Zwischen Elba und Helena
Auf der Insel Elba war es tr;bselig, es war langweilig auf Elba. Zuerst begeisterte sich der Kaiser f;r die Einrichtung seines winzigen Imperiums, doch die Geringf;gigkeit der Probleme und das eigene Unverm;gen versetzten ihn allm;hlich in eine schwere Depression, aus der er... Doch der Reihe nach.
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Der dritte Artikel des Abdankungsvertrages vom 11. April 1814 lautete: Elba wird Napoleon „auf Lebenszeit ;berlassen, und er besitzt die Insel als souver;ner Herrscher“.
Die aus Paris zur;ckgekehrten Caulaincourt und Macdonald brachten nicht nur den Vertrag mit, der Napoleon den franz;sischen Thron entzog, sondern auch vier Kommissare, entsprechend der Anzahl der Hauptteilnehmer der sechsten Koalition. Die Kommissare sollten den Kaiser zur Mittelmeerk;ste begleiten. F;r ;sterreich ;bte Feldmarschall Baron Koller die Kommissarsfunktion aus, f;r England Oberst Neil Campbell, Russland wurde durch General Graf Schuwalow vertreten, und Preu;en war durch den Kommissar Oberst Graf Truchsess-Waldburg repraesentiert. Mit dem ;sterreicher und dem Engl;nder gelang es Napoleon mit der Zeit, zufriedenstellende Beziehungen aufzubauen; mit dem Russen und dem Preu;en kamen die Beziehungen nicht in Gang und blieben bis zur Einschiffung gespannt.
Napoleons Weggefaehrten verliessen unterdessen Fontainebleau. Am Tag des 17. April reiste Berthier ab, am Abend verabschiedete sich Caulaincourt vom Kaiser. Waehrend das Geruecht die Abreise des Ersteren als Verrat verurteilte, rechtfertigte dasselbe Geruecht Caulaincourt, da er triftige Gruende hatte, Napoleon nicht ins Exil zu begleiten. Caulaincourt war verliebt, seit vielen Jahren und hoffnungslos, nicht im Sinne der Gegenseitigkeit, sondern in Bezug auf die Ehe. Die Dame seines Herzens war die Baronin Canisy, die geschiedene Lebensgefaehrtin seines Vorgaengers im Amt des Stallmeisters. Napoleon betrachtete diese Verbindung, wie jede aussereheliche Beziehung, sehr streng und erlaubte seinem „Freund“ nicht, seine Geliebte zu heiraten. Nun aber bot sich den verliebten Herzen die Moeglichkeit, sich auf ewig zu vereinen. Die Geschichte hat Caulaincourt gerechtfertigt, so wollen auch wir keinen Stein in einen fremden Garten werfen, aber auch Berthier nicht streng verurteilen. Am 18. reisten Macdonald und Ney ab. Am naechsten Tag verliess Roustam den Kaiser. Er hatte es satt, verstehen Sie, als Wachhund auf einer Matratze vor der Tuer seines Herrn zu schlafen. Es ist leicht, den stolzen Mamelucken zu verstehen.
Endlich setzte auch Napoleon die Abreise fuer den 20. April fest. Doch am fruehen Morgen des zwanzigsten erklaerte der Kaiser Koller, dass er keineswegs beabsichtige abzureisen, da er in der Nacht zahlreiche Briefe erhalten habe, die ihn zwingen zu bleiben und die Regierung des Landes wieder zu uebernehmen.
Der Kaiser kaprizierte sich, Koller appellierte sanft an seine Vernunft, und da trat Bertrand in das Zimmer, in dem dieses seltsame Gespraech stattfand, und meldete:
– Die Kutschen stehen bereit.
Und er wurde augenblicklich vom Blitz des kaiserlichen Zorns getroffen.
„Ich weiss selbst, wann ich abfahren muss!“, schrie der Kaiser, „ich will selbst ueber meine Zeit verf;gen! Ich selbst...“
Nachdem er seine ;bersch;ssige Energie an Bertrand entladen hatte, willigte Napoleon ein, den Prozess der Abreise fortzusetzen. Seit dem Morgen stand die Garde im Schlosshof „Hof des weissen Pferdes“ in Paradeuniform in Formation und wartete geduldig auf das Abschiedswort ihres kriegerischen Herrn. Um zehn Uhr trat Napoleon vor die Gardisten, die vom Warten bereits erm;det waren.
Die Szene „Abschied des Feldherrn von der Garde“ spielte der grosse Schauspieler Napoleon grossartig, denn er spielte sich selbst. Die feuererprobten Veteranen, die dem Tod so nahe standen, wie wir dem Computer oder dem Auto nahe stehen, weinten wie Kinder, und sie h;tten gewiss die geringste Falschheit gesp;rt. „Ich kann euch nicht alle umarmen“, deklinierte der Kaiser, nachdem er General Petit auf beide Wangen gek;sst hatte, „aber in Ihrer Person umarme ich den General. Ich kann euch nicht alle k;ssen, aber ich k;sse eure Fahne, die ihr mit Ehre durch die Schlachten getragen habt. Lebt wohl, meine Kinder! Meine Gedanken werden immer bei euch sein. Erinnert euch mit einem guten Wort an mich!“ Bei den letzten Worten kamen sogar den strengen Kommissaren die Tr;nen.
Napoleon verabschiedete sich von Maret, von Marschall Moncey – dem einzigen der Marsch;lle, der die Abreise des Kaisers abgewartet hatte –, von General Bellegarde, der mangels Flexibilit;t der Wirbels;ule nicht Marschall geworden war, und von anderen h;heren Offizieren, die noch in Fontainebleau geblieben waren.
Seit dem Tag der Ratifizierung des „Vertrages von Fontainebleau“ dr;ngten die Kommissare den Kaiser zur Abreise, doch er fand zahlreiche Gr;nde, diese aufzuschieben. Wom;glich hoffte er auf die Vorsehung, die seine Lage pl;tzlich ;ndern w;rde. Die Kommissare erhielten Verweise von ihren Vorgesetzten, und der Kaiser konnte immer noch nicht packen, was er mitzunehmen gedachte.
Schliesslich setzte sich der Kaiser um 11 Uhr in die Kutsche, und der Zug setzte sich in Bewegung, begleitet von Rufen wie „Es lebe Napoleon!“, „Es lebe der Kaiser!“. Die Spitze des kaiserlichen Zuges bildete eine Abteilung Gardekavallerie, unmittelbar danach folgte die viersitzige Kutsche mit General Drouot an Bord und drei weiteren Offizieren, hinter der fuehrenden fuhr die kaiserliche Kutsche, in der ausser Napoleon nur der Palastmarschall Bertrand sass, hinter der kaiserlichen Kutsche folgte noch eine Eskadron Gardisten. Dann fuhren die Kommissare in einer Kutsche und hinter ihnen ihre Adjutanten, ebenfalls in einer Kutsche. Dann folgten vier Wagen mit dem wertvollsten Gepaeck, darunter vier Millionen Franken in Gold, und den Abschluss des Zuges bildeten 17 Wagen mit allerlei Kram.
Das war laengst nicht das gesamte Gepaeck des Kaisers im Exil. Zwei Tage zuvor war ein Gardebataillon aufgebrochen, das die Alliierten Napoleon auf die Elba mitzunehmen gestatteten, und unter dessen Schutz hundert Wagen Gepaeck.
Fuer den Rest des Tages legte der Zug 90 Kilometer zurueck und erreichte die Stadt Briare erst in der Dunkelheit. Am naechsten Tag fuhren sie gemuetlich und legten nur 80 Kilometer zurueck. Fuer die Nacht hielten sie in der Stadt Nevers. Am Morgen des 22. April kehrten die Kavalleristen des Schutzes ihre Pferde in Richtung Paris. Dies ueberraschte die Kommissare, es ueberraschte und betruebte den Kaiser. Jemand von Napoleons treuen Weggefaehrten, der sich bei den neuen Herren Frankreichs einschmeicheln wollte, liess den Kaiser allein mit seinem Volk zurueck, ohne die gewohnte militaerische Abpolsterung. Zwei Tage spaeter ereignete sich deswegen beinahe ein Ungluecksfall.
Am Abend des 22. April erreichten die Reisenden die Stadt Roanne und fuhren, ohne dort anzuhalten, weiter; dahinter lag Lyon. Die Durchreise durch das bourbonische Lyon beunruhigte den Kaiser, und obwohl in den abendlichen Strassen vereinzelt Hochrufe zu h;ren waren, befahl er, in der Stadt nicht zu halten. Das Einzige, was der Kaiser wagte, war der Pferdewechsel an der Poststation bereits am Stadtausgang.
In Lyon trennte sich der englische Kommissar von der Gruppe; er ritt voraus, um die Schiffe f;r den Transport Napoleons und seiner Begleiter nach Elba vorzubereiten. Man fuhr die ganze Nacht durch und war bei Sonnenaufgang 30 Kilometer von der Stadt entfernt. Ein kurzer Halt im Dorf P;age-de-Roussillon und dann weiter – nach Mont;limar.
In Valence erwartete Marschall Augereau den Kaiser. Einst waren die Feldherren befreundet, doch dann, in der Schlacht bei Preussisch-Eylau, hatte Augereau die Unvorsichtigkeit besessen, ;ffentlich Zweifel an der Genialit;t des Kaisers zu aeusseren, und danach nahm der Kaiser den Marschall nicht mehr mit in den Krieg. Erst bei Leipzig war Augereau wieder im Einsatz. Napoleon stieg aus der Kutsche und sprach eine halbe Stunde allein mit Augereau. Feldmarschall Koller schien es, dass dieses Gespraech fuer beide sehr unangenehm war. Er bemerkte, dass Augereau dem Kaiser nur oberflaechliche Ehrfurcht erwies. Kollers Verdacht wurde von den anderen Kommissaren bestaetigt; auch ihnen schien es, dass Augereau sich unverschaemt verhielt.
Um sieben Uhr abends kamen die Reisenden in Mont;limar an. Da er die in der Luft der Provence liegende Gefahr spuerte, wollte der Kaiser nicht in Mont;limar uebernachten, und zwei Stunden spaeter setzte sich der Zug wieder in Bewegung.
Den folgenden Tag behielt Napoleon sein Leben lang in Erinnerung. Er wurde wahrscheinlich zum schlimmsten Tag, und an schlimmen Tagen mangelte es in seinem Leben in letzter Zeit nicht. Beim Durchfahren der Provinzstaedte musste Napoleon sich mit Beschimpfungen gegen seine Person abfinden, doch was am 24. April geschah, sprengte den Rahmen gewoehnlicher Schadensfreude und des Kleingeists der Spiesser; es glich vielmehr einem wohl organisierten Attentat.
Um die Mittagsstunde passierte der Wagenzug Avignon und erreichte eine Stunde spaeter das Dorf Orgon. Dutzende solcher Doerfer hatte der Kaiser waehrend der vier Tage seiner Reise durchquert, und ueberall erregte der kaiserliche Zug nur die fluechtige Neugier der mit ihrer Arbeit beschaeftigten Bauern. In Orgon erwartete Napoleon eine Menschenmenge, die, kaum dass die Wagen herangekommen waren, in Schreie ausbrach: «Nieder mit dem Banditen und Moerder!», «Nieder mit dem Tyrannen!». Umringt von den empoerten Franzosen, bewegten sich die Kutschen kaum vorwaerts. «Er ist doch ein abscheulicher Henker!», riefen die einen. «Wir werden diesem Feigling nichts tun! Wir wollen ihm nur zeigen, wie sehr wir ihn lieben!», draengten andere zum Wagen.
So erreichten die Kutschen und die Menge die Poststation in der Mitte des Dorfes. Die Sache war die, dass es jemandem, der befehlen konnte – und befehlen konnten nur die drei Kommissare – eingefallen war, die Pferde zu wechseln. Der Kaiser konnte diesen moerderischen Befehl nicht widerrufen, denn dazu haette er aus der Kutsche steigen oder zumindest die Tuer oeffnen muessen, was die Moerder provoziert haette.
An der Poststation hatten sich die Bauern im Voraus auf den Empfang des Kaisers vorbereitet. Dem neugierigen Blick bot sich eine blutverschmierte Strohpuppe dar, die Napoleon darstellte. Diese Puppe baumelte an einem echten Galgen, und auf ihrer Brust prangte ein Schild: «Hier ist dein Platz, Moerder!». Wie Wahnsinnige stuermten die Bauern die Kutsche mit dem schutzlosen Napoleon und Bertrand darin. «Oeffnet die Tueren», stachelten sich die friedlichen Doerfler gegenseitig an, «zerrt ihn heraus, schneidet ihm den Kopf ab, reisst ihn in Stuecke!». Waeren die Schloesser schwaecher gewesen, die Bauern beharrlicher und ihre Aufhetzer mutiger, waere es Napoleon nicht vergoennt gewesen, das naechste Dorf zu erreichen.
Mit grosser Muehe schlugen die frischen Pferde einen engen Korridor in die tobende Menge. Nachdem sie sich in sichere Entfernung von dem rasenden Dorf gebracht hatten, wollte Napoleon einige Vorsichtsmassnahmen treffen.
«Er war blass und furchtbar erschrocken», erinnerte sich der Adjutant Kollers, Graf Clam-Martinic. «Seine Stimme zitterte. Ihm fehlte die Fassung, nur ein Funken Energie und Kraft, nur der Anschein von Verachtung fuer die Gefahr. Er war so niedergeschlagen, dass er, egal wie sehr er es versuchte, seine Beunruhigung nicht nur vor seinen Dienern, sondern auch vor dem Adjutanten des Grafen Schuwalow, der ihn vorher noch nie gesehen hatte, verbergen konnte.»
Napoleon verkleidete sich. Ein einfacher, manchmal rettender Trick. Er zog den oesterreichischen Kittel des Adjutanten Kollers an, befestigte eine grosse weisse Kokarde am Hut und setzte sich in dieser Verkleidung als Kurier auf ein Postpferd. Gegenueber von Bertrand nahm Kulewajew, der Adjutant des Grafen Schuwalow, Platz, der als Napoleon verkleidet war und sich mit aller Kraft zurueckhalten musste, um nicht loszulachen.
Napoleon-der-Kurier rutschte unruhig auf dem Postklepper hin und her. Aus Erfahrung wusste er, dass solche Zufaelle eine gute Vorbereitung erforderten. Das Strohpuppen-Ungeheuer am Galgen, die Plakette an seiner Brust und der Pferdewechsel: alles deutete auf eine geplante Aktion hin. Aber wer hatte ihm den Empfang in Orgon bereitet? Die Englaender? Der Zar? Der Preussische Koenig? Die Royalisten? Die provisorische Regierung? Er hatte ja genug Feinde! «Es fehlte ihnen an Entschlossenheit», dachte Napoleon, «aber ich war nur ein Haarbreit vom Tode entfernt. Von einem Schwarm baeuerlicher Gaense, die hoechstens zum Schlachten taugen, zerrupft zu werden – was fuer ein schrecklicher Tod! Die Landleute sollten auf dem Feld arbeiten und nicht mit Knueppeln auf durchreisende Souveraene warten. Uebrigens... Die Szene des Volkszorns war wie aus der Festnahme der Kutsche Ludwigs XVI. abgeschrieben. Dieselbe gottverlassene Kleinstadt an der Grenze, dieselben Bauern mit Gabeln und Sensen, dieselben Schreie. Also doch die Bourbonen. Und wer von ihnen? Der Koenig? Er ist nicht in Paris. Bleibt der Juengere – der Graf von Artois. Sehr aehnlich.»
Schon damals verspuerte Napoleon den brennenden Wunsch, sich an den Bourbonen zu raechen, die ihn so demuetigten. Zehn Monate spaeter sollte er diesen Wunsch verwirklichen.
Die wenigen Stunden in der Haut eines Kuriers ermuedeten den Kaiser. Die Kommissare ueberredeten ihn, sein Metier zu wechseln und zumindest zum oesterreichischen General befoerdert zu werden. Der Kaiser verkleidete sich erneut. Er zog die Uniform des oesterreichischen Kommissars an, lieh sich den Hut vom preussischen und warf sich den Mantel Schuwalows ueber die Schultern. Es entstand etwas Oesterreichisch-Preussisch-Russisches. In diesem Aufzug reiste der Kaiser den gesamten folgenden Tag in der Kutsche der Kommissare, waehrend Kulewajew den ganzen Tag ueber mutig den Kaiser Napoleon darstellte. Doch die Einwohner der anderen Doerfer und Staedte zeigten keinerlei Interesse an den Wagen oder deren Inhalt.
Am Morgen des 26. April erreichten unsere Reisenden ohne jegliche Zwischenfaelle Saint-Maximin und trafen gegen Abend in Le Luc ein. In Le Luc hielt sich bereits seit einiger Zeit Napoleons juengere Schwester auf, die leichtsinnige Pauline. Napoleon freute sich, sie zu sehen, doch Pauline – dieses ungezogene Ding – weigerte sich, ihren Bruder zu erkennen, bis dieser sich wieder als Kaiser gekleidet hatte.
Zunaechst wurde die Stadt Saint-Tropez als Einschiffungsort bestimmt. Dorthin traf auch die englische Fregatte «The Undaunted» ein. Spaeter wurde die Einschiffung nach Frejus verlegt. Am Morgen des 27. April verliessen Napoleon und seine Begleiter Le Luc und trafen mittags in Frejus ein.
Hierher war einst General Bonaparte aus Aegypten zurueckgekehrt, jung, voller Kraft und Energie. Vierzehn Jahre waren seit jener Zeit vergangen, und eine ganze Epoche war verstrichen – eine Epoche, die nach diesem General benannt wurde. Das Rad der Geschichte hatte zwei Umdrehungen gemacht, und Napoleon stand erneut am Kai von Frejus. Nur fuehrte sein Weg nicht nach Paris, zu Siegen und Errungenschaften, sondern auf eine langweilige, oede italienische Insel. Der Kaiser stand am Kai und beobachtete, wie die franzoesische Fregatte «Dryade» und die Brigg «Inconstant» anlegten, die einen Teil seiner angesammelten Habe transportieren sollten.
Die Kommissare planten die Abreise fuer den 28. April, doch am Vortag hatte sich der Kaiser in der Hafenkneipe «Der rote Hut» an Krebsen ueberfressen und litt den gesamten folgenden Tag an Leibschmerzen. An diesem Tag verabschiedete sich Feldmarschall Koller von ihm. Napoleon uebergab Koller zwei Briefe: einen fuer Kaiser Franz, den zweiten fuer seine Gemahlin. Der russische und der preussische Kommissar verabschiedeten sich von Napoleon erst an Bord der englischen Fregatte am Morgen des 29. April, und am Mittag befahl Kapitaen Ussher, die Leinen loszumachen und die Segel zu setzen.
Die Reise verlief ruhig, abgesehen von einem kleinen Sturm am ersten Mai. Am dritten Mai, gegen acht Uhr abends, lief die Fregatte in die Bucht von Portoferraio ein. Die Hauptstadt der Insel schlief bereits.
3
Die Insel Elba. Von Italien trennt sie die zwoelf Kilometer breite Strasse von Piombino, bis zur Ostkueste Korsikas sind es 50 Kilometer. 222 Quadratkilometer Land auf der Insel (21 Kilometer in der Breite und 9-10 Kilometer in der Laenge), das Inselchen Pianosa mit einer Flaeche von 20 Quadratkilometern sowie zwei winzige Begleitinseln – Palmaiola und Montecristo. Die Bevoelkerung betrug 10 bis 12 Tausend Menschen. Das Staedtchen Portoferraio trug den stolzen Namen der Hauptstadt der Insel. Dem zweiten Ort, Portolongone, verweigerten viele den Rang einer Stadt. Die anderen Siedlungen – Rio Marina, Marciana Marina und Capoliveri – waren arme Doerfer, bewohnt von Bauern und Fischern. Das waren sie, die gesamten souveraenen Besitzungen des Kaisers Napoleon.
Seit eh und je gehoerte die Insel zur Toskana, und vor Anbeginn der Zeit – zu Etrurien. Doch durch den Frieden von Amiens wurden die Insel und die Toskana getrennt. Die Toskana blieb die Toskana, und Elba wurde ein Teil Frankreichs. Sieben Jahre spaeter wurde auch die gesamte Toskana Teil Frankreichs, und die Insel kehrte zu ihr zurueck, als Teil des Generalgouvernements Toskana. Im Jahre 1810 wurde die Insel erneut von der Toskana getrennt. Nach der neuen territorialen Gliederung wurde sie Arrondissement Elba des Departements Mediterranee genannt. Der Wiener Kongress gab dem Grossherzog der Toskana seine frueheren Besitzungen zurueck, darunter Elba, bei voruebergehender Verbleib der Insel im Besitz Napoleons.
«Das Klima der Insel ist koestlich», schrieb General Griois, der als junger Offizier in Portolongone gedient hatte, «der Weg, besser gesagt der Pfad – damals gab es auf der Insel keine Strassen, und alles wurde auf dem Ruecken von Eseln oder Pferden transportiert – der von Portoferraio nach Portolongone fuehrte, schien mir ein ewiger Garten zu sein, umschlungen von Weinreben, bepflanzt mit Oliven-, Orangen- und Granatapfelbaeumen.»
Die Einheimischen pressten Trauben und Oliven, molken Ziegen, die es hier in unzaehliger Menge gab, und stellten aus der Milch einen streng riechenden Kaese her. Einige, die der Langeweile der baeuerlichen Arbeit nicht zugetan waren, fingen Fische. Zweimal im Jahr trieb die Stroemung Thunfischschwaerme an der Insel vorbei, und dann begann fuer die Fischer eine arbeitsreiche Zeit. In der uebrigen Zeit reichte der Fang kaum fuer die eigene Ernaehrung. Ganz unnuetze Einheimische und zugelaufene Landstreicher – weiss Gott, es waere besser gewesen, wenn sie dort geblieben waeren, woher sie kamen – gewannen Eisen in Bergwerken, die eng und kalt wie Rattenlocher waren.
Was noch? Ach ja, fast haette ich es vergessen, es gab noch eine andere Beschaeftigung, alt und auf der Insel angesehen – die Salzgewinnung aus dem Meerwasser. Sechzigtausend Saecke Salz produzierten einige Dutzend Familien.
Am Morgen des vierten Mai betrat der Kaiser das Pflaster des Hafens von Portoferraio. Die Zeit war hier eingeschlafen, gemuetlich zusammengerollt in den engen, schmutzigen Gassen. So war die Stadt zweihundert Jahre vor Napoleon gewesen, und so sollte sie auch zweihundert Jahre nach ihm bleiben. Lohnte es sich, so viel Kraft aufzuwenden, aus Ajaccio zu fliehen, nur um hier zu landen – in einem karikierten Ajaccio?
Der Kaiser seufzte schwer, wandte sich dem hinter ihm stehenden Bertrand, dem Obersten Vincent und dem englischen Kommissar zu: «Nun denn, gehen wir und sehen wir uns um». Niemand empfing Napoleon. Er schritt durch die Stadt. Alles war still. Die Einheimischen betrachteten mit Neugier die wie auf einem Jahrmarkt herausgeputzten Ankoemmlinge, doch mehr geschah nicht.
«Nein, so geht das nicht», dachte Napoleon. Er kehrte auf das Schiff zurueck. Er legte die leuchtende Uniform eines Obersten der Gardejaeger an und heftete die Kokarde mit der neuen elbanischen Symbolik an seinen Hut. Der Kaiser hatte sie erst gestern erfunden, und in der Nacht hatte sein Kammerdiener, ein Tausendsassa, sie angefertigt. Ein weisses Feld wurde diagonal von einem fetten roten Streifen durchstrichen, auf dem drei goldene Bienen in einer Reihe sassen. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass sich der Kaiser persoenlich nur aeusserst selten mit der Erfindung von Symbolen beschaeftigte. Zum zweiten Mal an diesem Morgen betrat Napoleon die Steine des Kais von Portoferraio. Dort war bereits eine Ehrenwache aufgestellt, und einige Trommler mit ihren einfachen Instrumenten waren zur Stelle. «Nun, Leute, heizt ihnen ordentlich ein», wandte sich der Kaiser an die Trommler. Die Ehrenwache feuerte eine Salve ab, und die Burschen heizten ordentlich ein.
Da erwachte das Staedtchen in der Panik, etwas Wichtiges verschlafen zu haben. Es hatte in der Tat die Ankunft seines Herrn verschlafen. Der Buergermeister, Pietro Traditi, hastete durch das ganze Haus und suchte nach dem irgendwo abhanden gekommenen Schluessel der Stadt. Er hatte irgendwo gehoert oder gelesen, dass Souveraene es liebten, Stadtschluessel zu erhalten. Und da er ueber Napoleons Ankunft informiert worden war, hatte er rechtzeitig dafuer gesorgt. Der oertliche Handwerker Mario hatte ihn aus irgendeinem alten Eisenstueck geschmiedet. Der Schluessel war schwer und grob geraten, doch eine dicke Schicht Goldfarbe verbarg die Maengel und verlieh ihm einen gewissen Schein von Eleganz. Alles in allem passte der goldene Schluessel des Buergermeisters hervorragend zu Napoleons weisser Kokarde.
Err;tend, aufgeregt und mit einem Teil seines Bewusstseins darueber staunend, dass er ueberhaupt sprach, hielt Pietro seine Begruessungsrede und uebergab Napoleon Marios eisernes Werk. Der Kaiser hoerte geduldig dem zusammenhanglosen Stammeln des Buergermeisters zu, nahm mit einem Laecheln den Schluessel entgegen und kniff Pietro wohlwollend ins Ohr. Noch vor zwei Jahren waere manch ein Grossherzog vor lauter Glueck ueber eine solche Liebkosung des Kaisers auf der Stelle gestorben. Die einfache Seele Pietros, die mit den Gepflogenheiten der grossen Welt nicht vertraut war, war bedrueckt und verargert ueber diesen Kniff. Erst spaeter erklaerte ihm Bertrand, dass dies ein besonderes Zeichen der Gunst des Kaisers gewesen sei; erst spaeter war Pietro stolz darauf, vom leibhaftigen Napoleon am Ohr gezaust worden zu sein.
Kurzum, am Abend trat Napoleon die Herrschaft ueber sein Imperium an. Fuer einige Tage, bis eine passende Unterkunft gefunden war, liess sich der Kaiser im Rathaus nieder. Die Moebel dafuer schaffte der Buergermeister aus den besten Haeusern der Hauptstadt herbei. Er selbst stiftete mehrere Stuehle.
Am naechsten Morgen besichtigte Napoleon nach einer alten, ueber Jahre eingewurzelten Gewohnheit in Begleitung Bertrands die Verteidigungsanlagen – die Forts Stella und Falcone. Der Kaiser fand sie unzureichend befestigt. Um ehrlich zu sein – er fand sie verfallen. Er ordnete an, unverzueglich mit ihrer Reparatur und Verstaerkung zu beginnen. Nach einem einfachen, aber saettigenden Mittagessen im Hause des Buergermeisters besichtigte Napoleon Haeuser im Hinblick auf die Einrichtung eines kaiserlichen Palastes. Von allem, was angeboten wurde – und es wurde nicht viel angeboten – waehlte Napoleon den Palazzo dei Mulini, das leerstehende Haus des abgereisten Gouverneurs.
Das Haus war entzueckend. Es lag auf einem hohen Huegel zwischen Stella und Falcone, nur ein Unglueck gab es – eine steile Treppe fuehrte hinauf, die Atemlosigkeit verursachte. Napoleon befahl, eine neue Strasse anzulegen, die den Huegel umschloss, dafuer aber eine geringe Steigung aufwies.
Ein grosses Problem waren die Moebel. Das, was der Buergermeister aus lauter Schreck zusammengetragen hatte, taugte ueberhaupt nichts. Doch nicht umsonst war der Kaiser unter einem Gluecksstern geboren. Der Himmel half ihm auch in dieser Angelegenheit. Ein Sturm trieb ein Schiff mit kostbaren Moebeln und Kunstwerken nach Portolongone, die das Auge in den Zimmern so erfreuten. Es war Napoleons Schwager, Fuerst Camillo Borghese, der die Moebel von Genua nach Rom geschickt hatte. Ohne auch nur eine Sekunde an der Richtigkeit seines Handelns zu zweifeln, ordnete Napoleon an, die Moebel auszuladen und seinen neuen Palast damit einzurichten, in den er am 21. Mai einzog. Die fehlenden Moebel liess der Kaiser aus seinem Palast in Piombino holen.
Sein Leben auf der Insel wollte Napoleon nach dem Vorbild und Ebenbild des Pariser Lebens organisieren: mit Hofstaat und Intrigen, mit Ministerien und Budget, mit Armee und Flotte. Mangels Ressourcen, sowohl an Menschen als auch an Finanzen, entstand eine Karikatur, aber es entstand etwas.
Ganz natuerlich wurde Graf Bertrand zum obersten Wuerdentraeger. Er blieb Palastmarschall, erhielt zusaetzlich das Innenministerium und grosse Probleme mit seiner Frau, einer gebuertigen Englaenderin, die sich leidenschaftlich wueschte, aus diesem Loch nach Paris oder zumindest nach London ueberzusiedeln. Fuer all seine Muehen erhielt Bertrand nur 20 Tausend Franken im Jahr. Der zweite Mann wurde General Graf Drouot, der Kriegsminister des Kaiserreiches Elba. Er war der Einzige, der laut verkuendete, er sei bereit, dem Kaiser uneigennuetzig zu dienen, doch diese Erklaerung hinderte ihn nicht daran, ein Jahreskommen von 12 Tausend zu beziehen. In ihm verbargen sich zwei Wesen. Im Privatleben war Drouot ein guetiger, sanfter Mensch und ein guter Kamerad, doch sobald die Uhr zum Dienst schlug, verwandelte er sich. Er wurde zu einem kompromisslosen Vollstrecker von Befehlen, einem strengen, ja sogar grausamen Vorgesetzten.
Der eigentliche Kommandeur der Armee war General Baron Cambronne. Zusaetzlich erfuellte er die Pflichten des Kommandanten von Portoferraio. Unter seinem Kommando standen drei Bataillone: das Gardebataillon, das Jaegerbataillon und das Bataillon der Nationalgarde. In der letztgenannten Garde diente, muss man sagen, kein einziger Elbaner. In diesem Zusammenhang ist unklar, welche Nation die Nationalgarde repraesentierte. Die Kavallerie bestand aus 80 Polen und 40 Gendarmen. Im Flottendienst befanden sich 150 Matrosen, und die Artillerie zaehlte einhundert Kanonen.
Seit Napoleons Ankunft auf der Insel wuchs seine Armee staendig. Im August erreichte sie ihren Hoehepunkt – 3000 Mann. Im August weigerte sich Napoleon, den Soldaten ihren Sold auszuzahlen. Infolgedessen aeusserten im September die Haelfte der Armee, hauptsaechlich korsische Freiwillige, den Wunsch, den Dienst zu quittieren, und als ihnen dies verwehrt wurde, flohen viele einfach. Aber es ist nicht so einfach, von der Insel zu fliehen. Einige wurden von den loyal gebliebenen Franzosen und Polen gefangen genommen und einfach an den naechsten malerischen Olivenbaeumen aufgehaengt. Dies verhinderte die Flucht der bereits Anwesenden und die Ankunft neuer Freiwilliger aus Korsika. In den letzten Tagen des Kaiserreiches Elba zaehlte seine Armee 1200 Mann.
Die kaiserliche Flotte bestand aus einer Korvette mit 30 Kanonen, einer Brigg mit 18 Kanonen und acht kleinen Booten. Kommandiert wurde die Flotte von Marineleutnant Taillade. Eines Tages liess der Marineminister wegen seiner Inkompetenz das Flaggschiff auf Grund laufen und brachte es dabei fast zum Sinken. Napoleon nahm Taillade das Ministerportefeuille weg und ubergab es Kapitaen Chautard.
Als die Konturen der neuen Imperiums durch die Ernennungen abgesteckt waren und die Reparatur des kaiserlichen Palastes sich dem Ende neigte, brach Napoleon, Bertrand mit sich nehmend, zum ersten Mal auf, um seine Besitzungen zu besichtigen. Am Morgen des 18. Mai setzten er, Bertrand und ein Dutzend Polen sich zu Pferd, umrundeten die Insel und kehrten am Abend in die Hauptstadt zurueck. Ja, kein grosses Reich.
Der Kaiser war unzufrieden mit dem voelligen Fehlen von Strassen auf dem ihm unterstellten Gebiet und ordnete an, eine solche von Portoferraio nach Portolongone anzulegen. Neben der Strasse, dem Palast und – was sich von selbst verstand – den Festungen, wollte Napoleon ein Theater bauen, da es in der Hauptstadt unertraeglich langweilig war. Wie die Freiwilligen aus Korsika, die bei ihrem Landsmann etwas dazuverdienen wollten, so kamen auch Maurer und Zimmerleute aus der Toskana herbeigestroemt, nachdem sie von Napoleons Plaenen gehoert hatten. Der Kaiser liess einen Architekten, Dekorateure und Bildhauer aus Florenz kommen. Die Arbeit begann zu sieden. Sie siedete den ganzen Juni und Juli ueber, doch im August war alles vorbei.
Im August wurde klar, dass der Koenig nicht die Absicht hatte, die im Vertrag versprochenen zwei Millionen Franken zu zahlen. Napoleon beriet sich mit seinem Stallmeister und gleichzeitigen Finanzminister Peyrusse, woraufhin ein Sparregime eingefuehrt wurde. Den Soldaten wurde die voruebergehende Einstellung der Zahlungen verkuendet, Maurer und Zimmerleute wurden entlassen, bei den Bildhauern entschuldigte man sich im Namen des Kaisers, gab ihnen ein wenig Wegegeld und schickte sie zurueck, waehrend der Kaiser in eine schwere Depression verfiel. Zum zweiten Mal demuetigten ihn die Bourbonen. Diesmal durch Armut.
4
Napoleon wollte niemanden sehen, mit niemandem sprechen, er weigerte sich, Besucher zu empfangen. In diese Zeit und diesen Zustand faellt der Vorfall mit dem ungluecklichen Sergeanten O'Gorum. Der Sergeant hatte Roustams Platz auf der Matratze vor der Tuer von Napoleons Arbeitszimmer eingenommen. Eines Tages – es geschah am 20. oder 21. August – war der Kaiser am Tisch sitzend eingeschlummert. Der sparsame Sergeant wollte die Kerze loeschen, ohne Napoleon zu wecken. Ganz leise, auf Zehenspitzen, schlich O'Gorum zum Tisch, da knarrte eine Diele. Napoleon schreckte auf, griff nach der daneben liegenden Pistole und schoss auf den – so der erste Gedanke nach dem Erwachen – von den Bourbonen gesandten Moerder. Auf der Stelle tot. Mitten ins Herz. Sein Nachfolger, Grigio Pietro, weckte den Kaiser wegen solcher Kleinigkeiten wie Kerzen nicht mehr.
Seine Mutter Laetitia war sehr besorgt um ihren Sohn. Wer sonst sollte sich sorgen, wenn nicht die Mutter. Welche Hoehen und Tiefen wir auch erleben moegen, fuer die Mutter bleiben wir fuer immer das unvernuenftige Kind. Sie lebte seit dem dritten August auf der Insel. Die Stimmung ihres Sohnes beunruhigte sie sehr. Sie fuerchtete, er koennte sich das Leben nehmen. Napoleons Mutter schrieb an Pauline nach Neapel und bat sie zu kommen, doch dieses flatterhafte Ding hatte wieder jemanden gefunden und versprach nur zu kommen, ohne zu erscheinen. Die beste Medizin fuer den Sohn – Laetitia wusste das sicher – waere die Ankunft von Frau und Sohn. Laetitia liebte ihre Schwiegertochter nicht; allerdings nicht mehr, als jede Schwiegermutter jede Schwiegertochter ablehnt, die ihr den Sohn weggenommen hat. Doch im August warf Laetitia ihren Stolz ab, vergass die Abneigung und schickte immer wieder schmeichelnde, flehende Briefe an Franz und Marie-Louise.
Marie-Louise scherte sich weder um Napoleon und seine psychischen Probleme, noch um Imperien oder Koenigreiche. Sie hatte sich verliebt, zum ersten Mal und ernsthaft, bis zum voelligen Verlust des Verstandes, bis zur Selbstvergessenheit. Ihr Geliebter wurde Graf Neipperg.
Der Ehemann und der Liebhaber kannten sich schon lange. Vor vierzehn Jahren waren Graf Neipperg und Saint-Julien zum Ersten Konsul nach Paris zu Verhandlungen gekommen. Prinzessin Marie-Louise lernte den Grafen zehn Jahre spaeter kennen, als sie zu ihrer franzoesischen Hochzeit reiste. Zuerst gefiel der Graf ihr nicht – sie fand ihn husarenhaft und einen Leichtfuss. Freilich, gerade erst dem strengen Internat zur Zucht von Prinzessinnen entflogen, wo die Lehrer sogar biblische Geschichten zierlich kastrierten und Schaefchen sowie Pferdchen ausschliesslich weiblichen Geschlechts waren, um die hochwohlgeborenen Fr;ulein nicht durch unnoetige Zweifel zu verwirren, erschien Marie-Louise jeder Mann unter vierzig als Husar und Frauenheld.
Waehrend der bekannten Ereignisse im Fruehjahr des Jahres 14 meldete sich Graf Neipperg mutig freiwillig, um die Kaiserin von Paris nach Blois und von Blois in das elterliche Haus zu begleiten. Als Marie im April im kaiserlichen Schloss Schoenbrunn eintraf, war sie bereits bis ueber beide Ohren verliebt und fand Erwiderung fuer ihre Gefuehle. In den folgenden drei Monaten quaelte Marie ihren kaiserlichen Vater mit Bitten, sie zur Kur fahren zu lassen, um ihre durch die erlebten Schrecken zerruetteten Nerven zu heilen. Eine verliebte Frau scheut keine Hindernisse, sie durchbricht selbst eine kaiserliche Mauer. Der Vater liess Marie ziehen. Ihr Herzenskavalier, Graf Neipperg, begleitete sie. Noch bevor sie das Kurbad erreichten, wurden aus den Verliebten Liebende. War Marie da noch nach Politik zumute?
Das Verhalten von Marie-Louise missfiel sehr... Wem wohl, glauben Sie? Richtig, Metternich. Er haette besser auf sich selbst schauen sollen. Irgendwann im September aeusserte Metternich, der in Marie eine bedeutende Schachfigur sah, die man ausspielen konnte, gegenueber Kaiser Franz die Bedenken, dass es sich fuer Marie-Louise nicht zieme, sich so zu verhalten.
«Lass sie in Frieden», unterbrach Franz die blumige Rede des Fuersten, «das Maedchen hat ihre Pflicht erfuellt. Was willst du noch von ihr?»
«Sieh an, Seine Majestaet besitzt also doch vaeterliche Gefuehle», dachte der Fuerst und zog sich verlegen zurueck.
Natuerlich erhielt Marie die Briefe ihrer Schwiegermutter, doch sie antwortete nicht Laetitia, sondern ihrer Freundin, der Herzogin von Montebello, der Witwe des Marschalls Lannes. Die glueckliche Marie schrieb im September: «Ich schwoere Ihnen bei allen Heiligen, dass ich weder jetzt noch spaeter nach Elba reisen werde. Sie, meine liebe Freundin, wissen besser als jeder andere, dass ich dazu nicht den geringsten Wunsch verspuere.»
Als die zweite, hunderttaegige Herrschaft Napoleons begann und Europa aufschreckte, da es einen Rueckfall in die napoleonische Aera fuerchtete, erschrak auch Marie. Doch sie fuerchtete nicht das Genie Napoleon, nicht den Feldherrn Napoleon, sondern den Ehemann Napoleon. Er koennte sie finden und ihr ihr Kostbarstes wegnehmen. Allen sagte sie, dass sie mit der Rueckkehr Napoleons entschieden nichts zu tun habe und dass sie von diesem Menschen ueberhaupt nichts mehr hoeren wolle.
Marie war ein guetiger Mensch, und als Napoleon die endgueltige Katastrophe ereilte, schrieb sie an ihren Vater: «Ich hoffe, dass Sie einen dauerhaften Frieden stiften werden und dass der Kaiser Napoleon ihn nie wieder stoeren wird. Ich hoffe, dass Sie grossmuetig und sanft mit ihm verfahren werden. Dies ist meine einzige Bitte an Sie, teurer Papa, und meine letzte fuer ihn.»
5
Am ersten September weckte eine Nachricht die verschlafene Stille von Portoferraio – die Kaiserin sei angekommen.
«Die Kaiserin ist da, die Kaiserin ist da!», hoerte Laetitia die gellenden Rufe der Jungen von der Strasse.
«Sie ist also doch gekommen», durchzuckte es Laetitias Herz. Sie eilte zum Hafen und schalt unterwegs die Kammerdiener aus, die sie unter den Armen stuetzten. Am Kai erblickte die kurzsichtige Laetitia drei Frauen, die offensichtlich gerade erst von Bord gegangen waren, und einen Jungen. «Wie er gewachsen ist», schoss es ihr durch den Kopf.
– Du! – sagte die Alte enttaeuscht, als sie fast ganz nah herangetreten war.
– Ich bin es, Madame, – antwortete Graefin Maria Walewska muede.
Laetitia tatschelte mechanisch den Kopf ihres Enkels.
– Gehen wir ins Haus, wenn du schon erschienen bist.
Der Rueckweg schien Laetitia ungewoehnlich lang und beschwerlich. Mehrmals hielt sie an, um zu verschnaufen. Sie wischte sich das verschwitzte Gesicht mit einem Spitzen-Taschentuch ab und ueberlegte, wie sie mit der Polin verfahren sollte.
– Warum bist du gekommen? – fragte Laetitia, waehrend sie sich in einen weichen, abgewetzten Sessel fallen liess.
– Madame, ich muss ihn unbedingt sehen, Sie koennen mir nicht...
– Warum bist du gekommen? – unterbrach Laetitia Walewska.
– Koenig Joachim will Alexandrike das Majorat wegnehmen, – sagte die Graefin mit gesenktem Kopf fast unhoerbar.
– Setz dich! – mit einer gebieterischen Geste deutete Laetitia auf den Sessel gegenueber, – und hoer mir zu.
Maria sass auf der Kante des Sessels, den Ruecken kerzengerade, und lauschte der kraechzenden Stimme der Alten, die sie einst – wie dumm sie damals war – als ihre Schwiegermutter verehrt hatte.
– Hast du alles verstanden? – schloss Laetitia.
– Ja, Madame. Ich werde alles ausfuehren, wie Sie es befehlen.
– Sorge dich nicht um Alexandrike. Ich schwoere bei der Jungfrau Maria, Joachim wird ihn nicht anruehren.
General Bertrand brachte Maria zu Napoleon. Der Kaiser lebte bereits seit einer Woche fernab von allen in einem Zelt am Hang eines malerischen Huegels. Am Abend des ersten September betrat Maria Napoleons Zelt, und am Abend des dritten September geleitete der Kaiser sie nach Portolongone, wo er die Graefin, nachdem sie ihren Sohn gesehen hatte, auf das Schiff setzte. In Portolongone blieb Napoleon bis zum 19. September.
Die «Medizin Walewska» heilte den Kaiser. In dem begeisterten Bericht des Cambridge-Studenten Scott sind noch Spuren von Napoleons juengster Melancholie zu spueren, doch im Grossen und Ganzen ist er gesund: «Er war zu Pferd und gruesste uns, indem er seinen Hut beruehrte. Ich fragte mich: Ist dieser Herr mit dem unfreundlichen Gesicht, dieses schwerfaellige Wesen tatsaechlich der grosse Napoleon, der Kaisern und Koenigen Schrecken einfloesste? Es schien mir voellig unmoeglich. Ich wiederhole – das war mein erster Eindruck. Obwohl er sich bald aenderte, behaupte ich noch heute, dass Napoleon mit seinen breiten Schultern nicht den Eindruck eines Kriegers erweckte. Er sah wie 45 aus. Ein grosser Bauch und dicke Schenkel passten schlecht zu den uebrigen Teilen seines Koerpers. Als wir ihn sahen, trug er einen Hut, der tief in die Stirn gedrueckt war. Dieser hohe Hut verstaerkte das unangenehme Aussehen Napoleons. Die graue Farbe des Hutes, an dem eine weiss-rote Kokarde befestigt war, bewies zur Genuege, dass er viele Feldzuege mitgemacht hatte.
Napoleon war in einen gruenen Kittel mit roten Aufschlaegen gekleidet. Unter dem engen Kittel war kaum die schwarze Krawatte zu erkennen, die um den Hals gewickelt war... – lassen wir die lange Beschreibung der Kleidung des Kaisers beiseite. – Der Kaiser sprach mit tiefer Stimme schnell, fast ohne Pausen.
Waehrend unseres gesamten Gespraechs drueckte sein Gesicht vollkommene Zufriedenheit aus. Seine Augen, lebhaft und ausdrucksstark, und seine Stimme floessten Vorsicht ein, doch sein angenehmes Laecheln weckte Vertrauen beim Gespraechspartner. Und doch waren sich meine Reisegefaehrten einig, dass er eher wie ein Bischof aussah als wie ein Held. Seine Erscheinung hatte definitiv nichts Heroisches an sich.»
Ende Oktober traf endlich das flatterhafte Ding Pauline ein. Sie brachte die neuesten Nachrichten und heissesten Geruechte vom Festland mit. Sie brachte die Unzufriedenheit Murats mit den Oesterreichern mit und die Hoffnungen der wahren italienischen Patrioten auf die Schaffung eines grossen Italien unter der Fuehrung ihres Koenigs Napoleon I. Die Patrioten gingen so weit, dass sie einen Verfassungsentwurf fuer ein vereintes Italien mit 63 Artikeln vorbereiteten. Von Napoleon wurde nur verlangt, den Wunsch zu aeussern, den italienischen Thron zu besteigen, und dann...
«Sie traeumen wohl», dachte Napoleon, «das grosse Italien kuemmert mich nicht, aber Frankreich...»
Napoleon begann, sich fuer die Welt der Politik zu interessieren und entdeckte in dieser Welt zwei interessante Dinge. In Frankreich hatten die Royalisten nicht nur ihn beleidigt, sondern auch viele andere. Die Ultra-Royalisten benahmen sich im Land wie ein Elefant im Porzellanladen, und dort reifte eine dumpfe Unzufriedenheit heran. Und in Wien konnten sie sich ueber die Teilung Sachsens und Polens nicht einigen, und dort, im Lager der gestrigen Verbuendeten, reifte die Unzufriedenheit miteinander, bereit, in einem offenen Konflikt auszubrechen.
Geheime und streng geheime Agenten schwirrten um Napoleon herum wie Bremsen bei heissem Wetter um einen traege eingeschlafenen Ochsen auf der Wiese. Von Korsika aus summte General Brulard oeffentlich: Er werde jede Gelegenheit nutzen, um Napoleon zu toeten. Aus Livorno summte Mariotti an Talleyrand von Sondervollmachten, davon, dass es nicht schlecht waere, Napoleon waehrend eines Ausflugs auf eine Nachbarinsel gefangen zu nehmen und ihn jenseits von Amerika, auf der Insel Sainte-Marguerite, wegzusperren. Der englische Kommissar summte nach London ueber jede Regung des eingeschlafenen Ochsen. Ein Schwarm von Royalisten-Agenten, verkleidet als korsische Freiwillige, Diener oder Reisende, summte nach Paris ueber alles, was sie sahen und hoerten. Daher war jede Vorsicht des Kaisers bei der Geheimhaltung seiner Plaene keineswegs ueberfluessig.
Seit Oktober stellte Napoleon seine Verbindungen wieder her. Die Post aus Frankreich lief ueber treue Leute in Toulon, aus Italien ueber Florenz und aus Wien ueber Genua. Seine eigenen Briefe verschickte Napoleon ueber Genua und weiter ueber die Schweiz. Er stand in geheimer Korrespondenz mit Eugene Beauharnais und Meneval (beide in Wien), mit Joseph (Prangins), Maret, Lemond und Lefebvre-Desnouettes (alle in Paris). Mit dem Koenig von Neapel korrespondierte er nicht direkt, doch ueber Pauline und den Kammerdiener seiner Mutter, Colonna d'Istria, konnten sie ihre Ansichten ueber die Zukunft austauschen.
So vergingen drei Monate im Nachdenken und Wiederherstellen zerrissener Bande. Ende Dezember offenbarte Napoleon Bertrand und Drouot seine Absicht, die franzoesische Krone zurueckzuerobern. Beide waren nicht ueberrascht. In den letzten Monaten deutete alles darauf hin. Beide rieten dem Kaiser, in Toulon zu landen und nach Marseille zu marschieren. In Marseille lag die siebte Militaerdivision unter dem Kommando von Marschall Massena, bei dem sich der Kaiser nicht sicher war, ob dieser auf seine Seite uebergehen oder seine kleine Armee beim ersten Gefecht vernichten wuerde. Zudem war die Szene des Volkszorns in der Provence noch frisch im Gedaechtnis. Der Kaiser hielt es fuer klueger, in Frejus zu landen und ueber die Alpen nach Paris zu marschieren.
Waehrend seiner Depression las Napoleon aufmerksam den Roman von Madame de Sta;l «De l'Allemagne». Zuvor hatte er nur die von den Zensoren markierten Stellen gelesen. Er fand den Roman grossartig und schrieb dies Germaine. Die Schriftstellerin war so geruehrt ueber das Lob des Kaisers, dass sie ihn vor einem bevorstehenden Attentat auf sein Leben warnte und sogar den Namen des Moerders nannte – Oberst Graf Chavenay de Blot. Napoleon nutzte die Warnung sofort aus. Gunstige Umstaende zu nutzen – darin war ihm niemand gewachsen.
Am 12. Januar sperrte der Kaiser die Hauptstadt fuer Fremde und befahl, sein Flaggschiff nach englischer Art umzustreichen sowie es mit Proviant und Munition zu beladen – fuer den Fall einer eiligen Flucht von der Insel. Beide Massnahmen stiessen beim englischen Kommissar auf Verstaendnis. Doch seiner Aufmerksamkeit entgingen sowohl die Anmietung von drei Schiffen als auch der Kauf der Brigg «Saint-Esprit» mit einer Tragfaehigkeit von 194 Tonnen durch Peyrusse. Der Stallmeister zahlte dem Kapitaen 25 Tausend Franken in bar, und niemand wusste, dass die in der Bucht von Portolongone liegende Brigg Napoleon gehoerte.
Am 6. Februar fuehrte Napoleon unter dem Vorwand eines geplanten Attentats Flottenuebungen durch – zum Zweck einer schnellen Einschiffung und Flucht. Im Anschluss an die Uebungen unternahm der Kaiser eine kurze Seereise, um die Seetuechtigkeit des reparierten Flaggschiffs zu pruefen – fuer den Fall der Flucht des Kaisers vor den Moerdern. Nach Napoleons Rueckkehr teilte Campbell mit, dass ihn dringende Angelegenheiten fuer drei bis vier Wochen nach Livorno riefen.
– Reisen Sie nur, – antwortete ihm Napoleon gleichgueltig, – ich habe mich ausreichend vorbereitet, um jeder Gefahr zu begegnen.
Am 16. Februar reiste Campbell ab, um mit den Prostituierten von Livorno seine dringenden Angelegenheiten zu regeln, und der Kaiser machte sich mit Begeisterung daran, die fuer Ende des Monats geplante Flucht vorzubereiten. Die politische Situation entwickelte sich guenstig. Die Ultra-Royalisten in Frankreich tobten, und die Bourbonen verloren mit jedem Tag an Popularitaet. Der Wiener Kongress war noch zu keinem Ergebnis gekommen. Und das Wichtigste: Von Eugene wusste er sicher, dass der Kongress am 21. Februar schliessen wuerde. Bis die Nachricht von seiner Flucht die Monarchen der Koalition erreichen wuerde, falls diese zu diesem Zeitpunkt noch existierte, waeren sie bereits abgereist, und es wuerde Zeit kosten, sich wieder zu versammeln und Massnahmen gegen ihn zu ergreifen. Zeit – das war es, worauf es ankam.
Zu dieser Zeit erschien auf der Insel Fleury de Chaboulon, 36 Jahre alt. Chaboulon versicherte einigen Historikern, seine Ankunft auf Elba habe Napoleon dazu bewegt, die Insel zu verlassen.
Waehrend der Kaiserzeit war Chaboulon langsam bis zum Amt eines Auditors und Unterpraefekten von Chateau-Salins aufgestiegen. Den Anbruch der neuen Aera der Bourbonen begruesste er mit Traenen in den Augen und erhielt – nichts. Die Ultra-Royalisten verdauten die Ernennungen von Napoleons Zoeglingen nur schwerlich. Diese Ernennungen waren von Alexander inspiriert, und der Koenig musste ihnen zustimmen, wenn er den Thron erhalten wollte. Die Royalisten konnten den Zugang zur Macht fuer allzu oediose Figuren wie Maret oder Savary versperren, oder fuer jemanden wie Marschall Davout, der zu spaet zur grossen Verteilung kam, es nicht rechtzeitig schaffte, den kuerzlich noch verehrten Kaiser zu beschmutzen und der neuen Macht Weihrauch zu streuen. In jenen Tagen, in Tagen des Wandels, sollte man im Epizentrum der Ereignisse sein, doch Davout verteidigte das Reich in Hamburg, und dank dieses Umstandes blieb er dem Kaiser treu. Gegen das kleine Beamtenvolk konnten die Ultras wegen dessen schierer Anzahl nichts ausrichten. Doch mit der mittleren Ebene, in deren Reihen Chaboulon das Unglueck hatte zu stehen, wurde kurzer und ungerechter Prozess gemacht. Bald fanden sie sich alle, oder der Grossteil von ihnen, ohne Existenzmittel auf der Strasse wieder.
Chaboulon begann nicht zu weinen oder die Haende zu ringen, um seinen Schicksalsgenossen von der Weltungerechtigkeit und Undankbarkeit zu erzaehlen. Er fuhr nach Paris, nachdem er vor der Abreise den Bourbonen ewigen Hass und dem gestuerzten Kaiser ewige Treue geschworen hatte.
Der aggressive Unterpraefekt fand eine Moeglichkeit, Davout zu treffen und ihm seine Dienste als Kurier nach Elba anzubieten. In seiner Naivitaet dachte Chaboulon: Der Kaiser sitzt auf seinem Elba in voelliger Unkenntnis dessen, was in Frankreich geschieht. Da er eine Provokation vermutete, begegnete der Marschall «dem kaum bekannten Chaboulon mit Misstrauen». Einfach gesagt: Er warf den Unterpraefekten die Treppe hinunter.
Der erste Misserfolg entmutigte unseren Helden nicht. Er lud sich bei Maret zu Gast, der nach dem aktuellen Stand der Macht – ein falscher Herzog von Bassano war. Er wurde empfangen, angehoert und ermutigt. Maret kannte Chaboulon aufgrund seiner Taetigkeit als Staatssekretaer viel besser als Davout und kannte seine traurige Geschichte. Ende Januar geschah in Paris etwas: irgendeine weitere Gemeinheit der Behoerden gegenueber Maret oder ein besonders abscheuliches Dekret des Koenigs veranlasste Maret, nicht auf den regulaeren Kurier zu warten, sondern einen zufaelligen Nachrichtenkanal zu nutzen.
Das Risiko war natuerlich da, aber es war nicht so gross. Die Geheimpolizei propagiert sich immer und ueberall als allgegenwaertig und allwissend. Sie schlaeft nicht, sie isst nicht – sie bewacht den Koenig. Waere dem so, gaebe es nicht von Zeit zu Zeit Verschwoerungen, Revolutionen und Umstuerze. Selbst in den Netzen der besten Geheimpolizeien gibt es Luecken und Loecher, und was soll man erst ueber die gerade erst geschaffene koenigliche Geheimpolizei sagen. Chaboulon schluepfte leicht durch ihre Netze und ueberbrachte am 12. oder 13. Februar auf Elba dem Kaiser Napoleon den Ruf Marets – komm und herrsche.
Die Vorbereitung der Schiffe war in vollem Gange, und ploetzlich waere das ganze Unternehmen beinahe gescheitert. Am Morgen des 24. Februar lief die englische Korvette «Partridge» in den Hafen von Portoferraio ein, kommandiert von einem Kapitaen mit dem bedeutungsvollen Namen Adye. Dieses Schiff hatte Campbell nach Livorno gebracht.
Als der Kaiser die Korvette in den Hafen einlaufen sah, rutschte ihm das Herz in die Hose. «Warum ist er, das Schwein, zurueckgekommen», dachte Napoleon grimmig, «er sagte doch drei Wochen!». Zu seinem Glueck war Campbell nicht an Bord. Nach vier Stunden im Hafen – in dieser Zeit stattete Adye Bertrand einen kurzen Besuch ab – legte die Korvette wieder ab. Sie nahm Kurs auf Livorno, um den Kommissar abzuholen. «Gott sei Dank, er hat nichts bemerkt», fiel es Napoleon vom Herzen.
Dem war nicht so. Adye bemerkte genug, um nach Livorno zu eilen, um Instruktionen der Kommissare einzuholen.
Campbell ruhte sich in Livorno bereits seit einer Woche im grossen Stil aus. Er bewegte sich von einer Schoenheit zur anderen wie ein Wanderpokal und trank ueberall viel und mit Genuss. Bis Adye den Kommissar fand, bis dieser so weit ernuechtert war, dass er zurechnungsfaehig wurde und schliesslich begriff, worum es ging, vergingen zwei Tage. Am Abend des 27. Februar gelangte der Kommissar mit grosser Muehe an Bord. Kaum war das Schiff auf See, wurde Campbell so uebel, dass er nicht mehr leben wollte. Er befahl, in den Hafen zurueckzukehren.
– Es gibt keinen Wind, Kapitaen, – sagte Campbell, gruen im Gesicht und halb tot vor Seekrankheit, – wir werden auf Wind warten.
– Zu Befehl, Sir. Kein Wind, – antwortete Adye.
Doch auf Elba, 150 Kilometer suedlicher, wehte der Wind.
Der Rest des 24. Februar und der gesamte 25. Februar vergehen in fieberhafter Taetigkeit. Am 26. um vier Uhr nachmittags waren alle 1200 Soldaten an Bord gegangen.
Napoleon verabschiedete sich herzlich von seiner Mutter, von seiner flatterhaften Schwester Pauline, und ging in einer halben Stunde ohne Eile vom Palast zum Kai. Um acht Uhr abends verkuendete ein Kanonenschuss, dass sich der Kaiser an Bord des Flaggschiffs befinde. Am Kai riefen die einen mit Erleichterung, die anderen mit Bedauern: «Es lebe Frankreich! Es lebe Napoleon!». Ein frischer Wind fuellte die Segel, und Napoleon brach zu seinem letzten Grossen Abenteuer auf.
Am Morgen des 28. Februar erreichte der Wind auch Livorno. Am Mittag dieses Tages traf Campbell in der Hauptstadt des Kaiserreiches Elba ein. Mein Gott, wie wuetend er war, dass sein Schuetzling entflohen war. Eine Stunde verbrachte der Kommissar am Kai, dann ging er wieder an Bord und nahm sofort die Verfolgung auf. Ein loeblicher Diensteifer. Es gibt bei den Englaendern diese Eigenschaft – den Diensteifer. Eine Medaille erhielt Campbell dafuer nicht, aber er wurde auch nicht bestraft. Und was die Vorwuerfe der Franzosen betrifft, man habe ihn nicht bewacht, man habe ihn entkommen lassen – nun, warum haben sie die Insel nicht selbst bewacht? Das Meer steht jedem offen.
Dem Zug der kleinen Flottille stand nichts und niemand im Wege. Sie hatten Glueck. Am naechsten Morgen um acht Uhr befanden sich die Schiffe auf der Hoehe der Insel Capraia, 80 Kilometer von Elba entfernt. Waehrend des ersten Tages begegneten die Fluechtlinge vielen franzoesischen und englischen Schiffen. Die Mannschaft der Brigg «Zephyr» wechselte einige Worte mit der Mannschaft der «Inconstant». Diese Brigg eilte nach Livorno, um sich Mariotti zur Verfuegung zu stellen, damit Napoleon nicht von Elba entwischen konnte.
– Beeilen Sie sich! – rief der Erste Offizier der «Inconstant», – Mariotti wartet schon sehnsuechtig auf Sie!
Am Mittag des 28. Februar zeigte sich an Steuerbord Land, vorerst noch italienisches. Einen Tag spaeter naeherten sich die Schiffe der Kuestenstadt Antibes. Einundzwanzig Grenadiere und zwei Offiziere wurden an Land geschickt, um die Festung zu erobern. Nicht zu erobern, natuerlich, aber Kapitaen Lamouret hatte dem Kaiser versichert, er wuerde seinen Verwandten, den Kommandanten der Festung, ueberreden, auf Napoleons Seite ueberzugehen. Der Verwandte wechselte die Seite nicht, und der gesamte Landungstrupp geriet in Gefangenschaft. Drouot sagte, man muesse die Festung stuermen, die Kameraden befreien...
– Die Zeit ist zu kostbar, – antwortete Napoleon. – Wir muessen vorruecken. Das beste Mittel, den schlechten Eindruck, den Antibes hinterlassen hat, auszuloeaschen, ist, so schnell wie moeglich zu marschieren und Paris schneller zu erreichen als die Nachrichten ueber uns.
6
Die Schiffe gingen am helllichten Tag zwischen Antibes und Cannes vor Anker. Um ein Uhr betrat Napoleon das Ufer. Vier Stunden spaeter war die Ausschiffung der Truppen abgeschlossen. Der Kaiser goennte seiner kleinen Armee eine Ruhepause, und um Mitternacht vom 1. auf den 2. Maerz brach das Heer zum Marsch durch Cannes nach Grasse auf. Gegen Morgen erreichte das Heer das Dorf Seranon, das auf einer Hoehe von 1400 Metern liegt. Ein paar Stunden Rast, ein einfaches Fruehstueck und wieder auf den Weg. Am ersten Marschtag legte die Armee 70 Kilometer zurueck. Napoleon selbst ging zu Fuss, auf einen Stock gestuetzt. Manchmal rutschte er aus und fiel hin, doch sein Mut sank niemals. Er war wieder im Geschaeft, er drang wieder vorwaerts!
Am 3. Maerz erfuhr Marschall Massena in Marseille von Napoleons Landung in der Bucht von Juan und seinem Marsch. Sofort schickte er eine Depesche nach Paris und entsandte General Miollis mit dem 83. Linienregiment nach Sisteron, um den fluechtigen Kaiser abzufangen. Als das 83. Regiment in Sisteron eintraf, war Napoleon bereits bei Gap (60 Kilometer weiter noerdlich). Das bedeutet, dass Napoleon schneller marschierte, als Massena berechnet hatte. Viel schneller.
Am Mittag des 5. Maerz erhielt Marschall Soult, der Kriegsminister des Koenigreichs, die Depesche Massenas. Ein paar Stunden spaeter begann eine Dringlichkeitssitzung des Ministerrates unter dem Vorsitz des Koenigs selbst. Der Koenig entschied, und der Rat bestaetigte den Willen des Koenigs durch seinen Beschluss, dass alle Truppen in Lyon und suedlich davon unter das Kommando des Grafen von Artois gestellt wuerden. Der Rat nannte den Kaiser Napoleon den laengst vergessenen Bonaparte. Nun denn, Bonaparte wurde zum Verraeter und Rebellen erklaert; der Rat verpflichtete jeden Franzosen, Bonaparte als Verraeter und Rebellen zu behandeln.
Inzwischen, am sechsten Maerz um zwei Uhr nachmittags, brachen der Kaiser – wir werden nicht auf die Ratschlaege des Rates hoeren und ihn weiterhin Kaiser nennen – und sein kleines Heer von Gap nach Grenoble auf. Zu dieser Stunde wusste man in Grenoble bereits seit zwei Tagen vom Marsch Napoleons, Zeit genug, um von Respekt fuer den gefallenen Titanen durchdrungen zu sein und seine Kuehnheit zu bewundern. Der Kommandant der Garnison von Grenoble, General Graf Marchand, und der Praefekt Baron Fourier, der einst als junger Beamter an der aegyptischen Expedition teilgenommen hatte, blieben dem Koenig entschlossen treu. Der General war zunaechst geneigt, dem «korsischen Raeuber» entgegenzutreten, doch die Stimmung der Soldaten floesste ihm Zweifel am Erfolg des Unternehmens ein. Daher beschloss er, die Truppen in Grenoble vor Napoleon einzuschliessen und den Marsch des Kaisers zu verlangsamen, indem er die Bruecke ueber den Fluss Bonne sprengen liess. Der General rechnete damit, ein oder zwei Tage zu gewinnen, bis dem Koenig treue Truppen eintraefen.
Die Ausfuehrung dieses Auftrags uebertrug Marchand einem Bataillon des 5. Infanterieregiments, dem er eine Pionierkompanie beigab. Der Bataillonskommandeur, Oberst Plessier, der zuvor in der kaiserlichen Garde gedient hatte, kam – ob absichtlich oder nicht – zu spaet an der Bruecke an. Noch bevor er Laffrey erreichte, erfuhr der Oberst von der Ueberquerung der Bruecke durch Napoleons Armee und zog sich zurueck, um den Pass von Laffrey zu besetzen.
Am siebten Maerz vor Morgengrauen fuehrte Napoleon seine Armee aus dem Dorf Corps heraus. Mittags ueberquerten sie die Bruecke ueber die Bonne. Gegen fuenf Uhr erreichten sie den Pass von Laffrey. Napoleon, der an der Spitze der Kolonne ritt, sah die in Schlachtordnung aufgestellten Soldaten des «Scheingegners» auf der Strasse und hielt seine Truppen an.
Waehrend des Rueckzugs von Plessier versuchten von Napoleon fuer einige Sous angeheuerte Bauern, den Soldaten Flugblaetter mit dem Appell des Kaisers an die Nation und die Armee unterzuschieben. Die Soldaten nahmen die Flugblaetter so entgegen, dass die Offiziere es nicht sahen, aber auf dem Marsch war es unmoeglich, sie zu lesen, weshalb sie keinerlei Wirkung zeigten. Die zum Kampf aufgestellten Soldaten versuchten napoleonische Offiziere durch interessante Angebote zu verlocken. Doch die Entfernung war zu gross, der Wind verwehte die Worte, und die Soldaten hoerten die Rufe nicht.
Napoleon begriff, dass ein persoenlicher Auftritt auf der Buehne unumgaenglich war. Er erhob sich von einer Trommel, befahl seinen Soldaten, die Gewehre als Zeichen friedlicher Absichten in die linke Hand zu nehmen, und ging ruhig auf den «Feind» zu. Allein!
Kapitaen Randon, der Neffe und Adjutant von General Marchand, schrie drohend und zoernig:
– Feuer! Feuer, verdammt noch mal!
Doch alle starrten wie gebannt auf den wahnsinnigen «Korporal», der ruhig auf das Bataillon zuging. Der Kaiser naeherte sich, Randon zog seine Pistole. Der daneben stehende Plessier packte ihn fest am Arm. In den kalten Augen des ehemaligen Gardisten las Randon ein Todesurteil, sollte er auch nur die kleinste falsche Bewegung machen. Die Pistole entfiel den kraftlosen Haenden des Kapitaens, er wendete sein Pferd und ritt durch die zurueckweichenden Reihen der Soldaten davon, ausser sich vor Wut und Scham. Auch einige andere Offiziere ritten davon.
– Soldaten des fuenften Regiments, – rief Napoleon mit wohlgesetzter Stimme, – ich bin euer Kaiser.
Er riss seinen Mantel auf, entbloesste die Paradeuniform eines Generals und bot seine Brust der Kugel dar.
– Erkennt ihr mich? Wenn einer von euch seinen General toeten will, hier bin ich!
Das war zu viel fuer die Soldaten von Grenoble.
– Es lebe der Kaiser! – antwortete das Bataillon im Chor.
Ihr Kommandeur, ein gerechter und strenger Oberst, sprang vom Pferd, zog seinen Degen und trug ihn wie ein kostbares Kleinod mit ausgestreckten Armen dem Kaiser entgegen. Zwanzig Meter vor der Front uebergab er den Degen; der Kaiser umarmte den laut schluchzenden Obersten. Auch die Soldaten in der Schlachtordnung weinten. Sie rissen die koeniglichen Kokarden ab und hefteten dreifarbige Baender an ihre Huete, die sie zusammen mit den Flugblaettern von den Bauern erhalten hatten. Unglaublich! Hier, am Pass von Laffrey, hatte Napoleon die Krone zurueckerobert. Die Schlacht um Frankreich, eine Schlacht ohne einen einzigen Schuss, endete mit einem ohrenbetaeubenden Sieg des Kaisers.
Unterdessen ritten Randon und die dem Koenig treu gebliebenen Offiziere nach Grenoble. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich in den Kasernen die Nachricht: Das Bataillon war vollstaendig auf die Seite des Kaisers uebergegangen. Dieses Bataillon entschied das ganze Unternehmen, wie der erste Stein eine Lawine ausloest. Marchand und ein Dutzend Offiziere flohen nach Norden, waehrend das 7. Linienregiment unter der Fuehrung seines Kommandeurs, Oberst Labedoyere, dem Kaiser entgegeneilte, um sich den Reihen seiner unbesiegbaren Armee anzuschliessen. Damit der Marsch richtig gedeutet wurde, zog das Regiment mit Trommelwirbel ein, und der Fahnentraeger trug den kaiserlichen Adler voran. Napoleons Soldaten begruessten die Ankunft des Regiments freudig, und der Kaiser umarmte fest den Obersten, den die Bourbonen nach der zweiten Restauration fuer diese Tat zum Tode durch Erschiessen verurteilten.
Jetzt, da Napoleons Heer auf das Vierfache angewachsen war, erkannten die Bauernmassen ihren Kaiser. Zu Tausenden versammelten sie sich um Grenoble, um ihre Liebe zum Kaiser zu demonstrieren, und nur die Bauern des Dorfes Orgon zitterten vor Angst, als sie die ganze Niedertracht ihres Verhaltens im April des vergangenen Jahres begriffen.
Um zehn Uhr abends rueckten die Truppen in Grenoble ein. Napoleon goennte den Soldaten 40 Stunden Ruhe, denn in weniger als sechs Tagen waren sie 340 Kilometer marschiert. Fast 60 Kilometer pro Marschtag. Diese Leistung konnte niemand jemals uebertreffen. Hier machten sich die staendigen Trainingsmaersche auf Elba bezahlt.
Am 9. Maerz um zwei Uhr nachmittags brach die verstaerkte Armee aus Grenoble auf, und um neun Uhr abends am 10. Maerz rueckten die Vorhuten, teils auf Bauernwagen transportiert, in Lyon ein.
Am Morgen des zehnten Maerz trafen der Graf von Artois und Marschall Macdonald in Lyon ein. Bald erfuhren sie, dass ihr Vorhaben, den triumphalen Marsch Napoleons zu stoppen, undurchfuehrbar war, da die Truppen ihnen nicht gehorchten. Um die Mittagszeit reiste der Graf von Artois ab. Eine Zeitlang dachte der Marschall darueber nach, die Bourbonen zum Teufel zu schicken, aber er wagte es nicht. Um zwei Uhr nachmittags verliess Macdonald Lyon. Die Armee spaltete sich in diesen Tagen. Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere bis hin zu den Obersten begruessten die Rueckkehr des Kaisers freudig. Alle Marschaelle und die Mehrheit der Generale waren entschieden dagegen. Soult nannte ihn einen Abenteurer, Jourdan beschimpfte ihn offen, Ney drohte, Napoleon im Kaefig zu bringen, Massena schalt den Kaiser aus, aber was sind Marschaelle ohne Soldaten?
In Lyon blieb Napoleon bis Mitternacht des 12. Maerz und machte sich dann wieder auf den Weg. In Grenoble und Lyon wurden zusaetzlich in grosser Zahl Flugblaetter mit dem Appell an die Nation und die Armee gedruckt. Bis Lyon, wenn sich irgendwo die Gelegenheit bot, vor den Massen aufzutreten, trat der Kaiser auf und sparte nicht mit Versprechungen. In Lyon begriff Napoleon, dass seine Schlacht um Frankreich gewonnen war, und mit diesem Verstaendnis wurde er wieder zum Kaiser, mit allen daraus resultierenden Nachteilen und Vorzuegen. Von Lyon aus loeste er per Dekret das Parlament auf und beraumte fuer den Monat Mai eine Versammlung von Vertreter der Departements an, um eine neue Verfassung zu verabschieden, die buergerliche und demokratische Freiheiten garantierte.
Am zehnten Maerz traf Marschall Ney in seinem Hauptquartier in Besancon ein. Am naechsten Tag traf ein Bote des Kaisers im Stab Neys ein. Er ueberbrachte Ney ein kurzes Schreiben des Kaisers, das mit den Worten endete: «Ich umarme Sie, wie damals, am Tag der Schlacht bei Moskau.» Ausserdem befahl Napoleon dem Marschall, ihn mit den Truppen in Chalon-sur-Saone zu erwarten. Ney beschloss, sich dem Schicksal und dem Kaiser zu beugen. Am 15. Maerz fuehrte der Marschall in Erfuellung des kaiserlichen Befehls seine Truppen auf den Marsch, und am 18. in Auxerre umarmte der Kaiser den treuen Ney, wie damals bei Moskau.
Der Koenig indes floh in der Nacht vom 18. auf den 19. Maerz aus Paris. Im Eifer des Gefechts wollte er nach London fahren, doch sein Gefolge ueberredete ihn, irgendwo in Belgien Halt zu machen. Ludwig verbrachte Napoleons gesamtes zweites Kaiserreich in Gent. Mit dem Koenig flohen die Marschaelle Berthier und Macdonald. Bald gesellten sich der Graf von Artois und Marschall Marmont zu ihnen.
Und der Kaiser zog am Abend des 20. Maerz triumphal in Paris ein. Das Wunder war geschehen. Napoleon hatte Frankreich zurueckerobert.
7
Das Wunder war geschehen. Napoleon war erneut Kaiser geworden. Doch was war mit seinen Feinden? Napoleons Rueckkehr bewahrte Europa, moeglicherweise bewahrte sie Europa, vor einem neuen grossraeumigen Krieg. Sie machte die Bemuehungen des wichtigsten europaeischen Friedensstifters Talleyrand zunichte, Feindschaft zwischen Alexander und Franz zu schueren. Napoleon schien die Monarchen, die sich beinahe in der polnischen und saechsischen Frage verspielt haetten, ernuechtert zu haben.
Am 13. Maerz, zwei Tage nach dem Eintreffen der Nachricht von Napoleons Landung bei Cannes, trat zum ersten Mal die Europaeische Kommission in voller Besetzung zusammen. Die Delegationsleiter von Oesterreich, Russland, Preussen, England, Frankreich, Spanien, Portugal und Schweden nannten Napoleon in einem gemeinsamen Communique einen Zerstoerer der Ruhe Europas. Einige Tage spaeter besuchten Wellington, Metternich und Talleyrand in Pressburg den saechsischen Koenig Friedrich August. Die Preussen hoben seinen Arrest auf, sobald die Nachricht von Napoleons Streich Wien erreicht hatte. Die Delegation teilte dem Koenig mit, dass die Teilung Sachsens beschlossene Sache und unwiderruflich sei und dass der Koenig sich damit abfinden muesse. Doch der Koenig fand sich erst zwei Monate spaeter damit ab. Am 18. Mai verzichtete er im preussisch-saechsischen Vertrag zugunsten des preussischen Koenigs auf den noerdlichen Teil seines Landes und gab die Rechte auf das Herzogtum Warschau auf.
Parallel zur saechsischen Frage wurde, ohne voranzueilen oder zurueckzubleiben, die polnische Frage geloest. Kaiser Alexander signalisierte dem Kongress seine Bereitschaft, auf die Bildung eines polnischen Koenigreiches unter russischer Schirmherrschaft zu verzichten und Teile des polnischen Territoriums an Preussen und Oesterreich abzutreten. Naemlich: an Preussen das Grossherzogtum Posen bestehend aus Posen, Gnesen und Thorn; an Oesterreich den Bezirk Tarnopol in Ostgalizien. Schliesslich stimmte der Zar zu, Krakau als freie Stadt unter dem Schutz Russlands, Oesterreichs und Preussens anzuerkennen.
Als die Bereitschaft Russlands und Preussens zu Kompromissen deutlich hervortrat, unterzeichneten vier Laender, Russland, Oesterreich, Preussen und England, den Vertrag, der als «Heilige Allianz» bezeichnet wurde. Das unmittelbare Ziel der Allianz war die Beseitigung Napoleons, und das langfristige Ziel war der entschlossene Kampf gegen jegliche revolutionaere Erscheinungen auf dem Kontinent. Im Laufe des Aprils traten alle auf dem Kongress vertretenen Laender der Allianz bei.
Am siebten April verkuendete Oesterreich die Schaffung des Lombardo-Venezianischen Koenigreichs unter der Schirmherrschaft Wiens. Am dritten Mai wurde die neue Teilung Polens durch einen russisch-preussisch-oesterreichischen Vertrag besiegelt. Sogar England trat einen Teil Hannovers ab. Am 29. Mai fielen Hildesheim, Goslar und Ostfriesland von Hannover an Preussen.
Auch die Deutsche Kommission intensivierte ihre Arbeit erheblich. Am neunten Juni wurde nach vielen Sitzungen und vielen, vielen Streitigkeiten die Schlussakte des Deutschen Bundes unterzeichnet, die aus 121 Artikeln bestand. Dem Bund traten 39 Staaten bei: das Kaisertum Oesterreich; fuenf Koenigreiche – Preussen, Bayern, Hannover, Wuerttemberg und Sachsen; das Kurfuerstentum Hessen-Kassel; sieben Grossherzogtuemer – Baden, Hessen-Darmstadt, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Sachsen-Weimar, Luxemburg und Oldenburg; zehn Herzogtuemer; zehn Fuerstentuemer; die Landgrafschaft Hessen-Homburg und vier freie Staedte.
Im Juni wurde der daenisch-schwedische Konflikt beigelegt. Norwegen blieb bei Schweden, doch dieses trat Pommern und das Herzogtum Lauenburg an Daenemark ab.
Noch bevor in Wien die letzten Dokumente unterzeichnet waren, wurden gegen Napoleon Massnahmen ergriffen.
8
Napoleons zweite, hunderttaegige Herrschaft dauerte eigentlich nur knappe 94 Tage. Sie begann unter Schwierigkeiten und endete schlecht.
«Die Trikolore weht bereits seit drei Stunden ueber den Tuilerien», schrieb Simonde de Sismondi aus Paris. «...Ich befinde mich im belebtesten Teil der Stadt und hoere nur einen Ruf: <Es lebe der Kaiser!>... Einige junge Leute rufen: <Es lebe der Koenig!>, und wenn man ihnen verwunderte Aufmerksamkeit schenkt, fuegen sie lachend hinzu: <...von Rom, und sein Papa!>».
Der neue-alte Monarch hatte mit der Eroberung von Paris seine physischen und geistigen Kraefte erschoepft. Der Kaiser fuehlte die koerperliche Schwaeche noch einige Tage lang, doch es gab keine Moeglichkeit, sich um die Gesundheit zu kuemmern, da die Zeit kostbar wie Gold war. Fuer seine 46 Jahre war der Gesundheitszustand des Kaisers in einem ziemlich zerruetteten Zustand; nicht nur das Alter und das ereignisreiche Leben hatten ihn untergraben. Ich erwaehnte es bereits – Napoleon war eine Naschkatze. Daher die Probleme mit dem Gewicht und der Gesundheit. Ein englischer Professor hinterliess uns ein Portraet des Kaisers aus dem April 1815: «Sein Gesicht ist sehr blass, die Wangenknochen breit, aber nicht hervorstehend, wie ich gehoert hatte. Die Lippen sind schmal und von einer Form, die Charme ausstrahlt. Er hatte die Angewohnheit, die Lippen einzuziehen, als ob er Tabak kaute. Doch ich habe schon oft gehoert, dass diese Bewegung von einem Bonbon in seinem Mund herruehrte, an dem er fast staendig lutschte, um Husten zu vermeiden.
Das Haar ist dunkelbraun und an den Schlaefen duenn. Auf dem Scheitel hat er eine Glatze, weswegen ihn die Soldaten nannten. Der Oberkoerper ist nicht sehr massiv, aber sein Bauch tritt so hervor, dass man die Unterwaesche sieht...».
Allen – dem Kaiser, den Wuerdentraegern und den Parisern – war voellig klar, dass es so, wie es frueher war, jetzt nicht mehr sein durfte. Mit der unbegrenzten Selbstherrschaft war es vorbei, und wenn der Kaiser regieren wollte, musste er Kraefte beschwoeren, die ihn auf dem Thron halten konnten. Diese Kraefte waren die Unterstuetzung der Massen. Nicht der Volksmassen, sondern der Beamtenmassen und der Menschen, die in der Lage waren, die Stimmung der Bevoelkerung zu beeinflussen. Die neue Marschrichtung diktierte eine relative Pressefreiheit fuer Letztere und eine neue Verfassung fuer Erstere, welche die Macht zwischen dem Kaiser und anderen aufteilen sollte.
Es war schwierig und kraenkend, auf die absolute Macht zu verzichten, doch Elba hatte den unbaendigen Geist des Kaisers ein wenig gemaessigt. «Die Neigung zu Verfassungen, Verhandlungen und Reden scheint zurueckgekehrt zu sein», sagte der Kaiser im Gespraech mit Benjamin Constant, seinem juengsten Feind, mit dem er sich nun versoehnen musste. «Doch taeuschen Sie sich nicht, denn dies ist der Wunsch einer Minderheit. Das Volk, wenn Sie gestatten – die Mehrheit, will nur mich! Sie haben die Massen nicht gesehen, die mir folgten, die von den Bergen herabstiegen, mich suchten, mich begruessten! Nach meiner Landung in Cannes habe ich nicht gekriegt, ich habe mich mit der Verwaltung beschaeftigt. Ich bin nicht nur, wie man mich nennt, ein Soldatenkaiser, sondern ich bin auch der Kaiser der Bauern und Plebejer Frankreichs... Und Sie sehen, trotz allem, was geschah, ist das Volk zu mir zurueckgekehrt. Wir sind einander sympathisch... Ich selbst bin aus dem Volk gewachsen, und meine Stimme ist dieselbe wie die ihre...».
So war Napoleon so weit gegangen, sich selbst als Volkskaiser zu bezeichnen, der wisse, was das Volk brauche und was nicht. Er wusste es tatsaechlich. Das ist nicht so schwer zu bestimmen. Die Bauern, der Grossteil der Bevoelkerung, brauchen keine Umverteilung des Eigentums zugunsten der alten Aristokratie – dies wurde durch Napoleons Anwesenheit auf dem Thron garantiert – und sie brauchen Frieden; damit war es schwieriger. «Ich liebte den Krieg», sagte der Kaiser zu Graf Pont;coulant, «heute will ich ihn nicht mehr. Wir muessen vergessen, dass wir die Herren der Welt waren. Ich will nur die Zuegel der Regierung fest in den Haenden halten, um Frankreich frei, gluecklich und unabhaengig zu machen.»
Der Kaiser versuchte, so gut er konnte, die ueber Frankreich schwebende Gefahr in Gestalt riesiger Armeen abzuwenden, die nicht nach Hause gegangen, nicht verkleinert und nicht entwaffnet worden waren, fuer den Fall einer Fortsetzung des Krieges, haetten sich die Monarchen in Wien nicht geeinigt. Jetzt vereinigten sich diese Armeen gegen ein einziges Frankreich, genauer gesagt, gegen Napoleons Frankreich.
Am ersten April schickte Napoleon seinem Schwiegervater einen Brief, in dem er ihn bat, Marie-Louise und den Sohn so schnell wie moeglich nach Paris zu senden. Drei Tage spaeter schickte er Briefe an den Kaiser von Russland, den Koenig von Preussen und den Koenig von England. In allen Briefen versicherte Napoleon den Monarchen, dass er die Vergangenheit vergessen habe und sein einziger Wunsch sei, in Frieden mit der ganzen Welt zu leben. Vielleicht haetten die Monarchen Napoleon geglaubt – wenn auch kaum – vielleicht haette er die Moeglichkeit zu politischem Manoever gehabt, doch der franzoesische Kaiser wurde von einem anderen seiner Verwandten im Stich gelassen – dem Koenig von Neapel, Joachim I. Er fiel ihm so schwer in den Ruecken, wie es kein anderer haette tun koennen.
9
Im Herbst des Jahres 13, nach der Rueckkehr von seinem letzten, in einer Katastrophe geendeten Feldzug, war Murat von der Idee eines Gross-Italien durchdrungen. Historisch gesehen war Italien reif fuer die Einigung, doch es war nicht Murats Sache, diese Aufgabe mit seinem Verstand zu loesen.
Waehrend Koenig Joachim in Sachsen kaempfte, wurde die neapolitanische Koenigin von den Patrioten eines einigen und unteilbaren Italiens bearbeitet, wie etwa von General Lecchi, mit dem der Kriegsminister des Koenigreichs Italien, General Pino, in engem Briefwechsel stand. Koenigin Caroline stand den Bestrebungen der Italiener, sich unter der gluecklichen Krone der Dynastie Murat zu vereinigen, mit Verstaendnis gegenueber. Kurz gesagt, als der Koenig in Neapel eintraf, stand die Koenigin fest auf der Seite der Patrioten. Den Koenig zu ueberreden, sich dem Einigungsprozess anzuschliessen, war keine grosse Muehe. Ein Abenteurer von Natur aus – ein Abenteuer mehr oder weniger...
Murat kehrte Mitte November nach Neapel zurueck, und bereits zwei Wochen spaeter rueckten zwei Divisionen des neapolitanischen Heeres zur Besetzung Roms aus, zwei weitere zur Besetzung Anconas. Dabei befand sich Neapel als Staat nicht im Krieg mit dem Staat Frankreich, unter dessen Schirmherrschaft Rom und Ancona standen. Murat beabsichtigte, sie einzunehmen, weil sich die Gelegenheit dazu bot. Die Vorhersage der Patrioten, dass die Einigung Italiens eine recht einfache Aufgabe sei, schien sich zu erfuellen. Man muesse nur anfangen, und sie wuerde einem von selbst in die Haende fallen.
Napoleon versuchte oft, den ploetzlich eigensinnig gewordenen Koenig und seine Schwester zur Vernunft zu bringen. Den guten Teil des Dezembers verbrachte Fouch; in Neapel und sprach jeden Tag mit dem Koenigspaar. Alles vergeblich.
Wie Neapel sich im bevorstehenden Krieg gegen Napoleon verhalten wuerde, interessierte natuerlich die Verbuendeten. Allen voran Oesterreich, da es grosse Absichten in Bezug auf Italien hatte. Um die Situation zu klaeren, sandte Kaiser Franz den Grafen Neipperg nach Neapel.
Am 17. Januar 1814 wandte sich die neue Hoffnung von «Gross-Italien», Koenig Joachim, mit einem Aufruf an alle Italiener – mit Wort und Tat zur heiligen Sache der Schaffung eines vereinten Italiens beizutragen. Und Joachims Truppen besetzten am 5. Februar Florenz. Zwei Tage zuvor, am 3. Februar, hatten Lord Bentinck und der allgegenwaertige Gallo einen englisch-neapolitanischen Waffenstillstand unterzeichnet, der den formalen Kriegszustand zwischen den Laendern beendete; gleichzeitig wurde ein Handelsvertrag unterzeichnet, der englischem Zucker und Tee freien Zugang zu den neapolitanischen und italienischen Haefen verschaffte.
Von Florenz aus fuehrte Joachim die Truppen nach Bologna. Am 18. Februar fiel Ancona, und drei Tage zuvor hatte Joachim Napoleon den Krieg erklaert. Es schien, als sei die Einigung des Landes eine Sache der naechsten Wochen. Es schien, als haetten die Patrioten recht behalten, die behaupteten, diese Angelegenheit sei nicht kompliziert.
Doch zu dieser Zeit begannen Joachim Zweifel zu plaegen, die ihm eigentlich fremd waren: Ob er das Richtige tue, indem er gegen seinen Waffenbruder, Freund und gewissermassen Schueler, den Vizekoenig Eugen, kaempfe. Infolge dieser Zweifel kam der drohende Vormarsch der neapolitanischen Divisionen irgendwo an der Linie des Flusses Reno zum Stillstand. Und dort stand Murat mit seinem Heer etwa zwei Monate lang.
Waehrenddessen kaempfte der Vizekoenig recht erfolgreich gegen Feldmarschall Bellegarde. Am achten Februar fuegte Eugen den Oesterreichern am Mincio eine spuerbare Niederlage zu, und am zweiten Maerz schlug er sie erneut bei Parma, man koennte sagen, vor den Augen von Koenig Joachim, der ploetzlich in Apathie verfallen war. Die Patrioten beschworen Murat, entschlossen zu handeln, in Norditalien einzudringen, Piacenza, Mailand, Genua und Turin einzunehmen. «Nehmen», schrien sie, «solange es einem gegeben wird!». Aber nein. Murat antwortete, er koenne nicht gegen seinen Bruder kaempfen, faselte irgendetwas von Treue und Ehre, waehrend die kostbaren Wochen wie Sand durch die Finger rannen.
Schliesslich erwachte Koenig Joachim am 10. April aus seinem edlen Schlummer und fuehrte die Armee nach Norden, und bereits am 16. April unterzeichneten er und Eugen einen Waffenstillstand. Am naechsten Tag unterzeichnete Eugen ein Abkommen mit Bellegarde. Murat freute sich: Er hatte sowohl die Ehre bewahrt als auch viel fuer die Einigung Italiens getan. Die Patrioten freuten sich nicht. Der Marchese di Gallo hielt die Sache dieses Fruehjahrs fuer verloren, verloren ausschliesslich wegen der Dummheit des Koenig. Joachim wurde natuerlich nichts derart Unangenehmes gesagt.
Die Verbuendeten kraenkten Murat. In ihr Team der Sieger nahmen sie ihn nicht auf, nach Wien zur Teilung Europas luden sie ihn nicht ein, und kein Stueck von Norditalien gaben sie ihm. Mehr noch, die Oesterreicher verlangten die Rueckgabe Roms an die «rechtmaessigen Besitzer». Dabei deuteten sie unmissverstaendlich an: Sollte er beharren, wuerde man ihm auch Neapel wegnehmen.
– Was fuer rechtmaessige Besitzer, – empoerte sich Murat in Neapel, – ich selbst bin der rechtmaessige Besitzer!
Seine gesamte Lebenserfahrung basierte auf dem Recht des Eroberers. Rom und Ancona hatte er erobert – erobert, folglich gehoerten sie ihm. Der Marchese di Gallo konnte Murat kaum davon ueberzeugen, sich der Macht der Umstaende zu beugen.
Aus dieser ganzen Geschichte zogen die Patrioten den Schluss – Murat eigne sich nicht fuer die Rolle des Einigers Italiens. Sie richteten ihre Blicke auf Elba, auf Napoleon, umso mehr, als er zur Haelfte Italiener war und bereits Koenig von Italien gewesen war. Doch hier erwartete sie eine Enttaeuschung, denn Napoleon traeumte nicht von Italien, sondern von Frankreich.
Sobald Napoleon Frankreich zurueckerobert hatte, entschied Murat, seine Stunde sei gekommen, Italien zu erobern. Zum zweiten Mal rief er alle Voelker Italiens auf, sich unter seiner Hand zu vereinen. Ende der ersten Aprildekade erklaerte Murat dem ihn vielfach betrogenen Oesterreich den Krieg; am 17. April liess er Koenigin Caroline in Neapel regieren und fuehrte seine Truppen nach Norden.
Selbst wenn die Monarchen Napoleon diesmal haetten glauben wollen, so konnten sie es nicht tun. Versetzen Sie sich in ihre Lage. Sie erhalten Napoleons Briefe voller Friedensbeteuerungen, und ein paar Tage spaeter beginnt Koenig Joachim einen Krieg. Beweise fuer eine geheime Verbindung zwischen Napoleon und Murat kamen sehr bald ans Licht, da eine geheime Verbindung tatsaechlich bestand. Zudem hatte Napoleon Murat zwar nicht ausdruecklich unterstuetzt, ihn aber auch nicht verurteilt. Was also sind Napoleons Friedensbeteuerungen wert? Die Antwort lautet – nichts.
Da wir das Schicksal Murats beruehrt haben, werde ich es bis zum – wie die Oesterreicher sagen – «bitteren Ende» fuehren. Der Befehlshaber der oesterreichischen Truppen in Italien, General der Kavallerie Graf Frimont von Palota, verfuegte ueber etwa 33.000 Soldaten gegen die 80.000 von Murat. Zu Frimonts Truppen eilten aus Venedig Verstaerkungen unter Feldmarschall Neipperg herbei, und aus der Toskana rueckten Abteilungen unter dem Kommando von Feldmarschall Bianchi vor. Ende April kam es zu mehreren unbedeutenden Gefechten, und am zweiten und dritten Mai schlug Bianchi bei Tolentino (unweit von Ancona) Murat vernichtend.
Fast ohne Truppen kehrte Joachim nach Neapel zurueck, doch auch dort fand er keine Ruhe. Die Anhaenger des frueheren Koenigs Ferdinand zettelten mit Unterstuetzung von Kommodore Campbell, der Napoleon von Elba hatte entkommen lassen, eine Meuterei in der Flotte an, die bald auf die Hauptstadt uebergriff.
Am 20. Mai, dem Tag, an dem der auf Ferdinands Seite uebergetretene General Colletta mit Neipperg einen Waffenstillstand unterzeichnete, verliess Murat, ein Koenig ohne Koenigreich, mit einigen Getreuen Neapel und landete am 25. Mai in Cannes.
Napoleon verbot Murat, in Paris zu erscheinen, um sein Image als Friedensstifter nicht zu trueben, und Murat blieb nichts anderes uebrig, als zum Kaiser zu beten. Offensichtlich betete er nicht aufrichtig genug. Napoleon verlor bald selbst die Krone.
In der Nacht vom 22. auf den 23. August waehlte Murat den Weg aus seinem bescheidenen Versteck irgendwo an der Kueste bei Cannes und segelte nach Korsika. Dort warb er innerhalb eines Monats einige hundert Abenteurer an und segelte mit ihnen los, um sein Koenigreich zurueckzuerobern. Am achten Oktober landete Murats Expeditionscorps in Kalabrien. Das erste Zusammentreffen mit regul;ren Truppen fuehrte dazu, dass die Korsen flohen und Murats Geld mitnahmen; er selbst wurde gefangen genommen und verhaftet. Am 13. Oktober verurteilte das Kriegsgericht des Koenigreichs Neapel seinen ehemaligen Koenig zum Tode durch Erschiessen.
– Soldaten! Tut, was euch befohlen wurde. Schiesst ins Herz, aber nicht ins Gesicht! – waren die letzten Worte des verzweifelt mutigen, dumm-stolzen Gascogners.
10
Die Armee war vollstaendig auf die Seite des zurueckgekehrten Kaisers uebergegangen. Nur im Sueden, in Bordeaux und in der Vend;e, gelang es den Royalisten, wenigstens ein bisschen Widerstand zu organisieren. Der wurde jedoch leicht niedergeschlagen.
Eine handlungsfaehige Regierung zusammenzustellen, erwies sich als nicht so einfach wie die Niederschlagung der Royalisten, weil viele die angebotene Ehre ablehnten. Um den Republikanern zu gefallen, ernannte Napoleon den unnachgiebigen Carnot zum Innenminister. Caulaincourt wurde Aussenminister. Savary lehnte den Posten des Polizeiministers ab, erklaerte sich aber bereit, die Gendarmerie zu leiten. Und der allgegenwaertige Fouch; wurde Polizeiminister. Der vorsichtige Cambac;r;s uebernahm das neutrale Justizministerium. Davout nahm, wie selbstverstaendlich, das Kriegsministerium an. Maret wurde erneut Staatssekretaer. Bertrand und Drouot, die das bittere Brot des Exils mit Napoleon geteilt hatten, blieben auf ihren frueheren Posten. Ersterer als Palastmarschall, Letzterer als Kommandeur der Garde.
In der Hauptstadt befanden sich Napoleons drei Brueder – Joseph, der sich mit dem Kaiser versoehnte Lucien und Jerome. Der juengste Jerome war zu leichtsinnig fuer ernste Angelegenheiten, waehrend Joseph und Lucien Napoleon sehr halfen, besonders Lucien. Napoleon hatte noch einen weiteren Bruder – Louis, den ehemaligen Koenig von Holland. Ihn hielt Napoleon fuer den schwaechsten, und ausgerechnet er zeigte eine beneidenswerte Festigkeit. Er schickte Napoleon nicht nur die einst aufgezwungene Ehefrau Hortense zurueck, sondern blieb auch taub fuer alle Appelle seines aelteren Bruders, nach Paris zu kommen und ihm zu helfen, den Thron zu halten.
Das wichtigste Geschaeft im Maerz und April war es, den Franzosen eine Verfassung zu geben.
Am 14. April erhielt Benjamin Constant, ein traditioneller Gegner Napoleons und ein traditioneller Freund von Madame de Sta;l, eine Einladung in die Tuilerien und war darueber sehr erstaunt. Der Kaiser war ungewoehnlich liebenswuerdig zu Constant. Er bot ihm ein Jahreseinkommen von dreissigtausend Franken, einen Sitz im Staatsrat und den Auftrag, eine Verfassung zu schreiben. Constant befand sich zu dieser Zeit in finanziellen Schwierigkeiten, da im Februar die Karten schlecht gefallen waren und er 20.000 verloren hatte, natuerlich auf Kredit. Constant nahm das Angebot an.
Vier Tage spaeter erschien er in den Tuilerien mit dem Entwurf einer Verfassung. Als Grundlage nahm er die kaiserliche: hier etwas gestrafft, dort ein wenig korrigiert – und fertig. Constant uebergab seinen Entwurf Cambac;r;s und Maret. Diese beiden arbeiteten die folgenden vier Tage an der Verfassung, stimmten die Aenderungen mit Constant ab, zeigten sie dem Kaiser und erhielten seine Zustimmung.
In den letzten fuenfundzwanzig Jahren wurde in Frankreich ein Dutzend Mal eine Verfassung verabschiedet und aufgehoben, aufgehoben und verabschiedet. Die erste, die Verfassung der Nationalversammlung, wurde lange und muehsam erarbeitet, doch je weiter man voranschritt, desto leichter wurde dieser Prozess. Es schien, als koennte jeder gebildete Franzose bei entsprechendem Fleiss innerhalb einer Woche ein Grundgesetz erfinden. Die letzte Verfassung wurde in acht Tagen fertiggestellt. Sie bestand aus 67 Artikeln und wurde «Zusatzakte zu den Verfassungen des Kaiserreiches» genannt. Am 23. April erschien der Text der neuen Verfassung in der Presse.
Ihre wichtigsten Bestimmungen: Die Gesetzesinitiative stand zu gleichen Teilen dem Kaiser und einem Zweikammerparlament zu. Das Parlament selbst bestand aus dem Oberhaus der Pairs, das durch die Verfassung der Bourbonen eingefuehrt und von Constant beibehalten wurde, und dem Unterhaus der Abgeordneten, die durch direkte Wahl fuer eine Amtszeit von fuenf Jahren gewaehlt wurden. Die Rechte der Kammern waren ziemlich weitreichend. Sie konnten die von der Regierung vorgeschlagenen Gesetze aendern, den Staatshaushalt annehmen oder ablehnen. Das Wichtigste – die Minister waren dem Parlament gegenueber ebenso verantwortlich wie dem Kaiser.
Am 20. Mai, nach dem – wie immer erfolgreichen – Plebiszit ueber die Verfassung, schwor Napoleon, sie einzuhalten.
Am ersten Juni fand auf dem Marsfeld die Feier anlaesslich der Annahme der neuen – der wievielten eigentlich? – Verfassung statt. Bei diesem Fest zeigte sich Kaiser Napoleon zum letzten Mal der Oeffentlichkeit. Gegen ein Uhr mittags traf der Kaiser am Ort der Zeremonie in einer von acht Pferden gezogenen Kutsche ein – in eben jener, in der er und Josephine an jenem gluecklichen Dezember 1804 zur Kroenung nach Notre-Dame gefahren waren, als noch alles vor ihnen lag, als die Vorsehung auf der Seite des Kaisers stand. Napoleon trug ein phantastisches Kostuem, das seine ungesunde Fuelle verbergen und ihm ein heldenhaftes Aussehen verleihen sollte. Viele fanden seinen Aufzug unpassend. An den Seiten, in Gewaendern aus weissem Atlas, begleiteten den Kaiser seine Brueder Joseph und Lucien.
Vor der Militaerschule war auf Hoehe der Fenster des zweiten Stocks ein Podest errichtet worden, auf dem ein Thron stand. Auf diesen sollte sich der Kaiser setzen – darin lag der Sinn der Vorstellung. Die Zuschauer nahmen auf eigens errichteten, terrassenfoermigen Baenken Platz. Es waren ihrer 20.000 an der Zahl, dazu 200.000 Volk ohne Sitzplaetze. Bis zur Tribuene wurde der Kaiser neben seinen Bruedern vom Hofstaat, den Ministern, den Marschaellen und den Mitgliedern des Staatsrates begleitet. Nachdem er das Podest bestiegen hatte, hielt der Kaiser-Schauspieler, der genialste Akteur seiner Zeit, mit durchdringender Stimme eine sorgfaeltig durchdachte und gut einstudierte Rede.
Er sprach vom Anbruch einer neuen Aera, in der sein Genie die demokratischen Errungenschaften festigen wuerde, von der Groesse der franzoesischen Nation, von der Freiheit... Es war nicht wichtig, was er sagte – wichtig war das Wie. Er sprach eindringlich, ueberzeugend, mit grossem seelischem Aufschwung. Und das Kostuem, das auf dem Weg zum Thron noch geschmacklos und papageienhaft gewirkt hatte, wirkte nun am rechten Platz und verlieh dem Kaiser imperiale Wuerde. «Es lebe der Kaiser! Es lebe die Nation! Es lebe die Freiheit!», antwortete ihm das Publikum.
Napoleon setzte sich auf den Thron und schwor in dieser Haltung, die Verfassung einzuhalten.
Im dritten, dem finalen Akt stieg Napoleon zur Nation hinab. Nun, nicht ganz zur Nation, sondern zu den Delegationen der Departements. Sie warteten geduldig am Fusse des Podests und symbolisierten, dass das Regime sich nicht mehr wie frueher auf militaerische Gewalt, sondern auf die zivilen Behoerden stuetzte. Zu den einen sagte er: «Ihr seid meine alten Waffenbrueder», zu anderen: «Bei euch bin ich aufgewachsen», zu den dritten: «Wir waren zusammen bei Rivoli, Arcole, Marengo, Jena».
Am naechsten Tag bestaetigte der Kaiser die Liste der Pairskammer. Sie bestand aus 119 Personen, darunter drei Brueder Napoleons. Am dritten Juni fanden die erste Sitzung der Pairskammer und die erste Sitzung der Deputiertenkammer statt. Der Kampf entbrannte in der zweiten Sitzung am vierten Juni. Bei der Wahl des Praesidenten der Deputiertenkammer siegte Napoleons Gegner, der Abgeordnete Lanjuinais, mit 277 von 427 Stimmen. In den folgenden zwei Tagen waehlten die Abgeordneten die Vizepraesidenten, und bei diesen Wahlen erlitten die Bonapartisten Niederlagen. Gewaehlt wurden Flaugergues, Dupont, Lafayette und General Grenier. Mit diesen Wahlen meldete das Parlament ernsthafte Ansprueche auf die Macht an.
Napoleons Hoffnungen, alles zu aendern, ohne im Wesentlichen etwas zu aendern, brachen zusammen, und nur ein grosser Sieg konnte die autokratische Macht des Kaisers retten. Er wuerde den Unzufriedenen den Mund stopfen und den Kaiser ueber das Parlament erheben, das ihm seinem Wesen nach feindlich gesinnt war.
11
Von den ersten Tagen des zweiten Kaiserreiches an galt die erste Sorge des Kaisers der Armee – seine Sorge und die des Kriegsministers Marschall Davout. In den letzten drei Feldzuegen hatten viele franzoesische Soldaten ihre ewige Ruhe auf den Feldern Russlands, Sachsens und der Champagne gefunden. So zaehlte die Armee Frankreichs im Maerz 1815 nur 200.000 Mann. Das war viel zu wenig.
Napoleon und Davout rechneten aus: Mit den aus der Gefangenschaft Zurueckgekehrten und den Neuaushebungen koennten sie auf 800.000 Soldaten hoffen. Mit diesen Kraeften koennte man der Million der Verbuendeten durchaus widerstehen, wenn man die unterschiedlichen Ziele der Koalitionsmitglieder bedachte. Um eine solche Armee aufzustellen, brauchte man sechs bis acht Monate, doch diese Zeit gab es nicht. Die Verbuendeten hatten nicht die Absicht, Napoleon Zeit fuer die Vorbereitung zu lassen. Sie zogen ihre Truppen an den Grenzen Frankreichs zusammen. Die Strategie diktierte – irgendwo einen oertlichen Erfolg zu erzielen und auf der Welle dieses Erfolges einen Waffenstillstand zu schliessen, der dem Kaiser die fehlenden drei bis vier Monate verschaffen wuerde. Kurz gesagt, Napoleons innere und aeussere Lage erforderte einen schnellen Sieg.
Bis zu den ersten Junitagen gelang es Napoleon und dem Kriegsminister, die Armee fast zu verdoppeln. In den Festungen befanden sich 120.000 bis 140.000 Soldaten, und fuer Feldoperationen standen an den Grenzen 230.000 Mann bereit. Letztere waren in vier Armeen und drei Observationskorps aufgeteilt. Sie waren ungleich verteilt. Sechs Truppenverbaende umfassten 106.000 Soldaten. Der siebte Verband, die Nordarmee, zaehlte 124.000 Soldaten mit 370 Kanonen. Das Kommando ueber diese Armee uebernahm Napoleon. Mit ihrer Kraft hoffte er, seine inneren und aeusseren Probleme zu loesen.
Von allen Seiten eilten feindliche Heerscharen nach Frankreich. Von Sueden marschierte die oesterreichische Armee heran, nachdem sie mit der neapolitanischen Armee fertiggeworden war. Von Osten bewegte sich die russische Armee. An ihren Flanken marschierten die Korps der Verbuendeten: am linken die oesterreichischen, am rechten die preussischen. In Belgien, jenseits der Maas, sammelte sich die englische Armee Wellingtons, und noerdlich davon konzentrierte sich die preussische Armee Bluechers. Diese beiden waren die einzigen in Napoleons Reichweite. Mit ihnen beschloss er, abzurechnen.
Zu diesem Zweck konzentrierte sich die Nordarmee an der franzoesisch-belgischen Grenze. Sie war in fuenf Infanteriekorps, vier Kavalleriekorps und die Garde – zu Fuss und zu Pferd – unterteilt. Die Garde wurde von General Drouot kommandiert. Die Infanteriekorps befehligten die Generale Erlon, Reille, G;rard, Vandamme und Lobau. Die Kavallerie: die Generale Pajol, Exelmans, Kellermann und Milhaud. Das Oberkommando ueber die Kavallerie vertraute der Kaiser dem Grafen Grouchy an.
Am Tag vor der Abreise zu den Truppen, am 11. Juni, ernannte Napoleon Joseph zum Vorsitzenden des Staatsrates. Am elften abends leitete der Kaiser zum letzten Mal eine Sitzung des Staatsrates. «Er litt sehr unter einer Erkaeltung», bemerkte Lavalette, als der Kaiser um Mitternacht nach der Sitzung in die Kutsche stieg, «dennoch war er, als er Platz nahm, so zufrieden, dass es einen gluecklichen Ausgang zu versprechen schien».
Vier Stunden spaeter verliess Napoleon Paris. Er wurde von drei Marschaellen begleitet: Soult, der Generalstabschef des Kaisers geworden war, Grouchy, der am 15. April zum Marschall ernannt worden war, und Mortier. Letzterer kehrte jedoch von Avesnes aus nach Paris zurueck, da er sich krankgemeldet hatte. Dafuer traf in Avesnes Marschall Ney beim Kaiser ein. Seit einiger Zeit war er auf den Kaiser beleidigt, und der Kaiser war sehr beleidigt auf den Marschall. Kurz gesagt, die Feldherren waren zerstritten. Eine Zeit lang hatte Ney auf seinem Gut gelebt und kam auf Bitten von Davout zum Kaiser. «Cousin», schrieb der Kaiser vor der Abreise an den Kriegsminister, «rufen Sie Ney; wenn er an den ersten Schlachten teilnehmen will, muss er am 14. in Avesnes sein, wo sich mein Quartier befinden wird».
Napoleons Plan war einfach. Entlang der Linie Maubeuge – Charleroi – Namur – Luettich wollte er sich zwischen die Armeen von Wellington und Bluecher draengen. Zuerst Bluecher schlagen und dann Wellington. Genau in dieser Reihenfolge. Er glaubte, dass Wellington Bluecher kaum zu Hilfe kommen wuerde, waehrend Bluecher Wellington sicherlich helfen wuerde. Im Grossen und Ganzen hatte er recht.
Die Verbuendeten mussten keine Sofortmassnahmen zur Vergroesserung ihrer Armeen ergreifen. Diese waren nach wie vor auf Kriegsstaerke gehalten. Die oesterreichischen Truppen beschaeftigten sich fast sofort mit Murat, die Russen befanden sich weit entfernt auf dem Marsch, und als Erste bereiteten sich die Preussen auf den Krieg vor.
Am 17. Maerz ernannte Koenig Friedrich Wilhelm Feldmarschall Bluecher zum Oberbefehlshaber der preussischen Truppen in Belgien. Zum Stabschef waehlte Bluecher General Gneisenau. Ende Maerz war die belgische Armee der Preussen bereit fuer die Schlachten.
Man sollte die Gefahr nicht unterschaetzen, die die Verbuendeten in Napoleon sahen. Der preussische Koenig zum Beispiel fuehrte auf Vorschlag Hardenbergs und des Kriegsministers Boyen trotz des Widerstands vieler die allgemeine Wehrpflicht ein, was er weder im schwierigen Jahr Dreizehn noch im Krieg um Frankreich getan hatte.
England erhoehte seine Militaerpraesenz in Belgien. Zusaetzliche Truppen stellten die Niederlande und das Kurfuerstentum Hannover.
Am vierten April fand in Aachen das erste Treffen zwischen Wellington und Gneisenau statt. Ziel des Treffens war die Festlegung gemeinsamer Operationen. Es wurde beschlossen: Falls die Franzosen eine Offensive beginnen sollten, werde man ihnen suedlich von Bruessel eine Schlacht liefern. Nicht aus militaerischen Erwaegungen, sondern aus politischen. Da Gneisenau die Vorliebe der Englaender kannte, sich in Kriegen auf dem Kontinent an der Kueste zu halten, rang er Wellington das Versprechen ab: Im Falle einer Niederlage in der ersten Schlacht nicht nach Antwerpen und von dort mit Schiffen nach England abzuziehen – womit die preussische Armee allein gelassen wuerde –, sondern nach Maastricht, also in Richtung Preussen, zurueckzuweichen. Wellington versprach zunaechst, ein solches Manoever mit einem Korps durchzufuehren, stimmte dann aber zu, im Falle eines ersten Misserfolgs die gesamte Armee nach Osten zu fuehren.
Im Laufe des Aprils trafen drei Korps der Armee Bluechers aus Preussen ein und bezogen Stellung von Trier bis Charleroi. Zwei Korps der Armee Wellingtons und Reserven schirmten Belgien von Charleroi bis zur Kueste ab.
Anfang Mai kam es in der preussischen Armee zu grossen Unruhen, die, haetten die Franzosen zu dieser Zeit angegriffen, in einer Katastrophe haetten enden koennen. Am 2. Mai brach die saechsische Meuterei aus. Das zweite Armeekorps unter dem Kommando von General Borstell bestand aus Sachsen. Aufgrund des Anschlusses Nordsachsens an Preussen wurde etwa die Haelfte der Soldaten des Korps zu Preussen, die andere Haelfte blieb sachsen. Die neuen Preussen mussten – was natuerlich war – dem Koenig Friedrich Wilhelm den Treueid leisten. Dieser Umstand loeste grosse Empoerung in den Reihen derer aus, die noch keine Preussen, aber auch keine Sachsen mehr waren. Die Sache ging so weit, dass Feldmarschall Bluecher eilends aus seinem Haus floh, um nicht einen schmaeherlichen Tod durch die Hand eines erzuernten Sachsen zu sterben.
Eine Meuterei ist eben eine Meuterei, sie basiert auf einem starken Gefuehl und verpufft schnell. Die saechsische Meuterei verpuffte rasch. Als sie vorueber war, umzingelten preussische Truppen die Meuterer, ergriffen die Raedelsfuehrer und erschoossen sie. Die Fahne des Gardebataillons, des Motors des ganzen Unternehmens, wurde vor der Front verbrannt, das Personal des Bataillons auf andere Einheiten verteilt und der Korpskommandant, der die Soldaten zu einer solchen Schandtat hatte kommen lassen, seines Kommandos enthoben. Der Koenig vertraute das Kommando ueber das meuternde Korps General Pirch I. an.
Am Tag nach der Niederschlagung der Meuterei traf Bluecher in Tirlemont (zwischen Bruessel und Luettich) mit Wellington zusammen. Die Feldherren verstaendigten sich ueber einen Dolmetscher. Dies hinderte sie nicht daran, eine Vereinbarung zu treffen: Sollte einer in Gefahr geraten, wuerde der andere zu Hilfe eilen. Im Grunde hatte das Treffen Protokollcharakter. Bluecher bestaetigte lediglich das, was Gneisenau bereits am vierten April in Aachen vereinbart hatte.
Herzog Wellington, noch in Wien als Leiter der englischen Delegation, schlug den Monarchen vor, unverzueglich in Frankreich einzumarschieren, bevor Napoleon Zeit haette, neue Truppen aufzustellen. Doch weder Alexander noch Franz eilten. Es war unklar, worin Napoleons zweite Thronbesteigung muenden wuerde: in einen nationalen Aufschwung, aehnlich dem revolutionaeren vor 20 Jahren – dann haette man mit Napoleon Frieden schliessen muessen –, oder, falls es Napoleon nicht gelaenge, die Nation gegen den aeusseren Feind zu vereinen, wuerde das ganze Unternehmen die Form einer Militaeroperation annehmen.
Ende April, Anfang Mai wurde den fuehrenden Kabinetten Europas klar, dass Napoleon die innere Zaehigkeit Frankreichs nicht ueberwinden konnte und ein nationaler Aufschwung ausblieb. Zu dieser Zeit legte das oesterreichische Kabinett in Person des Fuersten Schwarzenberg einen Feldzugsplan vor. Demnach sollten die Verbuendeten am ersten Juni an der gesamten Linie mit einer Streitmacht von 850.000 Mann die Feindseligkeiten beginnen. Aus verschiedenen Gruenden, vor allem wegen des Verzugs der Russen, wurde das Ueberschreiten des Rheins und damit der Beginn des Feldzugs auf den 27. Juni verschoben.
Im Juni befanden sich in Belgien folgende Truppen:
Die preussische Armee. Das 30.000 Mann starke erste Armeekorps unter Generalleutnant Zieten besetzte den Operationsraum von der franzoesischen Grenze bis Charleroi. Hinter Zieten nach Osten, von Charleroi bis Namur, stand das zweite Armeekorps unter General Pirch mit 30.000 Soldaten. Von Namur suedlich bis zur Stadt Ciney, das oestliche Ufer der Maas deckend, lagen Teile des 23.000 Mann starken dritten Armeekorps unter Generalleutnant Thielemann. Und hinter den vorderen Korps sammelte sich in Luettich das 25.000 Mann starke vierte Armeekorps des beruehmten Generals Buelow. Zusammen mit den Reserven des Hauptquartiers verfuegte Bluecher ueber 113.000 Soldaten. Der Artilleriepark bestand aus 228 Geschuetzen.
Die englische Armee. Das erste Armeekorps unter dem Kommando des Erbprinzen Wilhelm von Oranien stand den Preussen am naechsten. Es besetzte Stellungen an der Strasse Mons – Bruessel. Rechts vom Korps von Oranien, an der Strasse Lille – Bruessel, befanden sich Teile des zweiten Armeekorps unter Generalleutnant Lord Hill. Die Schwadronen des Reservekorps unter Generalleutnant Graf Uxbridge fuellten die Raeume zwischen den Strassen aus. Die Infanterie des Reservekorps stand in und um Bruessel. Nur eine Brigade des Reservekorps schuetzte in Gent Seine Christliche Majestaet. Wellingtons Armee zaehlte 93.000 Mann. Sie bestand aus vier Nationen: 37.000 Deutsche (Hannoveraner, Nassauer und Braunschweiger), 32.000 Englaender, 24.000 Hollaender und Belgier. Der kampfkraeftigste Teil der Armee war der englische, gestaehlt in den Kaempfen auf der Iberischen Halbinsel. Die belgisch-hollaendischen Verbaende, die viele Male auf der Seite Napoleons gekaempft hatten, floessten dem Befehlshaber einige Besorgnis ein. Die Artillerie der Armee bestand aus 204 Geschuetzen.
12
Am Morgen des 14. Juni ueberschritten die franzoesischen Truppen massenhaft die belgische Grenze. Bei Ham und Thuin stiessen sie auf versprengte Teile von Zietens Korps. Trotz des schnellen Vormarsches des Gegners gelang es Zieten, bis zum Abend das gesamte Korps hinter Charleroi, bei Fleurus, zwanzig Kilometer vom Ort des ersten Zusammenstosses entfernt, zu sammeln. Beim Rueckzug verloren die Preussen 1.200 Mann, zum groessten Teil Gefangene.
Der Morgen des 15. Juni begann fuer Napoleon mit einer grossen Unannehmlichkeit. Der Kommandeur der ersten Division von Gerards Korps, General Bourmont, der Stabschef der Division, Oberst Clouet, drei Kapitaene und ein Leutnant liefen zum Feind ueber. In seinem Zelt hinterliess Bourmont eine an General Gerard gerichtete Nachricht, die das Versprechen enthielt, dem Feind keine Militaergeheimnisse zu verraten. Und natuerlich brach er das Versprechen. Bluecher wollte Bourmont nicht sehen – ganz im Gegensatz zu Alexander, der 1813 unter aehnlichen Umstaenden den Ueberlaeufer Jomini mit offenen Armen aufgenommen hatte.
– Er hat eine weisse Kokarde am Hut, – machte Bluechers Adjutant den Feldmarschall aufmerksam.
– Na und, – wunderte sich der Feldmarschall, – ein Verraeter bleibt ein Verraeter.
Am 15. Juni sammelte Napoleon, nachdem er eine schwache preussische Abteilung aus Charleroi vertrieben hatte, seine Truppen in der Stadt. Zur Linken formierte sich die Gruppierung von Marschall Ney aus zwei Infanterie- und einem Kavalleriekorps. Napoleon stellte mit Genugtuung fest, dass die englische und die preussische Armee vorerst getrennt waren, und Ney sollte durch den Marsch auf Bruessel verhindern, dass Wellington Bluecher zu Hilfe kam.
Unterdessen zog Bluecher seine Kraefte 10 bis 15 Kilometer nordoestlich von Charleroi zusammen, zwischen den Staedten Fleurus und Sombreffe. Der Feldmarschall beabsichtigte, die Schlacht in einer bereits im Mai gefundenen und vorbereiteten Stellung bei Sombreffe anzunehmen. Zu Beginn der Schlacht hatte Bluecher 83.000 Mann gesammelt. Es fehlte das Korps von Buelow, und Wellingtons Armee war noch nicht eingetroffen. Das Fehlen von Buelows Korps auf dem Schlachtfeld wird traditionell mit der Schwerfaelligkeit Gneisenaus erklaert, der den Befehl an Buelow zu spaet absandte, und Wellington... mit ihm gab es ein anderes Missgeschick.
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