Tag der Sechste. 6
Zu Hause erwartete sie ein Unheil mittleren Ausmasses. Auf dem Parkett vor dem Badezimmer trocknete eine kleine Blutlache, und aus dem Bad waren erregte Stimmen zu hoeren. Grigorij und Svetlana gingen, ohne ihre Oberbekleidung abzulegen, schnell den Korridor entlang. Auf dem Boden sass ein aufgeloester Borschewitsch. Ljocha hockte daneben und verband Borschewitsch ungeschickt mit einem schmutzigen Lappen. Dabei schalt er den Verletzten lautstark aus.
– Warum greifst du auch nach weiss Gott was! Jetzt hat man die Scherereien mit dir!
– Na, ich hab diesen Nagel nicht gesehen.
– Gesehen, nicht gesehen, eine Brille solltest du tragen!
– Was ist passiert? – fragte Grigorij.
– Was wohl! Siehst du das nicht, – sagte Ljocha laut, ohne sich nach Grigorijs Stimme umzudrehen, – Stepanowitsch hat sich an der Hand verletzt!
– Das sehe ich. Woran?
– An einem Nagel, woran denn sonst!
Svetlana beruehrte Grigorij an der Schulter und deutete auf die Spitze eines blutigen Nagels, der aus dem Tuerrahmen in den Flur ragte.
Er war dort vielleicht vor einem Monat aufgetaucht und hatte Svetlana bereits den Hauskittel zerrissen und ihren Oberschenkel blutig gekratzt. Sie hatte versucht, den Nagel mit einer Zange herauszuziehen, dann probierte sie, ihn mit einem Fleischklopfer aus der Kueche hineinzuschlagen, aber sie hatte ihn nur noch spitzer gemacht.
Grigorij hob den auf dem Boden liegenden Hammer auf. Mit einem gezielten Schlag trieb er den Nagel tief in das Holz.
– Verdammt, das tut weh, – verzog Borschewitsch das Gesicht.
– Beiss die Zaehne zusammen, Kosake, – Ljocha lockerte den Knoten ein wenig.
– Also gut, ihr Kosaken, – schaltete sich Svetlana ein, – wir machen jetzt einen Verband nach allen Regeln der Kunst.
Sie ging weg und kehrte bereits ohne Mantel mit einer Schuessel, einem Eimer und einem Lappen zurueck.
– Grigorij, ich bitte dich, – Svetlana reichte Grigorij den Eimer und den Lappen, – wasch das Blut weg, bevor es in das Parkett einzieht.
– Blut abwaschen ausgefuehrt! – Grigorij salutierte Svetlana komisch.
Svetlana stieg ueber die Blutlache und betrat das Badezimmer.
– Petro Stepanowitsch, – kommandierte sie, – die Hand in die Schuessel.
– Wozu? – sorgte sich Borschewitsch.
– Laeppische Gerede im Glied, – antwortete Svetlana mit der Lieblingsphrase aus Grigorijs Armeegeschichten.
Borschewitsch gehorchte. Mit einer Schere schnitt sie den Knoten des Verbandes auf und wickelte vorsichtig den Lappen ab. Blut tropfte von der Handflaeche.
– Ab in die Kueche, – befahl sie.
Svetlana hielt die Schuessel unter die verwundete Hand und fuehrte Borschewitsch in die Kueche. Grigorij begann, Wasser in den Eimer zu f;llen.
– Was ist euch noch geblieben? – fragte er Ljocha.
– Von den grossen Sachen nur noch die Badewanne montieren und Kleinkram fuer etwa zwei bis drei Stunden.
– Sag mal, Aleksej Michajlowitsch, – Grigorij drehte den Hahn zu, – nimmst du mich als zweite Hand in deine Brigade auf?
– Mensch, du bist mir ja ein Hund, Grinja, – lachte Ljocha.
– Was meinst du damit? – Grigorij begann, mit dem nassen Lappen ueber den Blutfleck zu wischen.
– Die Swetka meine ich, und ueberhaupt alles.
– Also, nimmst du mich oder nicht?
– Ich nehme dich natuerlich, nur hast du keine Arbeitskleidung.
– Ach, zum Teufel damit, ich schaff das auch so, – er tauchte den blutigen Lappen in den Eimer. – Was meinst du, Ljocha, werden wir heute mit der Arbeit fertig?
– Ich habe keine Zweifel mit so einem Helfer, nur muss ich Ljussja anrufen und sagen, dass es spaeter wird.
Waehrend Ljocha seine Braut anrief, beendete Grigorij das Aufwischen des Blutes und raeumte alle Werkzeuge vom Boden weg, um Platz fuer die Badewanne zu schaffen.
– Na, legen wir los? – wandte er sich an den in der Tuer auftauchenden Ljocha.
– Legen wir los, Grinja.
Als Svetlana und Borschewitsch, dessen Hand in einer Schlinge verbunden war, aus der Kueche kamen, war die Arbeit im Bad bereits in vollem Gange.
– Grischa, arbeitest du etwa? – fragte ein besorgter Borschewitsch.
– Ich arbeite.
– Aber was ist mit…
– Mach dir keine Sorgen, Stepanowitsch, – beruhigte ihn Grigorij, – die Schicht schreiben wir dir gut.
– Das ist mir irgendwie unangenehm.
– Sieh zu, dass du gesund wirst, Petro. Vielleicht soll ich dir den Krankenwagen rufen?
– Kommt nicht in Frage, – schnaubte Borschewitsch, – bis nach Hause habe ich nur zwanzig Minuten. Ich habe mich nicht einmal umgezogen.
– Ich begleite Sie, Pjotr Stepanowitsch, – schaltete sich Svetlana in das Maennergespraech ein.
– Bin ich denn ein Kind, dass man mich begleiten muss!
– Widersprechen Sie nicht, Pjotr Stepanowitsch, – sagte Svetlana entschlossen, – gehen wir.
– Grinja, – sagte Ljocha leise, als Borschewitsch und Svetlana gegangen waren, – bist du mir nicht mehr boese?
– Der Tag heute ist irgendwie... – Grigorij erinnerte sich an die Einweihung zum Propheten und an all die Abenteuer, die daraus folgten, – besonders. Nein, Ljocha, ich bin nicht boese. Wir sind ja keine Schulfreundinnen aus der ersten Klasse. Komm, holen wir die Wanne.
– Gehen wir, – ein Stein fiel Ljocha vom Herzen, – holen wir die Wanne.
Die Freunde arbeiteten mit gr;sstem Enthusiasmus. Svetlana brachte ihnen belegte Brote mit Kaese und Wurst, die Grigorij im kommerziellen Glaspavillon gekauft hatte, und zwang sie spaeter zum Abendessen. Dann arbeiteten sie weiter.
Gegen Mitternacht begann Ljocha vor M;digkeit Fehler zu machen. Er haette beinahe den Hammer in das neue Waschbecken fallen lassen.
– Stopp, – sagte Grigorij, – fuer heute reicht es.
– Grischa, wir haben nur noch Arbeit fuer eine halbe Stunde. Lass es uns fertigmachen, damit wir morgen nicht kommen muessen.
– Es reicht fuer heute. Geh dich umziehen. Morgen mache ich den Rest allein.
Draussen war es kaelter geworden. Grigorij fror in seinem Hemd.
– Warum bist du rausgekommen, um mich zu begleiten? Ich finde den Weg auch so.
– Lass uns wenigstens eine rauchen.
Die Freunde zuendeten sich eine an.
– Wie sieht es bei dir und Svetlana aus? – fragte Aleksej und stiess einen weissen Rauchstreifen in die frostige Luft aus.
– Ich weiss nicht, Ljocha.
Schilow brannte es auf der Zunge, etwas ueber Karlovitsch oder Mascha loszuwerden, aber er hielt sich zurueck.
– Also gut, – Ljocha warf den Stummel auf den Asphalt und zerdrueckte ihn mit dem Stiefel, – ich gehe dann mal.
– Mach's gut.
Svetlana stand im halbdunklen Flur. Grigorij trat an sie heran.
– Ich bin wegen der Jacke zurueckgekommen.
– Es ist schon spaet. Wie willst du nach Hause kommen?
– Die Metro faehrt noch.
– Du hast deine Hose zerrissen.
– Man sieht es fast nicht.
– Und das Hemd hast du schmutzig gemacht.
– Unter der Jacke merkt man es nicht.
– Geh nicht, – Svetlana legte ihren Kopf an Grigorijs Brust, – bleib hier.
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