Tag der Vierte. 2
Draussen ging der unbestaendige Aprilfruehling schlagartig in einen matschigen Winter ueber, als haette jemand Allmaechtiges die Zeiger der Leningrader Uhren auf Mitte oder sogar Anfang Maerz zurueckgestellt. Ploetzlich blies ein kalter Wind von der eisigen Ostsee her, dunkle Wolken zogen den Himmel zu. Ein feiner Regen setzte ein, in dessen schraege Faeden sich graue Straehnen von ungebetenem Schnee flochten. Viktor warf sich den Regenmantel ueber den Kopf, presste den grauen Umschlag an die Brust und rannte zum Auto des Direktors. Die Beifahrertuer oeffnete sich, Viktor fiel in den Salon. Der Fahrer Schenja blickte missbilligend auf Viktors nassen Mantel, schuettelte den Kopf, sagte aber nichts.
– Guten Tag, – brachte Viktor hervor, noch ausser Atem, – Alexander Sergejewitsch, – er atmete tief ein, um wieder zu Atem zu kommen, – hat gesagt, dass Sie mich zum Kooperativ „Sorja“ bringen sollen.
Schenja nickte, liess den Motor an und fuhr sofort los. Als Schenja den Wagen anhielt, hatte der Regen bereits aufgehoert, aber der Himmel blieb wie geschwollen.
Das Buero des Kooperativs „Sorja“ – ein Gebaeude von unscheinbarer Architektur aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts, als Piter stuermisch wuchs – glich in jeder Hinsicht einer kleinen Festung. Vergitterte Fenster, ein gusseiserner Zaun und hinter dem Zaun zwei Wachmaenner in nassen Armee-Regenumhaengen. Aber nicht solche wie in den sowjetischen Einrichtungen: unschuldige Laemmer von Grossmuetterchen oder vom Kasernenschimmel zerfressene Greise – sondern junge Maenner mit fliehender Stirn.
Viktor, der im Auto sass, sah sowohl das abgenutzte Herrenhaus etwas tiefer im Hof als auch das Gitter und die vergitterten Waechter sehr gut. Er hatte keine Lust, dort hineinzugehen, aber wer A sagt, muss auch B sagen… Er seufzte schwer und oeffnete die Tuer.
Die Wachmaenner hatten das Auto, das am gegenueberliegenden Buergersteig angehalten hatte, von Anfang an fixiert, und als sie den Mann auf sich zukommen sahen, spannten sie sich irgendwie an. Worin sich das aeusserte, haette Viktor nicht erklaeren koennen, er spuerte einfach, dass die Waechter wachsam wurden.
– Guten Tag, – wandte sich Viktor an den rechten Wachmann, der an der Pforte stand, – ich komme vom Kleinunternehmen „Rostok“. Ich habe um zwoelf Uhr einen Termin mit dem Direktor des Kooperativs „Sorja“, Bogomolow Wassilij Wassiljewitsch. Bin ich hier richtig?
Der rechte Wachmann blickte fragend zum linken. Offenbar war dieser der Anfuehrer in ihrem Trupp. Der linke Wachmann nickte kaum merklich.
– Treten Sie ein, – sagte der rechte Waechter und oeffnete Viktor die quietschende Pforte.
Das Buero von „Sorja“ war ein seltsamer Ort in dem Sinne, dass es keinerlei Anzeichen eines Bueros trug. Es gab keine wartenden Kunden, keine herumwuselnden Mitarbeiter, es roch nicht einmal nach der geschaeftigen Atmosphaere eines Unternehmens in staatlichem oder privatem Besitz. Eine geraeumige leere Halle, eine breite Treppe, die zum Balkon des zweiten Stocks fuehrte, rechts und links Tueren zu irgendwelchen Raeumen. Auf dem Fensterbrett des fernen Fensters sass ein junger Mann, bekleidet mit einem Trainingsanzug der Firma Adidas aus tuerkischer Produktion. Seinen Kopf bedeckte eine Schirmmuetze, die nicht zum sportlichen Stil von Adidas passte.
Der junge Mann sprang leichtf;;ig vom hohen Fensterbrett, drueckte die Zigarette in einer Konservendose aus und ging mit schlenkerndem Gang auf Viktor zu, der unentschlossen mit dem Umschlag in den Haenden an der Treppe erstarrt war.
– Guten Tag, – Viktor wollte das Gesagte dem finsteren Waechter gegenueber wiederholen, – ich komme von…
– Meine Empfehlung, – der junge Mann beruehrte mit den Fingerspitzen den scharfen Schirm seiner Muetze und machte ploetzlich einen pl;tzlichen Ausfall in Richtung von Viktors Genitalien.
– Oh! – Goldman schuetzte reflexartig seine Eier mit den Haenden.
Beim Zurueckweichen stolperte er ueber eine Stufe, begann auf den Ruecken zu fallen, fuchtelte mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten, und schlug bei dieser Bewegung schmerzhaft mit der Handkante gegen das Gelaender. Das Gelaender bremste den Sturz ab, und Viktor liess sich sanft auf die dritte Stufe sinken.
Der junge Mann beobachtete mit bleckendem Goldzahnmund neugierig Viktors Metamorphosen. Und als dieser sich auf die Stufe setzte, streckte der junge Mann Viktor die Hand entgegen, wahrscheinlich um einen neuen Streich vorzubereiten.
– Schtyr! – erscholl ein gebieterischer Ruf.
Das Gesicht des jungen Mannes nahm augenblicklich einen unterwuerfigen Ausdruck an.
– Was hab ich denn getan, – er hob die Schultern in einer Geste des Erstaunens, streckte Viktor die offenen Handflaechen entgegen und drehte den Kopf weg, wobei er seine voellige Teilnahmslosigkeit gegenueber dem mit Viktor geschehenen Missgeschick zur Schau stellte, – ich hab gar nichts gemacht, er ist von selbst gefallen.
– Halt’s Maul!
Viktor blickte in Richtung der Stimme. In der Tuer eines der Zimmer stand ein staemmiger, kahlkoepfiger Mann mit toten Augen. Irgendwie kam er Viktor wie der Buergerkriegsheld Bluecher vor, den Stalins Falken aus dem Flugzeug geworfen hatten.
„Wenn man ihm den stilvollen Anzug auszieht, den er nicht zu tragen versteht“, – schoss es Viktor durch den Kopf, – „ihm eine Feldbluse mit Orden anlegt, ihn mit einem Riemen umguertet, ihm Reithosen und Chromlederstiefel verpasst – dann ist er das Ebenbild von Bluecher.“
Schtyr schien ueber den ungerechten Verweis beleidigt zu sein.
– Hoer mal, Swe...
– Halt’s Maul, hab ich gesagt! – br;llte Bluecher im Armani-Anzug.
Schtyr zuckte mit den Schultern, steckte die Haende in die Taschen seiner Adidas-Hose und ging zum Fensterbrett. Wahrscheinlich war das sein Posten.
– Kommst du von Schurik? – fragte der kahle Bluecher Viktor.
Goldman erriet, dass die Rede von Alexander Sergejewitsch Kusnezow war.
– Ja.
– Komm rein.
Das Vorzimmer war ziemlich gross. An einem Schreibtisch am Fenster sass ein duerres Maedchen – erschreckt wie eine Maus, die in die Pfoten einer Katze geraten war. „Wie bin ich nur hier gelandet“, sagte ihr trauriger Blick, „und wie konnte mir das nur passieren.“
Vom Vorzimmer fuehrten zwei Tueren in die Bueros. Ueber der einen Tuer hing ein Schild: „Stv. Direktor. Schtyr Gennadij Maximowitsch“. Das Schild ueberraschte Viktor. Er war sicher gewesen, dass Schtyr ein krimineller Spitzname war und dass Schtyrs Position nicht hoeher als die eines Laufburschen war. Das Schild ueber der anderen Tuer besagte: „Direktor. Bogomolow Wassilij Wassiljewitsch“. Die Tuer zu Bogomolows Buero stand offen.
In der „roten Ecke“ lebte eine alte Ikone. Die Mutter Gottes neigte das Haupt zu dem Kind, das mit einem himmlischen Heiligenschein gezeichnet war. Unter der Ikone lag ein altes aufgeschlagenes Buch, moeglicherweise das Hauptbuch der Christenheit. Es wurde von den Seiten her von Kerzen in einfachen silbernen Leuchtern bewacht. Einen Schreibtisch, an dem der Herr von „Sorja“ haette arbeiten koennen, gab es nicht, dafuer breitete sich neben der roten Ecke gemuetlich eine Garnitur aus drei blauen Sesseln, einem niedrigen Glastisch und einem Sofa aus durch die Zeit dunklem Leder aus. Auf der anderen Seite der roten Ecke standen drei Buecherregale in einer Reihe, zur Haelfte mit Buechern gefuellt und zur anderen Haelfte mit allerlei Krimskrams wie einer Herde Elefanten oder Meeresschnecken vollgestopft. Die Wandflaechen zwischen den drei Fenstern zierten Waffen: Saebel, Dolche und alte Jagdgewehre. Den komplexen Innenraum vervollstaendigte ein bronzener Kronleuchter, der von der Stuckdecke herabhing. Einst hatte der Kronleuchter bessere Zeiten gekannt. Seine Schnoerkel hatten spielerisch im Kerzenlicht geglaenzt, nun war er ermattet, gruenlich angelaufen und mit jahrhundertealtem Staub bedeckt, vermischt mit dem Dreck von Generationen sowjetischer Fliegen. Von der Mischung der Stile und Epochen schwindelte einem vor den Augen. Bei Viktor entstand das feste Gefuehl, dass Bogomolow das Beste aus dem Gestohlenen in sein Buero geschleppt hatte. Moeglicherweise war es genau so.
Viktor ging auf die Sessel zu. Hinter seinem Ruecken schloss sich die Tuer. Bogomolow goss eine dunkle, zaehe Fluessigkeit aus einer bauchigen auslaendischen Flasche in Kristallpokale.
– Setz dich, – er deutete mit einem Kopfnicken dem herangetretenen Viktor auf den Sessel gegenueber. – Hast du es mitgebracht? – fragte er.
– Mitgebracht, – Viktor legte den Umschlag auf den Rand des Tisches.
– Nimm das Glas, – befahl Bogomolow.
Viktor haette es vorgezogen, nicht zu trinken, besonders an einem solchen Ort und in einer solchen Gesellschaft, aber er konnte dem Druck des Banditen ebenso wenig widerstehen wie ein Kaninchen dem Anspruch einer Boa Constrictor.
– Wie heisst du? – fragte Bogomolow und hob sein Glas.
– Viktor Goldman.
– Jude oder was?
– Wieso Jude, – Viktor war beleidigt, – Deutscher bin ich.
– Ist mir doch sch-eiss-egal. Auf das Kennenlernen.
Bogomolow goss den Cognac langsam in die Kehle. Viktor nahm einen Schluck und merkte sich, dass der Cognac hervorragend war. Bogomolow stellte das leere Glas auf den Tisch.
– Was nippst du daran wie eine Jungfer bei der Hochzeit ihrer Freundin, – sagte er und starrte Viktor an, – trink aus auf russische Art, bis zum Grund.
Viktor trank aus. Bogomolow oeffnete ein auf dem Tisch stehendes Holzkistchen, nahm eine Zigarre heraus und zuendete sie mit einem langen Streichholz an.
– Wie viel ist drin? – Bogomolow lehnte sich mit seinem massigen Koerper gegen die Rueckenlehne des Sessels.
Viktor erriet, dass der Direktor nach dem Inhalt des Umschlags fragte.
– Ich weiss es nicht, – antwortete Viktor, – ich habe nicht gefragt, Kusnezow hat es mir nicht gesagt.
– Nicht neugierig also, – Bogomolow blies einen langen Rauchstrahl zur Decke, – das ist gut. Oeffne ihn.
Viktor oeffnete den Umschlag und legte zwei Buendel Rubel und ein duennes Buendel Dollar auf den Tisch.
– Also, wie viel?
Viktor zaehlte das Geld nach.
– Achtzehntausend Rubel und eintausend Dollar.
– So! – Bogomolow erhob sich ruckartig. Viktor konnte nicht feststellen, wie er das gemacht hatte. Eben sass er noch entspannt im Sessel, und nun stand er schon da und ragte ueber Viktor auf. – So, – wiederholte Bogomolow mit Drohung in der Stimme, – Schurik hat also einen Sch-eiss-Dreck vom Wink verstanden. Na gut, wir werden anders reden.
– Alexander Sergejewitsch hat mir gesagt, – setzte sich Viktor fuer seinen Direktor ein, – dass unsere Schwierigkeiten in den naechsten zwei bis drei Tagen geloest werden.
Bogomolow starrte Viktor mit einem langen, kalten Blick in die Augen. Bei diesem Blick fror das Herz ein, und der Cognac im Magen hoerte auf, das Gehirn mit Alkoholdampf zu speisen. Die Gedanken wurden helltoenend, extrem klar.
„Dieser Unhold ist faehig, den Dolch von der Wand zu nehmen und mich wie einen Hammel abzustechen. Allein schafft er es nicht, er wird Schtyr rufen. Zu zweit werden sie mich sicher umlegen. Da hast du deinen neuen Posten, Viktor Karlovitsch.“
– Wer bist du ueberhaupt?
– Ich bin, – Viktor raeusperte sich, als er begriff, dass es keine sofortige Hinrichtung geben wuerde, – der stellvertretende Direktor fuer Handel.
– Fuer Handel, – echote Bogomolow.
Er ging zur roten Ecke, wo er begann, in dem alten Buch zu lesen und unverstaendlich etwas vor sich hin zu murmeln. Dabei rauchte er. Das Gebet, falls es ein Gebet war, dauerte ziemlich lange. Viktor erstarrte im Sessel und bemuehte sich, weder durch einen Laut noch durch eine zufaellige Geste den zerbrechlichen Waffenstillstand in der Seele des Unholds zu stoeren. Schliesslich sprach Bogomolow dreimal: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Und bekreuzigte sich dreimal. Es schien, als haette das Gebet Bogomolow etwas beruhigt. Jedenfalls erschreckte er Viktor nicht mehr mit seinem leeren Blick.
– Na, erzaehl mal, – befahl Bogomolow und liess sich im Sessel nieder.
– Worueber? – Viktor spannte sich ganz an.
– Ueber den Handel, worueber denn sonst.
– Eigentlich, – sagte Viktor verlegen, – bin ich erst seit heute Morgen Vize fuer Handel, und gestern habe ich noch als Bauleiter gearbeitet.
Es war unklar warum, aber dieser Umstand belustigte Bogomolow.
– Mensch, dieser Schurik, was fuer ein Typ, – wieherte er heiser. – Sojka! – ploetzlich bruellte Bogomolow so laut, dass die Anhaenger am Kronleuchter klaeglich klirrten.
In der Tuer erschien das erschrockene Maedchen.
– Also pass auf, mir das Uebliche, und dem Gast, – Bogomolow drehte sich mit dem ganzen Koerper zu Viktor, wolfsartig, – was willst du, Tee oder Kaffee?
– Kaffee, wenn es geht.
– Und dem Gast Kaffee. Und mach schnell. Zack-zack!
Das Maedchen zuckte zusammen.
– Erzaehl, was du dort so treibst.
Viktor spuerte, dass Bogomolow keinen Produktionsbericht brauchte, wie er ihn heute Morgen Kusnezow gegeben hatte. Er begann, verschiedene lustige Geschichten zu erzaehlen, die auf seinen Objekten mit Kunden und Arbeitern passiert waren. Bogomolow lachte und warf gelegentlich kurze Bemerkungen ein wie „Loch“, „Pidor“ oder „Flittchen“.
Die Sekretaerin rollte einen Glastisch auf Raedern ins Buero. Sie kam naeher und begann, die Getraenke vom Servierwagen auf den Tisch umzustellen. Vor Bogomolow stellte sie eine grosse Tasse, die bis zum Rand mit einer dicken schwarzen Fluessigkeit mit dem stechenden Geruch von billigem Tee gefuellt war. Vor Viktor stellte sie eine Tasse Kaffee und eine Zuckerdose. Bogomolow klatschte der Sekretaerin nachlaessig auf den hageren Hintern.
– Willst du sie flachlegen?
Das Maedchen warf Viktor einen Blick zu, der um Gnade flehte. Viktor selbst war nicht weniger erschrocken.
– Nein. Ich trinke lieber einen Cognac.
– Na, wie du meinst, – schmunzelte Bogomolow, – ich biete Sojka nicht jedem an.
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226011801236