Tag der Dritte. 2

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Svetlana Sergeevna gehoerte zu jenem seltenen Menschentyp, bei dem sich der innere Zustand in einem widerspruchsfreien Gleichgewicht mit den aeusseren Umstaenden befand. Ihr inneres Licht blendete sie nicht, sondern erleuchtete sie; es brannte die seelischen Leerstellen nicht aus, sondern waermte sie. In den sagenhaften Zeiten des vorletzten Jahrhunderts begegnete man solchen Menschen oft unter dem Landadel, der nicht ueber die Mittel verfuegte, einen wuerdigen Zufluchtsort in den Lasterhoehlen der Zivilisation zu unterhalten, sondern gezwungen war, in den Stammhaeusern dahinzuvegetieren, Seite an Seite mit dem ungebildeten Bauernvolk. Ein Leben ohne Ansprueche, einfache Interessen und das Bewusstsein der eigenen Ausnahmestellung in der Gegend liesen die seelischen Stuerme bis zum vierzigsten Lebensjahr abflauen, und der Mensch neigte zur Beschaulichkeit. Wenn die geistige Entwicklung an diesem Punkt nicht stehen blieb, konnte aus dem Betrachter ein hochwertiger Staretz werden, der in der Einsamkeit der tiefen Waelder lebte und sich von den Gaben mitleidiger Orthodoxer naehrte.
Kriege, Revolutionen, Auswanderungswellen und regelmaessige Saeuberungen hatten nicht nur das Muttermal der Beschaulichkeit fast getilgt, sondern verhinderten auch das Entstehen neuer Betrachter, da die Gesellschaft im hitzigen Fieber grosser Errungenschaften raste.
Doch allmaehlich verblassten die revolutionaeren Morgenroeten, die zu opfervollen Taten riefen, und ueber dem Land etablierte sich fest die graue Sonne der Stabilitaet. Die langjaehrige Unveraenderlichkeit, welche die Jungreformer veraechtlich als Stagnation bezeichneten, fuehrte dazu, dass im Milieu der technischen Intelligenz Menschen auftauchten, die ihrem Wesen nach der sowjetischen Gesellschaftsordnung zuwiderliefen: mit reiner Seele und ruhigem Gewissen. Die sozialistische Lokomotive, die mit munterem Pfiffen einen Halt in der Kommune versprach, beruehrte ihre Herzen weder durch das Rattern der Raeder noch durch die Plakate, die an den Seiten der Lokomotive auf rotem Kumasch-Stoff aufgehaengt waren. Fuer sie stand diese Lokomotive laengst in einem klaeglichen, schmutzigen Sackgasse. Aber auch die feindlichen Stimmen, die suessholzraspelnd von einem anderen, freien und satten Leben wisperten – ohne Schlangen nach Schmand, dafuer mit Brie-Kaese und hundert Wurstsorten – beruehrten ihre Seelen nicht. Sie strebten, aehnlich den landarmen Gutsbesitzern des leibeigenen Russlands, nicht nach Bereicherung, neideten nicht und logen nicht. Und wer weiss, haette die Stagnation noch einmal so lange gedauert, vielleicht haette ihr Milieu echte neue Staretzen und Staretzen-Frauen hervorgebracht, die inmitten des jungfraeulichen Dickichts aus staubigen Reissbrettern gelebt und sich von den Gaben mitleidiger Ingenieure und wissenschaftlicher Mitarbeiter ernaehrt haetten.


In den sanften Windungen der Betonroehre knarrte der Waggon wie die Knochen eines Greises bei nasskaltem Wetter. Er klapperte melodisch mit den Raedern an den Schienenstoessen, schaukelte und ruckte. Zusammen mit dem Waggon wiegte sich Svetlana, die auf der Wandbank sass. Sie fuhr zur Arbeit.
Die Hauptverkehrszeit war bereits vorbei. Der Passagierstrom war so weit ausgeduennt, dass auf den Baenken freie Plaetze erschienen. Der Transport hatte die Leningrader in die Werke, Fabriken und Behoerden gebracht und widmete sich in diesen ruhigen Stunden zwischen dem morgendlichen und dem mittaeglichen Ansturm der Befriedigung der Beduerfnisse muessiger Buerger – Touristen und Rentner.
Eine maennliche Stimme aus den Lautsprechern kuendigte streng die Ankunft der Station an. Hinter den dunklen Fenstern flackerten verschwommene Lichter auf, und der Zug brach mit Laerm aus dem Betondarm in die Weite des unterirdischen Bahnhofs aus. Er begann zu bremsen, und die Traegheitskraft drueckte Svetlana gegen die Kante der Bank. Der Zug blieb mit einer letzten motorischen Konvulsion stehen. Die Tuerfluegel glitten mit Zischen und Knirschen auseinander. Die Station betrat den Waggon mit einem leichten Luftzug, der Svetlanas loses Haar ein wenig bewegte. Eine alte Frau stieg ein und zog einen leeren Karren auf grossen Raedern hinter sich her, dann folgte ein aelteres Paar aus der Provinz, das sich aengstlich umsah. Als Letzter stieg ein baertiger junger Mann ein, der seinen grossen Rucksack absetzte und sich an der Tuer niederliess; er sah aus wie ein Bergsteiger aus dem romantischen Film „Wiertikal“.
Svetlana blickte auf den Bergsteiger und erinnerte sich ploetzlich an den Klempner Grigorij Iwanowitsch. In ihrer Brust begann das Herz ganz schnell zu schlagen, als haette jemand Unbekanntes ihr Herzchen in die Handflaechen genommen, es sacht zusammengedrueckt und wieder losgelassen. Svetlana fand es seltsam, dass ein zufaelliger, fremder Mensch eine so starke seelische Erregung hervorgerufen hatte. Sie begann, ihre Gefuehle zu analysieren, bestrebt, voellig aufrichtig mit sich selbst zu sein, und vertiefte sich in die Analyse. Und als nur noch ein einziger Schritt bis zum Urteil fehlte, als Svetlana bereit war, es sich einzugestehen, erkannte sie ploetzlich, dass der Zug an ihrer Station hielt und die Tueren sich jeden Moment schliessen wuerden.
Sie sprang auf, ihre Handtasche fiel von den Knien auf den Boden. Sie bueckte sich nach der Tasche, wohl wissend, dass sie es nicht schaffen wuerde. Sie richtete sich auf. Der junge Mann, der dem Bergsteiger aehnelte, hielt mit starker Hand die roehrende Tuer auf. Svetlana huschte auf den Bahnsteig hinaus und warf dem Bergsteiger im Flug ein „Danke“ zu. Die Tuerfluegel schlugen mit Geklirr hinter ihrem Ruecken zu. Svetlana drehte sich um. Der Zug war bereits angefahren und nahm sanft Fahrt auf. Im ovalen Fenster winkte ihr der junge Mann laechelnd zu. Svetlana laechelte zurueck und winkte ebenfalls.
„Es gibt doch gute Menschen auf der Welt“, dachte Svetlana, waehrend sie ueber den Bahnsteig ging.
In dieser Stunde war der unterirdische Bahnhof still und fast leer. Das Klackern der Absaetze auf dem polierten Granit hallte von den Waenden wider und verstarb, wie in einem Tempel, im hohen Bogengewoelbe. In den Nischen der maechtigen Saeulen befanden sich Skulpturen mit revolutionaeren Themen, die dem rein sowjetischen Bauwerk eine spuerbare Aehnlichkeit mit einer prunkvollen katholischen Kirche verliehen. Am Eingang stand eine muskuloese Kolchosbaeuerin, die behutsam eine Garbe aus Bronzeaeren umschlang, Bronze mit dem Gruenschleier der Reife. Svetlana wollte die Kolchosbaeuerin mit erhobener Hand gruessen, aber sie schaemte sich vor den Schulkindern, die wie ein zwitschernder Schwarm die breite Treppe hinunterliefen. Sie wagte es nur zu fluestern: „Sei gegruesst, Maria.“


Auf der Erde und ueber der Erde erwachte der Fruehling. Die Sonne hatte bereits genug Kraft, um die Wolken, die die Stadt einhuellten, zu zerstreuen, und sie hing wie ein froehlicher gelber Ball inmitten des blauen, leicht ergrauten Himmels. Ob es an der blassen noerdlichen Sonne lag, am stillen feuchten Wind, der ihre Wange streichelte, oder am fuer eine steinerne Stadt seltsamen Geruch schwellender Knospen – oder an allem zusammen: Svetlana wurde von dem Gefuehl von etwas Grossem, Farbenfrohem erfasst, das es in der grauen Wirklichkeit eigentlich gar nicht gibt. Sie wollte ganz schnell rennen und vom Boden abheben, so wie vor langer, langer Zeit in der Kindheit, als sie noch fliegen konnte. Einem Impuls folgend, breitete Sveta die Arme aus, umarmte diese freudige Welt und huepfte auf einem Bein, ohne zu versuchen, den Fruehlingspfuetzen auszuweichen.
Die Passanten konnten ein Laecheln nicht unterdruecken, als sie sie sahen.
Ausser Atem und gluecklich betrat Svetlana die Glastueren ihrer Einrichtung.
Auf der Arbeit, im Kreise der Kolleginnen, wurde Svetlana nicht etwa nicht geliebt oder nicht respektiert; man nahm sie einfach nicht ernst. Man hielt ihre Gewaltlosigkeit, ihren standhaften Unwillen, in den geringsten Konflikt zu treten, fuer seelische Infantilitaet, hervorgerufen durch eine glueckliche Ehe und ihre relative materielle Freiheit. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sich uebrigens nichts geaendert. Vor der Bissigkeit des weiblichen Kollektivs wurde Svetlana Sergeevna von der fuenfzigjaehrigen Maria Fjodorowna beschuetzt, der Leiterin der Konstruktionsabteilung, die ein schweres Frauenschicksal hinter sich hatte.
– Guten Tag, Wassilij Ignatjewitsch, – begruesste Svetlana den Waechter, der in seinem Glasverschlag Zeitung las.
Wassilij Ignatjewitsch legte die Zeitung wuerdevoll beiseite und schob die Brille von der Stirn auf die Augen.
– Svetlana, kche, kche, du kommst aber reichlich spaet zum Dienst.
– Ich habe Urlaub, Wassilij Ignatjewitsch.
– Wenn du Urlaub hast, dann ist das etwas anderes.
Svetlana oeffnete die Handtasche, um ihren Ausweis herauszuholen. Der Waechter fuchtelte mit den Haenden, als er ihre Absicht bemerkte.
– Geh schon, geh schon. Wozu brauche ich deinen Ausweis. Als ob ich dich nicht kennen wuerde.
Svetlana ging durch das Drehkreuz, und der Waechter vertiefte sich nach dem Absetzen der Brille wieder in seine Zeitung.
Als sie aus dem Fahrstuhl stieg, traf Svetlana Nase an Nase auf ihre Chefin, die fuer draussen angezogen war und eine grosse, schwere Tasche trug.
– Senzowa! – wunderte sich die Chefin, – Was machst du hier? Du hast doch Urlaub.
– Guten Tag, Maria Fjodorowna.
– Na, guten Tag. Also, was fuehrt dich ins Institut?
– Galina Ritz hat angerufen. Sie hat meine Zeichnungen geprueft und festgestellt, dass ich fuer den Senkkasten von Objekt 72-20 die falsche Betonmarke eingetragen habe.
– Galja Ritz, sagst du, – schmunzelte die Chefin, – na, na. Konnte sie denn nicht zu mir kommen, musste sie dich unbedingt durch die halbe Stadt jagen?
Svetlana begriff, dass sie Galina unabsichtlich in Verlegenheit gebracht hatte.
– Oh, wissen Sie, Maria Fjodorowna, – begann Svetlana schnell zu reden, – ich wollte sowieso kommen. Ich muss...
Svetlana stockte, da sie auf die Schnelle keinen Grund fuer ihr Kommen erfinden konnte.
– Ins Gewerkschaftskomitee gehen, – half ihr Maria Fjodorowna aus.
– Ja, – freute sich Svetlana, – ins Gewerkschaftskomitee gehen.
– Du bist ein Gottesmensch, Sveta, – seufzte die Chefin, – man schlaegt dich auf die rechte Wange, und du bist bestrebt, auch noch die linke hinzuhalten.
Svetlana Sergeevna erroetete. Das war die reine Wahrheit, wenn auch etwas exotisch ausgedrueckt fuer eine Kommunistin mit zwanzigjaehriger Parteizugehoerigkeit.
Die Fahrstuhltueren oeffneten sich mit einem Quietschen. Der Architekt Gena Milman trat aus der Kabine. Er gruesste die Damen mit einem Nicken und schritt laessig den Korridor entlang.
– Halte den Lift auf, – befahl Maria Fjodorowna.
Svetlana blockierte den Sensor mit ihrer Handtasche. Die Chefin betrat den Fahrstuhl und drueckte den Knopf fuer das Erdgeschoss.
– Ich fahre auf Dienstreise. Sag der Ritz, dass ich sie am Montag sprechen werde. Eigentlich, – die Chefin winkte mit der freien Hand ab, – wirst du es ihr sowieso nicht ausrichten, weil sie dir ja leidtut.
Svetlana schuettelte den Kopf von einer Seite zur anderen und nickte dann, was bedeutete: Nein, ich werde es nicht ausrichten, sie tut mir leid.
– Geh uebrigens ins Gewerkschaftskomitee, dort werden Lebensmittelpakete verteilt. Das ist alles. Lass mich jetzt fahren.
Svetlana nahm die Tasche weg. Die Tuer schlug zu. Die Chefin war weg. Svetlana atmete erleichtert auf.
Sie regelte die Angelegenheit mit der Betonmarke schnell, schaute fuer eine halbe Stunde in der Sanitaerabteilung bei ihrer besten Freundin Aljona vorbei und geriet zufaellig in ein Jubilaeum bei den Architekten. Gegen drei Uhr, als sie bereits gehen wollte, erinnerte sich Svetlana an die Lebensmittelpakete im Gewerkschaftskomitee.


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