Tag der Zehnte. 1
Die Felsen waren merklich naeher gerueckt. Flecken von fuchsroter Vegetation und gruenem Moos wurden auf ihnen sichtbar. Grigorij spuerte eine fremde, prinzipiell andere Harmonie in diesem grau-braun-gruenen Chaos, als seien die Felsen keine natuerliche Formation der herausgepressten Erdkruste, sondern die Schoepfung eines wahnsinnigen Architekten.
Etwas hatte sich in der Wueste im Vergleich zum letzten Mal veraendert. Leise heulte der Wind und bewegte die Kleider seiner schweigenden Begleiterinnen. Die Frauen schwiegen – darin bestand die Originalitaet der gegenwaertigen Lage. Deshalb war das Heulen des Windes zu hoeren. Und kaum hatte Grigorij an die Stille gedacht, ert;nte hinter seinem Ruecken das gellende Klingeln eines Telefons.
„Mascha, geh ran“, wandte sich Grigorij an seine Frau. Mascha reagierte in keiner Weise. Sie schritt weiter voran, und ihr Blick war auf die Gebirgskette gerichtet.
„Sveta, antworte du wenigstens. Das Telefon klingelt.“
Grigorij schielte zu seiner Geliebten hinueber. Aber auch Svetlana bewahrte ein entruecktes Schweigen und ging ruhig an seiner linken Seite.
„Alles muss man selbst machen“, seufzte Grigorij, „auf niemanden ist Verlass.“
Er begann sich umzudrehen, doch noch bevor seine Augen den Hintergrund der Szenerie erfassen konnten, verliess Grigorij den Traum.
Das Telefon auf dem Nachttisch klingelte.
– Hallo, chche, chche, – Grigorijs Stimme war heiser vom Schlaf, es kratzte ihm im Hals.
– Grischa, hallo, – das war Ljocha, – schlaefst du etwa?
– Was heisst hier schlafen, – Grigorij war verlegen, als haette Ljocha ihn bei einer schaendlichen Taetigkeit ertappt, – ich schlafe gar nicht. Wie spaet ist es?
– Kurz nach sieben. Grinja, willst du heute zur Arbeit kommen?
– Die Arbeit ist kein Wolf, – Grigorij schob sich ein Kissen in den Ruecken und lehnte sich gegen das Kopfende des Bettes, – sie laeuft nicht in den Wald davon.
– In den Wald laeuft sie vielleicht nicht davon, – Ljocha seufzte schwer. – Warum ich anrufe, Grinja: Karlovitsch hat dich gefeuert.
– Wie, gefeuert? – durch diese Nachricht wurde Grigorij schlagartig wach. – Wofuer?
– Wegen unentschuldigten Fehlens.
– Ich habe ihn doch gewarnt, dass ich krank bin!
– Grinja, das musst du mit ihm klaeren. Ich habe dich gewarnt.
In das Schlafzimmer trat Svetlana, ihre Absaetze klapperten auf dem Boden. Sie trug einen leichten beigen Mantel, der Hals war von einem Gazeschal bedeckt, und an ihrer Schulter hing eine zierliche Handtasche.
– Grischa, – sagte sie, – ich muss zur Arbeit. Das Fruehstueck steht auf dem Tisch. Mach's gut.
Grigorij fuchtelte mit der Hand, damit Svetlana nicht ging, und sagte zu Ljocha:
– Ljocha, warte mal eine Minute an der Strippe, ich verabschiede Sveta noch.
Er sprang beherzt aus dem Bett auf das kalte Parkett und bemerkte erst dann, dass er vor Svetlana stand, wie man so schoen sagt – wie Gott ihn erschaffen hatte. Doch Grigorij verlor nicht die Fassung; er bedeckte seine Scham mit einem Kissen. Svetlana lachte, waehrend sie Grigorijs Bewegungen beobachtete.
Er trat an Svetlana heran, die in der Tuer stand, und legte die Arme um ihre Schultern. Das Kissen fiel zu Boden. Grigorij drueckte sich an sie und gab ihr zudem einen festen Kuss. Durch diese Handlungen entstand in Svetas Kopf ein Nebel, und ihr Herz begann schneller zu schlagen.
– Vielleicht verspaetest du dich um ein St;ndchen, – fluesterte er und kitzelte mit der Zunge ihr Ohrlaeppchen.
– Grischa, schaemst du dich denn gar nicht, – sie zuckte mit den Schultern in der vagen Absicht, sich aus der Umarmung zu befreien, – ich komme zu spaet zur Arbeit.
Grigorij liess von ihr ab – nicht, weil ihn Svetas Worte gestoppt haetten, sondern weil ihm ein so tollkuehner Gedanke in den Kopf schoss, dass es ihm den Atem verschlug.
– Tschuess, Liebling, bis heute Abend, – sagte Svetlana enttaeuscht, drehte sich um und ging mit klappernden Absaetzen den Korridor entlang.
– Tschuess, Sveta! – rief ihr Grigorij verspaetet hinterher.
Sie drehte sich im Gehen halb um, winkte ihm laechelnd zu.
Waehrend er zum Telefon zurueckkehrte, entwarf Grigorij im Geist das Schema einer Operation.
– Hallo, Ljocha, bist du noch da?
– Ja, ich bin noch hier. Grinja, sag schnell, was los ist, ich muss zur Arbeit.
– Wo arbeitest du heute?
– Dort, wo wir letzte Woche geschuftet haben. Heute wollten sie dir einen Ersatz schicken.
– Das ging ja schnell, – grinste Grigorij, – der Platz ist sozusagen noch nicht einmal kalt geworden.
Waehrend er dies sagte, zog Grigorij eine Zigarette aus der Packung, liess das Feuerzeug schnappen und suchte beim Anz;nden mit den Augen nach einem Aschenbecher. Er fand keinen. Svetlana billigte das Rauchen im Schlafzimmer nicht und schickte ihn immer auf den Balkon.
„Bis sie zurueckkommt, ist es verflogen“, – er beschloss, die Asche auf einen Zettel abzustreifen, der neben dem Telefon lag.
– Fuer dich mag das schnell sein, aber ich bin seit zwei Tagen ohne Partner, – sagte Ljocha beleidigt. – Borschewitsch ist noch krankgeschrieben. Ich sag ihm: Legt die Trupps zusammen, das ist doch sonst wie mit einer Hand an zwei Hochzeiten tanzen. Nein, er meint, es muesse an beiden Stellen gleichzeitig vorangehen.
– Wann taucht Karlovitsch auf dem Objekt auf? – unterbrach Grigorij mit dieser Frage Ljochas produktionsbezogenen Monolog.
– Karlovitsch! – rief Ljocha leise aus. – Karlovitsch ist schon weg vom Fenster.
– Was meinst du mit weg?
– Er ist befoerdert worden. Er sitzt jetzt im Kontor. Und seit Montag befehligt mich Petrenko. Zwei Soldaten auf einen Polier, zum Lachen ist das.
– Das ist sogar noch besser.
Grigorij streifte die Asche ab. Das Schema der Operation stand fest.
– Was ist besser? – verstand Ljocha nicht.
– Unwichtig. Pass auf, Ljocha, willst du nicht gegen Mittag zum Kontor kommen?
– Was hab ich dort verloren? Gehalt gibt es erst in einer Woche, und das bringen sie zum Objekt.
Grigorij seufzte. Er wuerde ueber das Telefon motivieren muessen.
– Ljocha, – sagte Grigorij fest und betont, – um zwoelf Uhr null-null kommst du zum Kontor. Das ist ein Befehl.
– Gut, Grischa. Um zwoelf Uhr null-null komme ich zum Kontor.
– Wegtreten, – sagte Grigorij und legte den Hoerer auf.
Beim Fruehstueck, das Sveta auf dem Tisch gelassen hatte, ueberlegte Grigorij die Details des Plans. Er dachte beim Anziehen und auf dem Weg zum Kontor darueber nach.
Als er das Vorzimmer betrat, war Grigorij bereit fuer den Kampf.
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