Tag der Zweite. 2

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Ljochas Kopf war verbunden wie bei einem roten Kavalleristen, dem – laut dem Lied seiner Komsomol-Freundin – der schnelle Tod im Fegefeuer einer heissen Schlacht erspart geblieben war, der aber eine kleine Wunde durch einen beschlagenen Huf direkt auf die Stirn erhalten hatte. Seit gestern Abend war der Verband durch den Kontakt mit der Schirmmuetze und der trueben Leningrader Atmosphaere merklich grau geworden.
– Du haettest dir auch gleich einen Gips anlegen lassen koennen, – versuchte Grigorij mit einem schuechternen Witz den unangenehmen Eindruck des Vorfalls in der Bierbar zu glaetten.
Ljocha antwortete nichts darauf, blickte nur boese unter dem Verband hervor und gab ihm nicht die Hand. Daraus schloss Grigorij, dass Ljocha schwer beleidigt war.
Sie arbeiteten mit rasender Erbitterung, als blickte Genosse Stalin selbst aus dem jenseitigen Kommunismus streng auf sie herab und fluesterte mit seinem bebenden Schabenschnurrbart den Befehl des NKWD-GPU: Arbeitet wie Genosse Stachanow. Und sie arbeiteten ohne die ueblichen Witze und Sprueche, ohne gutmuetige Sticheleien, sogar ohne Rauchpausen.
Nach drei Stunden hielt Grigorij das Tempo nicht mehr aus. Er loeschte den Brenner, hob die Schweissmaske an und erhob sich von den Knien.
– Ljocha, ich kann so nicht mehr, – sagte er, – schlag mich doch einfach und lass uns den Sch-eiss vergessen.
Ljocha schlug Grigorij, ohne ein Wort zu sagen, wuchtig und ohne auszuholen mit der Faust gegen die Stirn. Durch den Schlag zuckte der Kopf heftig zurueck, und die Schweissmaske schloss sich durch die Traegheit mit einem Klappern vor seinem Gesicht. Die samtene Dunkelheit unter der Maske faerbte sich durch bunte Kreise vor Grigorijs Augen. Das innere Licht vertrieb die Dunkelheit jedoch keineswegs. Ploetzlich schossen ihm die Erinnerung an den Erzengel Gabriel in den Kopf und der Gedanke, dass alles, was ihm morgens widerfuhr, ein Traum oder der Beginn einer Geisteskrankheit sei – so abwegig war das Ganze. Im naechsten Augenblick verdraengte die Kraenkung gegenueber Ljocha, die irgendwo aus der Magengegend aufstieg, den Gedanken an den Erzengel. Das leichte Element der Kraenkung synthetisierte sich augenblicklich, wie im Inneren eines explodierenden Sterns, zu einer schweren Wut, die Grigorijs Reflexe uebernahm. Und waere da nicht die innere Dunkelheit gewesen, haette Ljocha sicherlich eine Abreibung kassiert. Damit waere die langjaehrige Freundschaft wohl beendet gewesen.
Einige zaehe Sekunden standen die Freunde reglos da. Ljocha war angespannt, bereit zur Gegenwehr. Grigorij erstarrte wie eine Statue. Unter der Maske, in der Dunkelheit, loeste er innere Probleme. Langsam hob Grigorij die Maske. Er laechelte so aufrichtig, wie er nur konnte.
– Ist dir jetzt leichter? – fragte er teilnahmsvoll.
Ljocha entspannte sich etwas, antwortete aber noch ziemlich kriegerisch.
– Es ist leichter geworden.
– Also, Frieden, – und Grigorij streckte die Hand aus.
Eine Sekunde oder zwei balancierte der Frieden am Rande des Abgrunds. Dann laechelte Ljocha widerwillig.
– Frieden, – und er schuettelte Grigorij fest die Hand. – Lass uns essen. Ljussja hat mir einen ganzen Haufen Frass eingepackt.
Grigorij merkte sich innerlich den Ausdruck „einen Haufen eingepackt“; es brannte ihm auf der Zunge, etwas ueber diesen „Haufen“ fallen zu lassen, aber er hielt sich zurueck.
– Abgemacht! – stimmte Grigorij mit freudiger Zuvorkommenheit zu.
Der Friede war zerbrechlich, unzuverlaessig, etwa so wie zwischen dem friedliebend-aggressiven NATO-Block und dem aggressiv-friedliebenden Warschauer Pakt, aber er war besser als offene Feindschaft. Mit Widerspruchslosigkeit, uebertriebener Zuvorkommenheit und einer ihnen untypischen Hoeflichkeit versuchten die Freunde mit aller Kraft, die Beziehungen zu kitten. Davon wurde beiden leicht uebel. Zum Ende des Arbeitstages, wahrscheinlich vor Erschoepfung, festigte der Friede ein wenig seine Positionen. Doch die letzte Friedensinitiative von Grigorij – bei Anschela in der Bierbar vorbeizuschauen – fand bei Ljocha kein Verstaendnis. Das stellte, so merkwuerdig es auch war, die Freundschaft fast wieder her.


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