Tag der Sechste. 4

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Die Tuer zu Senzowas Wohnung stand einen Spalt breit offen.
– Da seid ihr ja, ihr Taeubchen! – rief Grigorij mit der Stimme des steinernen Gastes aus der Unterwelt, als er das Badezimmer erreichte.
– Grinja! – Der Rollgabelschluessel entglitt Aleksejs Haenden und klirrte auf dem neuen Fliesenboden.
– Hallo, Grischa, – sagte Petro Borschewitsch.
Er war offensichtlich nicht in das komplizierte Viereck eingeweiht, dessen Seiten aus Liebe, Freundschaft, Verrat und Rivalitaet bestanden. Borschewitsch sah Aleksej unzufrieden an:
– Sei vorsichtig, – sagte er leise, – sonst schlaegst du noch die Fliesen kaputt.
– Grischa, – Aleksej hatte sich ein wenig gefangen, – wie bist du hierhergekommen?
– Wie ich hierhergekommen bin! – lachte Grigorij. – Mit der Metro bin ich gekommen.
Er war bereit, den Verraeter in die Hoelle zu stuerzen und ihn ewigen Gewissensqualen preiszugeben, aber eine leise, einschmeichelnde Stimme hielt ihn zurueck.
– Guten Tag, Grigorij Iwanowitsch.
In der Tuer zum Wohnzimmer stand Svetlana. Mein Gott, wie schoen sie war.
„Diese Frau wird mein sein“, entschied Grigorij. Durch diese einfache Entscheidung verflog der Zorn spurlos, und ihm wurde leicht und froehlich zumute.
– Guten Tag, Svetlana Sergejewna, – Grigorij laechelte offen.
– Aleksej Michajlowitsch sagte, dass Sie krank seien und nicht zur Arbeit kommen koennten.
– Aleksej Michajlowitsch hat sich geirrt, – Grigorij blickte den verlegenen Ljocha an, – mir wurde in der Poliklinik ein Zahn plombiert, und ich bin gesund.
– Ja. Das ist gut. Nun, ich will Sie nicht weiter stoeren, – und Svetlana zog sich ins Wohnzimmer zurueck.
– Arbeitet nur weiter, – warf Grigorij ihnen im Vorbeigehen zu, als er das Zimmer betrat.
– Was hat er denn blooss, – wunderte sich Borschewitsch, – ist bei ihm im Kopf alles in Ordnung?
– Ich weiss nicht, – Ljocha zuckte mit den Schultern, – vielleicht wirkt das Arsen so.
– Na gut, – winkte Petro ab, – lass uns arbeiten. Zieh die Mutter fest.


Grigorij trat ins Wohnzimmer und schloss die Tuer hinter sich. Er war fest entschlossen, Svetlana ohne Anwendung des kategorischen Imperativs zu erobern, hatte aber absolut keine Vorstellung davon, wie er das anstellen sollte, da er sich innerhalb des letzten halben Tages daran gewoehnt hatte, die vor ihm auftauchenden Probleme schnell und effektiv zu loesen. Schnell wuerde es in diesem Fall nicht gehen, und von Effektivitaet konnte gar keine Rede sein. Svetlana stand mit dem Ruecken zu ihm, die Arme ueber der Brust verschraenkt. Das helle Fenster, eingerahmt von dunklen, schweren Vorhaengen, wirkte wie der Rahmen und Hintergrund eines Gemaeldes. Grigorij bewunderte unwillkuerlich dieses Bild. Svetlana aber, die jemandes Anwesenheit im Zimmer spuerte, blickte sich um.
– Wollten Sie etwas, Grigorij Iwanowitsch? – fragte sie und strich sich eine widerspenstige blonde Straehne aus dem Gesicht.
– Nein. Das heisst, ja.
Grigorij begann sich Svetlana langsam zu naehern, wobei er vorgab, die Buecherregale und die Bilder an den Waenden zu betrachten. Er ueberlegte krampfhaft, was zu tun sei. Seit der Zeit, als er um Mascha geworben hatte, waren fuenf Jahre vergangen, und Grigorij hatte voellig vergessen, wie man so etwas macht. Er war sozusagen aus der Uebung gekommen. Svetlana wartete geduldig, da sie Grigorijs unverstaendliche Schuechternheit bemerkt hatte.
Er hielt einen Meter vor Svetlana inne. Gedankenverloren strich Grigorij ueber den weichen Samt der Vorhaenge. Er befand sich gleichsam im Schatten der Kulissen, waehrend Svetlana auf der Buehne im Strom des einfallenden Lichts stand.
– Ich habe heute Geburtstag, – sagte Grigorij.
In der Zeitnot konnte er sich nichts Ueberzeugenderes einfallen lassen.
– Ich gratuliere Ihnen, – Svetlana neigte den Kopf leicht nach links.
– Ich moechte Sie in ein Restaurant einladen, – schoss es aus Grigorij heraus.
– Mich? In ein Restaurant? – wunderte sich Svetlana. – An Ihrem Geburtstag?
Grigorij nickte und spuerte, wie seine Ohren vor Hitze zu gluehen begannen.
– Bitte seien Sie mir nicht boese, Grigorij Iwanowitsch, aber wir kennen uns kaum. Gehen Sie doch mit Ihrer Frau ins Restaurant, mit Freunden.
– Ich habe keine Frau, das heisst – ich habe eine, aber... – in diesem Moment blitzte der Gedanke auf, dass die Geschichte ueber die ins Kloster geflohene Mascha helfen koennte, aber Grigorij wollte seinen Schmerz nicht verramschen, – kurz gesagt, sie hat mich verlassen, – die Hitze wanderte von seinen Ohren zu seinen Wangen, – und der Freund... es gab einen, aber der ist jetzt weg wie weggewischt, – sein Gesicht brannte vor Scham.
– Das tut mir sehr leid, – sagte Svetlana.
Grigorij verstand nicht, wen sie bedauerte: ihn, den in jeder Hinsicht Ungluecklichen, die geflohene Mascha, oder ob sie wegen des Verrats des Freundes trauerte. Er stand vor einer schweren Wahl: zurueckweichen oder Svetlana den Befehl zum Gehorsam geben. Er waehlte das Erste.
– Entschuldigen Sie, Svetlana Sergejewna, – sagte er leise und wollte den Raum verlassen.
– Warten Sie, – rief Svetlana ihm nach.
Ihr wurde ploetzlich dieser starke, willensstarke Mann unendlich leid, und sie schaemte sich fuer ihre Herzlosigkeit, fuer ihre Gleichg;ltigkeit, dafuer, dass sie Grigorij unwillkuerlich bis zu den Ohrlaeppchen hatte erroeten lassen.
– Gut, ich werde mit Ihnen ins Restaurant gehen. Wann planen Sie es?
– Genau jetzt, – Grigorij hielt inne und drehte sich zu Svetlana um.
Die Schamesroete auf seinem Gesicht begann zu verblassen.
– Aber ich kann jetzt nicht, – Svetlana war ratlos, – falls die Arbeiter etwas brauchen.
– Ich bin gleich wieder da, – laechelte Grigorij.

Petro und Ljocha beendeten die Montage des Handtuchwaermers. Im Badezimmer lagen auf dem abgedeckten Boden wirr Verpackungsreste und Werkzeuge umher.
– Petro, – wandte sich Grigorij an den h;ngebaertigen Borschewitsch, – du wohnst doch nicht weit von hier. Kennst du ein anstaendiges Restaurant in der Naehe?
– Also pass auf, – Petro runzelte die Stirn, – an der Ecke gibt es eine Feinkost, auf der anderen Seite eine Bierkneipe. Mehr weiss ich nicht. Grinja, da ist noch was: Wir haben den Handtuchwaermer ein bisschen angemackt.
– Wo? Zeig her.
Petro zeigte es. Ljocha stand abseits und mischte sich nicht in das Gespraech ein.
– Mist, das ist schlecht! – rief Grigorij aus. – Das muessen wir irgendwie ueberstreichen. Hast du weisse Farbe?
– Woher denn?
– Dann schmiert es wenigstens mit Kreide zu.
– Mit Kreide, das machen wir. Jetzt faellt mir was ein, – freute sich Borschewitsch. – Als ich heute Morgen an der Bruecke vorbeiging, sah ich ein Schild: „Zum Streunenden Hund“. Ich dachte noch: Welcher Idiot nennt ein Restaurant „Hund“. Die Kooperativ-Leute sind voellig durchgedreht.
– Oha! Das passt. Also, meine Freunde, ich habe Sveta ins Restaurant eingeladen. Und damit sie nicht ablehnt, habe ich gesagt, dass ich heute Geburtstag habe.
Petro lachte. Ljocha schmunzelte.
– Aber sie will nicht gehen, – fuhr Grigorij fort, – weil sie denkt, ihr koenntet etwas brauchen. Jemand muss hingehen und sie ueberreden.
Grigorij vermied so gut es ging jeden Imperativ.
– Ich gehe nicht, – sagte Ljocha.
– Warum?
– Ich will nicht luegen.
– Wach, wach, wach, – Grigorij schuettelte den Kopf, – von wem ich das hoeren muss.
– Leute, hoert auf, euch wie Hund und Katze zu kabbeln. Ich geh schon hin. Kein Thema.
Petro war fuenf Minuten weg. In dieser Zeit sprachen Grigorij und Aleksej kein Wort, sahen sich nicht einmal an.
Borschewitsch kehrte zurueck.
– Geh schon, Casanova, sie ist einverstanden.
– Mensch Petro, danke, du hast mich gerettet, Kumpel.
Grigorij schuettelte Borschewitsch fest die Hand. Als er hinausging, konnte er sich dennoch nicht zurueckhalten und motivierte die Kollegen kategorisch:
– Arbeitet ordentlich, aber mit Schwung.


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