Der Cluster Laniakea. 9

Eine schwere Wolke legte sich mit ihrem Bauch auf den Berggipfel.
Und der Bergbach, anschwellend von der Himmelsfeuchtigkeit,
strebte in die Schlucht, gewaltige Steine waelzend.
Die schraegen Strahlen der sinkenden Sonne, wie Speere aus gluehendem Kupfer,
bohrten sich in die Baeume des Osthangs und in den grauen Granit.
Mit Blut, so kalt und dunkel wie die Wasser des grabesgleichen Styx,
kroch eine Viper, erwacht aus langem Schlaf, auf den Stein, um sich zu waermen.
Auch beleuchten die Strahlen den Pfad und die Ruecken der Granithelden,
die auf ewig in ihrem letzten toedlichen Elan im Stein erstarrt sind.
Der Pfad endete in einem grossen Berg aus Hammel- und Ziegenknochen
am finsteren Eingang der Hoehle.
Am Eingang stand die Medusa.
Die Augen mit der Hand vor der blendenden Sonne schirmend,
blickte die Gorgone auf den Pfad.


Die Vigginn; (nach der Stockholmer Interpretation ist die zweite Silbe zu betonen), verloren in den Welten, sind erkennbar an ihrem entrueckten, gleichsam umherschweifenden Blick, am feinen Zittern bleicher Lippen, als ob er oder sie schnell – ganz schnell – ein Gebet fluestert oder (was wahrscheinlicher ist) mit all seinen Geschoepfen gleichzeitig spricht. In den seltenen Momenten der Rueckkehr leiden sie unertraeglich unter dem Bewusstsein ihrer eigenen Nichtigkeit. Man heilt sie gewaltsam, was sehr seltsam ist, da unser Jahrhundert doch das Jahrhundert der unbeschraenkten Freiheit ist, ueber seine Seele und seinen Koerper zu verf;gen. Wenn man jedoch in Betracht zieht, dass einige von ihnen als Kontrabande (und ich denke – versehentlich) Faehigkeiten in die Null-Ebene einschleppen, die der Null-Ebene nicht eigen sind (mit anderen Worten, sie schleppen die Faehigkeit ein, Wunder zu wirken), erscheint die Gewalt gegen sie nicht als Absurdit;t. Die Sittenpolizei wacht unermuedlich ueber den moralischen Zustand der Gesamtheit der Menschen. Deshalb ist es unter unseren Wanderungen in Schattenwelten so nuetzlich und sicher, ein festes philosophisches Fundament zu haben.
Die Abendsonne konnte einfach nicht hinter den Bergen untergehen, immer noch hing sie dort, den Rand der gezackten Bergkette beruehrend. Am rosafarbenen Himmel zogen majest;tisch Scharen weisser Wolken dahin, auf dem Gipfel des Berges der Medusa ballte sich eine Gewitterwolke, gesaettigt mit Licht wie mit Blut, und in der nahen Perspektive wirbelte in der stillen Abendluft ein grosser Schwarm kleiner Voegel, die mit den Fluegeln raschelten und fluechtige Muster von wunderbarer Schoenheit bildeten.
Die Medusa unterdessen, anscheinend beunruhigt durch die Passivitaet des Opfers, trat auf den Pfad. Unter ihrem schweren Tritt knirschte der Schotter oder der Kies; im Allgemeinen kleine Steine, die im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende von Menschen abgebroeckelt waren, die unter dem strengen Blick der Gorgone im Stein erstarrt waren.
Mit dem Ruecken zur Hoehle, um nicht versehentlich dem Blick der Medusa zu begegnen, kroch ich aus meinem Versteck hervor, hinter dem Ruecken des letzten einbeinigen Helden in der Reihe, der durch Regen und Wind bereits erheblich von seiner maechtigen olympischen Form eingebuesst hatte. Auf dem Pfad stellte ich einen Bronzeschild auf und st;tzte ihn mit einem grossen Stein, der in Form und Groesse entfernt dem verlorenen Bein aehnelte.
Meine Begleiter hatten den Bronzeschild auf Spiegelglanz poliert. Zwei Juenglinge, Jason und Herakles, sowie der Esel Orakel begleiteten mich bis zum Fuss des Berges. Sie blieben am Hang zurueck, um sich an einem kleinen Feuer zu waermen und das saftige, feuchte Gras zu zupfen (Letzteres bezog sich auf Orakel). Sie werden mich als Helden empfangen oder, sollte ich bis zum vollstaendigen Sonnenuntergang nicht erscheinen, ein rituelles Begr;bnis vollziehen, indem sie eine hastig zusammengedrehte Puppe, die mir auf unerklaerliche Weise aehnelte, dem alles reinigenden Feuer aus Stroh und Lumpen uebergeben.
Ich versuchte, tiefer in meine Erinnerungen vorzudringen, aber es scheint, als waere ich in dieser Welt erst erschienen, als unser Gestirn kaum den Zenit ueberschritten hatte. Gleichmaessig schaukelnd ritt ich auf dem faulen Orakel und hoerte Jason mit halbem Ohr zu, der dem starken, aber etwas einf;ltigen Herakles den alten Mythos darlegte, wie Zeus Athene gebar.
Noch immer, ohne der Hoehle mein Gesicht zuzuwenden, kehrte ich in mein Versteck zurueck, lehnte mich mit dem Ruecken an das steinerne Bein, und da durchschlug mich der Gedanke: Was, wenn ich selbst laengst ein Vigginn; bin, was, wenn ich an einer Kreuzung stehe, um mich herum Menschen hasten und mein umherschweifender Blick das Spiegelbild einer Seele ist, die ohne Ziel und Sinn in den Welten verloren gegangen ist. Meine bleichen Lippen fluestern schnell – ganz schnell: Entweder spreche ich mit meinen Geschoepfen im Laniakea-Cluster oder kommuniziere mit den Menschen im Fabrikdasein. Vielleicht noch schrecklicher: Ich befinde mich in einer Standard-Biorotik, und intelligente Maschinen wuehlen in meinem Genom, suchen nach Mutationen und ersetzen befallene Nukleotidsequenzen durch gesunde, vom Standpunkt des Standardmodells aus gesehen.
Doch wie nun, beruhigte ich den in Schrecken versunkenen Verstand, was ist mit den seltenen Momenten der Klaerung? Schliesslich hatte ich sie nicht, und folglich...
Ein zweiter Gedanke verletzte mich toedlich: Warum hatte ich sie nicht? Was, wenn ich sie vergessen habe? Blockierung und vollstaendiges Loeschen – diese Psychotechnologien beherrscht sogar ein Kind. Und was, wenn die zur Unzeit und am falschen Ort in den Sinn gekommenen Gedanken ueber die Vigginn; die Vorboten einer baldigen Klaerung und schrecklichen Leidens sind.
Medusa Gorgo spiegelte sich verschwommen auf der spiegelnden Oberflaeche wider. Sie hielt inne, sobald ich begann, mich mit dem Schild zu bewegen, und wartete darauf, dass ich mich umblickte, getrieben von krankhafter Neugier, aehnlich wie Orpheus im unterirdischen Reich des Hades. Ich blickte nicht zurueck, aber ich sah sie im Spiegelbild, und als sie das begriff, geriet sie in schreckliche Aufregung. Die Schlangen in ihrem Haar wanden sich und rissen giftige Rachen auf. Mit einem schweren Speer stiess sie auf den naechsten Granithelden ein, und er wurde zum zweiten Mal bezwungen. Und da schleuderte die Medusa ihren entsetzlichen Blick auf den Schild, und dem Gesetz der Reflexion folgend, prallte er nach oben ab und schlug eine grosse Bresche in den Vogelschwarm. Wie Bomben stuerzten steinerne Stare vom Himmel herab. Einer von ihnen streifte mit einem scharfen Marmorfluegel meinen rechten Oberschenkel. Ich hatte noch Glueck, dass er zuerst den Kopf eines Kriegers traf, ein grosses Stueck davon abschlug und mich erst nach dem Abprall und mit verminderter Flugkraft erreichte. Ich riss einen langen Streifen von meinem Chiton ab und legte ihn auf die Wunde; der Stoff saugte sich schnell mit Blut voll.
Einem Kampf werde ich nicht entgehen – das wurde mit aller Deutlichkeit klar. Aber wie? Nach meinen indirekten Beobachtungen hat sie seit der Zeit des Perseus erheblich dazugelernt und wird ihren Kopf nicht so einfach hergeben. Der beste Beweis dafuer sind vierundzwanzig Anwaerter aus Granit, Marmor und Basalt, jeweils zwaelf auf jeder Seite des Pfades. Ich frage mich, in welchen Stein ich mich verwandeln werde? Wahrscheinlich in Sandstein oder Muschelkalk; wie koennte ich mich mit diesen muskuloesen, entschlossenen ehemaligen Menschen mit grossen Schwertern und Aexten in den festen Haenden messen.
Ich schloss die Augen und erinnerte mich daran, dass ich irgendwann irgendwo in einem anderen Dasein, unter ganz anderen Umstaenden, ein Beobachter haette sein koennen, ohne das Sehvermoegen zu benutzen. Mechanisch beruehrte ich die Stirn und – o Wunder! O Goetter dieser lokalen kleinen Welt! – alle sechs Knubbis der Ultrasicht waren an ihrem Platz. Und die Welt begann sich abzuzeichnen. Sie verlor die Farbe, gewann aber fuenfhundert Graustufen: von smaragdschwarz in der Tiefe des tiefen Weltraums bis hin zu hellaschgrau, fast gelb. Im Fokus war die Sch;rfe wunderbar, in dem Sinne, dass ich kleinste Details wahrnehmen konnte; zu den Grenzen des Fokus hin nahm die Schaerfe stark ab, und im G;rtel des sekundaeren Echos wurde die Realitaet bedingt. Sie zitterte wie eine Fata Morgana in der Linse heisser Luft. In der wahrgenommenen Welt gab es keine Sonne, keinen Himmel, keine am Himmel ziehenden Wolken, da sich all dies hinter dem Ereignishorizont befand.
Um dem Blick der Gorgo nicht versehentlich zu begegnen, verband ich mir die geschlossenen Augen mit dem blutigen Stofffetzen. Ich nahm das Schwert in die rechte Hand, stand auf, trat auf den Pfad, schnappte mir mit der linken Hand den Schild und drehte mich um.
Die Medusa war prachtvoll.
Indem ich die Medusa zum Kampf herausforderte, schlug ich kr;ftig mit dem Schwert gegen den Schild, und der helle, klare Klang, der an den Steinen in tausend Splitter zerbrach, kehrte als undeutliches, gedaempftes Echo zu mir zurueck.
O Goetter, die ewig auf dem alten Olymp leben
In wolkenverhangener Hoehe, im Glanz von Licht und Ruhm,
O Zeus, der Donnerer, und du Poseidon, Herrscher
Der grundlosen Meere, Gebieter des Ozeans,
Die vom Sturm geborene Athene – Pallas,
Hermes, der Leichtbefluegelte, und du, Apollo der Strahlende,
O Goetter! Gebt mir die Kraft, die Ausgeburten der Finsternis zu toeten,
Und wenn es mir bestimmt ist, zu kaltem und bemoostem Stein zu werden,
Dann gebt mir die Kraft, mein Schicksal ohne Klage anzunehmen.
Ich schlug erneut gegen den Schild, und wieder kehrte der Klang, von den Felsen reflektiert, geschwaecht und dumpf zu mir zurueck.
Die Medusa war prachtvoll: ein maechtiges Weib, kaum bedeckt von verschlissenen Ziegenfellen. Ihr einst schoenes Gesicht verzueckte mich durch die Unbeweglichkeit der Zuege, durch den Ausdruck einer ueber Jahrhunderte versteinten Kraenkung. Doch die Augen, ihre Augen brannten mit einer kalten, entsetzlichen Flamme. Selbst durch die blutige Binde, durch die gesenkten Lider drang ihr Blick bis in die Knochen.
Und zum dritten Mal schlug ich mit dem Schwert gegen den Schild, und zum dritten Mal gab mir das Echo den Klang zurueck.
An ihren kleinen Bewegungen, an der Art, wie sie unsicher von einem Fuss auf den anderen trat, begriff ich — endlich begriff es mein stumpfer Kopf —, dass die Medusa verwirrt war, da ihr Blick mich nicht in Stein verwandelt hatte. Und ich haette nicht gegen den Schild h;mmern sollen, um mit dem Klang eine mir wesensfremde Furchtlosigkeit in der Seele zu wecken, sondern sofort angreifen muessen, mit aller Entschlossenheit. Ohne einen weiteren Augenblick zu z;gern, stuerzte ich mich mit aller Entschlossenheit in den Angriff.
Sie parierte unsicher, aber dennoch meinen ersten Ausfall, in den ich all mein Koennen gelegt hatte. Sie parierte auch den zweiten und liess mich mit der Klingenspitze nur leicht ihre linke Brust ritzen. Danach stand ich in einer sturen Verteidigung. Medusa Gorgo war mir in der Kriegskunst ueberlegen. Weit ueberlegen. Ein Dutzend Mal haette sie mich toeten koennen, doch im letzten Moment lenkte sie die Speerspitze von meiner ungeschuetzten Brust oder dem nackten Torso ab.
Ich begann nachzudenken, was unter den Umstaenden des Kampfes gar nicht einfach war, und kam zu dem Schluss, dass sie mich nicht mit dem Speer toeten will, um meine Seele dem Hades zu uebergeben. O nein! Sie will sie auf ewig in meinem steinernen Koerper einsperren. Sie bereitet eine Trophaee vor, aber nicht irgendeine Trophaee, sondern die Haupttrophaee ihres duesteren Lebens.
Sie fuehrt mich waehrend des Kampfes, fuer mich scheinbar unbemerkt, zum Eingang der Hoehle, um mich dort an einem Ehrenplatz an der Spitze der Kolonne in Stein von der Haerte eines Basalts zu verwandeln. Oder vielleicht wird mir die Ehre zuteil, das erste Wesen aus reinem Diamanten zu werden, ungaenglich fuer alle Zeiten. Was also hindert sie daran, dies zu tun, fragte ich mich, indem ich die Situation mit ihren entsetzlichen Augen betrachtete.
Die Binde. Natuerlich die blutige, magische Binde, die mir vielleicht von Athene selbst gegeben wurde, ihrer verhassten Erzfeindin. Als ich ihre Motive und Absichten erkannte, begann ich meine Kraefte zu sparen, von denen, wahrhaftig, nur noch sehr wenige uebrig waren.


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