Tag der Sechste. 3

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Am anderen Ende des Parks stand ein Glaspavillon. In frueheren Zeiten, vor den kapitalistischen Stroemungen, wurden im Sommerpavillon Toertchen verkauft. Jetzt hatte sich die „Stekljaschka“, geschmueckt mit dem prunkvollen Schild „Smak“, in ein kommerzielles Lebensmittelgeschaeft verwandelt.
Grigorij trank in der Abteilung „Kulinarika“ einen Kaffee, ass ein Windbeutel-Toertchen und wechselte in eine andere Abteilung. Das Sortiment des kommerziellen Ladens war, im Gegensatz zu den staatlichen, breiter, und die Preise bedeutend hoeher. Hinter dem Tresen stand eine junge Verkaeuferin. Auf ihrem schneeweissen Kittel prangte ein Schildchen, das dem neugierigen Kaeufer ihren Namen und Nachnamen verriet – Nadeschda Wassiljewa.
– Guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen? – fragte Nadeschda den Grigorij, der besch;mt die Preise betrachtete.
„Interessant“, dachte Grigorij, „ist die Hoeflichkeit bei denen im Preis inbegriffen oder wird sie als kostenlose Beigabe abgegeben.“
– Guten Tag. Geben Sie mir, – Grigorij deutete auf die Phalanx der Flaschen auf dem verspiegelten Regal, – den armenischen. Ja, genau den, fuer fuenfundvierzig.
– Sonst noch etwas?
Die Hoeflichkeit von Nadeschda Wassiljewa ersch;tterte Grigorijs Vorstellungskraft; er war daran gewoehnt, dass die Verkaeuferin hinter dem Tresen die Herrin ist und der Kaeufer ein ungebetener Gast.
– Noch dieses Stueck Wurst und dieses Stueck Kaese, – Grigorij deutete in der Kaeseauslage auf ein kleines Stueck, das ihm gefiel.
– Wuenschen Sie noch etwas? Wir haben einen vorzueglichen Schinken, – liess Nadeschda nicht locker.
– Nein, das genuegt.
Die Verkaeuferin packte Cognac, Wurst und Kaese in eine Plastiktuete mit Griffen, tippte auf die Knoepfe der Rechenmaschine:
– Das macht 85.
„Oha, wie schnell der Wohlstand der Kommerziellen waechst. Vor zwei Jahren war das noch die Haelfte meines Gehalts.“
– Das Haus kann Ihnen einen Rabatt von fuenf Prozent gewaehren. Wollen Sie den Rabatt?
– Natuerlich will ich.
– Das macht 80 Rubel, – Nadeschda reichte Grigorij die Tuete.
– Danke.
– Wo wollen Sie denn hin, Mann! Und das Geld?
Bei diesen Worten schreckte ein bulliger Wachmann am Eingang auf. Aber Grigorij hatte gar nicht vor zu gehen. Er hatte die Bewegung nur angedeutet, um die Verkaeuferin zu provozieren.
– Nadeschda Wassiljewa, – sagte er zaertlich, – ich habe Ihnen hundert Rubel gegeben. Sie schulden mir zwanzig Rubel. Geben Sie mir das Wechselgeld.
Auf Wassiljewas Gesicht erschien und verschwand Ratlosigkeit.
– Ach ja. Ich... ich habe es wohl vergessen. Verzeihen Sie.
Wassiljewa oeffnete die Schublade, kramte darin herum und reichte Grigorij zwei Zehner.
– Hier ist Ihr Wechselgeld. Kommen Sie bald wieder.
– Ganz bestimmt.
Als er den Pavillon verlassen und sich eine angezuendet hatte, durchzuckte Grigorij ein freudiger Gedanke: Die Arbeit als Mittel zur Sicherung des Lebensunterhalts war fuer ihn beendet. Er konnte von jedem nehmen, was und wie viel er wollte. Doch ein zweiter Gedanke vergiftete die Freude des ersten: Man kann doch nicht von einer Verkaeuferin nehmen, diesem armen, abhaengigen Geschoepf. In Piter gibt es genug wohlhabende Leute, von deren Reichtum man etwas nehmen kann, ohne dass sie es merken. Aber bei Nadeschda...
Grigorij beschloss, den Fehler mit Wassiljewa sofort zu korrigieren.
– Geh mal spazieren, – warf Grigorij dem Wachmann zu, als er den Laden wieder betrat.
Dieser faltete die Zeitung zusammen, legte sie ordentlich auf den Stuhl und ging hinaus.
– Geh mal auf Toilette, – wandte sich Grigorij an die Verkaeuferin der Feinkostabteilung.
– Nadja! – rief diese, – ich bin kurz weg, schau mal nach der Abteilung.
– In Ordnung, – antwortete Nadeschda.
Wegen der hohen Preise gab es keine Kunden. Grigorij trat an Wassiljewas Tresen.
– Haben Sie etwas vergessen? – fragte ihn Nadeschda.
– Wissen Sie, Sie hatten recht. Ich habe Ihnen keine hundert Rubel gegeben.
Auf Wassiljewas Gesicht spiegelte sich aeusserstes Erstaunen wider, da der fruehere Imperativ mit dem jetzigen in Konflikt geriet.
– Ich habe sie nicht gegeben, nicht gegeben. Sie haben sich geirrt.
Das arme Maedchen. Sie blinzelte hastig bei der Vorstellung, welchen Aerger sie haette, wenn ein Fehlbetrag entdeckt wuerde.
– Na, na. Ganz ruhig, ganz ruhig. Hier haben Sie hundert Rubel, – Grigorij reichte Wassiljewa einen zuvor vorbereiteten Hunderter aus kleinen Scheinen. – Auf Wiedersehen.
Und bevor die Verkaeuferin auch nur ein Wort des Dankes hervorbringen konnte, verlief er schnell den Glaspavillon.


Grigorij ging gemachlich die belebte, von der milden Sonne erwaermte Strasse entlang, und in seiner Seele war es sonnig und warm. Die entgegenkommenden Passanten laechelten ihm und dem Fruehling zu, und er laechelte ihnen zurueck. Den Fruehling in der Seele zu tragen, ohne ihn zu teilen, konnte er nicht laenger. Er beschloss, Ljocha anzurufen, zumal er auf einen Platz mit einer Metrostation und vielen Telefonzellen gelangt war. Fast alle funktionierten nicht, da die Telefonhoerer fehlten, die vermutlich von einer gut organisierten Bande von Telefon-Maniacs abgeschnitten worden waren. Nur vor zwei Kabinen standen kleine Schlangen von zwei oder drei Personen. Grigorij stellte sich an, w;hlte in seinen Taschen und fand im herausgeholten Kleingeld keine einzige Zwei-Kopeken-Muenze. Er haette dem Brillen-Studenten, der an erster Stelle stand, oder der Nummer zwei – einer mueden Frau, beladen mit Lebensmitteltaschen – die Muenzen leicht wegnehmen koennen, aber er wollte seine Gabe nicht gegen Kupfer eintauschen.
Neben der Unterfuehrung sass eine Bettlerin. Vor der alten Frau lagen auf einer ausgebreiteten Zeitung viele Muenzen unterschiedlichen Wertes. Grigorij hockte sich vor die Bettlerin hin und sagte, wobei er den Imperativ vermied:
– Gro;m;tterchen, ich nehme mir ein paar Zweier zum Telefonieren.
Die Alte hob ihre verblassten Augen zu Grigorij.
– Nimm, mein Junge, nimm. Ich brauche sie nicht.
Im Blick der Alten lagen Lebensmuedigkeit, Gleichg;ltigkeit und der nahe Tod. Man brauchte kein drittes Auge, um all das zu sehen. Einer aufwallenden Welle des Mitgef;hls folgend, steckte Grigorij zwei Zehner in ihre vertrocknete kleine Faust.
– Kauf dir etwas.
In den Augen der Alten erschien Erstaunen; das war immerhin besser als Gleichg;ltigkeit.
– Ich nehme mir dann drei Muenzen.
Die Alte nickte, aus Angst, der seltsame junge Mann koennte es sich anders ueberlegen und ihr das Geld wieder wegnehmen.
In den fuenf Minuten der Operation zur Erlangung der Muenzen hatte sich die Schlange radikal veraendert. Der Brillen-Student in der Kabine sprach laut mit einer gewissen Vera, und hinter der mueden Frau hatten sich dicht gedraengt fuenf Personen aufgestellt. Grigorij stellte sich bescheiden am Ende der Schlange an. Ihn ;berraschte die Frau mit den Taschen.
– Junger Mann! – rief sie aus.
Grigorij begriff nicht sofort, dass die Frau ihn meinte.
– Ja, ja – Sie. Sie standen doch hinter mir.
Grigorij wechselte verlegen seine Position und stellte sich hinter die Frau. Die Schlange wich widerwillig, aber ohne Groll zurueck.
– Verstehen Sie, – rechtfertigte sich Grigorij, – ich bin weggegangen, um Muenzen zu wechseln.
– Sie haetten mich doch bitten koennen, – belehrte ihn die Frau ueber die Verhaltensregeln in einer Schlange, – ich habe genug Zweier, oder Sie haetten sagen koennen, dass ich Ihren Platz in der Schlange freihalte.
Grigorij fand keine andere Antwort, als die Frau um Verzeihung zu bitten, fuer wer weiss was.
Der Student verliess die Kabine. Auf seinen Lippen spielte ein leichtes Laecheln. Offenbar war das Gespraech mit Vera fuer ihn guenstig verlaufen. Die mitleidige Frau hob ihre Taschen vom Asphalt auf und betrat die Kabine. Sie sprach lange mit ihrer kranken Mutter und kam voellig betruebt aus der Zelle heraus. Nun war Grigorij an der Reihe. Er warf die Muenze in den Einwurfschlitz und waehlte die Nummer. Beim fuenften langen Freizeichen klingelte die Muenze, als sie in den Bauch des Apparates fiel.
– Hier spricht der Smolny! – stiess Grigorij mit tiefer Stimme den vorbereiteten Satz aus.
– Hallo, – war Ljussjas erschrockene Stimme im Hoerer zu hoeren, – Grischa, bist du das?
– Na, wer denn sonst!
– Du bist ja ein Idiot, erschreckst eine schwangere Frau.
Grigorij lachte.
– Wie geht es unserem Kranken?
– Kranken? Welchem Kranken? Ach, Ljoscha. Er ist krank. Hustet. Niest.
– Gib ihm den Hoerer.
– Kann ich nicht, – antwortete Ljussja nach einem sekundenlangen Zoegern, – er ist in die Poliklinik gegangen.
Dass Ljocha zu Aerzten geht! Er wollte sich sogar die Zaehne unter Hausbedingungen selbst ziehen. Und wenn Grischa und Mascha ihn nicht mit Gewalt in die Zahnklinik geschleppt haetten, waere er wohl zahnlos geblieben. „Was fuer Dinge hat Ljocha wohl vor, dass er das Angeln abgesagt und sich krank gestellt hat?“ Ein Objekt ueber das Telefon zu motivieren, ist offensichtlich schwieriger, aber Grigorij beschloss, es zu versuchen.
– Hoer mir aufmerksam zu, Ljussja, – sagte Grigorij mit strenger Stimme, – und antworte mit der Wahrheit und nichts als der Wahrheit. Wo ist Aleksej?
– Auf der Arbeit, – antwortete Ljussja fast schon bereitwillig.
– Wie, auf der Arbeit! Und ich?
– Versteh doch, Grischa, sein Chef hat angerufen...
– Karlovitsch?
– Woher soll ich wissen, wer das war. Ich sage dir – der Chef. Ich weiss nicht warum, aber euer Chef wollte nicht, dass du heute arbeitest. Der Chef hat Ljoscha den doppelten Tarif plus Praemie versprochen. Ich frage ihn: Wie hoch ist die Praemie? Und er, der Schussel, sagt: Ich weiss es nicht. Wir heiraten bald, wir brauchen das Geld verdammt noetig...
Grigorij legte den Hoerer auf die Gabel.
– So liegen die Dinge also, – berichtete Grigorij nachdenklich dem Telefonapparat.
Er konnte immer noch nicht feststellen, ob es ihm gelungen war, Ljussja am Telefon zu motivieren, oder ob sie ihren Verlobten aus irgendwelchen eigenen, weiblichen Erwaegungen heraus verraten hatte.
An die Kabine klopfte ein seri;ser Herr, der hinter Grigorij stand. Grigorij verliess die Kabine und liess die Tuer offen stehen.
„Ich haette fragen sollen, auf welchem Objekt Ljocha ist“, ueberlegte Grigorij, „jetzt ist es schon zu spaet. Und Ljussja weiss es wahrscheinlich auch nicht. Andererseits, wo koennte der Verraeter Ljocha sein, wenn nicht bei Sveta Senzowa.“
– Wir werden das klaeren, – sagte Grigorij laut und ging entschlossen zur Metrostation.


Vor Senzowas Hauseingang stand der Bauleiter Goldman und bestaetigte durch seine Anwesenheit indirekt Grigorijs Vermutung. Er war entweder gerade erst angekommen oder schickte sich an, nach der Inspektion der Arbeiter wieder abzufahren. Er stand mit dem Ruecken zum herannahenden Grigorij und rauchte, wobei er sein Gesicht der Fruehlingssonne entgegenstreckte.
– Hallo, – gruesste Grigorij, als er bis auf wenige Schritte an den Bauleiter herangetreten war.
Goldman drehte sich um. Auf seinem Gesicht spiegelten sich Ueberraschung und Missvergnuegen wider.
– Iwanow, – fragte er streng, – was machst du hier?
Grigorij schmunzelte. Die Rollen hatten sich vertauscht, aber der Bauleiter wusste das noch nicht; er wusste noch nicht, dass ein Bauleiter gegen einen Propheten wie ein Gloeckchen gegen eine Glocke ist. „Gleich wirst du es erfahren.“
– Hoer mir aufmerksam zu, Goldman, hoer zu und gehorche, – in Goldmans Augen erschien ein kaum merklicher Schleier, den Grigorij als Bereitschaft zum Gehorsam deutete. – Antworte wie bei der Beichte: Ist Aleksej hier?
– Hier.
– Mit wem arbeitet er?
– Mit Borschewitsch.
– Warum?
In Goldmans Augen nahm der Nebel zu. Grigorij begriff, dass das Durcheinander in Goldmans Kopf durch die unklare Frage entstand. Karlovitsch wusste einfach nicht, worauf sich das „Warum“ bezog.
– Gut, ich helfe dir. Hast du mich wegen Svetlana abserviert?
– Ja.
– Aha, – sprach Grigorij finster, – du hast es auf sie abgesehen?
– Ja, – antwortete Goldman hoelzern.
– Und sie? Erwidert sie deine Gefuehle?
– Ich weiss es nicht. Manchmal scheint es mir so.
– Verstehe. Das werden wir ja noch sehen. Hast du alles geliefert? Haben Schilow und Borschewitsch genug von allem?
– Ich habe alles geliefert. Sie haben genug von allem.
– Pass auf, Goldman, – zog Grigorij einen Strich unter das Gespraech, – geh nach Hause. Vergiss den Weg zu Svetlana. Geh.
Der Bauleiter drehte sich auf dem Absatz um und trottete davon.
„Mit dem einen bin ich fertig. Jetzt Ljocha. Na, der wird was erleben.“


Ðåöåíçèè