Tag der Sechste. 2
Auf der Strasse neben der Apotheke spazierte ein junger Mann auf und ab. Er verschraenkte die Haende hinter dem Ruecken und summte leise etwas vor sich hin. Ein perfektes Objekt fuer einen Test.
– Stehen bleiben! – befahl Grigorij, als er bis auf zwei Schritte an den jungen Mann herangetreten war.
Dieser erstarrte. Grigorij erinnerte sich an die Methoden eines Armee-Altgedienten, und vor Vorfreude kribbelte es in seinen Fingerspitzen.
– So, – dehnte er das Wort, waehrend er das Opfer musterte, – Meldung nach Vorschrift. Wer bist du, aus welcher Einheit?
– Student Sidortschuk, – rapportierte der junge Mann, – Staatliche Universitaet Leningrad.
– Hoeren Sie auf mein Kommando, Student Sidortschuk, rechts um!
Sidortschuk drehte sich.
– Schlecht, Gefreiter Sidortschuk, die Bewegungen muessen praezise sein, ohne diese zivile Schlampigkeit. Links um!
Sidortschuk kehrte in die Ausgangsposition zurueck.
– Schon besser. Rechts um! Im Gleichschritt, marsch! Bis zur Pappel und zurueck.
Sidortschuk marschierte bis zur Pappel und zurueck, waehrend Grigorij ihn mit munteren Bemerkungen anspornte.
– Knie hoeher! Groessere Schritte! Das Kinn recken!
Sidortschuk war gehorsam wie ein Automat. Er bemuehte sich redlich, die Beine hoeher zu heben, groesser auszuschreiten und das Kinn zu recken. Grigorij wollte den Studenten Sidortschuk gerade per kategorischem Imperativ zu einem munteren Marschlied motivieren, als in diesem Moment ein Maedchen aus der Apotheke auf den Treppenabsatz trat.
– Oleg! Was machst du da?! – rief sie erstaunt aus.
– Ich marschiere, – antwortete Oleg, ohne die flache Hand von der Schlaefe zu nehmen.
In diesem Moment salutierte er Grigorij im Vorbeigehen.
– Laeppische Gerede im Glied! – grollte Grigorij spassig. – Wir haben Zuwachs bekommen, – und er blickte das Maedchen mit dem dritten Auge an.
Olga und Oleg sind Studenten im letzten Semester. Er Psychologe, sie Historikerin. Bald werden sie heiraten. Die Zuweisung ist nach Gorki. Harte Jahre. Oleg wird ein eigenes Geschaeft haben. Arbeit und nochmals Arbeit als Buchhalterin in Olegs Firma. Verbesserung der Lage, Kauf einer Wohnung, Geburt von Zwillingsmaedchen – echten Engelchen. Wieder schwere Zeiten, diesmal wegen des Defolt, wieder Aufstieg, eine Reise in die Tuerkei... Hier reisst Olgas Schicksal ab. Es reisst ab im Wasser.
Olga war indes von der Treppe gefluechtet.
– Oleg, was machst du da! – Sie versuchte, ihren Verlobten zu stoppen. – Oleg, du Idiot!
Grigorij wechselte den Blick auf Oleg und begann, sein Schicksal ab dem Moment von Olgas Tod zu lesen. Er begann zu trinken. Je weiter, desto mehr. Das Geschaeft verfiel. Er musste es verkaufen. Dann war die Wohnung weg. Und die Maedchen, die armen Maedchen... Grigorij schloss das Auge.
– Olga und Oleg, – befahl er, – kommt zu mir.
Sie gehorchten.
– Woher kennen Sie uns? – fragte Olga, die noch keine Zeit gehabt hatte, von Grigorijs Ueberzeugungskraft durchdrungen zu werden.
– Hoert und nehmt zur Kenntnis, – Grigorij legte ihnen die Haende auf die Koepfe, – im Jahr 99, du, Olga, und du, Oleg, – ihr werdet nicht in die Tuerkei reisen.
Dies schien Grigorij nicht genug, um das Schicksal der sympathischen jungen Leute zu aendern, und er fuhr fort:
– Du, Olga, wirst bei der ersten Gelegenheit ins Schwimmbad gehen und schwimmen lernen. Wiederholt es.
– Im Jahr 99, – sagten sie im Chor, – wir werden nicht in die Tuerkei reisen.
– Bei der ersten Gelegenheit, – sagte Olga, – werde ich ins Schwimmbad gehen und schwimmen lernen.
– Und nun geht. Seid gluecklich. Vergesst mich, aber erinnert euch an das, was ich euch befohlen habe.
Sie drehten sich um und gingen mit hoelzernem Gang davon, aber mit jedem Schritt wurden ihre Bewegungen natuerlicher.
Grigorij begleitete sie mit den Augen bis zur Kreuzung und ging in die entgegengesetzte Richtung.
In der Zukunft von Olga und Oleg gab es Seltsamkeiten, Grigorij unbekannte Begriffe. Defolt, zum Beispiel – was ist das?
Waehrend er ueber die Tuecken des Schicksals nachsann, bemerkte Grigorij den ihm entgegenkommenden alten Mann nicht und stiess mit der Brust gegen dessen dorgestreckte knochige Schulter.
– Wo rennst du hin, – schrie der Alte, trat auf Grigorij zu und fuchtelte mit einer Kruecke, – einen Frontkaempfer anrempeln!
Durch die Erschuetterung oder durch etwas anderes oeffnete sich unwillkuerlich das dritte Auge, und Grigorij blickte unweigerlich in eine Abfallgrube – das Schicksal von Kuschewelow Wladlen Antonowitsch, geboren 1921, Parteimitglied seit Oktober 1942, ein unersetzliches Raedchen im Repressionsapparat.
In Wirklichkeit war Wladlen Kuschewelow nie an der Front gewesen. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr diente er in den Organen in niederen Positionen, und den ganzen Krieg ueber bewachte er die Sowjetmacht vor inneren Feinden im GULAG-System. Wie viele zerbrochene Schicksale bedeckten seine Aura wie schwarze Flecken, wie Schorf; wie viele abgerissene Lebensfaeden hingen von seiner finsteren Seele herab.
Den Tod des Fuehrers empfand er als Verrat, als persoenliche Tragoedie. Und er irrte sich nicht. Die Feinde, die den Kreml besetzt hatten, schlugen in das heisse Herz des stalinistischen Universums – in seine inneren Organe. Kuschewelow wurde aus dem System geworfen wie ein Welpe, der auf den Boden gemacht hat. Waehrend er auf die Stunde der Vergeltung wartete, tauchte Kuschewelow im Zivilleben unter, doch der Hass auf die Feinde, vermischt mit dem jahrelangen Entzuecken, ueber Menschenwaeschen zu gebieten, ergoss sich in Misshandlungen an seiner widerspruchslosen Frau, an der eingeschuechterten Tochter und dem Sohn. Erst kuerzlich hatte der Sohn dem besessenen Vater die Mutter und die Schwester weggenommen, und die Objekte des Hasses des Henkers wurden nun Nachbarn oder zufaellige Passanten.
Der Alte bedraengte ihn weiter und spuckte Speichel aus seinem stinkenden Mund. Grigorij wich zwei Schritte zurueck. Die letzte Vision des Schicksals: Kuschewelow hing in einer schmutzigen Toilette.
– Wirf die Kruecke weg, – sagte Grigorij leise und deutlich, – bleib stehen, wo du stehst.
Kuschewelow warf die Kruecke weg und hielt inne. Er rollte furchtbar mit den Augen und verstand nicht, warum er diesem Volksfeind und Schaedling gehorchte.
– Was fuer ein Frontkaempfer bist du schon, – massregelte Grigorij den Alten, – keinen einzigen Tag warst du an der Front. Geschossen hast du nur auf die Eigenen.
– Sie waren Feinde, – mit letzter seelischer Kraft widersetzte sich der Alte dem Druck des Propheten.
Hass auf alles, was unter dem kuehlen blauen Himmel existiert, auf der im Fruehling anschwellenden Erde, umhuellte Kuschewelow wie eine Decke. Er war so dicht, dass er begann, in die Seele des Propheten einzudringen.
– Kehrt euch! – befahl Grigorij. – Bis zur Ecke und zurueck – im Laufschritt, marsch!
Der Alte drehte sich um und rannte los, wobei er sichtlich mit dem rechten Bein hinkte. Beim zweiten Lauf Kuschewelows versammelten sich Gaffer, die nicht begreifen konnten, warum ein alter Mann in warmem Mantel und Muetze rannte und warum ein junger Kerl „schneller! munterer!“ kommandierte.
In der Menge wurden empoerte Stimmen ueber die heutige Jugend laut, die keinen Respekt vor der aelteren Generation habe, ueber den Sittenverfall und „wohin schaut die Miliz“. Grigorij drehte sich schroff zu den Gaffern um.
– Was wollt ihr hier! – schrie er mit einer solchen Kraft, dass in der Menge ein Kind zu weinen begann und in einem Torweg ein streunender Hund aufheulte. – Geht eurer Wege!
Und die Menge zerstreute sich augenblicklich. Kuschewelow, der inzwischen die fuenfte Runde beendet hatte, stand stramm vor seinem Henker. Der Schweiss lief ihm in Stroemen herunter, er atmete schwer, den Mund weit geoeffnet, mit Pfeifen und Roecheln in den verschlissenen Lungen. Er waere auf das Pflaster gestuerzt, wenn ihn nicht der eiserne Wille des Propheten gestuetzt haette.
– Geh nach Hause, Alter, – sprach Grigorij finster, – aber merke dir: Jedem wird nach seinen Taten vergolten.
Kuschewelow humpelte davon, ohne an den Stock zu denken, und murmelte vor sich hin: Jedem wird vergolten, jedem wird vergolten, vergolten... Und in seinem Kopf tauchte immer deutlicher die Vision eines Strickes auf, als Mittel zur Erloesung von seinem verfluchten Schicksal.
Waherend er ueber die Wechselfaelle des Schicksals nachdachte, bemerkte Grigorij den ihm entgegenkommenden alten Mann nicht und stiess mit der Brust gegen dessen dorgestreckte knochige Schulter.
– Wohin rennst du, – schrie der Alte, trat auf Grigorij zu und fuchtelte mit einer Kruecke, – einen Frontkaempfer anrempeln!
Durch die Erschuetterung oder durch etwas anderes oeffnete sich unwillkuerlich das dritte Auge, und Grigorij blickte unweigerlich in eine Abfallgrube – das Schicksal von Kuschewelow Wladlen Antonowitsch, geboren 1921, Parteimitglied seit Oktober 1942, ein unersetzliches Raedchen im Repressionsapparat.
In Wirklichkeit war Wladlen Kuschewelow nie an der Front gewesen. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr diente er in den Organen in niederen Positionen, und den ganzen Krieg ueber bewachte er die Sowjetmacht vor inneren Feinden im GULAG-System. Wie viele zerbrochene Schicksale bedeckten seine Aura wie schwarze Flecken, wie Schorf; wie viele abgerissene Lebensfaeden hingen von seiner finsteren Seele herab.
Den Tod des Fuehrers empfand er als Verrat, als persoenliche Tragoedie. Und er irrte sich nicht. Die Feinde, die den Kreml besetzt hatten, schlugen in das heisse Herz des stalinistischen Universums – in seine inneren Organe. Kuschewelow wurde aus dem System geworfen wie ein Welpe, der auf den Boden gemacht hat. Waehrend er auf die Stunde der Vergeltung wartete, tauchte Kuschewelow im Zivilleben unter, doch der Hass auf die Feinde, vermischt mit dem jahrelangen Entzuecken, ueber Menschenwaeschen zu gebieten, ergoss sich in Misshandlungen an seiner widerspruchslosen Frau, an der eingeschuechterten Tochter und dem Sohn. Erst kuerzlich hatte der Sohn dem besessenen Vater die Mutter und die Schwester weggenommen, und die Objekte des Hasses des Henkers wurden nun Nachbarn oder zufaellige Passanten.
Der Alte bedraengte ihn weiter und spuckte Speichel aus seinem stinkenden Mund. Grigorij wich zwei Schritte zurueck. Die letzte Vision des Schicksals: Kuschewelow hing in einer schmutzigen Toilette.
Wohl oder uebel, aber der Prophet hatte drei Schicksale geaendert.
Grigorij bemerkte nicht, wie er in den Park geraten war. Er streifte auf dem Asphaltweg umher, sass auf einer halb zerbrochenen Bank, doch das Schicksal des Alten ging ihm nicht aus dem Kopf. Dieser Greis hatte die jungen Leute bei der Apotheke voellig in den Schatten gestellt, deren Schicksale – so hoffte Grigorij – er hatte korrigieren koennen. Das Schicksal des alten Mannes jedoch zu korrigieren, dazu gab es keine Moeglichkeit, ausser der Moeglichkeit, ihn von seinem Schicksal zu erloesen. Grigorij beschloss fuer sich zum wiederholten Mal, das sehende Auge nur in Ausnahmefaellen zu nutzen.
„Schliesslich“, dachte Grigorij, „sind die menschlichen Schicksale nicht meine Eparchie, sondern die Gottes. Meine Aufgabe aber…“. Und Grigorij konnte nicht einmal eine annaehernde Antwort darauf finden, worin seine Aufgabe bestand.
Er seufzte und griff in die Tasche nach Zigaretten. Die Packung war leer. Zwei Jungen in Lederjacken fuhren, auf ihren Brettern wankend, vorbei.
– He, Jungs! – rief Grigorij ihnen hinterher.
Sie hielten an und blickten sich um. Einer der Jungen war ein sehr nettes Maedchen. Grigorij naeherte sich.
– Was gibt's, Alter? – fragte der Junge.
Grigorij amuesierte der Optimismus des Jugendlichen. Er lachte, und mit diesem Lachen verliess ihn das Schicksal Kuschewelows endlich.
– Habe ich etwas Lustiges gesagt? – wandte sich der Junge ratlos an das Maedchen.
– Scheint nicht, – zuckte das Maedchen mit den Schultern.
Grigorij wollte sie auf keinen Fall mit dem Imperativ beeinflussen, zumindest nicht in seiner kategorischen Form. Er beschloss, die jungen Leute mit einer anderen Form zu motivieren.
– Wollt ihr etwas verdienen?
– Na ja, – antwortete der Junge mit einem gewissen Zweifel.
– Sie lehren uns in der Schule, – sagte das Maedchen lehrhaft, mit leichtem Kokettieren in der Stimme, – auf der Strasse nicht mit Fremden zu sprechen.
– Dann lernen wir uns kennen. Ich heisse Grigorij, – der Prophet streckte dem Jungen laechelnd die Hand hin, – und du?
– Kolja, – der Junge schuettelte maschinell die Hand.
– Hallo, Kolja.
– Hallo.
Die jungen Leute waren ueber Grigorijs Geistesgegenwart verbl;fft, und er streckte dem Maedchen die Hand hin:
– Grigorij.
– Ljuba, – das Maedchen beruehrte leicht Grigorijs Hand.
– Ihr fahrt ja sowieso herum, – Grigorij zog einen doppelt gefalteten kleinen Stapel Geld aus der Hosentasche, – fahrt mal zum Ausgang, holt mir am Kiosk eine Packung Zigaretten, – und er fuegte hinzu, wobei er die Kategorizitaet maximal senkte, – falls ihr es nicht eilig habt.
Der Junge blickte das Maedchen an. Diese zuckte mit den Schultern, nach dem Motto: Du bist der Mann, du entscheidest.
– Na gut, Alter, her mit der Kohle.
– Hier habt ihr mein Geld, Kinder, – sagte Grigorij und gab dem Jungen einen Fuenfer, – das Wechselgeld koennt ihr behalten.
Die Jugendlichen hielten nach zehn Metern an und drehten sich um.
– Welche sollen wir nehmen? – rief das Maedchen.
– Prima, andere gibt es dort nicht! – antwortete ihr Grigorij.
Der Fruehling meldete heute, wie man sagt, entschlossen seine Rechte an. Am blauen Himmel mit vereinzelten weissen Wolken schien hell die Sonne. Ihre Strahlen drangen ungehindert durch die nackten Zweige mit den geschwollenen Knospen und waermten Grigorijs Schultern und Ruecken. Er knoepfte die Jacke auf und setzte seine Brust dem kuehlen Windchen aus. Um ihn herum wuselten kleine Voegel und sangen in allen Toenen. Sie bauten Nester fuer den Nachwuchs, fuer das Leben. Segen und Ruhe waren in der Fruehlingsluft verstreut.
Die jungen Leute auf den Skateboards rollten gemachlich auf Grigorij zu. Sie fuegten sich erstaunlich harmonisch in diesen sonnigen Tag ein.
– Hier, – Kolja reichte Grigorij zwei Packungen „Prima“ und griff in die Tasche.
Grigorij hob die Hand in einer warnenden Geste.
– Abgemacht ist abgemacht. Das Wechselgeld gehoert euch.
– Hab ich dir doch gesagt, – laechelte der Junge dem Maedchen zu.
– Danke, – Grigorij wollte etwas Gutes sagen, etwas Unverbindliches, um ihre Schicksale nicht zu verscheuchen, – viel Glueck euch, Kinder.
– Auf Wiedersehen, – sagte Ljuba.
– Auf Wiedersehen, – sagte Kolja.
– Auf Wiedersehen, – antwortete Grigorij.
Und sie rollten den Parkweg entlang und plauderten froehlich ueber die Schule, die Mathearbeit und ueber allerlei Zeug, das im Alter von fuenfzehn Jahren wichtig und bedeutsam erscheint.
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226011901798