Tag der Sechste. 5

5


Im „Streunenden Hund“ war es kalt und langweilig. Svetlana pickte ein wenig am Fisch, wuehlte im Salat herum und trank einen Schluck Rotwein auf Grigorijs Wohl (vor dem Restaurant hatten sie vereinbart, zum „Du“ ueberzugehen). Grigorij kippte drei Glaeser Wodka, bezwang die Haelfte eines sohlenartigen Beefsteaks und wollte weder essen noch trinken. Das Gespraech kam nicht recht in Gang. Beide spuerten, dass dies nicht der Ort und nicht die Umstaende waren, die eine Annaeherung beguenstigten.
Svetlana legte Messer und Gabel beiseite.
– Grigorij, – sie sah das Geburtstagskind aufmerksam an, – wozu dieser Zirkus mit dem Geburtstag, mit dem Restaurant?
Grigorij senkte den Blick auf das angeknabberte Beefsteak.
– Ich wollte dir gefallen.
– Doch nicht mit dieser geschmacklosen Spelunke, – Svetlana machte eine ausladende Geste durch den Saal, der schlecht auf den Beginn des Jahrhunderts stilisiert war, – erobert man das Herz einer Frau.
– Sondern womit?
– Nun, ich weiss nicht. Mit Blumen, Gedichten, Umwerben, Heldentaten schliesslich.
– Gedichte schreiben kann ich ni...
– Bring mich weg von hier, – unterbrach ihn Svetlana.
– Gut, Svetlana. Ich gehe kurz hinaus zum Rauchen, und dann gehen wir.
Grigorij stand auf.
– Haben wir genug Geld, um zu bezahlen? – fragte Svetlana.
– Mach dir keine Sorgen, – beruhigte sie Grigorij, – es ist genug Geld da.
Das Geld reichte nicht aus, aber es gab keinen Grund zur Sorge. Grigorij hatte einen Plan entworfen, und es galt nur, ihn auszufuehren. Er trat hinter Svetlanas Ruecken und ging ans andere Ende des Saals, wo eine grosse Gesellschaft ernster Maenner und stark geschminkter Frauen duester feierte. Unterwegs stiess Grigorij auf seinen Kellner.
– Wie viel schulde ich dir?
– Na ja, mit meinem Anteil, – der Kellner rollte die Augen zur Decke, als st;nde dort eine geheime Preisliste, – einhundertfuenfzig.
– Ihr habt ja Preise hier.
Der Kellner grinste geh;ssig, nach dem Motto: Wer keine Kohle hat, soll nicht in Restaurants gehen.
– Warte an der Bar auf mich, ich komme zurueck und zahle.
Der Kellner ging zur Bar, und Grigorij setzte seinen Weg fort.
Dort angekommen, beugte sich Grigorij zum Ohr des Anfuehrers, eines kraeftigen, kahlkoepfigen Mannes mit Goldzaehnen und einer Narbe auf der linken Wange.
– Komm, wir gehen eine rauchen, – befahl Grigorij dem Boss.
Die Handlanger zuckten zusammen.
– Bleibt sitzen, – befahl ihnen Grigorij, – esst, trinkt, ruht euch aus.
In der Toilette starrte der Boss Grigorij wolfsartig an.
– Was willst du?
Er ueberlegte, wie er den Trottel am besten erledigen sollte: mit der Faust oder mit der Klinge.
– Gib mir das Geld, – befahl Grigorij schlicht und klar.
Ein Schleier legte sich ueber die Augen des Bosses.
– Wie viel? – das Bewusstsein versuchte noch, dem Befehl zu widerstehen.
– Alles.
Der Bandit zog eine dicke Brieftasche aus der Innentasche seines Sakkos. Grigorij oeffnete die Brieftasche. In einem Fach befand sich ein dicker Stapel grosser sowjetischer Geldscheine. Aus einem anderen Fach zog er einen duennen Stapel bunter, knisternder Papierchen hervor.
„Devisen“, erriet Grigorij.
Er nahm zwei Hunderterscheine, das restliche Geld und die leere Brieftasche warf er dem Boss vor die Fuesse.
– Vergiss unsere Begegnung, – befahl Grigorij.
Beim Hinausgehen sah Grigorij aus dem Augenwinkel, wie der Boss auf dem bespuckten Boden herumkroch und seinen Reichtum einsammelte.
Der Kellner wartete an der Bar auf ihn. Grigorij gab ihm die Scheine.
– Stimmt so.
Der Kellner war verbluefft. Wahrlich, eine Zeit des Wandels. Er sieht aus wie der letzte Trottel, aber er zahlt wie ein Koenig.
– Wuenschen Sie nicht, – floetete der Kellner s;sslich, – ein Glaeschen Cognac als Abschiedsschluck?
– Steck es dir in den Arsch.
Dem Kellner blieb der Mund offen stehen, und Grigorij besann sich.
– Ich habe gescherzt, du musst dir gar nichts irgendwohin stecken.

Auf dem Rueckweg erzuehlte Grigorij, um fuer Svetlana interessant zu sein, allerlei lustige Geschichten aus seinem Armeeleben. Er war ein mittelmaessiger Erzaehler, aber Svetlana bemuehte sich aufrichtig zu lachen.
Es wurde Abend. Der Himmel f;llte sich mit tiefem Blau. Es wurde merklich kaelter.
Einen Block vor dem Haus bemerkte Grigorij eine Strassenverkaeuferin mit Schneegloeckchen. Sie packte bereits ihre Sachen zusammen. Grigorij fuehrte Svetlana weg von der Kreuzung.
– Ich bin gleich wieder da, – sagte er und eilte um die Ecke zur Blumenfrau.
– Verkaufen Sie mir die Blumen!
– Es sind keine mehr da, – antwortete die Blumenfrau. – Sie sind alle.
– Wie, keine mehr da, Sie haben doch da noch ein Straeusschen!
– Das habe ich fuer meine Enkelin gelassen.
– Frau, – Grigorij legte die Hand aufs Herz, – ich brauche sie ganz dringend.
In seiner Aufregung vergass er voellig seine Gabe.
– Nimm sie, – laechelte die Blumenfrau, – ich habe gesehen, was fuer eine Schoenheit du da begleitest.
– Vielen Dank, Sie haben mich gerettet, – Grigorij zog Geld aus der Tasche.
– Und Geld nehme ich von dir auch nicht. Betrachte es als mein Geschenk.
In einem Anflug von Dankbarkeit umarmte Grigorij die aeltere Blumenfrau.
– Geh schon, geh, – sagte sie lachend, – es schickt sich nicht, so eine Schoenheit allein zu lassen.
Bevor Svetlana ueber Grigorijs ploetzliches Verschwinden beunruhigt sein konnte, tauchte er mit einem Straeusschen Schneegloeckchen in der Hand um die Ecke auf.
– Ist das fuer mich? – fragte Svetlana entzueckt.
– Fuer dich.
Svetlanas Gesicht erstrahlte vor Freude, und sie verzieh Grigorij den hoechstwahrscheinlich vorgetaeuschten Geburtstag und das d;mliche Restaurant.
– Danke, Grischa.
– Gehen wir nach Hause.
In diesem beilaeufigen „Gehen wir nach Hause“ hoerte Svetlana eine Prophezeiung, und ihr Herz machte einen Sprung.
Den Rest des Weges schwiegen sie, aber es war ein helles Schweigen. Sie schwiegen nicht, weil sie sich nichts zu sagen hatten, sondern weil das Herz zu voll war.


Рецензии