Der Cluster Laniakea. 5

In der Fabrik machte ich eine rasante Karriere, so rasant, dass mir der Kopf schwindelte. Zu der Idee, die Karriereleiter hinaufzuklettern und aus der Hoehe meiner Position die mir in Empfindungen gegebene Realitaet zu ueberblicken, trieb mich der Umstand, dass sich alle meine Handlungen, selbst die duemmsten und offen hoehnischsten, als richtig erwiesen.
Ich verliess die winzige Kammer des Buchhalters (oder Ausgebers) und wechselte in die benachbarte Kammer des Meisters. Er war gerade nicht da. Ich setzte mich herrisch an den Tisch, schob das Schreibzeug von rechts nach links, tippte auf der Tastatur herum. Auf dem Bildschirm leuchtete das Temperaturdiagramm der Maschine M800-14 auf. Es klopfte an der Tuer.
„Herein“, sagte ich mit gewissem Zweifel.
Der Einrichter Li trat in den Raum. Am Tisch stehend, erklaerte er mir lange und weitschweifig irgendetwas. Aus diesem „Irgendetwas“ verstand ich, dass sein Vortrag den Problemen der Schmelzkammer der Maschine M800-14 gewidmet war. Im Laufe seiner Erzaehlung beruhigte ich mich und f;hlte mich immer mehr berechtigt, diesen Stuhl und Tisch einzunehmen. Und als ich genug hatte, unterbrach ich seinen Redefluss, drehte den Monitor zu ihm und sagte:
„Alles klar. Geh an die Arbeit.“
Dabei ueberreichte ich ihm die erstbeste Zeichnung aus dem Stapel auf dem Nachttisch. Li starrte eine Minute lang auf den Bildschirm, entfaltete die Zeichnung, und da erstrahlte sein Gesicht vor Freude des Verstaendnisses (ich habe keine Ahnung, was er dort sah). Er nickte und entfernte sich mit gemurmelten Dankesworten. Meister Tom tauchte nicht mehr auf, als haette ich ihn versehentlich aus dieser Realitaet entlassen. Gott weiss, das wollte ich nicht.
Bis zum Ende des Arbeitstages loeste ich auf aehnliche Weise mehrere unloesbare Probleme. Besonders beeindruckte mich der Fall mit dem Giesser Nikolaj. Als ich durch die Werkhalle ging, packte er mich am ;rmel und zog mich zur Maschine M800-30. Energisch gestikulierend verlangte er von mir in russischer Mundart (wahrlich, in der Tiefe der Volksmassen ist die sprachliche feudale Zersplitterung unglaublich z;hlebig) eine Antwort auf die Frage, warum die Maschine M800-30 „keinen verdammten Schlag tut“, obwohl er und der Einrichter Li alle Varianten ihrer Belebung ausprobiert hatten. Der Einrichter Li kam hinzu und stellte sich daneben, wobei er nach seiner chinesischen Gewohnheit schuldbewusst laechelte: als wollte er sagen, man habe alles versucht. Ich beschloss, hoeflich und in russischer Mundart zu antworten (schliesslich waren meine Vorfahren russische Leute).
„Leck mich am Arsch“, sagte ich zu Nikolaj und drueckte auf den blauen Startknopf. Die Maschine begann sofort zu arbeiten. Ist das nicht reizend, Antonina Matweewa?
Am Abend wartete vor der Tuer der Meisterkammer ein riesiger rothaariger Kerl mit dem seltsamen Spitznamen – Bootsmann Galja – auf mich. Er ist bei uns fuer das Wohnen, die Waesche und sonstige Zuteilungen zustaendig. Wegen der Hitze, die gestern eingebrochen war, trug er ein schwarzes Unterhemd mit einem tiefen Ausschnitt, der fast bis zum Bauchnabel reichte. Ein ueppiger roter Bewuchs ueberschritt unrechtmaessig die dunkle Grenze des Unterhemdes.
„Kommen Sie, Anton“, sagte er, „ich werde Sie zu Ihrer Unterkunft fuehren.“
Ich bemerkte dieses „Sie“. Das letzte Mal, als er mir das Zimmer des Buchhalters zuwies, hatte er mich geduzt. Das ist Fortschritt.
„Gehen wir, Bootsmann Galja“, ich klopfte ihm goennerhaft auf die Schulter.
Ich benahm mich unverschaemt.
Galja drehte mir das Heck zu, und o Gott! Sein Ruecken war glatt rasiert, und auf dem weiten Feld prangte ein holographisches Tattoo der Medusa Gorgo in ihrer schrecklichsten Variante. Beim Gehen bewegten sich die Schlangen auf ihrem Kopf, und die Pupillen der todesaehnlichen Augen weiteten und verengten sich abwechselnd. Von diesen Augen verzaubert, bemerkte ich nicht, wie wir ankamen. Galja drehte mir wieder den Bart und die behaarte Brust zu, der Blick der Medusa liess mich los, und wir standen vor der Haustuer eines dreistoeckigen Mehrfamilienhauses. Dieses und drei weitere identische Haeuser bildeten ein Quadrat nach Art eines militaerischen Karrees. Innerhalb des Karrees befanden sich wahrscheinlich Kanonen, Esel und Gelehrte (ein Scherz, inspiriert von einer frueheren Verkoerperung). Hoechstwahrscheinlich befanden sich innerhalb des Quadrats Sport- und Spielplaetze.
In diesen Haeusern siedelten sich kleine und mittlere Vorgesetzte an, vom Meister bis zum Abteilungsleiter der Produktionslinie, sowie kleine Manager jeglicher anderen Art.
„Dritter Stock, Wohnung rechts“, droehnte Galja und uebergab mir die Schluessel fuer den Hauseingang und die Wohnung, „werde ich noch gebraucht?“
„Danke, Galja. Du wirst nicht mehr gebraucht.“
Galja ging, und ich blieb am Hauseingang stehen und kaempfte mit dem unwiderstehlichen Verlangen, mich umzusehen. Und natuerlich sah ich mich um, und natuerlich erstarrte ich unter dem klammernden Blick der Medusa wie die griechischen Helden und stand als reglose Statue da, bis die Biegung des Weges den Blick der Gorgo abwendete.
Was wollten all diese erstarrten Helden von dem armen Maedchen, das sich vor der boesen Welt in einer ungepflegten, kalten Hoehle am Rande des Universums versteckt hatte? Wollten sie vielleicht ihre Liebe gewinnen? Oder traeumten sie davon, sie zu heiraten und in die grosse, helle Welt zu fuehren? O nein! Sie wollten ihr nur den Kopf rauben. Bei diesem Gedanken str;uben sich die Haare auf dem Kopf, verwandeln sich in Schlangen, und der Blick wird misstrauisch und streng. Wie man sagt, ein anderer Blick auf das Gewohnte.
Ich erwachte noch vor dem Morgengrauen und ueberlegte mit distanziertem Blick, die graue Truebe vor dem Fenster anstarrend: Sollte ich heute weiter als Meister arbeiten oder meine Karriere fortsetzen? Zum Beispiel Abteilungsleiter werden. In naher Zukunft bedeutete Letzteres – die Arbeit zwei Stunden spaeter zu beginnen. Beide Entscheidungen bargen ihre Vor- und Nachteile.
Waere ich sie wie einen Rosenkranz durchging, versank ich in einer seltsamen Benommenheit. Ich schwebte gleichsam zwischen Schlaf und Wachen. Mit den Augen und jenem Teil des Gehirns, der denkt, sah ich, wie es draussen hell wurde, wie der Himmel blau wurde, wie der erste, noch zaghafte Sonnenstrahl durch die Doppelverglasung brach und ein winziges Dreieck am Tuerrahmen beleuchtete, wie das Licht an Kraft gewann und eine immer groessere Flaeche einnahm. Mit dem inneren Blick und einem anderen Teil des Gehirns beobachtete ich jedoch ein ganz anderes Bild.
Heissluftballons. Eine Vielzahl grosser Ballons glitt ueber den Himmel, getrieben von einer leichten Brise. Unter einem von ihnen befanden sich in einem geraeumigen Weidenkorb drei junge Damen in schoenen langen Kleidern, in breitkrempigen Hueten, die mit leuchtenden Baendern unter dem Kinn festgebunden waren. Sie wurden von zwei Maennern im fortgeschrittenen Alter begleitet. Diese waren in grau werdende Backenbaerte, schwarze Zylinder und schwarze, langschossige Gehr;cke gekleidet. Die Damen lachten lautlos und blickten abwechselnd durch ein am Rand des Korbes befestigtes Fernrohr auf die Erde. Die Kavaliere erklaerten lautlos etwas und zeigten nach unten.
Und unten erstreckte sich eine wahrlich entzueckende Landschaft. Inmitten gelber und gruener Felder standen hie und da gepflegte Waeldchen, kaum beruehrt vom purpurnen Zeichen des Verfalls. Das blaue Band des Flusses schlaengelte sich kunstvoll durch diese Schoenheit. Auf einem gruenen Huegel graste eine Kuhherde, mit blossem Auge kaum erkennbar. Ein Mann schnitt mit einer grossen Schere zwei Sandsaecke ab. Die Saecke stuerzten wie Bomben eines Weltkriegs nach unten, und der Ballon begann an Hoehe zu gewinnen und loeste sich langsam im blauen Abendhimmel auf.
Ich erwachte aus der Vision. Die Seele schmerzte vor einem Gef;hl des Verlustes. Ach, haette ich die Wahl, wuerde ich aus der produktionsbedingten Besessenheit erwachen.
Ich bewegte mich auf dem geraden Kiesweg vom Wohnviertel zum Industriegebiet mit der festen Absicht, das Buero des Abteilungsleiters zu betreten und dort als Herr im Hause zu bleiben. Ploetzlich bog ich auf halbem Weg unerwartet fuer mich selbst nach links zum Verwaltungsgebaeude ab, und erst danach entstand der Gedanke: Sei es, wie es wolle. Auf dem Weg zu dem f;nfstoeckigen Gebaeude im viktorianischen Stil wuchs mir wie ein Panzer Seriositaet, Selbstvertrauen und verzweifelte Unverschaemtheit. Ein paar Mal versuchten Seriositaet und Zuversicht zu fliehen, und die Unverschaemtheit begann verzweifelt zu winseln, aber ich besann mich und goss aus Seriositaet und Zuversicht erneut Panzerplatten.
Auf der Strasse und im Gebaeude begegneten mir Schreiberlinge und anderes Buero-Gesindel. Sie schenkten mir keinerlei Beachtung. Das hielt ich fuer ein schlechtes Zeichen. Erst im zweiten Stock traf ein huebsches Maedchen, das mit einem Stapel Akten an der Brust in die Aufzugskabine stieg, meinen Blick und nickte mechanisch. Der Korridor war leer. Ich schnappte mir eine Aktentasche, die jemand auf dem Fensterbrett vergessen hatte, und betrat mit ihr das Vorzimmer.
Hinter dem Schreibmaschinentisch sass Gabi – eine in jeder Hinsicht prachtvolle Blondine. Die in den Werkstaetten kursierenden Geruechte ueber ihre Schoenheit schienen mir etwas uebertrieben. Gabi lackierte sich die Naegel. Im Moment meines Erscheinens betrachtete sie den frisch lackierten Zeigefinger, und ein Smiley auf dem langen Nagel zwinkerte ihr zu.
„Kaffee und die Post ins Buero“, sagte ich, aber nur, um irgendetwas zu sagen.
Als ich zur Tuer ging, atmete ich ein, atmete aus, legte den Zeigefinger auf den Sensor, und die Tuer oeffnete sich. Augenblicklich stieg mein innerer Kredit um zwei Groessenordnungen, und ich vers;umte nicht, ihn zu nutzen. Von der offenen Tuer kehrte ich zu Gabis Tisch zurueck. Ihre Augen weiteten sich, truebten sich und klaerten sich wieder auf, als waere ein inneres Upgrade mit ihr geschehen.
„Was lackierst du dir die Naegel waehrend der Arbeitszeit, Gabi, oder hast du verdammt noch mal nichts zu tun?“
Wohl wegen der Schaerfe der Schicksalswendung sagte ich das auf Russisch, aber Gabi verstand mich.
„Verzeihen Sie, Herr Danilof.“
Sie r;umte die „Lackierwerkstatt“ hastig in die Tischschublade, stand auf und reichte mir mit schuldbewusst gesenktem Kopf einen duennen Stapel Briefe:
„Ihre Post. Der Kaffee ist in einer Minute da.“
Positiv gesehen war sie im Zustand der Verlegenheit huebscher. Das erweichte mein Herz.
„Gabi“, sagte ich versoehnlich, „ich habe gescherzt, lackier dir die Naegel so viel du willst.“ – Ich streichelte ihr die Schulter, – „und ausserdem haben wir doch abgemacht: Wenn wir allein sind, bin ich fuer dich Anton.“
Die Sekretaerin Gabi sah mich an, und erneut geschah ein Upgrade mit ihr. Sie nickte und laechelte schuechtern.

Am Abend erwartete mich eine Ueberraschung, oder, wenn Sie so wollen, die Ueberraschung wartete auf den Abend. Nach einem Arbeitstag voller Entdeckungen und Erleuchtungen, voller genialem Spiel, um das mich jeder der talentiertesten Rollenspieler beneidet haette, brachte mich der Fahrer im Dienstwagen nach Hause – ein reizendes zweistoeckiges Cottage, das sich mit der rechten Seite an einen malerischen See schmiegte.
Auf der Veranda erwarteten mich meine Frau Olga und ein entzueckendes Maedchen mit goldenem Haar, die f;nfjaehrige Tochter Katrin, die sofort auf meine Arme kletterte. Noch bevor ich mich von der ersten Erschuetterung erholen konnte, trat ein etwas beleibter und duesterer Teenager von etwa dreizehn Jahren aus der offenen Tuer – der Sohn Karstin. So laeuft es, wenn man in Eile und ohne gehoerige Vorbereitung jemandes Platz einnimmt.
„Papa ist da, Papa ist da!“, zwitscherte das Maedchen, zauste mein Haar und versuchte, mir den Schnurrbart abzureissen.
„Lass Papa los“, lachte die Frau, „er ist muede und fast sicher hungrig.“
Wie recht sie hatte. Ich kuesste meine Frau auf die Wange, t;tschelte dem Sohn den Kopf, und wir betraten das Haus.
„Papa“, quiekte die Tochter fordernd, „spielst du mit mir Pferdchen?“
Ich setzte das Maedchen auf die Fuesse.
„Natuerlich, Sonnenschein. Gleich nach dem Abendessen.“
Doch dann setzte der Kontrabass ein.
„Pa!“, erklaerte der Sohn laut, und in seinen Augen traten boese Traenen hervor, „du hast doch versprochen, heute Abend auf dem See Boot zu fahren.“
Oha, es scheint, ich habe versehentlich einen chronischen („chronisch“ sollte man in Anfuehrungstriche setzen, wenn es um ein f;nfjaehriges Kind geht) Konflikt zweier Eifersuechtiger aufgewuehlt. Die Lage wurde von der Frau gerettet. Sie klatschte leise, aber bestimmt in die Haende.
„So, Kinder, lasst Papa in Ruhe“, und an mich gewandt f;gte sie hinzu: „Abendessen im Pavillon am Pool in einer halben Stunde.“ – Und sie klatschte noch einmal in die Haende, um klarzumachen, dass das Gespraech damit beendet war.
Die Kinder kehrten zu ihren Beschaeftigungen zurueck, und ich begann, das weitlaeufige Haus nach weiteren Ueberraschungen zu durchsuchen. Im Arbeitszimmer entdeckte ich das Dienstmaedchen iAlena (sie teilte mir die wichtigsten Familieninformationen mit). Im Garten, der eher einem Urwald von sorgfaeltig durchdachter Verwahrlosung glich, traf ich den Gaertner iAlex. Beide Androiden waren das neueste Modell. Ein nicht ganz billiges Vergnuegen.
Mit den Kindern und der Frau (und dazu noch mit Gabi) verbrachte ich wunderbare drei Wochen. Doch bevor ich das naechste Kapitel der illusorischen Produktionsrealitaet schreibe, beabsichtige ich, Antonina Matweewa, in meinen Cluster zurueckzukehren.


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