Tag der Zehnte. 3

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In Kusnezoews Buero verliess Goldman der Mut. Er trat auf der Stelle, druckste an der Schwelle herum und schwitzte merklich. Grigorij stand daneben und ein wenig dahinter. Er bereitete sich ruhig und finster auf den Kampf vor. Kusnezoew musterte ausgiebig die ungebetenen Gaeste, die ohne Erlaubnis in sein Territorium eingedrungen waren. Er wartete darauf, dass Goldman endlich zu sprechen begann und den Kern des Problems darlegte, aber der neue Stellvertreter war offensichtlich fassungslos.
– Was ist los, Viktor Karlovitsch? – fragte Kusnezoew ruhig und streng.
– Nun... verstehen Sie, Alexander Sergejewitsch... es ist so eine Sache, – druckste Goldman herum. Er packte Grigorij am Aermel und zerrte ihn vor sich her, – Grigorij Iwanowitsch moechte mit Ihnen sprechen.
– Wer ist das?
Dem Direktor gefiel dieses Vorspiel nicht.
Grigorij befreite sich mit Leichtigkeit aus Goldmans Griff.
– Klempner Iwanow, – stellte sich Grigorij vor, trat an den Schreibtisch des Direktors und setzte sich auf einen Stuhl, – Truppfuehrer des Klempnertrupps in Goldmans Produktionsbereich.
Kusnezoew laechelte. Seine Komsomol-Jugend hatte ihn gelehrt, gegen;ber dem Proletariat den „Kumpeltyp“ zu geben. Die Falschheit seines Spiels, die bei den Arbeitern Ekel hervorrief, spuerte Kusnezoew dabei nicht.
– Nun, Genosse Iwanow, – sagte Kusnezoew munter, – wie laeuft die Arbeit? Erfuellst du die Produktionsaufgaben, wirst du nicht von der Obrigkeit schikaniert? Die Obrigkeit, wissen Sie, ist so eine Sache...
Grigorij verzog das Gesicht angesichts der Falschheit des Direktors.
– Hoer mir aufmerksam zu, Genosse Kusnezoew, – unterbrach er die Rede des Direktors. – Vernimm und gehorche. Viktor Karlovitsch! – Grigorij wandte sich um und rief Goldman, – was druckst du da an der Schwelle herum? Gesell dich zu uns. Wir erledigen hier ernste Angelegenheiten.
Er wartete, bis Goldman sich gesetzt hatte, und fuhr fort:
– Also, Genosse Kusnezoew, du wirst ein K;ndigungsschreiben auf eigenen Wunsch aufsetzen.
Eine Sekunde lang hatte Kusnezoew die Absicht, die Frechdaechse mit Tritten hinauszuwerfen oder die Miliz zu rufen, aber in der zweiten Sekunde verspuerte er ein leidenschaftliches Verlangen, den Befehl von Genossen Iwanow sofort auszuehren, und dieses Verlangen war so allumfassend, dass Kusnezoew den Stift nahm und ein leeres Blatt Papier zu sich heranzog.
– Nicht jetzt, – sagte Grigorij, als er die Bereitschaft des Direktors sah, – ein wenig spaeter.
Goldman blickte mit Ehrfurcht auf die Revolution. Er war gluebig geworden. Die letzten Zweifel an Iwanows Macht waren bei ihm geschwunden.
– Der zweite Punkt, – fuhr Grigorij fort, das Konzept darzulegen, – du ernennst mit sofortiger Wirkung Wiktor Karlovitsch Goldman zum Direktor von „Rostok“.
Kusnezoew nickte und gab damit zu verstehen, dass er auch diesen Punkt zur Ausfuehrung angenommen hatte.
– Der dritte Punkt. Alle schmutzigen und sauberen Geschaefte uebergibst du an Goldman.
– Grigorij Iwanowitsch, – Goldman beruehrte Grigorij an der Schulter, – koennen Sie mich einen Moment sprechen?
– Einfrieren! – befahl Grigorij Kusnezoew, waehrend er aufstand.
Sie gingen vom Tisch weg.
– Was gibt es noch?
– Grigorij Iwanowitsch, ich moechte Sie warnen...
– Hoer zu, Karlovitsch, bleiben wir beim Du, zumindest unter vier Augen.
– Gut, ich werde mich bemuehen.
– Also, worueber willst du mich warnen?
– Kusnezoew ist nicht nur Direktor, sondern auch Inhaber von „Rostok“. Die Direktorenstelle bringt nicht viel. Wir muessen das Unternehmen auf dich oder auf uns umschreiben.
– Richtig, Karlovitsch! – Grigorij klopfte Goldman auf den Ruecken. – Heller Kopf, du!
Goldman err;tete vor Lob.
„Soso“, dachte er sich, „wer war er noch vor einer Stunde, und wer war ich. Wie schnell sich alles aendert.“
– Die Umschreibung des Unternehmens kann einige Tage dauern, – sagte Goldman und kicherte nervoes.
Kusnezoew sass in Erstarrung da, wie eine Sphinx neben der Cheops-Pyramide.
– Erwache! – befahl Grigorij und setzte sich auf einen knarrenden Stuhl. – Punkt vier. Du ueberschreibst die Eigentumsrechte des Unternehmens auf uns.
Emp;rung regte sich schwach in Kusnezoews Seele, doch sie wurde sofort von dem Verlangen ueberflutet, alles exakt auszufuehren.
– Alles klar? – fragte Grigorij.
Kusnezoew nickte.
– Ich sehe keinen Enthusiasmus, – lachte Grigorij, – munterer, Genosse Kusnezoew.
– Alles verstanden, Grigorij Iwanowitsch, – antwortete Kusnezoew munter, – darf ich mit der Ausfuehrung beginnen?
– F;hre es punktweise aus, – erlaubte Grigorij.
Kusnezoew griff wieder zum Stift. Eifrig wie ein Erstklaesser, den Kopf zur Seite geneigt, begann er zu schreiben.
– Auf welchen Namen soll ich schreiben? – fragte er.
Grigorij sah Goldman an.
– Auf meinen, – loeste Goldman die Schwierigkeit, – schreib es auf meinen.
Nachdem Kusnezoew zwei Blaetter vollgeschrieben hatte, rief er die Sekretaerin.
– Walja, bring das K;ndigungsschreiben in die Personalabteilung, – er uebergab ihr ein Blatt, – und das hier, – Kusnezoew gab Walja das zweite Blatt, – tippe es ab und bring es mir zur Unterschrift.
Walja erstarrte, als sie einen fl;chtigen Blick in die Papiere warf.
– Aber wie denn nur, Alexander Sergejewitsch, – stammelte sie mit bleichen Lippen, – wie koennen Sie nur k;ndigen?
Grigorij hatte das Gef;hl, dass die Frau jeden Moment der Schlag treffen wuerde, wenn man sie nicht beruhigte. Er stand auf, legte der Sekretaerin die Arme um die Schultern und fuehrte sie zum Ausgang.
– Was ist denn, Walja, – gurrte er, – tu, was dir befohlen wurde. Bring das Schreiben weg und tippe den Befehl. Alles wird gut. Das verspreche ich dir.
– Ja, Grigorij Iwanowitsch, – antwortete Walja und drueckte sich unwillkuerlich an Grigorij, – ich werde alles so machen, wie Sie sagen.
– Na, also. Kopf hoch. Und noch was: Wenn Schilow kommt, schick ihn sofort hierher.
– Gut, Grigorij Iwanowitsch.
– Na, geh schon.
Und einem unklaren Impuls folgend, gab Grigorij Walja einen leichten Klaps auf den Po. Sie zuckte kokett mit der Schulter und huschte aus dem Buero.


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