Tag der Fuenfte. 1

Tag der Fuenfte (Freitag).


1


Aufzuege mochte Ljocha nicht. Der Aufzug, in seinem philosophischen Verstaendnis – ein stehender Sarg, der knarrend und schwankend einen emporhob oder hinabstuerzte – war fuer Ljocha ein aeusserst unerwuenschter Ort. Der Aufzug erwiderte diese Abneigung voll und ganz. Er nahm Ljocha oft in zwischenetageale Gefangenschaft, lieferte ihn nicht an der angegebenen Adresse ab und zeigte auch sonst in jeder Hinsicht sein Missfallen. Gegenueber den anderen Bewohnern des Hauses verhielt sich der Aufzug tolerant, und den Jugendlichen war er wohlgesonnen, indem er ihnen erlaubte, das Innere mit Inschriften und Zeichnungen erotischen Inhalts zu verzieren.
Die Tueren des Aufzugs oeffneten sich, und Ljocha trat auf den Treppenabsatz im ersten Stock. Diesmal war es noch einmal gut gegangen. Und sofort kehrten die aufdringlichen Gedanken an die baldige Hochzeit in seinen Kopf zurueck, und wie viel ihn dieses zweifelhafte Fest kosten wuerde, das, wie Ljussja mit zusammengekniffenen Lippen sagt, nur einmal im Leben vorkommt. Durch diese Gedanken drang Ljussjas Ruf nicht sofort durch.
– Ljoscha!
Ljussja stand auf dem Balkon.
– Ljoscha! – rief sie noch einmal, – ich rufe dich schon ewig, und du hoerst nicht.
– Was ist denn?
– Dein Chef ruft an.
– Was zum Teufel will er. Guten Tag, – gruesste Ljocha eine Nachbarin, die aus dem Hauseingang trat.
– Woher soll ich das wissen! – schrie Ljussja.
– Ist etwas passiert, Aleksej? – erkundigte sich die neugierige alte Frau, die die Geburt eines sensationellen Tratsches ahnte.
– Nichts, – brummte Ljocha als Antwort, und seiner Braut rief er zu: – Ich komme gleich hoch, er soll in der Leitung warten.
Aleksej riskierte es nicht mit dem Aufzug, rannte in den fuenften Stock hinauf und kam dabei ein wenig ausser Atem. Ljussja erwartete ihn im Flur mit dem bereitgehaltenen Telefonhoerer. Aleksej nahm ihr den Hoerer ab è holte zweimal tief Luft.
– Hallo.
– Aleksej, – das war Karlovitsch, – pass auf, am Wochenende muessen bei Senzowa die Sanitaeranlagen installiert werden.
– Eigentlich wollte ich mit Grischa zum Angeln fahren.
– Im April? – wunderte sich Goldman.
– Na und, – antwortete Ljocha trotzig.
– Na gut, Schwamm drueber. Doppelter Tarif plus Praemie.
– Das ist ein anderes Gespraech. Abgemacht.
– Morgen um sieben fangen wir an.
– Warum so frueh? – fragte Aleksej. – Und wie willst du uns rechtzeitig das Werkzeug bringen?
– Am Samstag und Sonntag muss die Arbeit komplett abgeschlossen sein. Und transportiert werden muss gar nichts, am Objekt wird die Ausruestung von Borschewitschs Brigade sein.
„Diese Chefs sind so hohl“, dachte Aleksej, aber in den Hoerer sagte er:
– Karlovitsch, wie stellst du dir das vor: Sollen wir uns zu viert mit einem Satz Werkzeug gegenseitig im Weg stehen?
– Ich stelle mir das so vor: Sapara, Borschewitschs Partner, ist krank, und Iwanow, dein Partner, wird morgen nicht arbeiten. Im Ergebnis sind es zwei Leute fuer einen Satz Werkzeug.
– Was, ohne Grischa?
„Das ist wegen der Hausherrin. Ganz sicher hat Karlovitsch ein Auge auf sie geworfen. Und sie macht Grischa schoene Augen. Na ja, er ist ja ein stattlicher Kerl, fast ein Junggeselle.“
Aleksej war es angenehm, dass sich seine Vermutung ueber das Liebesdreieck vollauf bestaetigte, gleichzeitig beunruhigte ihn ein moeglicher Verrat.
– Ohne Iwanow, – sagte Goldman fest, wie abgeschnitten.
– Wie soll ich ihm das sagen? – Aleksej war ratlos.
Die daneben stehende Ljussja machte grosse Augen. Sie oeffnete den Mund, fest entschlossen, sich in das Gespraech einzumischen. Ljoscha hob warnend die Hand. Ljussja unterdrueckte den Impuls und schloss den Mund.
– Hoer zu, Aleksej, – in Karlovitschs Stimme schwang Ironie mit, – soll mich das etwa jucken?
Aleksej nahm den Hoerer vom Ohr. Der Ton des Bauleiters missfiel ihm so sehr, dass er ihn am liebsten zum Teufel gejagt haette. Er blickte auf seine schwangere Frau, erinnerte sich an die baldige Hochzeit, an den doppelten Tarif und die Praemien, und drueckte den Hoerer wieder ans Ohr.
– Hallo, hallo! – rief Karlovitsch aufgeregt.
– Hallo, – antwortete Ljocha.
– Wo bist du geblieben?
– Ich bin ja hier, hier.
– Na, was ist nun?
– Abgemacht, Karlovitsch, morgen um sieben. Ist das alles?
– Alles. Bis morgen.
– Bis morgen.
Aleksej legte den Hoerer vorsichtig auf die Gabel. Er klingelte leise.
– Was ist passiert, Ljoscha? – fragte die von Neugier zerfressene Ljussja.
– Morgen muss ich arbeiten, – seufzte Ljoscha.
– Aber was ist mit…
– Doppelter Tarif plus Praemie.
– Wie hoch ist die Praemie?
„Diese Frauen!“, wunderte sich Aleksej ueber den praktischen Griff seiner Braut.
– Ich weiss es nicht.
– Verlang noch mal so viel.
– Praemien, – laechelte Ljoscha, – sind eben dazu da, um Praemien zu sein…
– Ich haette ja nachgefragt, – liess Ljussja nicht locker, – fragen kostet schliesslich nichts.
– Gut, ich werde fragen, – sagte Ljoscha, um seine Braut zu beruhigen. – Ein anderes Problem ist, dass Karlovitsch nicht will, dass Grischa morgen arbeitet.
– Ach, was fuer ein Problem, – kicherte Ljussja, – wer ist er schon fuer dich – ein Fremder.
– Wie soll ich es ihm sagen?
– Sag es ihm einfach: Morgen gehe ich nicht zum Angeln, weil du, Grischa, ein Mistkerl und Schlaeger bist.
– Sei still! – herrschte Aleksej seine Braut an.
Ljussja kniff die Lippen zusammen. Sie streichelte ihren hervorstehenden Bauch, als suchte sie Schutz bei dem ungeborenen Kind.
– Schrei mich nicht an, du weckst Mutter auf.
Im Zimmer hinter der geschlossenen Tuer hoerte man das Quietschen der Sofafedern und ein Keuchen, als haette die Mutter nur auf die Erwaehnung gewartet, um nach Herzenslust zu quietschen und zu keuchen.
Sie schlichen auf Zehenspitzen in die Kueche. Ljussja, die sich in einen warmen Bademantel huellte, schloss die Balkontuer, die sie in der Eile vergessen hatte.
– Sag ihm, dass du krank geworden bist, – sagte sie fluesternd.
– Aber ich bin doch gesund, – wandte Ljoscha fluesternd ein.
– Na und?
– Ich kann doch nicht im Voraus krank werden.
– Warum nicht? Du kannst dich heute unwohl fuehlen und morgen flachliegen.
– Moege dir die Zunge abfaulen.
Ljussja war nicht beleidigt.
– Sag, dass du mit mir in den Zoo gehst.
Ljoscha schuettelte den Kopf.
– Ins Theater.
– Romeo und Julia, – spottete Ljoscha.
– Verwandte aus dem Dorf sind aufgetaucht, – sie sprudelte vor Ideen.
– Das hat gerade noch gefehlt.
– Meine Mutter hat Geburtstag.
– So ploetzlich!
– Vorbereitungen fuer die Hochzeit.
– Welche denn?
– Na, ich weiss nicht.
– Ich verspaete mich zur Arbeit, – Ljoscha ging in den Flur, oeffnete die Haustuer und trat ueber die Schwelle. – Ich werde mir im Laufe des Stuecks schon was einfallen lassen.
Genau in diesem Moment hielt der Aufzug mit einem Totengelaute quietschend an. Die Tueren glitten auseinander, und die Nachbarin Antonina Petrowna schaelte sich aus der Kabine.
„Die Antonina Petrowna hat heute aber Glueck“, – schmunzelte Aleksej innerlich, – „sie hat den Skandal in allen Phasen beobachtet. Interessant, welche fantastische Geschichte sie aus dem gesammelten Material zusammenbasteln wird.“
– Ljoscha! – rief ihn Ljussja aus dem Flur, – du hast die Tasche vergessen.
– Bring her.
Ljussja ging in die Kueche. Antonina die Tratschtante begann gemachlich, an ihrem Schloss herumzufummeln. Ljussja brachte die Tasche. Aleksej wollte seine Braut kuessen, aber sie wehrte sich.
– Ueber die Schwelle darf man nicht.
Aleksej trat ueber die Schwelle der Wohnung. In diesem Moment trat Antonina Petrowna von ihrer Wohnungstuer weg, um die Schluessel unter dem Licht der staubigen Lampe zu pruefen.
– Ljussetschka! – rief sie so froehlich aus, als haette sie ihre beste Freundin nach langer Trennung wiedergesehen, – wie fuehlen Sie sich, wie geht es Ihrer Schwangerschaft?
„Das war’s, die Sensation ist garantiert.“
– Ich bin dann mal weg, – Ljoscha kuusste seine Braut.
– Hast du den Lift gerufen?
– Ich gehe zu Fuss.
– Dann geh.
Ljoscha umging die wie ein Pfahl vor der Tuer stehende Nachbarin. Ljussja trat ebenfalls auf den Treppenabsatz, nachdem sie die Tuer hinter sich geschlossen hatte.
– Guten Tag, Antonina Petrowna, – Ljussja schlug vom ersten Akkord an, wie eine erfahrene Opernsaengerin, einen Ton an, in dem zu gleichen Teilen Honig und Gift gemischt waren, – wir sind ja noch jung. Wie fuehlen Sie sich, schmerzen die Gelenke bei dem Wetter nicht?
Beim Hinuntergehen hoerte Aleksej das Gurren der Frauen.
Den ganzen Tag ueber, was auch immer Ljocha tat: ob er Metall schnitt oder schweisste, den Zunder abschlug, schleppte, umraeumte oder andere n;tzliche Arbeitsbewegungen vollzog, dachte er darueber nach, was er Grischa sagen sollte. Durch die schweren Gedanken war seine natuerliche Froehlichkeit verwelkt, und Grigorij bemerkte es.
– Irgendwie bist du heute langweilig. Bist du etwa krank geworden?
– Ja, – mit stiller Freude griff Aleksej nach dem Hinweis, – ich fuehle mich unwohl. Ich weiss nicht, wie es morgen mit dem Angeln klappen wird.
– Mach dir keine Sorgen, Kumpel, – Grigorij klopfte Aleksej auf die Schulter, – wir gehen ein andermal.
– Das weiss man noch nicht, – sagte Aleksej und spuerte eine Schwere in seiner Seele wegen der kleinen Luege, – vielleicht bin ich morgen frueh wieder in Ordnung.
– Machen wir es so. Wenn du krank wirst, rufst du an, und wir verschieben das Angeln.
– Machen wir es anders. Wenn ich morgen frueh nicht anrufe, bedeutet das, dass ich krank geworden bin.
– Abgemacht, – laechelte ihm Grigorij zu.


Ðåöåíçèè