Der Cluster Laniakea. 6
„Wie konnte das alles geschehen?“, fragten wir uns, das Triumvirat der Exarchen, die von der Welle des Volkszorns auf den Gipfel gehoben worden waren.
„Warum ist das passiert?“, raetselten die Mitglieder des Rates der dreihundert Legarten.
„Wer ist schuld?“, fragten mit geballten Faeusten zornig die nach Gerechtigkeit duerstenden Zweiknubbis.
„Und wie wird das alles enden?“, fuegten ihre grimmigen Frauen hinzu.
Dabei hatte alles so leicht und sogar irgendwie unbeschwert begonnen. Wie Theodor versprochen und der Marschall des zweiten Sterns geschworen hatte, trafen drei Brigaden des mittleren Sektors der westlichen Grenze in der Morgendaemmerung in der Hauptstadt ein, etwa vierzig Standardstunden vor den ersten Strahlen unseres Sterns namens Po. Wir liessen die Krieger von der weiten Reise ausruhen und rueckten zehn Standardstunden spaeter aus. Unser Auftreten kam fuer die unterdrueckten Zweiknubbis voellig unerwartet und war Gegenstand ihres Staunens, als ihnen klar wurde, dass die in Kaempfen mit wilden Horden gestaehlten Kompanien auf den Strassen und Plaetzen von Aria keine gewoehnlichen dynastischen Streitigkeiten bedeuteten, sondern eine Revolution zu ihrer Befreiung (man muss sagen, sie orientierten sich schnell und viele von ihnen schlossen sich unserer Bewegung an). Es wurde zu einer Ueberraschung der unangenehmsten Sorte fuer den Hof des Herrschers mit all seinen Huetern, Aristokraten und geheimen Dienern.
Die Revolution brach so ploetzlich aus, dass sie selbst fuer die meisten Weisen des Clubs „K“ ueberraschend kam. Das Sicherheitskomitee des Herrschers hatte zwar gewittert, dass aus dem Club in alle Ecken des Imperiums Cera der faulige Geruch einer Rebellion drang, doch man beunruhigte die Weisesten nicht, da der Club „K“ unter dem persoenlichen Schutz von Theodor dem Glaenzenden stand, einer Person von nicht geringer Bedeutung im Imperium. Das Komitee und persoenlich Sikt, sein Hauptgarant, hatten recht und unrecht zugleich, denn die Schicksale von Cera wurden von mir und Theodor bestimmt, den einzigen Wesenheiten des externen Clusters, waehrend der Club nur als Kulisse diente.
Unsere Kompanien und der sich ihnen anschliessende Plebs brachten das Arsenal, die Post und alle drei Telegrafenstationen schnell unter Kontrolle. Eine gewisse Verzoegerung gab es beim Chateau-Glisseau, dem Stadtschloss des Herrschers. Weder ich noch Theodor wuenschten das Blut der Sechsknubbi-Herrscher, daher traf zu Beginn des Aufstands eine Delegation der Weisen unter der Leitung von Kron dem Zweiten im Schloss ein. Die Weisen berichteten dem duesteren Herrscher und den zornigen Ministern des Rates, dass die Revolution, die von den Weisesten so lange vorhergesagt worden war, endlich stattgefunden habe, dass das unterdrueckte Volk nach Gleichheit duerste und die einzige Alternative zur Gleichheit der Tod sei. Sie ueberzeugten sie, dass dies alles sehr ernst sei, da mit den ersten Strahlen des Sterns namens Po, wenn die Faehigkeit der Sechsknubbis und der Zweiknubbis zur Ultrasicht gleichgezogen sein wuerde, der Club die Sicherheit des Hofes nicht garantieren koenne, da die Stimmungen des Plebs unvorhersehbar seien und der Hof in all seiner Pracht die Hauptstadt verlassen solle.
Zuerst wollte man die Parlamentaere ohne langes Nachdenken als niedertraechtige Verraeter Seiner Herrlichkeit erhaengen, aber die im Schloss eintreffenden entwaffneten Waechter des Arsenals sowie die ankommenden verpruegelten und waffenlosen Posten der Post, der Telegrafenstationen und der Bruecken ueberzeugten den Herrscher und die Minister, dass hinter den dreisten Reden von Kron dem Zweiten, Mkrta und Hart dem Juengeren ein solides Fundament stecke.
Die Delegierten wurden in das feuchte Schlossgefaengnis gesperrt, und man begann das Thema zu diskutieren – wer schuld sei, und das Problem – was zu tun sei. Das Thema „Wer ist schuld“ war fruchtlos und endete daher schnell in einer Sackgasse bei mir und Theodor, aber das Problem „Was zu tun sei“ hatte viele Loesungen, von der Einnahme einer Ringverteidigung und der Hoffnung auf das baldige Eintreffen der thronreuen Brigaden des Marschalls des ersten Sterns aus dem noerdlichen Meeresbezirk, der der Stadt am naechsten liegt, bis hin zum Sternenmarsch der Pilger des Tempels.
Die Beratung dauerte und dauerte und dauerte, und ich hielt den Korridor offen. Einmal musste ich selbst nach Saint-Nerville fahren, um dort eine Selbstverteidigungsgruppe des aufstaendischen Volkes zu vertreiben, die in der brodelnden Hauptstadt wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden schossen (selbst ich staunte). Schliesslich, zwoelf Standardstunden vor den ersten Strahlen des Sterns namens Po, hielt ich es nicht mehr aus und begab mich selbst zum Herrscher.
Finstere, dem Herrscher treue Vierknubbi-Krieger f;hrten mich durch die leeren, hallenden Korridore des wie ausgestorben wirkenden Schlosses in den Thronsaal. Anl;sslich des Eintreffens des Hauptverschwoerers wurde die Beratung unterbrochen. Der Herrscher war allein im Saal, wobei er natuerlich nicht die hinter Vorhaengen in tiefen Nischen verborgenen Getreuen mit geladenen Armbruesten mitzaehlte, die jede meiner Bewegungen aufmerksam verfolgten. Der Herrscher sah erschoepft aus. Dunkle Ringe unter den Augen, verblasste Knubbis – alles an ihm verriet das aeusserste Mass an Muedigkeit.
Bert I. sass. Mir bot er, wie es bei unseren seltenen Treffen der letzten Jahre ueblich war, keinen Platz an, und ich stand gemaess dem Etikett.
„Da ist ja der Hauptrebell erschienen“, er blickte mich voller Vorwurf an. „Anton, wie konntest du nur. Was hat dir gefehlt? Ruhm, Ehre, Geld, Frauen letztendlich?“
Wie sollte man es ihm erklaeren? Wie konnte Christus dem Pilatus die Motive seiner Taten erklaeren, wenn Christus sich doch in einem anderen Koordinatensystem befand? Und ob auf einer groben Leinwand dieses oder jenes gemalt ist – oder gar nichts –, spiegelt sich in einem anderen System in keiner Weise wider. Es war sinnlos, etwas zu erklaeren, aber die Bitterkeit in seiner Stimme und der Schmerz in seinem Blick verwirrten mich, und in diesem Moment beschloss ich, die Kinder des Herrschers nicht zu opfern. Ich hob meine Augen zu ihm und sah ihn so lange an, bis der Herrscher unter meinem Blick erstarrte.
„Hoere mir zu, Hans“, meine Stimme klang wie eine Glocke im leeren Thronsaal, „hoere mir aufmerksam zu und nimm meine Worte wahr. Du musst die Hauptstadt verlassen – unverzueglich. Und lass alle Angehoerigen, alle Helfer und Diener mit dir ziehen. Sechs Standardstunden hast du, und keine Minute mehr. Verlasse die Hauptstadt ueber Saint-Nerville. Der Korridor ist frei. Leb wohl, Hans, wir werden uns nicht wiedersehen.“
Ich drehte mich um und verliess den Thronsaal. Zwei Stunden spaeter kamen unter dem jubelnden Geschrei des Poebels die gefangenen Parlamentaere aus dem Schloss auf den Platz. Eine weitere Stunde spaeter begann die Evakuierung. Eine endlose Schlange von Kutschen, Wagen und Dampfautos fuhr aus dem Schloss und bewegte sich nach Osten. Niemand hinderte sie.
Mit den ersten Morgenstrahlen des Sterns namens Po fand das Volks-Wetsche statt, das erste in der tausendjaehrigen Geschichte des Imperiums Cera. Auf ihm wurden ich, Theodor und Kron der Zweite zu Exarchen gewaehlt. Auf diesem Wetsche wurden Wahlen in den Hohen Legart aus dreihundert Legarten in vier Standardzyklen festgelegt, gerechnet ab dem ersten Standardzyklus der Revolution. Und schliesslich gab das Wetsche den Exarchen das Recht, das Land nach eigenem Ermessen und gemaess dem Slogan der Revolution zu regieren: Gleichheit oder Tod. Wir besetzten das Schloss und begannen gerade mit der Bildung der provisorischen Regierungsorgane, als das Unwiederbringliche geschah.
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