Tag der Zweite. 1
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Der Morgen liess sich nicht gut an. Draussen verblasste die Nacht, und durch sie hindurch schimmerte stueckweise ein nebliges, truebseliges Morgengrauen, so freudlos wie die Rente eines Kolchosbauern.
Der Wecker klingelte zur festgesetzten Zeit. Grigorij wollte schon aufspringen und eine kurze, belebende Gymnastik machen, um den Rausch mit energischen Bewegungen aus dem Organismus zu vertreiben, aber dann erinnerte er sich, dass er heute spaeter zur Arbeit musste, und sein Elan verflog.
Mit fest geschlossenen Augen lag Grigorij auf dem Ruecken und versuchte, die aufdringlichen Visionen und Bilder – Ljocha, Karlovitsch – zu verscheuchen und die schweren Gedanken an die fortgegangene Mascha zu vergessen. Dunkel und feucht war es in seiner Seele. Kein einziger Hoffnungsschimmer konnte die dichte Decke aus grauen Wolken durchbrechen. Immerhin… Svetlana… Svetlana Sergeevna – ein heller Fleck blitzte in dem nebligen, stickigen Reich auf. Und wieder kreisten die Gedanken: Ljocha – Karlovitsch – Mascha. Gegen sieben beschloss Grigorij, der Qual ein Ende zu setzen. Er stand auf, gaehnte, streckte sich mit einem Knacken der Glieder und machte sich auf den Weg in die Kueche.
Auf dem Schemel des Hausherrn am Fenster sass der gestrige Gast, der Erzengel Gabriel.
– Setz dich, – der Erzengel deutete auf einen anderen Schemel.
– Schon wieder du, – seufzte Grigorij und setzte sich langsam hin.
– Ich bin es, Grigorij, ich bin es, – antwortete der Erzengel. – Wer sonst ausser mir koennte geraeuschlos in eine verschlossene Wohnung mit dicht verriegelten Fenstern eindringen.
– Wie machst du das? – fragte Grigorij interessiert.
– Ich verdichte mich einfach aus der Luft, – lachte der Erzengel, – bedien dich, Grigorij Iwanowitsch.
Und er lud Grigorij mit der Geste eines wahren Zauberers ein, die Getraenke und Speisen auf dem Tisch zu kosten. Auf dem Kuechentisch stand eine Pfanne voll mit Bratkartoffeln und Speck. Der Speck und die Kartoffeln waren mit einer zarten, goldbraunen Kruste ueberzogen, und der Duft… liess absolut keine Moeglichkeit, die Bewirtung abzulehnen.
„Wie kommt es, dass ich diesen Geruch nicht im Bett gefuehlt habe“, wunderte sich Grigorij und nahm eine Gabel.
Auf den blauen Tellern aus dem Service – ein Geburtstagsgeschenk fuer Mascha – waren fein geschnittene Doktorskaja-Wurst, Weissbrot und kleine Salzgurken aufgereiht, schoen wie bei einer Militaerparade. Als separates Regiment standen ein Krug helles Bier mit einer weissen Schaumkrone, ein geschliffenes Glas von kristallener Klarheit und eine beschlagene Flasche da, eine exakte Kopie von Anschelas Getraenk.
– Das ist ueberfluessig, – seufzte Grigorij und deutete mit der Gabel auf die alkoholischen Getraenke, – morgens trinke ich nicht, ich muss ja zur Arbeit.
– Wie du meinst, Grigorij Iwanowitsch.
Der Erzengel beruehrte die Flasche und den Krug, und sie verschwanden so gruendlich, als waeren sie nie auf der Welt gewesen.
Dies beleidigte Grigorij unerwartet. Er hatte damit gerechnet, dass der Erzengel ihn, wie es in anstaendiger Gesellschaft ueblich ist, wenigstens ein bisschen ueberreden wuerde, und Grigorij dann widerwillig zustimmen wuerde, das Bier und vielleicht auch den Wodka zu kosten. Aber hier – schwupps – und weg waren Bier und Wodka. Er konnte Gabriel ja schlecht sagen, dass er es sich anders ueberlegt hatte. Die frische Kraenkung riss alle alten Sorgen wieder auf. Grigorij verschlang die Kartoffeln, ohne den Geschmack zu spueren. Er wurde immer duesterer.
– Beunruhigt dich etwas? – fragte der Erzengel teilnahmsvoll, da er den Stimmungsumschwung Grigorijs bemerkt hatte. – Oeffne dich mir.
– Ja, es beunruhigt mich. Mich beunruhigt Goldman Viktor Karlovitsch, unser Bauleiter. Kennst du so einen?
– Alles, was du weisst, Grigorij, weiss ich auch, und sogar noch ein bisschen mehr. Fahr fort.
– Also, – sagte Grigorij finster, – ich will, dass du… Sie, – korrigierte er sich, – Karlovitsch mit dem Blitz erschlagen, so wie gestern den Kaktus.
– Ach Grigorij, Grigorij, ich habe dir doch gestern gesagt, dass ich das nicht tun werde.
– Warum?
– Ich will nicht.
Iwanow wurde wuetend.
– Warum bist du dann hier ueberhaupt aufgekreuzt?
Grigorij stand auf, ging ins Zimmer, um Zigaretten zu holen, und als er zurueckkehrte, war der Erzengel Gabriel verschwunden, in der Luft aufgeloest, und der Schemel des Hausherrn war leer.
„Wahrscheinlich werde ich verrueckt“, – kam ihm der erloesende Gedanke. – „Ich muss mit dem Trinken aufhoeren.“
Doch das Brot und die Wurst waren handfeste Beweise dafuer, dass dieser ganze Irrsinn tatsaechlich geschehen war und jemand, der sich Erzengel Gabriel nannte, vor einer Minute noch am Fenster auf dem Schemel des Hausherrn gesessen hatte.
Vorsichtshalber beruehrte Grigorij die Gurken mit dem Finger. Sie waren prall, ungewoehnlich materiell.
Er ruehrte das Essen nicht mehr an, trank keinen Tee und raeumte den Tisch nicht ab. Nachdem er hastig die fuer den Koerper notwendigen Hygieneprozeduren erledigt hatte, packte Grigorij seine Sachen und ging hinaus. Er beschloss, die bis zur Schicht verbleibende Zeit mit einem Spaziergang durch die Stadt zu verbringen.
Свидетельство о публикации №226011701992