Der Cluster Laniakea. Epilog

Der lahme Roland hantierte unaufgeregt in der Kueche. Zu der ruhigen Musik, die aus dem Lautsprecher des Fabrikfunknetzes pl;tscherte, summte er sein Lieblingslied von zwei Infanteristen, die sich im reifen Roggen verirrt hatten, von der launischen Bauersfrau Elsa und von ihrem „kleinen Ding“. In diesem Strom einfacher und friedlicher Klaenge doeste ich erneut ein und erwachte endgueltig, als Roland mich rief. Er stand da, die Hand an den Tuerpfosten gelehnt, um sein krankes Bein nicht unnoetig zu belasten, vollstaendig in seine proletarische Ruestung gehuellt, die aus einer blauen, an mehreren Stellen verbrannten Jacke, blauen, fast sauberen Hosen und groben Stiefeln bestand. Fuer die Vollstaendigkeit des Bildes fehlten nur noch die feuerfesten Handschuhe, aber die nimmt man nicht mit ins Wohnheim. Roland sah mich forschend an und wartete offenbar auf eine Antwort.
„Was?“, fragte ich mit vom Schlaf heiserer Stimme.
„Anton, gehst du heute zur Arbeit?“
„Muss man denn?“, scherzte ich erfolglos.
Roland beachtete diese Replik nicht.
„Meister Tom wird unzufrieden sein. Er wird nach dir fragen. Was soll ich ihm sagen?“
„Sag ihm“, ich erhob mich auf den Ellbogen. Man wuerde mich wohl nicht schlafen lassen. „Sag ihm, dass ich durch Angelegenheiten aufgehalten wurde.“
„Ich habe ihm schon zweimal von deinen Angelegenheiten erzaehlt.“
„Na und?“
„Es hat geklappt“, lachte Roland, „und das ueberrascht mich am meisten.“
„Zweimal hat es geklappt, es wird auch ein drittes Mal klappen.“
Roland verzog das Gesicht missbilligend.
„Ich stehe ja schon auf, ich stehe auf“, beruhigte ich ihn.
Ich setzte mich auf den Bettrand, rieb mir die Augen und kratzte mir den seit einer Ewigkeit ungewaschenen, ungeschnittenen Kopf. Man wuerde mich heute definitiv nicht schlafen lassen.
„Dort auf dem Tisch“, Roland loeste sich vom Pfosten in der Absicht, sich zur Eingangstuer zu wenden, „ist das Spiegelei, wie du es magst, und eine grosse Tasse Kaffee. Wenn du dich beeilst, wird es nicht kalt.“
„Roland“, rief ich. Er blickte zurueck, bereits die Klinke der Eingangstuer haltend. „Danke fuer alles. Du bist ein wahrer Freund.“
Er winkte verlegen ab.
„Wir sehen uns bei der Arbeit.“
Roland ging hinaus, und sein Schlurfen f;gte sich harmonisch in den schweren Tritt von Dutzenden mueder Fuesse in grobem Schuhwerk ein. Das waren die Arbeiter, die ihre gemuetlichen Hoehlen verliessen, um einen weiteren Tag dem Daemon der schweren Arbeit zu opfern.
Ich tastete mit nackten Fuessen unter dem Bett so tief, wie ich konnte, und stie; nicht auf meine Hausschuhe. Als ich unter das Bett blickte, traf mein Blick auf einen gruenen, abgewetzten Rucksack, den anscheinend einer von Rolands Infanteristen hierher unter das Bett gebracht hatte. Und im Inneren des Rucksacks befand sich wohl das „kleine Ding“ der launischen Elsa. Ich packte die Riemen und zog den Rucksack unter dem Bett hervor. Ein schwerer schwarz-roter Blutstropfen loeste sich von einem dunklen Fleck, fiel auf den Steinboden und erstarrte.


Als ich ihre Motive und Absichten erkannte, begann ich meine Kraefte zu sparen, von denen, wahrhaftig, nur noch sehr wenige uebrig waren. Im Kampftanz von Schild und Schwert gegen den Speer erreichten wir mein ehrenvolles Podest. Sie schlug mir (ich begriff nicht einmal, wie es geschah) den Schild aus der geschwaechten linken Hand. Sie haette mir auch das Schwert aus der Hand geschlagen, aber anscheinend entschied sie, dass ich ohne das Diamantschwert am Diamantfluss nicht wie ein furchtbarer Feind, sondern wie ein zuf;lliger Passant aussehen wuerde, weshalb das Schwert in der zum Schlag erhobenen Hand blieb.
Das Maedchen st;tzte die Speerspitze gegen meine nackte Brust, dort, wo mein heisses Herz schnell – ganz schnell – schlug; mit der anderen Hand riss sie mir die blutige Binde von den Augen und traf mit ihrem todbringenden Blick, mit all dem ihr von den Goettern verliehenen Hass, meine gesenkten Lider.
Selbst durch die Barriere hielt der Blick der Medusa den Fluss der Gedanken wie eine Uhr an, mit kosmischer Kaelte erstarrte er Leber und Herz, doch der Koerper, der Muskel, dem letzten klaren Gedanken folgend, dass die Gorgo keine zweite Chance geben wuerde, kannte sein Handwerk. Ein kurzer Schwung, und mein Schwert beruehrte ihren Hals. Er schnitt durch das kalte Fleisch der Medusa, zertruemmerte Wirbel, riss Gefaesse mit stehendem, schwarz wie Sumpfschlamm wirkendem Blut auf.
Sobald der Moment der Trennung des Kopfes eintrat, begannen sich die Gesichtszuege der Medusa mit der Geschwindigkeit des Schwertes zu veraendern. Die Nase wurde von einer geraden zu einer Stulpnase, die Lippen wurden von geraden und schmalen zu vollen, leicht nach oben geschwungenen, die Brauen lichteten sich, die Wangen wurden praller. Durch die Gorgo brach Theodor hervor – mein Freund, mein Feind, mein Verraeter. Das Schwert legte den ihm zugewiesenen Weg zu schnell zurueck, und die Transformation vollendete sich nicht. Das Gesicht erstarrte zur Haelfte als Gorgo, zur Haelfte als Theodor.
Mit der vom Schild befreiten Hand packte ich die Gorgo an den Haaren, und das gerade noch rechtzeitig. Der enthauptete Koerper der Medusa schwankte, der aus der Hand gefallene Speer riss einen tiefen Kratzer von der Brust ueber den Bauch bis zum Oberschenkel und verband sich auf seltsame Weise mit dem Kratzer vom Fluegel des steinernen Stars. Der Koerper der Gorgo fiel ruecklings hin und zuckte in Konvulsionen wie jenes Huhn ohne den abgehackten Kopf, das ich in meiner Kindheit gesehen hatte.
Die sekundaere Verwirrung der Medusa Theodor aufgrund meiner geschlossenen Lider war vorueber, aber es war zu spaet fuer sie (ihn). Jetzt drueckte der tote Blick der Medusa das aeusserste Mass an Erstaunen aus. Ich wandte den Kopf von mir ab, die Gedanken kamen in Bewegung, und der erste war: Da hast du dich also versteckt, Theodor.
Nun habe ich also den Verraeter hingerichtet. Nun habe ich alle drei Gebote des wandernden Philosophen erfuellt, aber warum bin ich so traurig?
Ein Kitz trat auf den Felsvorsprung und zupfte das seltene Graeschen. Fuerte seinen Beruf nach, wie es ihm wahrscheinlich schien, einen Augenblick lang, blickte es in unsere Richtung und erstarrte nun auf ewig zu Stein. So geschieht es manchmal im Leben von Kitzlein. Ich versteckte eiligst den Kopf der Medusa Theodor in dem gruenen, abgewetzten Armeerucksack, den mir Jason zu einem mir damals unklaren Zweck gegeben hatte.
Ich stand ziemlich lange am Eingang der Hoehle, ueber die Eitelkeit alles Seienden nachsinnend, und erwachte erst, als die Sonne laengst hinter dem Berg versunken war und der gehoernte Mond im Bunde mit den unzaehligen Sternen die Macht am Himmel uebernahm.
In der klaren, stillen Luft war weit entfernt ein klagender Maennergesang zu hoeren, der gelegentlich von einem tiefen Eselsruf unterbrochen wurde. Funken stiegen buendelweise vom Feuer, das am Fusse des Berges brannte, in den Himmel empor. Jason, Herakles und Orakel vollzogen das rituelle Begraebnis meiner Person und uebergaben dem reinigenden Feuer meinen strohernen Koerper. In gewissem Sinne starb ich. In gewissem Sinne starb ich gruendlicher, als es fuer gewoehnliche Menschen ueblich ist.

Der Steinboden, endlich spuerte ich ihn, kuehlte meine Fusssohlen stark ab. Ich habe tatsaechlich ein Artefakt mit Faehigkeiten, die dieser Realitaet nicht eigen sind, als Kontrabande aus dem alternativen Dasein eingeschleppt. Ob ich ein Vigginn; bin oder nicht, ich werde es ihnen zeigen, ich werde es ihnen allen zeigen. Und moegen sie ihre schamlosen Augen nicht abwenden.


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