Tag der Zehnte. 2
Die Sekretaerin, sie war offenbar gerade erst bei der Arbeit erschienen, ordnete Papiere auf dem Schreibtisch und wischte Staub.
– Guten Tag, – sagte Grigorij schon von der Schwelle aus, – wo ist Goldman?
– Wer sind Sie? – warf ihm die Sekretaerin einen kurzen Blick zu.
– Ein Geist im Frack, – antwortete Grigorij gut gelaunt, – Klempner Iwanow, hoechstpersoenlich. Also, wo ist Goldman?
– Ich bin nicht der Waechter deines Goldmans, – Walja zuckte die Achseln und setzte sich an den Tisch.
– Aha, – Grigorij st;tzte die Haende auf den Schreibtisch der Sekretaerin und sah die Frau eindringlich an, – pass auf, Walja, ich werde Fragen stellen und du wirst antworten. Wo ist Goldman?
– Ich, ich weiss nicht, – antwortete Walja erschrocken, – es ist noch frueh, er koennte noch nicht im Buero erschienen sein.
„Mist, daran habe ich nicht gedacht“, aergerte sich Grigorij ueber sich selbst.
– Gut. Stellen wir die Frage anders. Wo ist sein Buero?
– Im zweiten Stock. Ich kann Sie begleiten.
„Habe ich nicht zu stark auf die Frau gedrueckt?“, dachte Grigorij, waehrend er hinter Walja herging und ihre ueffigen H;ften betrachtete, die im Takt ihrer Schritte wippten.
Walja trat an eine Tuer mit einem goldenen Schild: „Beletzkij B.G., Stellvertretender Direktor fuer Kommerz“. Sie klopfte nachlaessig an und oeffnete sie sogleich einen Spalt.
– Viktor Karlovitsch, – sagte sie und steckte den Kopf durch die Oeffnung, – der Klempner Iwanow ist hier.
– Wer?! – rief Goldman erstaunt aus.
Grigorij oeffnete die Tuer sperrangelweit.
– Gut gemacht, Walja, – lobte er die Sekretaerin, – geh zurueck an deinen Platz, – und schloss die Tuer hinter ihr. – Erkennst du mich nicht mehr? – wandte er sich an den fassungslosen Goldman.
– Du, warum bist du gekommen? – stammelte Goldman.
– Ein V;gelchen hat mir gezwitschert, dass du mich gefeuert hast.
– Na und, wenn schon, – Goldman hatte sich vom ersten Schrecken erholt und nahm einen provozierenden Ton an, – du gehst ja nicht zur Arbeit.
– Tatsaechlich, – Grigorij streifte seine Jacke ab, haengte sie an die Garderobe neben der Tuer, – sag mal, Karlovitsch, bist du vielleicht wegen Swetka beleidigt?
Grigorij setzte sich Goldman gegen;ber.
Goldman hingegen stand auf.
– Was macht das fuer einen Unterschied, – sagte er boese, – verschwinde von hier, bevor ich die Miliz rufe.
– Beleidigt bist du also doch, – seufzte Grigorij, – aber egal. Ich habe ein geschaeftliches Angebot fuer dich, Karlovitsch. Wie waere es, wenn du Direktor von „Rostok“ wuerdest?
Goldman riss die Augen auf, oeffnete den Mund, schloss ihn wieder und brach in Gelaechter aus.
– Du bist mir ja einer, Iwanow, – er setzte sich lachend an den Tisch. – Wie nur ist so eine verrueckte Idee in deinen Klempner-Schaedel geraten?
– Du hast meine Frage nicht beantwortet, Viktor Karlovitsch.
– Natuerlich, Grigorij, will ich Direktor von „Rostok“ werden. Und was weiter?
– Und weiter gehen wir zu Kusnezoew, und ich ueberrede ihn, dich zum Direktor zu machen und selbst zu kuendigen.
Goldman riss erneut den Mund auf und starrte ihn mit aufgerissenen Augen an.
– Du hast wohl Tollkirschen gefressen. Hier muss man nicht die Miliz rufen, sondern die Sanitaeter.
– Viktor Karlovitsch, Viktor Karlovitsch, du kennst die Kraft meiner Ueberzeugung nicht. Da ist Walja, ein widerspenstiges Weibstueck, und doch hat sie mich zu dir gefuehrt. Warum sollte sie wohl einen Klempner zum Polier begleiten?
– Zum stellvertretenden Direktor fuer Kommerz, – korrigierte ihn Goldman mechanisch.
In Iwanows Worten lag irgendeine Wahrheit. Warum war Walja ploetzlich so gehorsam geworden?
– Oder nehmen wir dich, – fuhr Grigorij fort, – erinnerst du dich an den Weg zu Svetlana?
Goldman rieb sich die Schlaefen. Es war seltsam, aber er konnte sich tatsaechlich nicht an den Weg zu Svetlanas Haus erinnern. Dieses Wissen entglitt ihm staendig.
– Und willst du dich erinnern?
Goldman schwieg.
– Erinnere dich!
Und in derselben Sekunde erinnerte sich Viktor, wo das Haus war und wie er dorthin gelangte. Das machte ihm ein wenig Angst.
– Genuegen die Beweise?
– Grigorij, ich will dich nicht beleidigen, aber das ist alles voelliger Unsinn. Na gut, ich habe vergessen, ich habe mich erinnert, Walja ist gekommen. Stell dir vor, wir gehen zum Direktor. Du sagst: Goldman wird Direktor. Und er sagt: Verschwindet. Und wir sind beide arbeitslos.
– Also reicht es nicht aus, – zog Grigorij den Schluss.
Er stand auf, ging zur Tuer und hinaus in den Korridor. Goldman beobachtete Iwanows Handlungen finster. Er spuerte, dass an der ganzen Sache etwas nicht stimmte, aber er wurde von den Ereignissen mitgerissen, wie ein Fluss einen Baumstamm mitreisst.
Im Kontor begann unterdessen Leben einzukehren. Tueren knallten, jemand stritt am Telefon lautstark mit einem Lieferanten wegen „roter Ziegel“. Ein junger Mann, der Grigorij vage bekannt vorkam, bewegte sich schnellen Schrittes durch den Korridor.
– Oh! – freute sich Grigorij. – Stehen bleiben!
Befahl er dem jungen Mann, als dieser an ihm vorbeigehen wollte. Der junge Mann hielt inne.
– Wie heisst du?
– Igor, – der junge Mann sah Grigorij verwundert an.
– Und der Nachname?
Igor zuckte die Achseln. Er wollte offensichtlich weg, aber der Befehl hielt ihn fest.
– Antworte, – Grigorij unterstrich die Frage mit dem Imperativ.
– Petrenko.
– Bist du jetzt der Chef von Schilow?
Petrenko zuckte die Achseln.
– Antworte.
– Ja, ich.
– Geh in Goldmans Buero.
Grigorij schloss die Tuer fest. Petrenko trat ein und blieb in der Mitte des Bueros stehen.
– Guten Tag, Viktor Karlovitsch, – gruesste er Goldman.
– Hallo, Igor. Wolltest du etwas?
Petrenko zuckte die Achseln. Grigorij empfand Mitleid mit dem jungen Mann, aber fuer einen Rueckzug war es zu spaet. Goldman musste die Macht der Menschenf;hrung in der Praxis demonstriert bekommen.
– Bauleiter Petrenko, – sagte Grigorij feierlich und mit gewissem Nachdruck, – streck die Zunge raus und sag „wau“.
Petrenko streckte die Zunge heraus und versuchte zu bellen. Es klang wie ein jaemmerliches „au“.
– Und jetzt, – fuhr Grigorij fort, – stell dich auf das rechte Bein, breite die Arme aus, Blickrichtung zu Goldman und kraehe dreimal.
In voelliger Geistesabwesenheit fuehrte Petrenko alle Befehle praezise aus.
– Und nun, leg dich auf den Boden und robbe zum Schreibtisch von Karlovitsch und zurueck zu mir.
Petrenko robbte los. Grigorij fiel nichts weiter ein.
– Nun, – Grigorij sah den vor Staunen versteinerten Goldman an, – brauchst du noch Beweise fuer meine Faehigkeit, Menschen zu fuehren?
Goldman schuettelte verneinend den Kopf.
– Nein, – presste er hervor, – lass ihn gehen.
– Bauleiter Petrenko – aufstehen, – Petrenko sprang auf. – Geh deiner Wege, und alles, was hier geschah – vergiss es.
Petrenko ging hinaus, und Goldman stuerzte ihm in den Korridor hinterher.
– Igor! – Goldman holte Petrenko an der Treppe ein, – warte.
Igor drehte sich um. Ein sanftes Laecheln spielte auf seinen Lippen, als er Viktor sah.
– Guten Tag, Viktor Karlovitsch.
– Wir haben uns schon begruesst.
Petrenko blinzelte. In seinem Blick lag aufrichtige Ratlosigkeit.
– Warum bist du gerade eben reingekommen? – fragte Goldman.
– Verzeihen Sie, Viktor Karlovitsch, – sagte Petrenko leise, aber bestimmt, – ich bin nicht bei Ihnen gewesen.
Petrenkos Pullover war mit Staub beschmutzt – ein Zeugnis seines Robbens auf dem Boden.
„Vergessen, restlos vergessen! Wie ist das nur moeglich!“ Goldman durchlief ein Schauder.
– Du hast dich irgendwo schmutzig gemacht, – sagte Goldman zu ihm, – klopf dich ab.
Er drehte sich von Petrenko weg und steuerte sein Buero an. Petrenko begann die Treppe hinunterzugehen und wischte sich unterwegs den Staub vom Pullover.
Im Buero schritt Goldman lange von Ecke zu Ecke. Grigorij beobachtete ihn schweigend. Schliesslich setzte sich Goldman.
– Ich koennte denken, dass du dich mit Petrenko abgesprochen hast, aber ich sehe in diesem Spektakel nicht den geringsten Sinn. Wie machst du das? Hypnose?
– Viel staerker, Karlovitsch, – grinste Iwanow.
– Gehirnwaesche?
– Nenn es Gehirnwaesche, – stimmte Grigorij zu, – aber ich nenne es – Motivation.
Goldman schwieg lange.
– Pass auf, Karlovitsch, – Grigorij hielt die Pause nicht aus, – ich koennte dir befehlen, und die Sache waere erledigt, aber ich brauche deinen hellen Kopf.
– Du brauchst mir nicht zu befehlen. Ich glaube dir.
– Also, Viktor Karlovitsch, bist du bereit, Direktor des Unternehmens zu werden?
– Ach, Grigorij Iwanowitsch, du bringst mich noch hinter Klostermauern. Ich bin einverstanden.
Die Erwaehnung des Klosters versetzte seinem Herzen einen unangenehmen Stich.
– Hab keine Panik, Karlovitsch, alles wird glattlaufen. Gehen wir.
– Wohin?
– Zu Kusnezoew.
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