Tag der Sechste. 1
1
Grigorij schlief unruhig. Er befand sich in einem schrecklichen Traum. Dabei war gar nichts Schreckliches an ihm, doch sein ganzes Wesen erzitterte vor Grauen. Das Zittern entsprang in den Fersen, rollte in Wellen von den Fersen bis zum Scheitel und entwich, die Haare straeubend, in den grauen, niedrigen Himmel.
Grigorij ging auf einer gelben Sandstrasse, die als gewundenes Band eine steinige Wueste durchquerte: kein Baeumchen, kein Strauch, kein Bueschel verd;rrten Grases, nur grauer Stein und der gelbe Sand der Strasse. In der Ferne sah man eine ungeordnete Anh;ufung von spitzen Felsen. Dorthin fuehrte der Weg.
Rechts ging Maria, links schritt Svetlana, als begleiteten ihn ein dunkler Engel und ein heller Engel auf diesem schaurigen Marsch. Maria tadelte ihn wegen seines unredlichen Lebenswandels. Sie war seine entflohene Frau, sie war von betoertender Schoenheit. Das dunkle Haar fiel in einer schweren Welle auf ihre Schultern, die von einem schwarzen Schal bedeckt waren. Auf dem dunklen Hintergrund der Haare und der Kleidung wirkte Marias Bl;sse stark. Das weisse Gesicht und die Handgelenke; der tiefe Ausschnitt des locker geschnittenen Kleides gab den Blick auf die Rundungen ihres Busens und eine pulsierende blaue Ader ueber der rechten Brust frei.
Svetlana schritt schweigend dahin. Sie laechelte und nickte, sei es im Takt der Schritte oder als Zustimmung zum Tadel. Das flaumige helle Haar schwankte in der Windstille der Wueste. Manchmal, wie durch Windstoesse, schmiegte sich das leichte weisse Kleid an ihren Koerper und zeichnete Formen von Offenbarungen nach, mehr als wenn sie nackt gewesen waere. Svetlanas Schoenheit war von ganz anderer Natur als Marias Liebreiz. Svetlana war stattlicher. „Ueppiger“, wie Ljocha es ausgedrueckt haette. Ihre Figur, ihr Laecheln und ihr Gang waren erfuellt von einer solchen weiblichen Wonne, einer Verfuehrung, die sich an die tiefsten Schichten des Egos eines Maennchens wandte.
Maria verstummte. Svetlana begann ihn wegen seiner Trunksucht, wegen der Schlaegerei mit Aleksej und wegen der ungeordneten Beziehungen zu zufaelligen Frauen zu beschaemen. Maria schritt dahin, laechelte und nickte, sei es im Takt der Schritte oder als Zustimmung zu Svetlana.
Nach den Regeln der gelben Strasse durfte Grigorij sich nicht umsehen, sonst wuerde etwas Schreckliches passieren. Das leidenschaftliche Verlangen, sich umzusehen, und die wahnsinnige Angst vor der Strafe erzeugten ein Zittern, das in Wellen von den Fersen bis zum Scheitel rollte. Von hinten waren kreischendes Quietschen, dumpfes Poltern und das Klirren von Metall zu hoeren. Manchmal wurde der Hintergrund von weissem Magnesiumlicht erhellt, und dann erhielten die Wanderer auf der Strasse, die Findlinge und die kleinsten Kieselsteine der Wueste tiefe, undurchdringliche Schatten. Die Frauen, vertieft in ihre Ermahnungen, schienen das Lichtspektakel hinter den Kulissen der sichtbaren Welt gar nicht zu bemerken.
Die Anhaeufung von Felsen war spuerbar naeher ger;ckt. Darin wurde eine wilde Harmonie erkennbar, ein Gesetz, das dem menschlichen Gefuehl unerbittlich fremd war. Svetlana verstummte, und der dumme Wunsch, sich umzusehen, siegte ueber die Angst. Grigorij begann sich langsam umzudrehen, wie es in einem schlechten Traum ueblich ist, aber bevor sein Blick das Bild hinter seinem Ruecken erfassen konnte, verliess Grigorij die Strasse, die Wueste und die Begleiterinnen.
Deutlich war jemandes Atem zu hoeren, tief und mit einer leichten Heiserkeit. „Wer ist das nur? Es ist doch niemand da. Herrgott, das bin ja ich, der atmet!“. Und in diesem Moment kehrte die Seele in den Koerper zurueck.
Grigorij erwachte und oeffnete die Augen. Im Zimmer war es dunkel. Die Verdichtungen der Dunkelheit fielen auf die Moebel. Hier der Schrank als quadratischer Schatten, dort der Fernseher, der mit aschefarbenem Auge zum Fenster blickte. Das Fenster war aus spiegelnder Dunkelheit, und darin hing ein gelber Mond, umgeben von einem Dutzend weisser Sterne.
Der Traum kehrte sofort ganz zurueck, in vollem Umfang. Eine Zeit lang lag Grigorij auf dem Ruecken und ging in seinem Gedaechtnis die Details und Episoden durch, dann drehte er sich auf die Seite und schlief ein. Er schlief ruhig, ohne Traeume, und als er aufwachte, dachte er: Ljocha hat nicht angerufen, also faellt das Angeln aus.
Und der Traum, der Traum versteckte sich in einem fernen, fast unzugaenglichen Winkel des Gedaechtnisses, um nach vielen Jahren von dort hervorgeholt zu werden, damit der Besitzer des Traums sich ueber die seltsame Prophezeiung wundern konnte.
Die Wunde schmerzte – die Auszeichnung fuer Afghanistan. Grigorij stand auf und massierte die dreistrahlige Narbe an seiner linken Schulter.
In der Kueche erwartete den Grigorij, wie es in den letzten Tagen zur Gewohnheit geworden war, der Erzengel. Grigorij setzte sich ihm gegenueber, legte die Haende auf den Tisch und musterte Gabriel argwoehnisch.
– Hallo.
– Sei gegruesst, Grischa, – antwortete der fluegelbewehrte Gast, – wie hast du geschlafen, haben dich keine boesen Traeume beunruhigt?
Vor seinem inneren Auge tauchte die Vision der steinigen Wueste auf und verschwand sogleich wieder.
– Ganz normal, – brummte Grigorij.
Es bestand heute keine Notwendigkeit, sich zur Arbeit zu beeilen, und Grigorij beschloss, ein fuer alle Mal die Fronten mit diesem Kerl zu klaeren und sich moeglicherweise noch heute freiwillig in die Klapse einweisen zu lassen.
– Was willst du von mir, Erzengel Gabriel, – begann Grigorij ziemlich aggressiv die Verhaeltnisse zu klaeren. – Du kommst hier staendig an, aber du sagst nicht, mit welchem Ziel du erscheinst.
– Ich sitze die meiste Zeit nur da, – laechelte der Erzengel und fuegte, waehrend sein Gesicht einen strengen, fast traurigen Ausdruck annahm und er bedeutungsvoll mit den Vokalen droehnte, hinzu: – Ich habe einen Traum, Grigorij: aus dir einen Propheten zu machen.
– Wen bitte? – Grigorij verstand nicht recht.
– Einen Propheten, – wiederholte der Erzengel mit alltaeglicher Stimme, ohne das Droehnen. – Ein Prophet ist ein Wesen, dem die Menschen bedingungslos gehorchen. Ein Prophet ist...
– Ich hab’s begriffen, begriffen, – unterbrach ihn Grigorij, – und warum hast du bisher geschwiegen? Das haettest du schon am Montag sagen koennen.
Grigorij verstummte und erwartete erschoepfende Erklaerungen.
– Die Frucht muss von selbst reifen.
Grigorij verfinsterte das Gesicht; ihm missfiel der Vergleich mit einem Apfel oder einer Tomate. Der Erzengel aber, als er die gerunzelten Brauen sah, salbte seine Stimme mit Oel.
– Siehst du, Grigorij, alles und ueberall unterliegt Regeln. Nach den Regeln der Zwischenwelt durfte ich deinen freien Willen nicht vergewaltigen.
Iwanow wollte wegen des Wortes „vergewaltigen“ in Bezug auf seine Freiheit beleidigt sein, ueberlegte es sich aber anders.
– Und jetzt vergewaltigst du ihn etwa nicht?
– Nein, – antwortete der Erzengel fest, – du hast die Frage ohne aeusseren Druck selbst formuliert und mir damit das Recht gegeben, darauf zu antworten.
Grigorij kam in den Sinn, dass das nicht ganz stimmte. Ein gewisser Druck war durch die taeglichen Erscheinungen des Erzengels in der Kueche doch vorhanden.
– Was ist die Zwischenwelt?
– Das ist das Hier und Jetzt in seiner vereinfachtesten Form.
– Das ist mir irgendwie zu schlau.
– Nichts daran ist schlau.
Der Erzengel erschuf mit einer Handbewegung einen Aschenbecher auf dem Tisch, eine angebrochene Packung „Prima“ und Streichhoelzer.
– Rauche. Du willst doch rauchen.
– Danke.
Grigorij zuendete sich eine an. Er wunderte sich nicht einmal ueber diesen einfachen Trick.
– Nichts daran ist schlau. Es gibt Welten. Es gibt deine Welt, und es gibt meine Welt.
– Die Zwischenwelt – ist das so was wie ein Loch im Zaun zum Nachbargarten? – fragte Grigorij.
– Alle Loecher in allen Zaeunen, lieber Grigorij, – schmunzelte der Erzengel, – sind mit einer kilometerdicken Eisschicht versiegelt.
– Ich verstehe nur Bahnhof!
Der Erzengel streckte Grigorij die linke Hand entgegen und oeffnete die Faust. Auf der Handflaeche lag eine silbermatte Muenze im Wert von 25 Kopeken.
– Schau her. Die 25 – das ist deine Welt, – Gabriel drehte die Muenze um. – Hammer und Sichel, Weizenaehren im Kranz – das ist meine Welt. Obwohl sie ein Ganzes sind, koennen die 25 niemals die Schoenheit der Aehren ermessen, und die Aehren koennen sich nicht ueber die Groesse der 25 wundern. Der Unterschied zwischen unseren Welten besteht nur darin, dass wir, die Aehren, von der Existenz eurer Welt wissen, waehrend ihr, die 25, die Anwesenheit der unseren nur durch Traeume oder durch die nebelhaften Deutungen diebischer Popen ahnt.
– Na und, sch-eiss drauf, – Grigorij drueckte den Stummel im Aschenbecher aus.
– In welchem Sinne? – lachte Gabriel.
– Wie bist du hierhergekommen, – erklaerte Grigorij, – wenn es doch gar nicht geht?
– Manchmal, sehr selten, wenn man das Eis von beiden Seiten anhaucht, kann man einen schmalen Durchgang freitauen.
Die Kaelte kroch durch Unterhose und Unterhemd immer hartnaeckiger bis in Grigorijs Knochen. April. Die Heizsaison war vorbei. In einer Woche war die Wohnung ausgekuehlt.
– Ich habe an kein Eis gehaucht, scheint mir.
– Das scheint dir nur so, Grigorij. Geh und zieh dich an. Deine Zaehne klappern bereits.
Im Zimmer zog Grigorij eine warme Trainingshose an, schluepfte in einen dicken, kratzigen Pullover und zog Wollsocken ueber. Durch die Waerme fuehlte sich Grigorij wie ein Mensch, der zu grossen Taten faehig ist.
– Willst du einen Tee? – fragte er den Erzengel, als er in die Kueche zurueckkehrte.
– Ich danke dir, – Gabriel strich ueber seinen vollen, grau melierten Bart, den er sich waehrend Grigorijs Ankleiden hatte wachsen lassen.
Grigorij f;llte aus dem Hahn Wasser in ein Glas. Er trank, um die Tabakbitterkeit wegzuspuelen. Er setzte den Kessel auf das Feuer.
– Sch-eiss auf diese Welten, – Grigorij setzte sich auf seinen alten Platz, – sag mir lieber, Erzengel Gabriel, welchen Vorteil habe ich davon, ein Prophet zu werden?
– Moralischer und materieller Nutzen.
– Wie soll das gehen?
– Mit anderen Worten: Macht und Reichtum.
Grigorij betrachtete den sitzenden Erzengel skeptisch.
– Du bist zwar ein krasser Typ, aber das klingt irgendwie zweifelhaft...
Gabriel liess Grigorij den Satz nicht beenden. Der Erzengel erhob sich, breitete seine maechtigen Fluegel aus. Der Bewegung der Schwingen folgend, wichen die Waende und die Decke zurueck, und Iwanows Kueche uebertraf an Groesse den groessten Tempel der Erde. Der Erzengel erhob sich ueber den Boden und schwebte in der Hoehe eines dreistoeckigen Hauses, nicht schlechter als ein Hubschrauber. Um ihn herum blitzten Blitze von blendendem weissem Licht, Donner grollte, und er selbst bruellte wie ein Sturm.
– Wurm! Wie wagst du es zu zweifeln!
Der Wind von den Fluegelschlaegen warf den Kuechentisch um und durchdrang Grigorij mit einer kalten Glut, die ein Zittern im ganzen Koerper ausloeste. Unpassend und ungelegen erinnerte sich Grigorij an den Oberfeldwebel Nitschipajlo – „Salupajlo“, wie ihn die Kursanten nannten. Der schleuderte auch Blitze und grollte wie Donner in den Bergen.
„Ich werde euch Sch-eisskerle lehren, das Mutterland zu lieben. Ich werde euch den verdammten hausgemachten Piroschok austreiben.“ Oh, wie Salupajlo w;tete. Es endete damit, dass sie den Oberfeldwebel nach Abschluss der Ausbildung als Trupp ordentlich vermoebelt haben. Die Jungs vom naechsten Kurs erzaehlten: Einen Monat lang lag der Oberfeldwebel im Lazarett.
– Ich glaube dir, Erzengel, – schrie Grigorij, Donner und Sturmwind uebertoenend, – hoer schon auf.
Gabriel liess sich herab, verbarg die Fluegel, und die Kueche schrumpfte in einem Augenblick auf ihre fruehere Groesse zusammen. Grigorij stellte den Tisch und die Schemel wieder auf. Sie setzten sich.
– Man darf wohl nicht mal mehr scherzen, – sagte Grigorij friedfertig, – uebrigens, wie passen so grosse Fluegel in dich hinein?
– Das ist nicht deine Sache. Antworte, bist du bereit, ein Prophet zu werden?
Der pfeifende Teekessel k;ndigte das kochende Wasser an.
– Den Tee trinkst du spaeter, – sagte der Erzengel, und das Feuer unter dem Kessel erlosch. – Antworte.
– Ich bin einverstanden, – antwortete Grigorij, – nur habe ich eine Frage.
– Wir haben wenig Zeit, – verzog Gabriel das Gesicht.
– Nur noch eine, – Grigorij richtete den Zeigefinger zur Decke.
– Frag schon.
– Wozu zum Teufel brauchst du das?
– Ganz kurz gefasst, – schmunzelte Gabriel. – Das Erscheinen eines Propheten mindert den Nihilismus und foerdert das Wachstum des Glaubens. Es ist unwichtig, woran die Menschen glauben: an den lichtbringenden Staat, an den Kommunismus oder an Gott. Hauptsache ist, dass der Glaube da ist und dass er aufrichtig ist. In letzter Zeit ist der Nihilismus gewachsen, was uns Schwierigkeiten bereitet hat. Bist du zufrieden?
– Vollkommen. Ich bin einverstanden. Ich bin bereit, den Vertrag zu unterschreiben.
– Du denkst wohl, – lachte Gabriel, – dass wir irgendein Papier mit Blut unterschreiben, es dann verbrennen und die Asche schlucken werden.
– Und wie sonst? – Grigorij war sichtlich ratlos.
– Gar nicht. Worte genuegen. Wir sind schliesslich anstaendige Leute. Zumindest einer von uns.
– Einer von uns ist anstaendig?
– Einer von uns ist ein Mensch. Bist du bereit?
– Bereit.
– Steh auf!
In der Stimme des Erzengels klang eine solche Kraft, dass es unmoeglich war, ihr nicht zu gehorchen. Grigorij stand auf und straffte sich wie im Stillgestanden. Der Erzengel trat an Grigorij heran und bedeckte mit Haenden, die heiss wie Gluehkohlen waren, seine Ohren. Ein stechender Schmerz durchdrang ihn, und Grigorij hoerte eine urspruengliche Stille, gereinigt vom Rauschen des Blutes in den Adern, vom Schlagen des eigenen Herzens, von den Geraeuschen des Organismus, die das ganze Leben begleiten. Und die Stille begann sich mit Klaengen zu fuellen. Er hoerte das leichte Atmen des Windes vor dem Fenster, das Knarren der Zweige einer kahlen Birke, den Herzschlag einer am Himmel schwebenden Taube und weiter, weiter – das Rauschen der Brandung. Nach eigenem Willen konnte er jeden Klang verstaerken oder abschwaechen.
Gabriel bedeckte mit den Fingern seine Augen, und ein Strom reinen weissen Lichts ohne die geringste Farbmischung blendete ihn. Als der Erzengel die Finger wegnahm, erlangte Grigorij das wahre Sehvermoegen, das in das eigentliche Wesen der Dinge und Erscheinungen eindrang. Die visuelle Wahrnehmung erweiterte sich bis zu den Radiowellen. Gleichzeitig erlangte Grigorij die Faehigkeit, kleinste Details zu unterscheiden. Es schien ihm, dass er, wenn er einen Gegenstand nur aufmerksam genug betrachtete, die Molek;le und Atome unterscheiden koennte, aus denen er bestand.
Der Erzengel fuhr unterdessen fort, Grigorij zu reformieren. Er beruehrte seine Lippen und seine Kehle. Und es brannte im Rachen, als haette man geschmolzenes Blei hineingegossen. Weder Einatmen noch Ausatmen war moeglich. Als Grigorij wegen Sauerstoffmangels bereits blass zu werden begann, wich das Brennen aus der Kehle in die Lungen und legte sich dort. Er atmete tief ein.
– Au, ua, – probierte er beim Ausatmen vorsichtig seine neue Kehle aus.
Die Waende der Kueche antworteten mit einem Echo, als erzeugte nicht seine Kehle die Laute, sondern als schl;ge eine tonnenschwere Glocke an. Der Erzengel zeigte mit einer Geste, dass die Verwandlung zum Propheten noch nicht abgeschlossen war.
Er neigte sich mit den Lippen zu Grigorijs Stirn. Und das dritte Auge brach hervor, das die Schicksale der Menschen sieht.
Gabriel trat einen Schritt zurueck und betrachtete die Metamorphose seines Schuetzlings. Der Sturm legte sich, die Sinne normalisierten sich. Sehvermoegen und Gehoer sanken auf ein normales Niveau, aber Grigorij wusste: In jedem Augenblick konnte er sehen und hoeren, wie es kein anderer Mensch kann, konnte lauter als der Donner sprechen und mit dem dritten Auge die Zukunft wie ein Buch lesen. Grigorij beschloss jedoch fuer sich, nur in Ausnahmefaellen in das Buch der Schicksale zu schauen.
– Was nun? – fragte Grigorij lauter, als ihm lieb war.
– Vorsicht mit der Stimme, – sagte Gabriel, – pass sie den Umstaenden an.
Grigorij nickte.
– Und nun geh. Entflamme mit dem Wort die Herzen der Menschen.
– Was bitte?
– Nichts, – laechelte Gabriel, – lies die Klassiker.
– Wozu? – grollte Grigorij, da er seine Stimme wieder nicht angemessen gezuegelt hatte.
– Das Letzte. Merke dir, Prophet: Unterwerfung ist durch den kategorischen Imperativ erreichbar.
Grigorij schaemte sich dafuer, dass er den kategorischen Imperativ nicht verstand, und weder sein erneuertes Gehoer und Sehvermoegen noch das dritte Auge auf der Stirn wuerden ihm helfen, in diesen raetselhaften Imperativ einzudringen.
– Hast du Fragen? – fragte Gabriel, als er das Zoegern des Propheten sah.
– Ja. Was ist der kategorische Im... Imperativ?
– Du hast doch in der Armee gedient.
– Natuerlich. Ich habe sogar gekaempft.
– Dann wirst du eine Frage oder eine Erzaehlung von einem Befehl unterscheiden koennen.
– Na ja. Ein Befehl... Ein Befehl ist eben ein Befehl.
– Der kategorische Imperativ ist, mit anderen Worten, ein Befehl. Noch etwas?
– Scheint alles klar zu sein.
– Dann geh. Wenn du mich treffen musst, uebernachte hier. Geh.
Grigorij verliess die Kueche, nahm die Jacke vom Haken im Flur und beschloss zurueckzukehren, um dem Erzengel zu danken, aber von diesem war bereits jede Spur verweht.
Er erstarrte in der Tuer. Von dem juengsten Einbruch des Jenseitigen zeugten nur der verbrannte Kaktus auf dem Fensterbrett und der zerbrochene Kristallschenbecher auf dem Boden.
„Vielleicht sollte ich einen Tee trinken“, murmelte Grigorij.
Nein, nicht nur der Kaktus und der Aschenbecher. Jenseitig waren die Faehigkeiten in ihm, und ihre Kraft galt es unverzueglich zu erproben.
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226011901756