Tag der Vierte. 1
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Die Sekretaerin Walja, eine korpulente, weissgesichtige Blondine mit einem eingefleischten Ausdruck veraechtlichen Misstrauens, ging ihrer bekannten Sekretaerinnenarbeit nach – sie machte sich die Naegel. Zusaetzlich warf sie einen Blick in eine modische Frauenzeitschrift, die schamhaft unter frisch getippten Befehlen verborgen war.
– Guten Tag, Walja, – begruesste sie Viktor, als er das kleine Vorzimmer betrat, – wie steht es um Ihre kostbare Gesundheit?
Walja schuettelte die Hand, um den frischen fliederfarbenen Lack auf den langen Naegeln zu trocknen. Das konnte bedeuten: Hallo, die Gesundheit ist in Ordnung. Viktor zog es vor, Waljas originellen Gruss so zu deuten.
– Ist Alexander Sergejewitsch bei sich? – fragte Viktor und fuegte schnell hinzu: – Er hat mich fuer zehn Uhr bestellt.
Walja blickte auf ihre goldenen Armbanduhren, wie sie zu versichern pflegte, und drueckte den Knopf der Wechselsprechlage.
– Alexander Sergejewitsch, Goldman ist da. Er sagt, er hat einen Termin.
Die Verbindung blieb stumm. Walja wartete mit der Wuerde einer aegyptischen Goettin. Dann war in der Sprechanlage ein unverstaendliches Glucksen zu hoeren.
– Gut, – antwortete Walja und sagte zu Viktor gewandt: – Geh hinein.
Hinter einem ausladenden Schreibtisch am Ende des grossen Arbeitszimmers sass der Generaldirektor Kusnezow, Alexander Sergejewitsch. Er kritzelte etwas auf Papierblaetter und stellte beflissen den Prozess dar, weise Entscheidungen zu treffen.
Kusnezow entstammte einer Familie von Komsomol-Fuehrern in der x-ten Generation. Schon sein Grossvater in staubiger Budjonny-Muetze hatte die Jugend in den Saebelangriff gefuehrt, sein Vater war der Anfuehrer einer Kolonne von Neuland-Enthusiasten gewesen, und Sascha Kusnezow selbst war eine Zeit lang ein Komsomol-Vorkaempfer eines mobilen Bautrupps bei der BAM gewesen.
Irgendwann verriet der letzte Komsomolze die helle Idee und wechselte in das feindliche Lager der Diener des Goldenen Kalbes. Das haette der legendaere Grossvater nicht verstanden, waere er noch am Leben. Das verstand auch sein Vater nicht, der den juengeren Kusnezow des Verrats bezichtigte. Anfangs verteidigte sich Alexander hitzig und bewies seinem Vater, dass die neue Zeit eine neue Taktik diktiere und man sich nicht ewig hinter moosigen Dogmen verstecken koenne, dann winkte er ab – im direkten und uebertragenen Sinne.
Gut die Haelfte von Kusnezows Schreibtisch nahm ein amerikanischer Personal Computer aus suedkoreanischer Montage ein – der Stolz des Generaldirektors und sein grosses Geheimnis. Viktor haette zwanzig Dollar zum offiziellen Staatskurs gegeben, um in das Gesicht des Computers zu blicken, denn der Generaldirektor beriet sich vor wichtigen Entscheidungen oft mit der amerikanischen elektronischen Kiste wie mit einem Orakel: Er drueckte Tasten, machte geheimnisvolle Passbewegungen mit der Maus.
Nachdem Goldman dem Direktor zwei Minuten Zeit gegeben hatte, die Rolle eines extrem beschaeftigten Fuehrers zu spielen, huustete er hoeflich. Kusnezow schreckte auf, blickte Goldman erstaunt an und stellte wehmuetig die Rueckkehr aus den hoeheren Sphaeren dar, in denen sein direktorialer Gedanke schwebte, zurueck auf die klaegliche Erde mit ihren klaeglichen Problemen.
– Komm rein, Goldman, – Kusnezow deutete auf einen Stuhl an der Ecke des grossen „T“ aus Schreibtischen, – setz dich.
Und wieder vertiefte er sich in das Kritzeln von Papieren. Die naechsten zwei Minuten vergingen in Grabesstille, die nur vom Scharren des goldenen Parkers unterbrochen wurde, der die goldenen Unterschriften des Generaldirektors vollzog. Schliesslich legte Kusnezow den Parker beiseite, verschloss seinen Tintenstachel mit der Kappe, holte ein Siegel aus der Schublade und klatschte es schmatzend auf zwei Dokumente. Im selben Moment wechselte Kusnezow die Rolle. Aus dem weisen Mann wurde ein Liberaler, ein Demokrat, ein Enthusiast, der die Massen durch sein eigenes Beispiel mitreisst. Er stand schwungvoll auf, umrundete energisch den Tisch, schuettelte dem ihm entgegenstehenden Viktor fest die Hand und klopfte ihm auf die Schulter. Ganz nach dem Motto: Kamerad, vertrau mir.
Irgendwann verriet der letzte Komsomolze die helle Idee und wechselte in das feindliche Lager der Diener des Goldenen Kalbes. Das haette der legendaere Grossvater nicht verstanden, waere er noch am Leben. Das verstand auch sein Vater nicht, der den juengeren Kusnezow des Verrats bezichtigte. Anfangs verteidigte sich Alexander hitzig und bewies seinem Vater, dass die neue Zeit eine neue Taktik diktiere und man sich nicht ewig hinter moosigen Dogmen verstecken koenne, dann winkte er ab – im direkten und uebertragenen Sinne.
Gut die Haelfte von Kusnezows Schreibtisch nahm ein amerikanischer Personal Computer aus suedkoreanischer Montage ein – der Stolz des Generaldirektors und sein grosses Geheimnis. Viktor haette zwanzig Dollar zum offiziellen Staatskurs gegeben, um in das Gesicht des Computers zu blicken, denn der Generaldirektor beriet sich vor wichtigen Entscheidungen oft mit der amerikanischen elektronischen Kiste wie mit einem Orakel: Er drueckte Tasten, machte geheimnisvolle Passbewegungen mit der Maus.
Nachdem Goldman dem Direktor zwei Minuten Zeit gegeben hatte, die Rolle eines extrem beschaeftigten Fuehrers zu spielen, huustete er hoeflich. Kusnezow schreckte auf, blickte Goldman erstaunt an und stellte wehmuetig die Rueckkehr aus den hoeheren Sphaeren dar, in denen sein direktorialer Gedanke schwebte, zurueck auf die klaegliche Erde mit ihren klaeglichen Problemen.
– Komm rein, Goldman, – Kusnezow deutete auf einen Stuhl an der Ecke des grossen „T“ aus Schreibtischen, – setz dich.
Und wieder vertiefte er sich in das Kritzeln von Papieren. Die naechsten zwei Minuten vergingen in Grabesstille, die nur vom Scharren des goldenen Parkers unterbrochen wurde, der die goldenen Unterschriften des Generaldirektors vollzog. Schliesslich legte Kusnezow den Parker beiseite, verschloss seinen Tintenstachel mit der Kappe, holte ein Siegel aus der Schublade und klatschte es schmatzend auf zwei Dokumente. Im selben Moment wechselte Kusnezow die Rolle. Aus dem weisen Mann wurde ein Liberaler, ein Demokrat, ein Enthusiast, der die Massen durch sein eigenes Beispiel mitreisst. Er stand schwungvoll auf, umrundete energisch den Tisch, schuettelte dem ihm entgegenstehenden Viktor fest die Hand und klopfte ihm auf die Schulter. Ganz nach dem Motto: Kamerad, vertrau mir.
– Wie geht es der Familie, wie den Kindern? – erkundigte sich Kusnezow, waehrend er sich gegenueber niederliess.
– Danke, Alexander Sergejewitsch. Alles bestens. Die aeltere Tochter kommt dieses Jahr in die Schule, und die juengere…
– Wie geht es Antonina Filippowna? – unterbrach ihn Kusnezow.
„Warum erwaehnt er ausgerechnet die Schwiegermutter“, – wunderte sich Viktor ueber die Frage des Direktors, – „moege ihm die Zunge abfaulen.“
– Ich versuche, friedlich zu koexistieren, – seufzte Viktor. – Um ehrlich zu sein, gelingt es nicht besonders gut.
– Ja, – stimmte Kusnezow zu, – es ist schwer, mit den Eltern unter einem Dach zu leben, erst recht, wenn es die Eltern der Frau sind. Gut, – der Direktor klopfte leicht mit der Handflaeche auf den Tisch, als wolle er einen Strich unter die unnoetige Praeambel ziehen, – wie steht es mit der Produktion? Wie viele Objekte hast du, vier?
– Vier.
Viktor berichtete kurz und etwas verschoenert ueber den Stand der Dinge auf den ihm anvertrauten Objekten, schalt pflichtbewusst ein wenig auf die Materialbeschaffung und wurde, als er gerade zur Zielgeraden der Entwicklungsperspektiven ansetzte, vom Direktor gestoppt:
– Genug, Viktor. Das ist klar, – Kusnezow rieb sich mit den Fingerspitzen die Schlaefen. – Es wird Zeit, dass du dich in unsere Angelegenheiten einarbeitest.
In den zwei Jahren bei „Rostok“ hatte Viktor genug erfahren, um absolut keinen Wunsch zu haben, sich in deren Angelegenheiten einzuarbeiten.
– Belezki verlaesst uns. Du wirst seinen Platz einnehmen. Deine Aufgabe wird es sein, den „Stroitekh“ mit Waren zu fuellen, und im Sommer eroeffnen wir einen zweiten Laden, in dem wir der Bevoelkerung nicht nur Sanitaertechnik wie im „Stroitekh“ anbieten, sondern alles fuer die Renovierung. Ueberleg dir uebrigens einen Namen fuer das neue Geschaeft.
Einarbeiten wollte er sich nicht. Andererseits wurde das Leben mit der Schwiegermutter unertraeglich. Die Befoerderung bot die Perspektive, eine eigene Wohnung zu erwerben. Von etwas Grossem kann man immer ein Kleines abzwacken. Wenn man nicht gierig ist und vorsichtig vorgeht, kann man sich in zwei, drei Jahren genug fuer eine Genossenschaftswohnung zusammenstibitzen. Es hiess also – zustimmen, aber nicht sofort, sondern indem man Besorgnis um die gemeinsame Sache heuchelt.
– Hm, hm, Alexander Sergejewitsch, – Goldman wollte aufstehen, ueberlegte es sich aber anders, – das Angebot ist schmeichelhaft, keine Frage, aber ich bin Techniker und habe mich nie mit Handel befasst.
– Macht nichts, du wirst es schaffen, und wir werden helfen, – sagte Kusnezow mit tiefer Ueberzeugung von der Richtigkeit seiner Personalpolitik, – du hast es ja schliesslich auch mit der Sache mit den Kandinskij-Zeichnungen hingekriegt.
„Woher weiss er das bloss!“. Viktor erroetete. Von dem Gefuehl, dass er erroetete, wurde Viktor noch roter.
Der Direktor stand auf und ging im Arbeitszimmer auf und ab.
– Merk dir das fuer die Zukunft, Viktor, – Kusnezow setzte sich wieder an seinen Platz, – wenn du waehrend der Arbeitszeit Schwarzgeschaefte machst, musst du der Leitung die Haelfte des Einkommens schicken.
„Die Haelfte! Das kannst du dir abschminken.“
– Gut, Alexander Sergejewitsch, ich werde mir das fuer die Zukunft merken. Was Kandinskij betrifft…
– Schwamm drueber. Also, Viktor, nimmst du mein Angebot an?
– Ja, Alexander Sergejewitsch, – sagte Goldman leise, aber bestimmt, – ich nehme Ihr Angebot an.
– Gut so. Ab Montag uebernimmst du die Geschaefte von Belezki. Er verspricht, dich in drei Tagen in alles einzuweihen. Morgen uebergibst du deine Objekte an Petrenko und Sidorow. Sie sind informiert.
– Alexander Sergejewitsch, ich wuerde gern die Wohnung von Senzowa zu Ende fuehren.
– Wie viel, – der Direktor verzog das Gesicht, – wie viel Zeit brauchst du dafuer?
– Wenn ich die Arbeit am Wochenende organisiere, bin ich bis Montag fertig.
– Gut so. Arbeite, wenn du garantierst, dass du bis Montag fertig bist.
Viktor stand auf, in der Annahme, die Audienz sei beendet.
– Setz dich, Viktor, – sagte Kusnezow, – das ist noch nicht alles.
Goldman setzte sich.
– Weisst du, was ein „Dach“ ist? – fragte Kusnezow nach einer einminuetigen Stille.
Viktor wusste, was ein Dach war, aber er spuerte, dass es in dieser Frage besser war, Unwissenheit vorzutaeuschen.
– Natuerlich, ich bin schliesslich Bauingenieur. Ein Dach – das sind die tragenden Dachkonstruktionen und die Deckung.
– Es gibt eine andere Bedeutung fuer dieses Wort, – der Direktor laechelte ueber die Naivitaet des Bauleiters. – Ein „Dach“ – das ist eine Organisation, die Schutz vor anderen Organisationen bietet.
Viktor zog die Brauen hoch und zeigte hoechstes Interesse, waehrend Kusnezow seine Lektion fortsetzte:
– Der Prozess selbst nennt sich „Dach-Gewaehrung“. Bei ihrer Arbeit nutzt das „Dach“ alle ihr zur Verfuegung stehenden Mittel, manchmal nicht ganz legale, aber immer effektive. Unser „Dach“ traegt den Codenamen Kooperativ „Sorja“. Jeden Monat am zehnten bringen wir dem „Dach“ einen Teil unseres Gewinns. Zwar gab es in letzter Zeit bei uns… – Kusnezow stockte und suchte nach dem richtigen Wort, – sagen wir mal – Schwierigkeiten in der Frage des abzufuehrenden Gewinnanteils, aber in naechster Zeit werden wir das klaren.
Kusnezow schwieg, als sammle er seine Gedanken.
– Also, – fuhr er fort, – wir kommen zum Wichtigsten: Warum ich dir das alles erzaehle. Normalerweise hat Pawlow, unser Hauptbuchhalter, den Tribut weggebracht, aber er ist erkrankt…
Das stimmte nicht. Inoffiziellen Geruechten zufolge war der Hauptbuchhalter Pawlow vom „Dach“ schwer zusammengeschlagen worden, um den Generaldirektor Kusnezow zur Erhoehung des Tributs zu bewegen.
– Ich bitte dich, Viktor, zum Kooperativ „Sorja“ zu fahren und Bogomolow, dem Direktor des Kooperativs, einen Umschlag zu uebergeben. Mein Wolga steht im Hof. Der Fahrer weiss, wohin er fahren muss.
„Wie er das gedreht hat“, – wunderte sich Viktor ueber die Faehigkeit des Direktors, einen Mitarbeiter zu motivieren, – „zuerst ein Fass Honig und dann ein Loeffel Sch-eisse. Und man kann nicht ablehnen. Man ist ja jetzt eine Vertrauensperson.“
– Und wenn ich nach dem Besuch bei „Sorja“ auch krank werde, so wie Pawlow?
– Hab kein Sch-iss, Viktor Karlovitsch, ich schicke dich ja nicht hinter die feindlichen Linien der Faschisten. Der Verhandlungsprozess ist bereits geritzt. Ich habe schon jemanden eingeschaltet, so dass ein Kompromiss mit dem „Dach“ gefunden wird.
Waherend er dies sagte, stand Kusnezow auf, ging zu dem grauen Tresor, der in der „roten Ecke“ unter dem Portraet Gorbatschows stand, oeffnete die Tuer und holte einen Umschlag aus festem grauem Papier hervor.
– Fahr sofort los. Sie erwarten dich um zwoelf, – Kusnezow reichte Viktor den Umschlag, – bis du ankommst, wird es genau passen.
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226011801166