, aber die Mieter, verf..., wuerden ihn zur Rechenschaft ziehen. Ein aelterer, gesetzter Mann kam, der sich als der Fliesenleger Stepan vorstellte. Er besprach mit Grigorij ausfuehrlich die Nuancen der „Uebergabe des Objekts fuer das Verlegen der Fliesen“. Andere Leute kamen und gingen. Gegen drei Uhr kuehlte sich die Hitze des Arbeitsprozesses etwas ab. In der letzten Viertelstunde kam niemand mehr.
Svetlana war hungrig. Sie fuehlte sich muede und zerschlagen, als haette sie den ganzen Tag lang die demontierten Geraete geschleppt und die Fliesen links von der Tuer gestapelt. Sie warf einen Blick ins Badezimmer. Unter der Decke leuchtete friedlich die Flamme des Brenners. Dort oben, auf einer hohen Leiter, vollzog Grigorij geheimnisvolle Handlungen an einem neuen Rohr. Auf dem zertrampelten Boden lagen ungeordnet, wie abgeschossene Huelsen um eine Kanone, Stuecke rostiger Rohre.
– Freunde! – rief Svetlana froehlich aus, beseelt vom Bild der Verwoestung, – ist es nicht Zeit fuer uns zu essen?
– Hm, – stimmte Aleksej zu, ohne sich von der Leiter abzuwenden, – gleich haben wir die Steigleitung verschweisst, dann koennen wir.
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