Tag der Zehnte. 5




In dem Vorzimmer hatte sich viel Volk angesammelt. Die Mitarbeiter blickten mit Furcht auf den Sanitaer Iwanow, der aus dem Arbeitszimmer herauskam.
– Habt ihr nichts zu tun? – fragte Iwanow sie streng.
Niemand antwortete.
«Ich muss sie motivieren.»
– Also gut, – Grigorij erhob leicht die Stimme, – Nadja aus der Buchhaltung bleibt an ihrem Platz. Alle anderen gehen an ihre Arbeitsplaetze zurueck, und um drei Uhr erscheinen alle zur Versammlung im Festsaal. Marsch, marsch.
Es vergingen keine fuenf Sekunden, und das Vorzimmer war leer. Nur am Schreibtisch der Sekretaerin stand eine schlanke Bruenette. Sie war vergaengstigt.
– Bist du Nadja aus der Buchhaltung?
– Ja, – piepste die Bruenette klaeglich wie eine Maus.
– Stell dich hierhin, – Grigorij deutete auf den Posten an der Tuer, – lass niemanden in das Zimmer. Du haftest mit deinem Kopf.
Walja erwartete ihn, wie man die Ankunft des Schicksals erwartet: mit Furcht und Ungeduld. Sie ging nervoes vom Tisch zur Tuer und zurueck, und der hartnaeckige Gedanke «Warum tue ich das?» zerbrach an der Barriere «Es muss so sein». Sie erreichte die Tuer, drehte sich um. In diesem Moment oeffnete sich die Tuer. Walja erstarrte: «Er!». Ihr Herz schlug wie ein Kanarienvogel gegen die Gitterstaebe des Kaefigs. Die Tuer schloss sich mit einem Klicken. Er umarmte sie von hinten. Mit dem Ruecken und dem Gesaess spuerte Walja, dass er bis zum Aeussersten erregt war.
– Bist du verheiratet? – fragte Grigorij, waehrend er Waljas Brust drueckte.
– Verheiratet, Grigorij Ivanovitsch.
– Nenn mich Grischa, – er fuhr mit der Hand ueber ihren Bauch und begann, als er den Schambereich erreichte, ihn zu streicheln; sie spreizte ein wenig die Beine. – Hast du Kinder?
– Eine Tochter, fuenf Jahre alt, Grischa, – sie st;hnte leise; das war er, der unter ihr Kleid gegriffen und mit der heissen Hand ihre Scham bedeckt hatte.
– Das ist gut, – sagte er und kuesste sie fest in den Nacken, wovon ein Schauer ueber ihren ganzen Koerper lief. Walja st;hnte erneut. – Zieh das Kleid aus.


Walja seufzte stoerungsweise auf Goldmanns Tisch und stoehnte bei den Stoessen. Im Korridor liefen Mitarbeiter umher. Ihre Schritte und Stimmen waren durch die duenne Tuer gut hoerbar, jemand klopfte und drueckte die Klinke. Die aeusseren besonderen Umstaende verliehen dem inneren Prozess eine gewisse Pikanterie. Grigorij kam schnell zum Ende. Walja schaffte es noch auszurufen: «Dahin! Ich habe eine Spirale!». Grigorij hob Walja vom Tisch und drehte sie mit dem Gesicht zum Fenster. Walja stuetze sich gehorsam auf den Tisch und spreizte weit die Beine. Grigorij drang von hinten in sie ein. Der zweite Durchgang war, im Gegensatz zum ersten, gehaltvoller.
Sie sassen auf dem Sofa. Walja war Grigorij auf die Knie geklettert.
– Grischa, Grischa, – sie streichelte ihn am Kopf, – was wird nun geschehen.
Grigorij antwortete nicht. Bei dem traegen Gedanken: «Warum gibt es in jedem Arbeitszimmer Sofas?» begann er in den Schlaf zu sinken. Vor seinem inneren Auge formte sich eine Wueste, bereits nahe Felsen und ein gelber Pfad.
– Schlaf nicht, schlaf nicht! – ruettelte ihn Walja wach.
Die Wueste und die Felsen verflogen.
– Ja, entschuldige, – er kuesste Walja auf die ueppige Brust. – Hat es dir gefallen?
– Sehr, Grischa.
– Hoer zu, Walja, – Grigorij war nun endgueltig wach, – du behalte Goldmann und Schilow im Auge.
– Goldmann werde ich im Auge behalten, – stimmte Walja zu, – aber warum muss man Schilow beaufsichtigen?
– Schilow ist ab heute der stellvertretende Direktor fuer Kommerz.
– Sag mir, mein Ritter, – lachte Walja, – hast du das, – sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und biss ihn spielerisch ins Ohr, – alles arrangiert?
– Nun, ich, wer denn sonst, – lachte Grigorij zurueck. – Ach ja, noch etwas. Mach dir um das Gehalt keine Sorgen.
– Grischa, Grischa, – Walja leckte die gebissene Stelle, – wie konnte ich dich frueher nur nicht bemerken.
– Es ist irgendwie still geworden.
Aus dem Korridor war tatsaechlich schon seit einiger Zeit kein Laut mehr zu hoeren.
– Wie spaet ist es?
Walja warf einen Blick auf die Wanduhr ueber der Tuer.
– Fuenf Minuten nach drei.
– Mist! – schrie Grigorij auf.
– Die Versammlung! – riefen sie wie aus einem Munde.

Im Festsaal tobte die Konterrevolution. Auf der Buehne, die etwas ueber den Saal erhoben war, traten Goldmann und Schilow am Tisch des Praesidiums, der mit einem roten Tischtuch bedeckt war, von einem Fuss auf den anderen. Goldmann schwitzte merklich, Schilow war blass. Am Rednerpult stand ein sportlich aussehender Mann, den rechten Fuss nach vorne gesetzt. Er prangerte die Usurpatoren an.
– Wer seid ihr! – deutete er drohend auf die traurigen Revolutionaere. – Mit welchem Recht habt ihr euch das Recht angemasst!
– Wer ist das? – fragte Grigorij Walja leise.
Sie waren gerade erst eingetreten und standen an der Schwelle des ueberfuellten Saals. Es gab keine freien Plaetze mehr. Einige Mitarbeiter standen.
– Das ist Beletzkij, – antwortete Walja und entfernte sich ein wenig von Grigorij, – der ehemalige kaufmaennische Direktor.
– Irgendwie haben wir hier zu viele kaufmaennische Direktoren.
– Allerdings.
Niemand achtete auf sie. Alle Blicke waren auf die Buehne gerichtet.
– Wo ist Kusnezow? – fragte Beletzkij streng die verwirrten Verschwoerer.
«Ja! – laermte der Saal mit Ausrufen. – Wo ist der Direktor! Was habt ihr mit ihm gemacht! Ruft die Miliz! Banditen!».
– Und wer ist das? – Beletzkij richtete den Zeigefinger auf Schilow.
«Ein Schlosser», – rief jemand aus dem Saal.
«Nein, ein Sanitaer», – korrigierte jemand jemanden.
«Der Sanitaer Schilow», – fand schliesslich ein Dritter die Antwort, die Beletzkij zufriedenstellte.
– Und dieser Mensch, – Beletzkij wandte sich dem Saal zu, – dieser Sanitaer Schilow schickt sich an, uns zu leiten.
Der Saal lachte und stimmte zu, dass daraus nichts Vernuenftiges werden koenne.
– Und wo ist euer Anfuehrer? – Beletzkij wandte sich wieder den Angeklagten zu.
– Ich bin hier! – rief Grigorij aus.
Die empoerten Mitarbeiter drehten in einem gemeinsamen Impuls die Koepfe. Grigorij bewegte sich auf die Buehne zu.
«Da ist er!» – ert;nten die Ausrufe.
«Der Oberbandit!».
«Wer ist das?».
«Der Sanitaer Iwanow».
«Noch ein Sanitaer!».
«Ha-ha-ha».
Beletzkij wartete am Rednerpult. In seinem Gesicht und seiner Haltung las man die finstere Entschlossenheit, die Revolution mit einem Schlag zu zerschmettern; das Verlangen nach Blut brannte in seinen Augen. Grigorij betrat die Buehne. Beletzkij oeffnete den Mund, in der Absicht, mit einem einzigen Satz wie: «Fesselt sie, Jungs, und ab zur Miliz», die Revolution niederzuschlagen.
– Setz dich auf deinen Platz! – befahl ihm Grigorij laut.
Beletzkij, der den Mund vor Staunen gar nicht erst schloss, ordnete sich dem Befehl widerspruchslos unter. Der Rueckzug des Fuehrers der Gerechtigkeitskaempfer stachelte den Saal nur noch mehr an. Die Ausrufe verschmolzen zu einem drohenden Grollen eines heranstuermenden Meeres. Noch ein wenig mehr, und die Leute wuerden auf die Buehne klettern, um Lynchjustiz zu ueben.
– S-t-i-l-l-e! – schrie Grigorij das Kommando heraus, wobei er es maximal mit dem kategorischen Imperativ saettigte.
Ein Augenblick, und im Saal herrschte Totenstille. Die Menschen blickten einander verwundert an und gelangten zur Ueberzeugung, dass es besser sei zu schweigen. Grigorij wurde ploetzlich von einem bisher unbekannten Gefuehl absoluter Macht ueber die Menge erfasst. Er haette sie motivieren koennen, Psalmen zu singen, zu tanzen oder auf den Barrikaden in den Tod zu gehen.
«Am Anfang war das Wort, – dachte Grigorij, – wahrlich so ist es. Es ist offenbar leichter, die Menge zu unterwerfen, als einen einzelnen Menschen zu steuern, denn es entsteht und beschleunigt sich ein kumu... kumulativer Effekt».
«Nieder mit ihm!», – ert;nte ein einsamer Ruf aus dem hinteren Teil des Saals.
– Halt den Mund! – und er blickte mit dem dritten Auge auf den Ruhestoerer.
Ljalikow Wladimir Romanowitsch, 32 Jahre alt. Er war auf die Toilette gegangen und war daher nicht unter die Wirkung des Imperativs geraten. Ljalikow ist derzeit Spediteur in der Versorgungsabteilung, und spaeter – Wohnung, Auto, Auslandsreisen. Sein ganzes Leben wird gemuetlich unter einem Gluecksstern namens Mittelstand dahinliessen.
Ljalikow hielt sich den Mund mit den Haenden zu, er verstummte buchstaeblich.
«Allerdings, – Grigorij schloss das prophetische Auge, – die Pause zieht sich in die Laenge».
– Brueder und Schwestern!
«Was ist bloss mit mir los?», – und Grischa liess sich treiben.
– Glaubt mir, wie ich mir selbst glaube! Glaubt ihr mir?
«Wir glauben!», – hauchte der Saal.
Wahrlich sage ich euch, wahrlich: Goldmann ist der Direktor von Rostok. Schilow ist sein kaufmaennischer Direktor. Und das ist richtig so! Wer ist der Direktor?
«Goldmann!», – schrie der Saal.
– Wer ist Schilow?
«Der kaufmaennische Direktor!», – skandierten die Leute im Einklang, und Beletzkij schrie mit allen zusammen.
– Und nun, – Grigorij lockerte die Zuegel des Imperativs, – wird der Direktor vor euch sprechen und ueber die Entwicklungsperspektiven des Unternehmens berichten.
Grigorij trat zu seinen deutlich munterer gewordenen Komplizen zurueck.
– Danke, Grischa, – sagte Goldmann leise und eindringlich.
Seine Stirn war schweissgebadet, eine Schweissperle lief ihm ueber die Wange.
– Los, Karlowitsch, dein Auftritt. Erzaehl ihnen, was uns erwartet.
Goldmann betrat das Rednerpult.
– Genossen!
Beim letzten Wort gab Goldmann einen schrillen Kiekser von sich. Der Saal lachte wohlwollend. Goldmann goss aus der Karaffe Wasser in ein Glas. Er trank. Er holte ein Taschentuch hervor. Er wischte die Brille ab. Er tupfte sich das Gesicht vom Schweiss ab. Der Saal wartete geduldig.
– Freunde. Unser Unternehmen hat ein sehr grosses Potenzial. In einem Jahr, das verspreche ich Ihnen, werden Sie Rostok nicht wiedererkennen. Jeder wird im Gehalt aufsteigen, und viele in ihren Positionen.
Der Saal applaudierte.
Loecha schuettelte Grigorij die Hand.
– Du bist ein Hexenmeister, Grinja. Ein Zauberer-Magier. Ich dachte, wir sind erledigt.
Grigorij zuckte mit den Schultern.
– Pass auf, Loecha, sag Goldmann, dass er Walja ein gutes Gehalt zuteilt. Und er soll ja nicht daran denken, sie irgendwohin zu versetzen. Und du, wirf ihr Praemien aus deiner Abteilung zu, und sei nicht geizig.
– Ist doch klar, Grinja, ich werde nicht geizig sein.
Grigorij suchte Walja mit den Augen. Sie stand am Fenster und blickte Grigorij mit einem verliebten und ergebenen Blick an. Er laechelte ihr zu. Sie bluehte bei diesem Laecheln auf.
– Deute ihr vorsichtig an, dass sie sich nichts einbildet.
– Werde ich machen, Grischa, vorsichtig andeuten. Ich verstehe doch: Arbeit ist Arbeit.
– Ich bin muede, Loecha. Ich will nach Hause. Den Sieg feiern wir am Sonntag.
– Mir selbst dreht sich der Kopf von all dem.
Goldmann, der inzwischen kurz und knackig das Bild des baldigen Produktionswachstums gemalt hatte, stieg vom Rednerpult.
– Geh jetzt du und sprich.
– Und was soll ich ihnen sagen?
– Dir faellt schon was ein. Du bist doch kein Kind mehr. Erzaehl einen Witz. Sie werden jetzt alles schlucken.


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