Tag der Erste. 4

Tag der Erste


4


Es daemmerte bereits, als Grigorij und Ljocha das Hauptportal verliessen. Auf den Strassen gingen die Laternen an und vertrieben das graue Daemmerlicht in die Torwege und Hoefe. Leichter Nebel kroch. Vom Fluss zog kalte, irgendwie grabesaehnliche Feuchtigkeit herauf. Grigorij, froestelnd vor Kaelte, Zuendete sich eine Zigarette an.
– Na, auf ein Bier?
– Einverstanden, – stimmte Ljocha nach kurzem Zoegern zu, – aber ohne Anhaengerin. Ich habe Ljusska versprochen, ins Kino zu gehen.
– Gehen wir, dann sehen wir weiter.
Die Bierbar „Stara Brigantina“ (Alte Brigantine), die sich im Souterrain einer Einrichtung befand, entsprach ihrem Namen voll und ganz im Teil „Alt“; mit einer Brigantine verbanden sie hoechstens die Ketten, an denen die Tischplatten aus dunklem Holz haengen, einst glatt poliert, jetzt aber voller Flecken, Risse und tiefer Schnitte.
Die Bar war rauchig und stank nach dem einzigartigen Gestank eines sowjetischen Trinklokals. Diese Einzigartigkeit entstand aus der Mischung der Gerueche von starkem Tabak, verschuettetem Bier und der nahen Toilette. Die Besucher gewoehnten sich jedoch schnell an die spezifische Atmosphaere des Lokals, und die Stammgaeste hielten sie sogar fuer foerderlich fuer das Leben. Da es Montag war, gab es Plaetze und Kruggefaesse – ein seltenes Phaenomen – genug fuer alle, die sich an der Bierquelle laben wollten.
Nach einer kurzen Warteschlange nahmen die Freunde bei der korpulenten, dickgesichtigen Anschela je zwei Kruggefaesse. Sie waehlten einen Platz und liessen sich gemuetlich auf dem Haengebrett an dem dunklen, bogenfoermigen Fensterchen nieder.
Grigorij trank die Haelfte des ersten Krugs in einem Zug aus.
– Wie ist das Bier? – erkundigte sich Ljocha und pustete vorsichtig den waessrigen Schaum vom Rand des Krugs weg.
– Bier wie Bier, – zuckte Grigorij mit den Schultern, – verwaessert, mit einem saeuerlichen Beigeschmack.
Ljocha leerte den Krug mit einigen grossen Schlucken zur Haelfte.
– Was glaubst du, Grinj, verduennt Anschela das Bier mit Wasser aus dem Hahn oder schleppt sie es aus der Newa herbei?
– Sie ist viel zu faul, es aus der Newa zu schleppen, – Grigorij riss ein Streichholz an und zuendete sich eine Zigarette an, – aus dem Wasserhahn, natuerlich.
– Ich dachte es mir doch, ich schmecke das Chlor im Bier.
– Ein Feinschmecker, – lobte Grigorij Ljochas feinen Geschmack.
Das Bier floss als warme Welle durch die Speiseroehre, erreichte die alten Hefen, die seit dem gestrigen Geburtstag eines Kindheitsfreundes im Magen lagerten, und stieg als Alkoholnebel direkt ins Gehirn. Durch all das wurde es Grigorij behaglich, und die Welt um ihn herum erschien nicht mehr so boese wie gewoehnlich.
– Also, meinst du es ernst mit dem Heiraten? – fragte Grigorij und stiess einen dichten Rauchstrahl gegen die Gewoelbedecke aus.
– Ernster geht es kaum, – verzog Ljocha das Gesicht, – am Samstag haben wir das Aufgebot bestellt. Im Mai ist die Hochzeit.
– Heirate nicht im Mai, – lachte Grigorij, – sonst wirst du dich dein ganzes Leben lang nur quaelen.
– Das ist alles Quatsch, – Ljocha teilte Grigorijs heiteren Ton nicht, – aber quaelen werde ich mich so oder so, wenn ich mir meine Eltern ansehe.
– Brauchst du das also wirklich?
– Verstehst du, Grinj, Ljussja ist schwanger. Im vierten Monat.
– Na und, scheiss drauf.
– Vielleicht ist es dir scheissegal, aber mir nicht.
– Bist du sicher...
– Weisst du was, Grischa, – unterbrach ihn Ljocha hastig, – lass das einfach.
– Ich schweige schon, ich schweige, – Grigorij hob die Hand in einer versoehnlichen Geste, – das ist deine Sache.
– Genau das, – stimmte Ljocha zu.
Grigorij trank sein Bier aus und stellte den Krug polternd ab.
– Und wo werdet ihr wohnen?
– Zuerst bei uns, und dann, – Aleksej seufzte schwer, – weiss der Geier.
– Wie wollt ihr alle in eine Einzimmerwohnung passen?
– Ich weiss nicht, Grischa. He, Mann! – rief Ljocha einen vorbeigehenden Greis mit einem Bund getrockneter Wobla-Fische um den runzligen Hals an, – was kostet die Wobla?
Der Alte blickte Ljocha kritisch an, als traue er der Aufrichtigkeit seiner Absichten nicht.
– Die grosse fuenf, die kleine geht fuer drei weg.
– Wo hast du denn solche Preise gesehen! – empoerte sich Ljocha.
– Inflation, – antwortete der Alte und schickte sich an, weiterzugehen.
– Inflation, – aeffte ihn Ljocha nach, – na gut, gib her. Willst du auch? – fragte er Grigorij.
– Nee, Ljocha. Mir waeren hundert Gramm Schnaps lieber.
– Ich hab dir doch gesagt, heute passe ich, – antwortete Ljocha und setzte, zum Fischverkaeufer gewandt, den Handel fort. – Ich nehme eine grosse fuer vier. Geht das?
Der Alte schuettelte ablehnend den Kopf.
– Fuenf.
– Na, zum Teufel mit dir, nimm den Fuenfer, – Ljocha zog einen zerknitterten Geldschein aus der Innentasche seines Mantels und reichte ihn dem Alten, – gib den Fisch her. Nein, nicht den. Diesen hier.
Der Alte ging weg und murmelte etwas Unverstaendliches vor sich hin.
– Wie geht es Maria? Schreibt sie? – fragte Ljocha, um das Gespraech von sich abzulenken.
Aleksej Schilow empfand eine tiefe Ehrfurcht vor Mascha, Grigorijs Frau, und begann sie respektvoll Maria zu nennen, als sie Nonne wurde. Und das geschah vor etwa einem Jahr.
Eines Tages, als Grigorij von der Arbeit nach Hause kam, fand er Mascha nicht vor, sondern entdeckte einen Zettel, der an der Kuehlschranktuer klebte: „Grischa!!! Mein ganzes Leben ist ein suendiger Irrtum. Ich verlasse die Welt des Boesen und des Schmerzes. Suche mich nicht. Vergib mir, wenn du kannst, und leb wohl. Schwester Maria.“
Grigorij suchte und fand Mascha im Kolomensker Kloster.
– Sie kam aus dem Tor heraus, – sagte Grigorij, das Bier vergessend und nervoes den bitteren Rauch schluckend, – spindelduerr, kaum noch von der Seele zusammengehalten. Sie hebt die Augen nicht. Ach, ich hab es dir schon oft erzaehlt, – Grigorij winkte ab.
– Sprich nur, sprich. Weisst du, es erleichtert die Sache.
– Also, ich sage zu ihr: Mascha, was machst du denn da, lass uns nach Hause fahren. Aber sie zuckte nur so mit den Schultern, als haette sie ein Froesteln gepackt. „Umsonst hast du mich gesucht. Ich kehre nicht zurueck, Grischa, – sagt sie – Hier ist meine Zuflucht.“
„Dann gib mir die Scheidung. Ich kann so nicht, versteh doch, ich kann nicht. Ich bin ein gesunder Kerl, ich brauche ein Weib.“ Da lachte sie auf und sah mich mit ihren grossen Augen an, und darin lag eine solche Sehnsucht. In meiner Seele brach alles zusammen.
„Wir waren nicht verheiratet, Grischa.“
„Wie meinst du das, wir waren es nicht? Ich habe den Eintrag im Pass.“
„In Suende haben wir gelebt, – und wieder schauderte sie, – in Suende. Ich bete diese Suende fort.“
„Mascha, welche Suende! Wovon redest du?“.
Sie oeffnete ein wenig das Tor und blickte ueber die Schulter zurueck.
„Leb wohl, Grigorij. Finde dir ein gutes Weib und vergiss mich.“
„Und die Wohnung?“.
„Leb wohl“, – und sie ging fort.
– Sag mal, Ljocha, womit habe ich so ein Glueck verdient, – sagte Grigorij bitter und winkte ab, ohne die Antwort seines Freundes abzuwarten. – Lass uns jeder einen Hundertgrammer kippen. Ich lade dich ein.
– Lass uns kippen, – stimmte Ljocha zu, – wenn du bezahlst.
– Bin gleich zurueck.
Grigorij machte sich auf den Weg zum Tresen.
– Organisier dort auch irgendeinen Happen zum Beissen, – rief Ljocha ihm nach.
– Belehr keinen Gelehrten, – brummte Grigorij vor sich hin, ohne sich umzusehen.
Am Tresen staute sich traege eine kleine Schlange. In ihrer Mitte stachen zwei Marineoffiziere in schwarzen, glatt gebuegelten Uniformen hervor. Fremd und wild, wie Seesterne, die von einer Welle an einen verdreckten Strand gespuelt wurden, sahen diese Vagabunden der Meere an diesem elenden Ort aus.
Mit den Worten „Ich will nur kurz fragen“ draengte sich Grigorij zwischen den Maennern an der Spitze der Schlange hindurch. Die Barfrau schenkte gerade Bier fuer den Haendler mit den Trockenfischen ein.
– Anschela! – rief Grigorij die Barfrau.
– Was willst du? – fragte sie, ohne den Blick vom Zapfhahn zu wenden.
Der Alte drehte sich schroff um und blickte Grigorij missbilligend an. Der tote Fisch raschelte trocken mit seinen toten Schuppen.
– Kann ich dich kurz sprechen?
– Geh in den Hinterraum, – mit einem Kopfnicken deutete sie auf eine schmale Tuer hinter sich, die in eine kleine Vorratskammer fuehrte.
Grigorij schluepfte in die Kammer. Anschela beendete die Bier-Geld-Abrechnung mit dem Alten und verkuendete:
– Fuenf Minuten technologische Pause.
Die Schlange fing an zu laermen und unruhig zu werden, man hoerte aergerliche Rufe ueber „diese Haendler, verdammt noch mal“.
Anschela nahm die Kampfstellung „die Haende in die Hueften“ ein und schlug den Aufstand innerhalb von ein paar Sekunden nieder.
– Wollt ihr etwa, dass das Bier alle ist? – herrschte sie die Leute an.
Die Schlange beruhigte sich augenblicklich, und Anschela, ohne sich auch nur im Geringsten ueber diesen kleinen Sieg zu freuen, ging in den Hinterraum und schloss fest die Tuer hinter sich.
– Warum bist du so duester, Grischa? – fragte sie.
Wegen der Enge des Raumes beruehrte Anschela Grigorij fast mit ihrer maechtigen Brust und dem hervorstehenden Bauch. Grigorij hatte absolut keine Moeglichkeit auszuweichen, und er hatte Angst, Anschela durch eine ungeschickte Bewegung zu beleidigen.
– Auf der Arbeit gibt es Aerger, – sagte er und trat dennoch ein Stueck zur Seite zum kleinen Fenster hin, – ich habe mich mit dem Bauleiter gestritten.
– Das kommt vor, – nickte die Barfrau verstaendnisvoll. – Also, was willst du?
– Hast du Wodka da?
– Klar habe ich welchen.
– Verkauf mir eine Viertelliterflasche.
– Viertelliterflaschen gibt es nicht. Ich habe nur Halbliterflaschen „Stolitschnaja“. Nimmst du eine?
Grigorij zoegerte eine Sekunde, dann stimmte er zu.
– Her damit.
Anschela wuehlte in den Lumpen, die in einem unordentlichen Haufen auf dem Regal lagen, und holte eine Flasche mit einer farblosen Fluessigkeit ohne Etikett hervor.
– Noch einen Dreier, – sagte sie, nachdem sie das Geld von Grigorij entgegengenommen hatte.
– Was soll das, Anschela, – empoerte sich Grigorij, – letzte Woche waren es noch zwoelf Rubel.
– Inflation, – seufzte Anschela.
– Inflation, – aeffte Grigorij sie nach, – alle sind sie jetzt so gebildet.
– Du solltest mal zu Besuch kommen. Da haettest du Schnaps und was zu beissen und noch etwas anderes. Ich lade dich immer wieder ein, aber du kommst nicht. Oder hat es dir beim letzten Mal nicht gefallen?
„Das letzte Mal“, – Grigorij war ueber Anschelas Worte erstaunt, – „das war doch nur ein einziges Mal und dazu noch im Vollsuff.“
Grigorij legte die Hand aufs Herz.
– Du wirst es nicht glauben, Anschela, ich schufte auf der Arbeit so hart, dass ich weder physische noch moralische Kraefte habe.
– Das glaube ich dir nicht, Grischa. Her mit dem Dreier.
Sie nahm das Geld, oeffnete den ramponierten Kuehlschrank und holte einen Teller mit duenn geschnittener Wurst von leichenblasser Farbe hervor.
– Das ist ein Praesent vom Haus fuer dich, bist ja schliesslich kein Fremder.
– Was fuer ein Haus?
– Du bist ungebildet, Grischa, – laechelte Anschela, – so sagt man, wenn man einen Salat oder ein Wuerstchen umsonst gibt. Kurz gesagt, das ist von unserem Etablissement.
– Dafuer merci, – Grigorij gab der Barfrau schnell einen Schmatzer auf die dicke Wangen.
Anschela erroetete ob dieser Zaertlichkeit und machte eine unwillkuerliche Bewegung, als wollte sie Grigorij packen und die sowjetische Moral direkt hier in der Kammer schaenden. Grigorij beeilte sich, vor diesem Sturm der Gefuehle zurueckzuweichen.
– Vergiss nicht, die Glaeser zurueckzugeben, – rief Anschela ihm nach, als er schon die Tuer oeffnete.
– Klar, Anschela. Keine Frage.
Die Zahl der Leute nahm zu. Fast alle Tische waren besetzt. Grigorij musste Geschicklichkeit beweisen, um den Imbiss zum Tisch zu tragen, ohne ihn auf den schmutzigen Boden fallen zu lassen.
– Dich kann man nur schicken, um den Tod zu holen, warum hat das so lange gedauert, – brummte Ljocha, als Grigorij die Teller mit der Wurst und dem grob geschnittenen grauen Brot auf den Tisch stellte. – Oha! – rief er bestuerzt aus, als Grigorij aus der Innentasche seiner Jacke die Flasche mit der hellen Fluessigkeit ohne Etikett herausholte, – du hast doch was von einer Viertelliterflasche gesagt.
– Glaubst du etwa, dass wir beide, zwei gesunde Maenner, nicht mit einer Flasche fertig werden?
– Lachhaft. Fertig werden wir damit schon, aber Ljussja...
– Wenn du nicht willst, dann trink nicht, – Grigorij zuckte mit den Schultern, – ich zwinge dich nicht.
– Schenk ein, – Ljocha winkte ab, als wollte er diesen nichtigen Streit beenden.
Der Wodka als Nahrungsmittel erwies sich als durchaus geniessbar. Er schmeckte ein wenig nach Gummi, aber die Freunde entschieden, dass es in diesen gegenwaertigen hungrigen Zeiten eine Suende waere, waehlerisch zu sein.
Sie tranken den ersten. Hastig assen sie Wurst und Brot dazu.
– Zwischen dem ersten und dem zweiten, – sagte Ljocha immer wieder und goss die zweite Portion des Nahrungsmittels in die Glaeser.
– Na los.
Die Glaeser klangen hell aneinander.
– Auf sie.
– Auf das Glueck.
Sie tranken. Sie schnaubten. Und es floss ein kluges, tiefsinniges Gespraech, dessen Inhalt man sich spaeter unmoeglich merken konnte. Um eines solchen Gespraechs unter Seelen willen betrinkt sich der russische Mensch manchmal wie ein Schwein. Sie besprachen die begonnene Meisterschaft und kamen zu der festen Ueberzeugung, dass Zenit in diesem Fussballjahr ganz sicher Meister werden wuerde. Sie streiften kurz die Politik und die Perestrojka, die allen zum Hals heraushing, mit ihrem Hin und Her und den unerwarteten Spruengen, und wie von selbst kehrten sie zu den Frauen zurueck.
– Die Swetka ist ein verdammt scharfes Weib, – sagte Ljocha.
– Welche Swetka?
– Unsere Hausherrin. Ich wuerde sie...
Und Ljocha beschrieb kurz, aber treffend, was er mit ihr und auf welche Weise machen wuerde.
Grigorij wurde es unangenehm.
– Halt den Mund, – warf er Ljocha in befehlendem Ton hin.
– Oha! – lachte Ljocha, – ich hab’s mir doch gedacht. Ich sag dir, Bruderherz, der Karlytsch baggert sie ordentlich an. Gegen ihn bist du ein Schwachling. Wer ist Karlytsch schon? – Ljocha klopfte mit einem halb abgenagten Fisch auf den Tisch. Das Geraeusch war solide und dumpf. – Ein Geschaeftsmann. Und wer bist du? – Ljocha klopfte gegen den leeren Bierkrug. Das Glas klirrte klaeglich. – Ein Windbeutel.
Bei diesen Worten wurde es Grigorij schwarz vor den Augen, und als das Licht zurueckkehrte, fand er sich mit breit gespreizten Beinen ueber dem bezwungenen und erschrockenen Ljocha wieder. In der rechten Hand hielt Grigorij den Bierkrug fest umklammert, und auf Ljochas Stirn klaffte eine grosse, blutende Schramme. Fuer eine Minute herrschte Stille im Saal, als haette jemand die betrunkenen Stimmen, das Klirren des Glases und das Scharren der Sohlen ausgeschaltet. In der fuer dieses Lokal untypischen Stille klang Ljochas eher erstauntes als erschrockenes Fluestern:
– Was ist los mit dir, Grinja?
Und dann schaltete sich der Ton lauter als zuvor wieder ein. Anschela rief: „Ich rufe jetzt die Miliz!“, und bewegte sich vom Tresen zum Ort des Geschehens. Wie ein gepanzerter Zerstoerer die Wellen schneidet, schob sie mit ihrem maechtigen Koerper die Menge beiseite. Grigorij stellte den Krug polternd auf den Tisch und verliess, ohne ein Wort zu sagen, die neblige Leningrader Nacht.
Vorbei an duesteren Haeusern, ueber die Bruecke und Strassenkreuzungen, entlang des dunklen Massivs des Parks ging er schnell, ohne auf den Weg zu achten. Der Instinkt fuehrte ihn nach Hause. Manchmal geriet er in die Kegel des gelben, vom Nebel verschwommenen Lichts der Strassenlaternen, und dann schleppte sich sein Schatten hinterher, drehte sich um, ueberholte ihn und verschwand in der Dunkelheit.
Der Nebel waberte in den Toreinfahrten. Boese, kurze Gedanken wirbelten in seinem Kopf. „Ljocha. Was fuer ein Scheissfreund ist er schon. Karlytsch ist ein Vieh. Ich zeig’s dir, du Miststueck – von wegen Windbeutel. Karlytsch poliere ich die Fresse...“
Eine schwarze Katze auf einem schmutzigen Dach begleitete Grigorij mit unheilvollem Blick. An einer Stelle stuerzte sich ein raeudiger Hund aus einem dunklen Durchgangshof auf Grigorij. Reflexartig wehrte Grigorij ihn mit dem Fuss ab. Er schien getroffen zu haben. Der Koeter verzog sich jaulend in die Toreinfahrt.
So irrte Grigorij ziemlich lange umher und begann muede zu werden. Kurz vor dem Haus lichtete sich der Alkoholnebel ein wenig, und Grigorij wunderte sich ueber seine Hitzkoepfigkeit. „Was bin ich nur so aufgekocht wie ein Teekessel“, wunderte er sich. Dann erinnerte er sich an Ljochas beleidigende Worte und das klirrende Geraeusch des leeren Glases, das die Kraenkung begleitete. Und eine frische Welle der Wut ueberflutete sein gesamtes Inneres. Die Wut gab ihm Kraft, und das letzte kurze Stueck rannte er fast. Zudem brach aus dem Nebel ein kalter, dichter Regen hervor.
Wuetend und nass betrat Grigorij die Wohnung. Er hatte gerade Zeit, die Jacke und die groben Schuhe auszuziehen, als das Telefon klingelte. „Wenn das Ljocha mit einer Entschuldigung ist“, dachte Grigorij, „dann schicke ich ihn zur Hoelle und lege auf.“
– Hallo!
– Grigorij. Viktor Karlovitsch stoert dich.
– Was willst du, Karlovitsch?
– Also pass auf, – seufzte Karlovitsch, – morgen brauchst du nicht zu Svetlana Sergeevna zu fahren.
– Wieso nicht, – wunderte sich Grigorij, – wir sind dort noch nicht fertig.
– Im Nachbarhaus arbeitet Borschewitschs Brigade. Die kommen vorbei und erledigen in anderthalb Stunden, was ihr heute nicht geschafft habt. Und du und Aleksej fahrt morgen zu einem neuen Objekt. Schreib dir die Adresse auf.
– Moment, warte, – Grigorij oeffnete die Schublade des Nachtschranks, auf dem das Telefon stand, holte einen Stift und einen Block heraus, – sprich, ich schreibe.
Goldman diktierte die Adresse.
– Weisst du, wo das ist? – fragte er.
– Ich weiss es.
– Na prima. Sei morgen um zehn dort.
– Und was ist mit dem Werkzeug, den Arbeitsklamotten?
– Aleksej bringt sie mit. Uebrigens, was fuer eine Laus ist euch beiden ueber die Leber gelaufen?
„Na toll“, – emp;rte sich Grigorij innerlich, – „er hat mich schon verpetzt.“
– Was fuer eine Laus. Da war gar nichts, – schrie Grigorij fast.
– Das ist eure Sache. Mir ist es egal. Nur hat Aleksej es kategorisch abgelehnt, mit dir zu arbeiten. Ich konnte ihn kaum ueberreden.
– Wenn es dir egal ist, warum nervst du dann mit Fragen, – fertigte Grigorij ihn grob ab.
– Mir ist es egal, solange die Arbeit nicht leidet, – mit jedem Wort wuchs die Gereiztheit in Karlovitschs Stimme, – habe ich etwa Lust auf diesen Aerger, dir einen neuen Partner zu suchen, Aleksej einen neuen Partner zu suchen oder euch zu versoehnen?
– Werde nicht sauer, Karlovitsch. Ich loese das Problem.
– Dann loese es. Sonst koennt ihr im Wohnungsamt wieder Wasserhaehne gegen Halbliterflaschen tauschen. Morgen um zehn. Tschuess.
Und in der Hoermuschel erto;nten kurze Signale.
Grigorij schaltete den Fernseher ein und setzte sich in den Lieblingssessel von Mascha, die ins Kloster gegangen war. Neben dem Sessel stand eine Staffelei mit ihrer letzten, unvollendeten Zeichnung. Auf dem Blatt Papier riss ein schrecklicher, baertiger Mann mit hervortretenden Augen den Mund weit auf. Kleine Maennchen kamen entweder aus dem Rachen heraus oder gingen hinein.
Im Kasten erzaehlte irgendein Schwaetzer – woher sie nur alle kamen – von den blutigen Schrecken der Stalinzeit. Er redete den Zuhoerern aufdringlich den einfachen Gedanken ein, dass das heutige Elend des Landes im dunklen Gestern wurzle. Und wenn man dieses historische Geschwuer oeffne und gruendlich ausreinige, wuerden sich die heutigen Probleme von selbst loesen.
„In der Vor-Perestrojka-Zeit nannte man das wohl die Muttermale des Kapitalismus“, – dachte Grigorij traege, waehrend er dem Schwaetzer zuhoerte. – „Das Sowjetsystem hat seine eigenen Male entwickelt, die uns daran hindern, im Wohlstand zu leben. Warum steht unser Gestern eigentlich immer unserem Heute im Weg?“
Grigorij ging zur Toilette. Er kam zurueck. Im Kasten wurde der Schwaetzer von der Sprecherin des Programms „Zeit“ abloest. Grigorij schaltete den Ton aus. Als wuessten sie nichts von dem revolutionaeren Konzept des vorherigen Redners, feierten die sowjetischen Menschen im Fernsehen lautlos beispiellose Erfolge auf den Kolchosfeldern, in den Fabrikhallen und Institutslaboratorien.
Grigorij erhob sich aus dem Sessel und schaltete den Ton wieder ein.
„Und nun zum Wetter“, – sagte die Sprecherin.
„Ich sollte vor dem Schlafengehen noch einen Tee trinken“, – entschied Grigorij und ging in die Kueche.
In der Kueche fuellte Grigorij den Wasserkocher mit Leitungswasser, drehte sich zum Gasherd um und erstarrte mitten in der Bewegung. Auf dem Fensterbrett stand ein Topf mit einem verkohlten Kaktus.


Ðåöåíçèè