Talleyrand und das Direktorium

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In der historischen Abfolge werden die europaeischen Ereignisse der ersten fuenfzehn Jahre des neunzehnten Jahrhunderts als das Zeitalter der Napoleonischen Kriege bezeichnet. Die Erschaffung von Napoleons Imperium, seine glanzvollen
Siege bei Ulm, Austerlitz, Jena und Friedland sind der sichtbare, ueber die Oberflaeche hinausragende Teil des Eisbergs. Unter dem dunklen Wasser ruhen die Voraussetzungen und Ursachen. Geschaffen hat sie Talleyrand, einer der kluegsten Koepfe seiner Zeit. Haette er sich den Wissenschaften oder der Kunst gewidmet, wuerde sein Genie uns in all seiner Groesse entgegenstrahlen; doch er zog die Politik vor, eine Materie, die ihrer Natur nach mit Verschwiegenheit und Geheimnissen verbunden ist. Auf den folgenden Seiten werde ich versuchen, skizzenhaft eine widerspruchsfreie Version Talleyrands zu entwerfen, indem ich die Kreise auf dem Wasser, die dieser Mann fuer uns hinterlassen hat, richtig deute. Wohlan.
Charles-Maurice de Talleyrand-Perigord erblickte am 2. Februar 1754 als Sohn vornehmer, aber zu jener Zeit bereits etwas verarmter Aristokraten das Licht der Welt. Mutter und Vater, die in die stuermische Buntheit des Hoflebens verwickelt waren, kuemmerten sich kaum um die beiden Kleinen – Charles und seinen aelteren Bruder. Eine Amme nahm sich ihrer an – eine grobe und nicht immer nuechterne Frau. Die Sitten, die in den Vororten von Paris herrschten, zeichneten sich durch biblische Einfachheit aus. Die Medizin schaute dort selten vorbei, dafuer besuchte die Kindersterblichkeit die Vororte umso haeufiger. Dort starb sein Bruederchen, was Talleyrand ausschliesslich der elterlichen Vernachlaessigung des Schicksals ihrer Kinder und der Unzulaenglichkeit ihres Unterhalts zuschrieb. Und der vierjaehrige Charles, der von einer hohen Kommode stuerzte, auf die ihn die Amme gehoben hatte, damit der Knirps nicht im Weg stand, brach sich das rechte Bein. Der herbeigerufene Doktor renkte den Bruch ein, doch das Bein wuchs falsch zusammen, und zeit seines Lebens blieb er lahm.
Vielleicht haette Charles das zarte Alter nicht ueberlebt, doch in sein Schicksal griff seine Urgrossmutter vaeterlicherseits ein, die Graefin Francoise de Rochechouart, eine Enkelin des eisernen Colbert, der ein Jahrhundert vor Charles' Geburt mit List und Eifer die Finanzen Ludwigs XIV. in einem zufriedenstellenden Zustand gehalten hatte. Vielleicht hatte Talleyrand von Colbert seinen listigen Verstand geerbt? Die Graefin Rochechouart nahm den Jungen mit in ihr Schloss Chalais bei Bordeaux. Zum ersten Mal erfuhr Charles, was Liebe und Aufmerksamkeit bedeuteten.
Vier wolkenlose Jahre verbrachte Charles in der laendlichen Stille des Gutes Chalais, umgeben von der Fuersorge seiner Urgrossmutter und der Bewunderung ihrer alten Gesellschafterinnen. Nur vier Jahre, und im fuenften Jahr riefen die Eltern den achtjaehrigen Charles nach Paris zurueck.

Der alte Kammerdiener der Eltern nahm den Jungen an der Postkutschenstation in Empfang und brachte ihn, ohne im Elternhaus Halt zu machen, mit einer Postkutsche direkt in das College d’Harcourt. Die Versetzung aus der warmen Atmosphaere von Chalais in die luftleeren Sphaeren von d’Harcourt, wo Seelenlosigkeit und Kaelte herrschten, wo jede Unart streng bestraft und Fleiss nur spaerlich belohnt wurde, glich fuer das Kind einem Blitzschlag. Zu allem Unglueck empfingen ihn seine Eltern nicht, auch wenn sie die aeusseren Anstaende wahrten. „Ich war acht Jahre alt, doch das Auge meines Vaters hatte noch nie auf mir geruht. Man sagte mir – und ich glaubte es –, dass zwingende Umstaende diese hastige Entscheidung erforderlich gemacht haetten: Ich ging meinen Weg.“ „Einmal in der Woche begleitete mich der Abb; Hardy zu meinen Eltern, wo ich zu Mittag ass. Nachdem wir vom Tisch aufgestanden waren, kehrten wir ins College zurueck und hoerten regelmaessig dieselben Worte: ‚Seid gehorsam, mein Sohn, damit der Herr Abb; mit Euch zufrieden ist.‘“
So vergingen weitere vier Jahre. Im Alter von zwoelf Jahren erkrankte Charles an den Pocken. Kinder, die an den Pocken erkrankten, mussten das College verlassen. Der Mentor benachrichtigte die Eltern, und man schickte Diener fuer Charles, die ihn jedoch nicht zu den Eltern brachten, sondern zu einer gemieteten Pflegerin, Madame Leron. Waehrend er in einem ueberheizten, dunklen Zimmer lag, das durch doppelte Vorhaenge vor dem Lichteinfall geschuetzt war, dachte Charles zum ersten Mal ueber seine Lage nach. „Ich war zwoelf Jahre alt; waehrend meiner Genesung dachte ich ueber meine Situation nach. Das geringe Interesse, das man meiner Krankheit entgegenbrachte, der Eintritt ins College ohne Abschied von den Eltern und einige andere traurige Erinnerungen kraenkten mein Herz. Ich fuehlte mich einsam, ohne Unterstuetzung, stets auf mich allein gestellt...“
An dieser Stelle bricht der alte Fuerst Talleyrand den Strom der hitzigen Gedanken des jungen Charles ab, ohne den Grund fuer sein Unglueck zu nennen. Nennen wir ihn fuer ihn. Charles-Daniel Talleyrand, Fuerst von Chalais, Graf von Perigord und Grignols, Marquis von Excideuil, Baron von Treville und Mareuil, ist nicht sein Vater. Dies war in der hohen Gesellschaft eine alltaegliche Angelegenheit. Unser Held selbst zeugte mehrere uneheliche Kinder. Sein bekanntester Bastard ist der Maler Delacroix. Vielleicht irre ich mich, und das seltene Gleichmut des aelteren Talleyrand gegenueber dem juengeren liegt auf einer anderen Ebene? In seinem Charakter, in seiner Unfaehigkeit zu vaeterlichen Gefuehlen? Nein. Charles hatte zwei juengere Brueder – Boson und Archambaud. Sie lebten im Elternhaus und genossen die Liebe des Vaters. Zudem diente Daniel Talleyrand in Versailles als Erzieher des Dauphins, und an den Thronfolger haette man keinen Misanthropen herangelassen.
Die Schlussfolgerung, dass Daniel nicht der leibliche Vater war, laesst sich leicht aus Talleyrands Memoiren ableiten. Der Name seines wahren Vaters hingegen laesst sich nicht so einfach feststellen. „Die Ehrfurcht vor Ludwig XV. war damals noch in voller Kraft; die ersten Maenner im Staate legten all ihren Stolz in den Gehorsam; sie stellten sich keine andere Macht, keinen anderen Glanz vor als jenen, der vom Koenig ausging.
Man verehrte die Koenigin, doch in ihren Tugenden lag etwas Trauriges, das verhinderte, sich fuer sie zu begeistern. Ihr fehlte jener aeussere Reiz, dank dessen die Schoenheit Ludwigs XV. den Stolz der Nation ausmachte. Daher ruehrte jene nachsichtige Gerechtigkeit, mit der man der Koenigin ihren Tribut zollte, sie bedauerte und zugleich dem Koenig seine Neigung zu Madame de Pompadour verzieh. Herr Penthi;vre, die Gattin des Marschalls Duras, die Damen Marsan, Luynes, Perigord, die Herzogin Fleury, Herr Sourches, Madame Villars, Herr Tavannes, Madame d'Estissac – sie alle seufzten gewiss, doch man fuerchtete damals noch, durch eine Verurteilung das Familiengeheimnis preiszugeben, das jedem bekannt war und das niemand zu leugnen wagte, dessen Einfluss man jedoch durch Schweigen und ein Gebaren, als ob es niemandem bekannt waere, zu schwaechen hoffte.“
Worueber schreibt der Fuerst Talleyrand hier zu Beginn seiner Aufzeichnungen? Stellen Sie sich vor: ueber die Liebesaff;ren von Koenig Ludwig XV., dem Vielgeliebten. Diese Affaeren waren ein wesentlicher Bestandteil des Lebens in Versailles. Warum sollten wir bescheiden sein – alles drehte sich um sie, und alle drehten sich mit. Die Parteien wetteiferten in der Kunst, dem Koenig eine Geliebte zuzuspielen, um ueber sie Einfluss auf Ernennungen zu nehmen. Ehrgeiz und Eitelkeit galten damals als Tugenden. Ein wichtiger Posten bot die Moeglichkeit, Tugenden zu entfalten. Wirtschaft, Krieg und Diplomatie waren zweitrangig. Vorrangig war das Amt, in dem man ueber Wirtschaft, Krieg und Diplomatie entscheiden konnte.
In den fuenfziger Jahren, zwischen dem Roman mit der Marquise de Pompadour und der Liebe zur Graefin Dubarry, war Ludwig XV., der Vielgeliebte, besonders aktiv. Fast zehn Jahre lang lebte der Hof ohne offizielle Favoritin, und in diesen Jahren weilten im Hirschpark (Parc aux Cerfs), wo der Vielgeliebte sich im Bilde des Kapitaen Leszczynski der Leidenschaft hingab, viele Anwaerterinnen auf diese hohe Position; der Koenig setzte seinen Untertanen viele ausladende Gehoerne auf. In die Jahre der hoechsten sexuellen Aktivitaet des Koenigs fallen die Geburten von Charles Talleyrand und seinem namenlosen aelteren Bruder.
Es ist nicht einmal wichtig, ob der Koenig der Vater Talleyrands war. Es koennte sein. Im heissen Fieberwahn muss der junge Charles die Ursache fuer seine Leiden gefunden, Daniel vom Podest gestuerzt, der nicht Vater sein wollte, und den Koenig auf das Podest des Vaters gesetzt haben. Die wenigen Tage der Pocken-Krankheit hinterliessen tiefe Spuren in seinem Leben.
Bald erhielt die Version des nicht-leiblichen Vaters eine gewichtige Bestaetigung. Nach Abschluss des Colleges bestanden die Eltern auf einer geistlichen Karriere fuer Charles. Folglich gingen die Erbrechte auf die juengeren Brueder ueber. In aristokratischen Familien wurde ueblicherweise der dritte Sohn Priester. Der Erstgeborene konnte eine weltliche Karriere machen und sich als Erbe im Grunde mit allem befassen, was er wollte. Den Zweiten bestimmte man fuer den Militaerdienst, dem Dritten blieb der Dienst am Glauben vorbehalten. Die Mutter erklaerte Charles – Daniel weigerte sich, mit ihm zu sprechen –, dass eine soldatische Laufbahn fuer ihn aufgrund seiner Lahmheit ausgeschlossen sei. Es bleibe nur die geistliche. Auf Charles' bittere Frage, wie es denn mit einer weltlichen Karriere stehe, zuckte die Mutter die Achseln und sagte unwillig, dass die Entscheidung endgueltig sei und keinerlei Einspruch dulde. Eine Postkutsche holte Charles aus Harcourt ab und brachte ihn nach Reims, dem wichtigsten Erzbistum Frankreichs, wo sein Onkel muetterlicherseits als Koadjutor diente. Wir werden nicht mehr zum Problem von Talleyrands Vater zurueckkehren, doch bevor wir das Thema der Eltern verlassen, sei ein Zitat aus den Memoiren angefuehrt:
„Vor meiner Abreise war ich nicht bei meinen Eltern, und ich werde hier ein fuer alle Mal feststellen – und ich hoffe, nie wieder daran erinnern zu muessen –, dass ich vielleicht der einzige Mensch von vornehmer Herkunft aus einer zahlreichen und geschaetzten Familie bin, der waehrend seines ganzen Lebens nicht einmal eine Woche lang das suesse Gefuehl verspuert hat, unter dem elterlichen Dache zu weilen.“
Das Jahr in Reims bewies die Unbeugsamkeit der elterlichen Entscheidung und brach den rebellischen Geist von Charles, der die geistliche Laufbahn nicht einschlagen wollte. Er liess sich in das Seminar Saint-Sulpice fuehren. Drei Jahre verbrachte er im Seminar, ohne sich jemandem anzuschliessen; seine Freizeit verbrachte er mit Buechern, die verschiedene Aufstaende, Umstuerze und Revolutionen beschrieben. Die Seminarzeit endete mit der Priesterweihe. Bei dieser Zeremonie war niemand aus seiner Familie anwesend. Nur der Onkel erschien, der ihn all die Jahre behuetet und unterstuetzt hatte. Er war es auch, der im folgenden Jahr 1775 dafuer sorgte, dass der Neffe an der Kroenung Ludwigs XVI. teilnahm, die nach alter Tradition in Reims stattfand. Mit brennendem Neid blickte Charles Talleyrand auf seinen gluecklichen Bruder. Und niemand bei der Kroenung ahnte, welch wichtige Person in der dunkelsten Ecke der riesigen Kathedrale stand und alles aufmerksam beobachtete; niemand ahnte die Blutsverwandtschaft zwischen dem bescheidenen Priester und dem Urheber der Feierlichkeiten.
„... alles war voll Ehrfurcht, alles war erfuellt von Liebe, alles war ein Fest! Niemals war ein so glanzvoller Fruehling einem so stuermischen Herbst, einem so unheilvollen Winter vorausgegangen“, schrieb der Fuerst Talleyrand ueber die Kroenung Ludwigs XVI.
Im Jahre 1776 setzte Talleyrand sein Studium an der Sorbonne fort. Zwei Jahre spaeter erhielt er nach Verteidigung seiner theologischen Dissertation die Lizentiatenwuerde. Im folgenden Jahr 1779 wurde Talleyrand Generalvikar von Reims, und ein Jahr darauf fand er sich in Paris im Amt des Generalagenten des Klerus bei der Regierung wieder. Von Zeit zu Zeit, wenn es aufgrund von Kriegen oder anderen Katastrophen um die Finanzen schlecht stand, versuchte die Krone, die Kirche zur Erfuellung feudaler Verpflichtungen auf allgemeiner Grundlage zu zwingen. Im Jahre 1674 hatte die Regierung eine Deklaration verabschiedet, nach der der Anspruch des Klerus auf vollstaendige Befreiung von allen feudalen Pflichten als abgewiesen und ungesetzlich anerkannt wurde. Seitdem war es allen Versammlungen des Klerus unter verschiedenen Vorwaenden gelungen, Dekrete ueber Aufschuebe zu erwirken, die, „ohne die Frage in der Sache zu loesen, die Vollstreckung des Gesetzes von 1674 aussetzten“.
Der Schutz der Vermoegensinteressen der Kirche vor den ;bergriffen der Krone wurde von dieser Zeit an Talleyrands Sorge. Der listige Verstand von Charles fand eine Loesung, die damals geeignet schien, den jahrhundertealten Streit beizulegen. Er unternahm es zu beweisen, dass die Kirche kein steuerpflichtiges Eigentum besitze. Der Generalagent Talleyrand verfasste eine Denkschrift, die bewies, dass zwar alle Privilegien, die der Klerus genoss, der Grossmut des Koenigs zu verdanken seien, diese jedoch auf der allgemeinen Gesetzgebung des Koenigreichs beruhten, die gleuchermassen die Rechte aller Staende und das Eigentum aller Buerger schuetze. Bis zum Jahre 1700, schrieb Talleyrand, besass die Kirche kein Eigentum ausser dem Zehnten und den Allodialguetern oder Guetern, die ihr als bedingungslose Schenkung seitens der Krone verliehen worden waren. Da jedoch feudale Pflichten weder auf den Zehnten noch auf die Allodialgueter oder die der Kirche geschenkten Gueter erhoben wurden, schloss er daraus, dass das Eigentum des Klerus von allen feudalen Verpflichtungen befreit sein muesse.
Die beruflichen Pflichten nahmen nur wenig Zeit in Anspruch, und aufgrund dieses Umstandes wurde Talleyrand zu einem Stammgast in den Salons. In der informellen Atmosphaere der Salons, bei einem angenehmen Gespraech am Kamin oder am Kartentisch, wurden oft politische Fragen entschieden oder hohe Ernennungen vorgenommen. Die Schattenpolitik der Salons erwies sich bisweilen als staerker als die offizielle Kabinettspolitik. In diesem Lebensabschnitt lernte Talleyrand viele einflussreiche Menschen des damaligen Frankreichs kennen und freundete sich mit jungen Leuten an, die wie er von einer grossen Karriere traeumten. Die Bekanntschaft mit Narbonne entwickelte sich zu einer Freundschaft. In dieser Zeit kam Talleyrand Mirabeau (dem Geruecht nach ein unehelicher Sohn Ludwigs XV.), Dupont und Fouche nahe.
Nachdem er die hauptstaedtischen Vergnuegungen und Intrigen hinter sich gelassen hatte, verbrachte Talleyrand den Sommer 1783 in der Abgeschiedenheit von Reims. Eines Tages traf er beim Spaziergang in der Umgebung auf drei verirrte Englaender. Er bot ihnen grossmuetig Zuflucht im Hause seines Onkels an. Einer der Englaender war William Pitt der Juengere. Sechs Wochen lang lebten die jungen Maenner unter einem Dach.
Talleyrand lernte den Herzog Louis-Philippe d’Orleans kennen und bemuehte sich, ihm nuetzlich zu sein; jener Herzog, der waehrend der Revolution das bedeutungsvolle Pseudonym ;galit; (Gleichheit) annahm. Der Herzog begeisterte sich damals fuer die in ganz Europa modische Freimaurerei. In Paris gruendete er eine Freimaurerloge, und Talleyrand wurde als Mitglied aufgenommen. Diese Loge, die „Gesellschaft der Dreissig“, verwandelte sich 1790 in einen britischen Club, und die Anhaenger der englischen konstitutionellen Monarchie wurden, indem sie allmaehlich nach links rueckten und die alten Mitglieder verdraengten, zu den Jakobinern – dem Motor der Revolution.
Die Zeiten aendern sich, und schlecht steht es um jenen, der sich nicht mit ihnen aendert. Die gesamten achtziger Jahre hindurch lebte das Land unter der Bedingung eines wachsenden Defizits. Zwei Umstaende trugen dazu bei: der Handelsvertrag mit England und die Vorliebe der Koenigin fuer Juwelen. Sicherlich konnte eine „Madame Defizit“ mit all ihrem Hang zu Diamanten den franzoesischen Finanzen keinen Todesstoss versetzen, doch als Symbol fuer das Verfaulen der Monarchie taugte die „Oesterreicherin“ vollauf dazu, den alten Zweig der Bourbonen im Besonderen und die Institution der absoluten Monarchie im Ganzen zu schwaerzen. Danach galt es nur noch, die Frage des Ersatzes der absoluten Monarchie durch eine konstitutionelle zu stellen. Dafuer benoetigte Philippe sowohl die Freimaurerloge als auch die Versammlung der Generalstaende und die verfassungsgebende Versammlung.
Die Zeiten aenderten sich, und Talleyrand schaffte es gerade noch, auf den Trittbretter der abfahrenden Postkutsche des Wandels aufzuspringen. Im Jahre 1788 unternahm er verzweifelte Anstrengungen, ein Bistum zu erlangen. Der erste Versuch scheiterte; der Koenig bestaetigte seine Ernennung nicht. Zu Beginn des folgenden Jahres wurde der Bischofssitz von Autun frei. Und erneut bestaetigte der Koenig Talleyrand nicht. Erst beim dritten Anlauf stimmte Ludwig, und zwar mit grossem Widerwillen, der Kandidatur des Fuersten Talleyrand zu. Sogleich reiste der neue Bischof nach Autun ab. Genau dreissig Tage dauerte sein Episkopat. Gerade so lange, dass die richtigen Leute die Gemeinde auf die Wahlen vorbereiten und diese durchfuehren konnten. Vor dem lichten Ostersonntag, als die gesamte Gemeinde sich auf das Fest vorbereitete, reiste ihr Bischof – bereits Abgeordneter der Generalstaende fuer den zweiten Stand des Kirchenbezirks Autun – ab und liess sich nie wieder vor seinen Pfarrkindern blicken.
In der Versammlung der Staende befassten sich Talleyrand und Mirabeau zunaechst mit finanziellen, dann mit kirchlichen Fragen. Dabei war im Gespann Talleyrand–Mirabeau der Erstere der Ideengeber, waehrend der Letztere durch Beredsamkeit glaenzte, indem er die Ideen in der Nationalversammlung vortrug. Im August verurteilte Mirabeau von der Tribuene aus die koenigliche Lotterie als unmoralisches Mittel zur Gesundung der Finanzen, und Talleyrand schlug eine nationale Anleihe in Hoehe von 18 Millionen Pfund vor. Doch die Konkurrenz in Finanzfragen war zu gross, um eine fuehrende Rolle zu uebernehmen. Talleyrand schlug Mirabeau vor, sich mit jenen Fragen zu befassen, in denen Talleyrand einen unbestreitbaren Vorteil besass – dem Eigentum der Kirche.
Den Entzug des Eigentums, dem die roemisch-katholische Kirche ueber Jahrhunderte erfolgreich widerstanden hatte, nannten die Freunde bescheiden eine Reformierung der Kirche. Nach einmonatiger Debatte nahm die Versammlung das Programm zur Nationalisierung der Kirche in Talleyrands Fassung an. Ihm selbst uebertrug die Versammlung die Kontrolle ueber die Nationalisierung. Die Nationalisierung der Kirchensch;tze brachte Talleyrand sein erstes grosses Kapital ein – eine halbe Million Francs. Wenig spaeter bestieg Talleyrand selbst die hohe Tribuene. Auf seinen Vorschlag hin nahm die Versammlung eine Resolution an, nach der der Katholizismus nicht mehr die Staatsreligion war.
Neben kirchlichen Fragen beteiligte sich Talleyrand an der Arbeit der Kommission zur Ausarbeitung der Verfassung. Sein Beitrag zur Charta der Menschenrechte war der Artikel VI, der die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz ohne Standes- und Vermoegensunterschiede proklamierte.
Die Sitzungen der Nationalversammlung und die parlamentarische Beredsamkeit auf ihrer Tribuene, die Gesetze und Resolutionen, Pamphlete und Zeitungsartikel waren die fuer die Welt sichtbaren Kulissen der erstarkenden Revolution; dahinter jedoch fand ein unversoehnlicher Kampf der Gruppierungen um die Macht statt. Im politischen Gefuege zeichneten sich deutlich drei Kraefte ab: die koenigliche Partei, die Linken aus dem Dritten Stand und dazwischen die Monarchisten – die Konstitutionalisten, angefuehrt von Philippe ;galit;. Talleyrand schloss sich den Zentristen an. Vermutlich rechnete er im Falle eines Sieges von Philippe mit dem Portfolio des Justiz- oder Finanzministers. Die koenigliche Partei beschuldigte den Herzog und seine Anhaenger, den Koenig stuerzen und im Land eine konstitutionelle Monarchie mit dem Herzog von Orleans auf dem Thron errichten zu wollen.
Trotz seiner offensichtlichen, allgemein bekannten Zugehoerigkeit zur Gruppe des Herzogs konnten ihm formal weder die koenigliche Partei noch die Revolutionaere aus dem Dritten Stand etwas vorwerfen, da er keine schriftlichen Beweise seiner Verbindung zu Philippe hinterliess, was an sich schon fuer seine extreme Vorsicht spricht. Einen Fehlgriff leistete sich Talleyrand jedoch. Er war so unvorsichtig, dem Koenig zwei Briefe zu schreiben, in denen er dem Monarchen seine persoenliche Treue ausdrueckte und Ludwig anbot, ueber seine Person nach Belieben zu verfuegen. Die Existenz dieser Briefe im Tresor des Koenigs zwangen Talleyrand spaeter zur Flucht aus dem Land. Doch sie dienten ihm als Lehre – nirgendwo und niemals irgendwelche schriftlichen Zeugnisse.
Die Emigration erfolgte jedoch erst 1792, und am 30. September 1791 wurde die Nationalversammlung Teil der stuermischen franzoesischen Geschichte. Einige Monate zuvor hatte Robespierre die Initiative ergriffen, dass kein Abgeordneter der Nationalversammlung das Recht habe, in die gesetzgebende Versammlung gewaehlt zu werden. Nach zwei Jahren voller Sitzungen und Debatten hassten sich die Abgeordneten so sehr, dass der Vorschlag die erforderliche Stimmenanzahl erhielt, obwohl er fuer viele, wenn nicht das Ende der politischen Karriere, so doch eine merkliche Statusminderung bedeutete.
In dem Wissen, dass er kein Abgeordneter des neuen Parlaments sein wuerde, suchte Talleyrand sich schon im Voraus ein neues Betaetigungsfeld. Anfang 1791 legte Talleyrand sein Amt als Bischof von Autun nieder und wurde fast unmittelbar darauf zum Mitglied des Departements Seine gewaehlt. Im Februar und Maerz unternahm Talleyrand aus einer gewissen Traegheit heraus noch eine kirchenfeindliche Aktion. Er weihte drei Priester fast gewaltsam, gegen den Willen der zu Weihenden, zu Bischoefen. Tatsache war, dass er nach der Niederlegung seines Bischofsamtes nicht mehr das Recht dazu hatte. Der Papst drohte ihm mit der Exkommunikation, sollten sich solche Eigenmaechtigkeiten wiederholen. Mit diesem Akt war das kirchliche Buch gelesen und geschlossen. Die Religion hatte sich erschoepft. Durch Spekulationen mit kirchlichen Fragen war keine wahre Machtstellung mehr zu erlangen – das verstand Talleyrand sehr genau. Daher lehnte er den angebotenen Posten des Bischofs von Paris ab. In dieser Zeit unternahm Talleyrand titanische Anstrengungen, um das Portfolio des Finanzministers zu erhalten. Damals schrieb er die unglueckseligen Briefe an den Koenig. Der undankbare Koenig wusste die Ergebenheit des Grafen Perigord nicht zu schaetzen und widersetzte sich entschlossen seiner Ernennung.
Im Rahmen der Suche nach einem Platz an der Sonne schlug Talleyrand im Sommer der Nationalversammlung, die ihre letzten Wochen erlebte, vor, eine Akademie zu gruenden und ein Programm fuer die allgemeine Primarschulbildung anzunehmen. Der Vorschlag wurde mit grosser Freude aufgenommen. Das Parlament stimmte fast einstimmig dafuer. Doch sowohl Wissenschaft als auch Bildung waren ihm zu geringfuegig.
Welchem Geschaeft sollte er sein Genie widmen? Die Aussenpolitik schien Charles eine Beschaeftigung, die wuerdiger war als andere. Auf diesem Acker reifen ;hren, gefuellt mit goldenen Dukaten, Pfund und Dollar; man darf nur nicht zu faul sein, sie einzusammeln. Im Sommer 1791 erwarb Talleyrand seine ersten Erfahrungen in der grossen Politik. Fuer seine Vermittlung bei den Verhandlungen zwischen Spanien und Frankreich erhielt Talleyrand von der dankbaren spanischen Regierung einhunderttausend amerikanische Dollar (500.000 Pfund). Diese kamen sehr gelegen, da Charles im vergangenen Jahr, seit dem Erhalt des Geldes von der Kirche, seine Mittel stark aufgebraucht hatte. Er beglich seine Schulden, schenkte Madame de Flahaut Juwelen, die ihrer wuerdig waren, und verprasste eine gute Haelfte innerhalb eines Monats am Kartentisch. Es gab natuerlich auch Gewinne, doch die Verluste erreichten bisweilen 100.000 Francs (10–12 Tausend Pfund) pro Nacht. Ende 91 besserte er seine erschuetterte Finanzlage etwas auf, indem er in einer Nebenrolle an den Verhandlungen zwischen Russland und der Tuerkei teilnahm. Schliesslich hatte Talleyrand seinen Platz gefunden; er beschloss fest, Diplomat zu werden, aber nicht irgendein Diplomat, sondern Minister fuer auswaertige Angelegenheiten. Mit dem neuen Jahr 1792 knuepfte er Kontakte, suchte einflussreiche Bekanntschaften im Aussenministerium und freundete sich mit Botschaftern an. Den richtigen Leuten verlor Talleyrand bereitwillig und viel Geld beim Spiel. Die Salongespraeche und Maennerrunden beim Kartenspiel trugen Fruechte – im Januar wurde er mit einer diplomatischen Mission nach London entsandt.
Немецкий перевод (Reglement 1815/2026)
Offiziell sollte Talleyrand versuchen, die englische Regierung zur Annahme des Dezimalsystems zu bewegen. Zu Beginn der 90er Jahre betrachteten sowohl die Linken als auch die Zentristen des Herzogs von Orleans England als Vorbild, als einen aelteren Bruder. Alle Konflikte und Missverstaendnisse zwischen den Laendern schienen der Vergangenheit anzugehoeren; zum vollkommenen Glueck fehlte nur noch ein einheitliches Masssystem. In Wahrheit war Talleyrand beauftragt worden, die Position Englands im Falle eines Krieges auf dem Kontinent gegen Oesterreich oder Preussen zu bestimmen. Seit der missglueckten Flucht des Koenigs hatten sich die Beziehungen Frankreichs zu den Monarchien Oesterreichs und Preussens verschlechtert. Die franzoesische Regierung fuerchtete, dass diese Laender Kriegshandlungen beginnen wuerden. Um dem Feind zuvorzukommen, neigten die gesetzgebende Versammlung und die Regierung dazu, zuerst die Aggression zu beginnen und sie als Revolutionskrieg zu bezeichnen. „Ein revolutionaeres Volk ist unbesiegbar!“, verkuendete der Girondist Brissot von der Tribuene der gesetzgebenden Versammlung. „Das ganze franzoesische Volk muss aufstehen und zu den Waffen greifen!“, pflichtete ihm der Jakobiner Robespierre bei.
Drei Monate lang befand sich Talleyrand in London und hatte dort bereits gewisse Erfolge erzielt; die englische Regierung unterzeichnete einen Neutralitaetspakt. Die Verhandlungen ueber das Dezimalsystem verliefen weniger erfolgreich, doch das Kabinett lehnte es nicht kategorisch ab.
Im April erklaerte das revolutionaere Frankreich der oesterreichischen Monarchie den Krieg, natuerlich einen Revolutionskrieg. Der neue Aussenminister rief Talleyrand nach Paris zurueck, um neue Instruktionen im Zusammenhang mit der neuen politischen Lage zu erhalten. Im Mai marschierte die Volksarmee auf Beschluss der gesetzgebenden Versammlung in die oesterreichischen Niederlande ein und trug die Revolution auf ihren Bajonetten nach Europa. Und sie wurde schmerzhaft geschlagen. Einen solchen Misserfolg konnte kein einziger Revolutionaer aus dem bunten Haufen der Girondisten, Montagnards und Jakobiner vorhersehen. Das Prinzip des revolutionaeren Rechts in Frage zu stellen, bedeutete politische Vergessenheit; folglich mussten andere Gruende fuer die Niederlage der unbesiegbaren Revolutionsarmee verantwortlich sein. Im linken Lager brach Gezanke aus. „Verrat!“, schrien die Jakobiner im Chor. Die Verraeter des vergoetterten Volkes suchte man traditionell in den Tuilerien, und stellen Sie sich vor, man fand sie recht schnell.
Die revolutionaere Hysterie weitete sich aus, noch schlimmer als im Jahre 1789. „Das Vaterland ist in Gefahr“, riefen die Fuehrer die nationalen Gefuehle der Franzosen an und vergassen dabei ihre Revolutionsparolen. Im Juni riefen die Fuehrer das Volk dazu auf, sich zu bewaffnen und ein Lager um Paris zu errichten, so sehr hatte sie der oesterreichische Widerstand erschreckt. Und im Juni besuchten die von Anwaelten aufgestachelten Sansculotten den koeniglichen Palast. Der Koenig setzte die revolutionaere rote Muetze auf und wurde dadurch gerettet, indem er ein zustimmendes Schulterklopfen von irgendeinem Baecker erhielt. Doch der naechste Sturm auf den Palast im August begrub die tausendjaehrige Monarchie. Das Koenigreich wurde zur Republik.
Talleyrand hingegen, der seine Instruktionen erhalten und den Pariser ungesunden Aufruhr miterlebt hatte, traf im Juli erneut in London ein. Er blieb dort nicht lange. Nach zwei Wochen wurde er nach Paris zurueckgerufen. Und er hatte das Unglueck, genau zur Einnahme der Tuilerien und zur Absetzung der koeniglichen Macht einzutreffen. Charles biss sich vor Aerger in die Finger. Wie konnte er nur so in die Falle tappen. Alle Aristokraten, die Unheil ahnten, flohen aus dem Land wie die Ratten vom sinkenden Schiff, und er war gerade erst angekommen. Der Koenig war verhaftet; die Jakobiner wuerden zweifellos das gesamte Schloss durchsuchen, um Beweise fuer den Verrat des Koenigs zu finden – warum sonst haette man ihn verhaften sollen. Wenn sie seine Briefe faenden, waere es aus. Keine Bekanntschaften wuerden ihn retten. Diese stillen, um das Wohl des Volkes besorgten Anwaelte aus dem Dritten Stand hatten sich irgendwie unbemerkt von allen und wahrscheinlich auch von sich selbst in blutduerstige Monster verwandelt. Fliehen, fliehen, bevor es zu spaet war!
Leichter gesagt als getan. Talleyrand bat den Aussenminister persoenlich, ihn nach London zu schicken, doch der Minister lehnte ab. „Welche Gewichte, f;rwahr, welche Masse, wenn man nicht weiss, ob man morgen noch am Leben ist!“. Charles beschloss, als Privatperson ins Ausland zu reisen, stie; jedoch beim Erhalt eines Auslandspasses auf enorme Schwierigkeiten. Waehrend des Wartens auf den Pass zeigte die Revolution sich in ihrer ganzen maechtigen, todbringenden Kraft. Viele Aristokraten verloren ihre Koepfe, und Talleyrand ahnte, dass dies erst der Anfang war. Die Wahlen zum neuen Parlament, das spaeter Konvent genannt wurde, fanden statt. Es rueckte stark nach links und wurde moerderisch homogen. Der rechte Fluegel und das Zentrum verschwanden, loesten sich in der Masse der wahnsinnigen Volksdiener auf.
Danton half Charles. Am 7. September erhielt Talleyrand seinen Pass und verliess noch am selben Tag Paris, wobei er Frankreich vorerst seinem Schicksal ueberliess.
Talleyrand hatte nicht ohne Grund um sein Leben gefuerchtet. Keine zwei Monate nach seiner Abreise wurden die unglueckseligen Briefe an den Koenig entdeckt. Da bereute Danton, dass er sich so beeilt hatte. Der Konvent setzte den Fuersten Talleyrand auf die Liste der Emigranten und erklaerte ihn fuer vogelfrei, was bedeutete, dass jeder Franzose ihn ueberall toeten konnte, ohne eine Strafe der franzoesischen Justiz befuerchten zu muessen.
Fast zwei Jahre lebte Charles in England. Er lebte sehr bescheiden, in staendiger, demuetigender Not. Die aristokratische Emigration akzeptierte ihn nicht, da man sich an seinen lockeren Umgang mit der Kirche erinnerte. Die neue Emigration, jene Thermidorianer, die vor der Bekanntschaft mit der Guillotine geflohen waren, wollten nichts mit dem Aristokraten Fuerst Talleyrand zu tun haben.
In der Freizeit, die ihm zwischen seinen langen einsamen Spaziergaengen und dem Nachdenken blieb, korrigierte er den Roman von Madame de Sta;l und eroberte damit endgueltig ihr Herz. Mit Politik befasste er sich kaum, ausser dass er einen Plan zur Einnahme von Toulon durch die englische Flotte und zur Errichtung einer konstitutionellen Monarchie der Bourbonen auf dem Territorium S;dfrankreichs entwarf. „Es ist moeglich, eine britische Landung in Toulon zu nutzen und anschliessend mittels Propaganda in der Provence eine konstitutionelle Monarchie zu errichten“, schrieb Talleyrand Ende 1792. Dieses Projekt reichte er in Form einer Denkschrift ueber seine Freunde beim Kabinett ein. Die Regierung reagierte in keiner Weise auf Talleyrands Note, in dem Sinne, dass man ihn deswegen nicht behelligte. Doch f;nf Monate spaeter nahm die britische Flotte tatsaechlich Toulon ein. Als jedoch die Operation in Toulon, massgeblich aufgrund der erfolgreichen Aktionen des Kapitaens Buonaparte, scheiterte (Dezember 1793), bat Pitt Talleyrand, England zu verlassen (Januar 1794).
„Ich hatte nicht die Absicht, lange in England zu bleiben. Obwohl ich nominell in Frankreich fuer vogelfrei erklaert worden war, wollte ich mich nicht der Kategorie der Emigranten zurechnen, der ich nicht angehoerte. Doch der englische Minister glaubte seinen Eifer fuer die gemeinsame Sache unter Beweis zu stellen, indem er zuerst ein gewisses Gefuehl der Feindschaft gegenueber der Emigration befriedigte; und so gab er mir unter Berufung auf das Auslaendergesetz [Das Auslaendergesetz (Alien-Bill) wurde 1793 von Lord Grenville durchgesetzt; es stellte die franzoesischen Emigranten unter Polizeiaufsicht und erlaubte ihre Ausweisung aus England. Im Januar 1794 wurde das Gesetz auf Talleyrand angewandt], das er im Parlament durchgesetzt hatte, die Anweisung, England innerhalb von vierundzwanzig Stunden zu verlassen. Haette ich meinem ersten Impuls nachgegeben, waere ich sofort abgereist, doch das Gefuehl der Wuerde zwang mich, gegen die ungerechte Verfolgung zu protestieren. Daher wandte ich mich nacheinander an Dundas, an Pitt, an den Koenig selbst; als meine Gesuche abgelehnt wurden, sah ich mich gezwungen, mich zu fuegen, und bestieg ein Schiff, das als eines der ersten in die Vereinigten Staaten von Amerika auslaufen sollte.“
Die langwierige innere Krise in Amerika nahm die Form der Melancholie an. Von den psychischen Leiden heilte ihn eine Reise ins Landesinnere, die er gemeinsam mit seinem Assistenten Beaumetz und einem Hollaender namens Heydecoper unternahm.
„Waehrend der Reise hatte ich ein Gefuehl, das mir fuer immer im Gedaechtnis bleiben wird. Wenn man einen regen Geist hat und aengstlich Nachrichten aus der Heimat erwartet, ist es nicht so einfach, Zeit nutzlos zu verlieren. Die Gruende fuer die dabei erlebten Aufregungen liegen nicht nur im Aeusseren. Sich in einem dichten Wald zu verirren, in dem es keinen Weg gibt, dort mitten in der Nacht hoch zu Ross zu sein, einander zu rufen, um sich zu vergewissern, dass man nicht vom Begleiter getrennt wurde – all das sind Erlebnisse, die schwer zu beschreiben sind, weil sich zu jedem noch so kleinen Ereignis eine Art Heiterkeit gesellt, die durch die eigene Lage hervorgerufen wird. Als ich rief: ‚N.., sind Sie hier?‘ und er mir antwortete: ‚Oh, mein Gott, ja, ich bin hier, Eure Eminenz‘, konnte ich nicht anders, als ueber die Lage zu lachen, in der wir uns befanden. Dieses klaegliche ‚Oh, mein Gott, ja‘ und dieses ‚Eure Eminenz‘, das sich auf das Amt des Bischofs von Autun bezog, liessen mich lachen.
Eines Tages, tief in Connecticut, machten wir nach einem sehr langen Marsch in einem Haus Halt, in dem man bereit war, uns eine Unterkunft und sogar ein Abendessen zu geben. Dort gab es etwas mehr Esswaren, als ueblich in einem amerikanischen Haus. Die Familie, die uns aufnahm, bestand aus einem alten Mann, einer Frau von ungefaehr fuenfzig Jahren, zwei erwachsenen jungen Maennern und einem jungen Maedchen. Man servierte uns geraeucherten Fisch, Schinken, Kartoffeln, starkes Bier und Wodka. Sehr bald belebten Bier und Wodka das Gespraech. Die beiden jungen Maenner, etwas angeregt vom Alkohol, sprachen ueber ihre Abreise: Sie wollten fuer einige Wochen auf Biberjagd gehen und erzaehlten davon so lebhaft und interessant, dass wir, Beaumetz und Heydecoper, nach einigen Glaesern Wodka den inbrunstigen Wunsch verspuerten, uns ihnen anzuschliessen. Als Antwort auf jede Frage, die wir stellten, zwang man uns zu trinken. An diesem langen Abend blieb mir nur in Erinnerung, dass das Fell des Bibers nur im spaeten Herbst gut ist, dass er aus dem Hinterhalt getoetet wird, dass man ihm einen Koeder auf einer Pike hinh;lt, dass seine Behausung waehrend des Frostes angegriffen wird, dass er sich dann unter Wasser versteckt, aber da er dort nicht lange bleiben kann, zum Atmen zu den Oeffnungen kommt, die man ins Eis schlaegt, und dass man ihn dann am Bein packt.
Dieser kleine Krieg interessierte uns derart, dass Beaumetz, ein leidenschaftlicherer Jaeger oder froehlicherer Mensch als die anderen, diesen Herren vorschlug, uns in ihre kleine Unternehmung aufzunehmen. Sie stimmten zu. Und so fanden wir uns in die Gesellschaft der Jaeger von Connecticut eingereiht. Nachdem alles endgueltig vereinbart war, fand jeder irgendwie sein Bett.
Der Morgen brach an; die Wirkung des Wodkas wich dem Schlaf; uns schien, dass die Last, die wir mit uns nehmen mussten, zu schwer sei. Ich glaube, die Esswaren wogen tatsaechlich etwa vierzig Pfund; man sagte uns, dass es eine lange Zeit sei, zwei Monate in den Waeldern oder Suempfen zu verbringen, und wir begannen, das am Vortag gegebene Versprechen zurueckzuziehen. Ein paar Dollar, die wir in diesem Haus liessen, entbanden uns von unserem Wort, und wir setzten unseren Weg, oder besser gesagt, unsere Reise fort, ein wenig beschuemt darueber, was wir am Vortag angerichtet hatten.“
Talleyrand kehrte voller Kraft und dem Wunsch, etwas zu erreichen, nach Philadelphia zurueck, jedoch nicht in der Politik. Die Kommerzialisierung war fortan seine Berufung. Die Luft des jungen Amerikas war durchdrungen vom Unternehmertum.
Mit dem Startkapital gab es keine Probleme. Charles schrieb an Germaine, und bald erhielt er einen Wechsel einer Hamburger Bank. Die Spekulation mit Grundstuecken entsprach wie nichts anderes seiner derzeitigen Stimmung. Sie kombinierte die langen, ihm liebgewonnenen Reisen durch die Wildnis und kurze Abstecher in die Zentren der Zivilisation. In einem Jahr harter Arbeit verdoppelte er sein Kapital. Dies erlaubte ihm, Necker die vereinbarten Zinsen voll zu zahlen und ein Schiff zu kaufen. Talleyrand wollte sich dem ueberseeischen Handel widmen. Im Jahre 1794 wurde er Zeuge der Rueckkehr der ersten amerikanischen Expedition, die Bengalen besucht hatte; die Reeder erhielten gewaltige Gewinne, und im naechsten Jahr liefen vierzehn amerikanische Schiffe aus verschiedenen Haefen aus und steuerten Indien an, um mit der englischen Kompanie um reiche Gewinne zu konkurrieren.
„Das Schiff hatte bereits Frachtgut aufgenommen, das mehreren grossen Firmen aus Philadelphia und hollaendischen Kapitalisten gehoerte, und ich war bereit zur Abfahrt, als ich das Dekret des Konvents erhielt, das mir erlaubte, nach Frankreich zurueckzukehren. Ich musste es nutzen oder mich fuer immer von Frankreich verabschieden.“
Talleyrand waehlte Letzteres, und an seiner Stelle reiste der arme Beaumetz nach Bengalen, wo er erkrankte und starb. Die Expedition erwies sich als Misserfolg, doch das spielte keine Rolle mehr; Talleyrand kehrte in die Welt zurueck. Er kehrte zurueck, bis zum Rand gefuellt mit Ideen und Plaenen.
Im Juli 1796 ging Talleyrand im Hamburger Hafen an Land. Er beeilte sich nicht, nach Paris zu gelangen, wie es drei Jahre spaeter Bonaparte tat, als er aus ;gypten zurueckkehrte. O nein! Bevor man das Wild erlegt, sollte man es gut studieren. Einen Monat verbrachte er in Hamburg, zwei Wochen in Amsterdam und weitere zwei Wochen in Bruessel. Am 30. September traf Talleyrand in Paris ein.


2


Die Einsamkeit der Emigration laedt zum Nachdenken, zur sorgfaeltigen Analyse der Ursachen und zur Suche nach einer unkonventionellen Loesung ein. Die gesamten vier Jahre, die er ausserhalb Frankreichs verbrachte, dachte Talleyrand ueber ein einziges Problem nach – wie man die Macht ergreift.
Das Land war bereits seit sieben Jahren an der Revolution erkrankt. Von Zeit zu Zeit traten Verschlimmerungen der Krankheit auf, und dann fand ein Wechsel der Regierungsmannschaft statt. Die Staatskrisen waren nicht durch den natuerlichen Lauf der gesellschaftlichen Entwicklung verursacht. Im Gegenteil, sie waren das Ergebnis des Willens, der Dummheit oder der Unachtsamkeit einzelner Menschen; mit einem Wort, sie waren ein Werk von Menschenhand. Dies ist der Ausgangspunkt von Talleyrands ;berlegungen.
Wenn dem so ist, wenn eine Krise, zumindest in ihrer Anfangsphase, dem Willen des Menschen unterworfen ist, dann kann man sie erschaffen und bis zu einem gewissen Grad steuern. Talleyrand unterzog die Krise von 1792 einer Analyse und kam zu dem Schluss, dass die Clique um Robespierre und Danton infolge der Niederlage der franzoesischen Truppen in den oesterreichischen Niederlanden und der Drohung einer auslaendischen Intervention an die Macht gekommen war. Der Schluss an sich ist offensichtlich, er liegt an der Oberflaeche. Fernab des Offensichtlichen liegt jedoch die Folgerung aus diesem Schluss: Die Situation von 1792 war keineswegs einzigartig, man konnte sie wiederholen.
Das allgemeine Fazit lautete: Um die Macht zu ergreifen, bedarf es eines verlorenen Krieges. Dies ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Damit militaerische Niederlagen die gewuenschten Fruechte tragen, bedarf es einer freien demokratischen Presse, die kein Stein auf dem anderen laesst bei einer Regierung, die unfaehig ist, ihr Volk vor auslaendischen Horden zu schuetzen. Verlorene Schlachten und Propaganda sind fuer sich genommen harmlos genug, doch ihre Verbindung ergibt eine hochexplosive Mischung; sie schaffen eine revolutionaere Situation.
Es ist jedoch nicht so einfach, das monarchische Europa gegen Frankreich aufzubringen. Es bedarf gewichtiger, ueberzeugender Gruende. Oesterreich, Preussen und die deutschen Staaten entfesselten den Krieg gegen das revolutionaere Frankreich (Oesterreich befand sich im Jahr von Talleyrands Ankunft noch immer im Krieg) aufgrund der Verfolgungen der koeniglichen Familie. Gewiss gab es auch Gruende merkantiler Natur, doch der Feindseligkeit der Monarchen dieser Laender lag erst die Bedrohung des Lebens der koeniglichen Familie und dann die Hinrichtung des Koenigs, der Koenigin und der Tod ihres minderjaehrigen Sohnes zugrunde. Die Jakobiner hatten das heilige Prinzip des Absolutismus mit Fuessen getreten – die Unantastbarkeit des Lebens und der Macht des Monarchen. Und die herrschenden Fuersten Europas erhoben sich zum Kampf, aus Angst vor der Ausbreitung der revolutionaeren Pest, um im Grunde ihr eigenes Leben zu retten.
Im Jahre 1796 schien der Mord an einem Mitglied der koeniglichen Familie, genauer gesagt seine Hinrichtung durch den franzoesischen Staat, Talleyrand wenig aussichtsreich. Erstens gab es in Frankreich keinen nennenswerten Prinzen mehr. Zweitens war die durch die koeniglichen Hinrichtungen hervorgerufene antifranzoesische Koalition am Ende ihrer Kraefte und konnte durch einen neuen Tod nicht wiederbelebt werden. Daher lehnte Talleyrand die Hinrichtung als Kriegsgrund von Anfang an ab. Er wird die Hinrichtung erst im Jahre 1804 nutzen, um die dritte Koalition ins Leben zu rufen.
Charles richtete seinen Blick auf das ihm wohlbekannte England. Britannien hatte eine alte Tradition der Hinrichtung eigener Monarchen; daher konnte das Guillotinieren franzoesischer Herrscher das Establishment nicht wirklich erschuettern, so sehr das Londoner Kabinett nach aussen hin auch seine Empoerung kundtat. Die Erwaegungen, aus denen England Krieg gegen Frankreich fuehrte, waren ganz anderer Natur als etwa jene von Oesterreich oder Preussen. Es war ein Interessenkonflikt, und die Interessen lagen in den Kolonien. Tatsaechlich befand sich England im Kriegszustand mit Frankreich, und diesem Krieg war kein Ende abzusehen. Doch er verlief zu traege und konnte keine Krise an den Ufern der Seine ausloesen. Wie man England dazu bringen koennte, mit voller Kraft Krieg zu fuehren – das war die Hauptfrage?
Dies koennte auf zwei Wegen geschehen – durch einen Angriff auf das Mutterland oder auf seine Kolonien. Wobei die Kolonien vorzuziehen waren; und von allen Kolonien war Indien die verwundbarste und zugleich wertvollste, die nach dem Verlust der USA den Anspruch erhob, das Zentrum des britischen Kolonialreichs zu sein. Die Drohung einer franzoesischen Intervention wuerde England dazu zwingen, tief in die Tasche zu greifen und Oesterreich, Preussen, Russland, vielleicht Schweden und moeglicherweise einige deutsche und italienische Staaten zur Teilnahme an dem Unternehmen zu bewegen. Etwa so.
Die zweite Schlussfolgerung, die Talleyrand in Amerika gezogen hatte, lautete: Die Verwirklichung des Projekts ist nur moeglich, wenn man das Amt des Aussenministers innehat und hinter den Kulissen England dabei unterstuetzt, ein Militaerbuendnis zu schmieden. Kein anderes Amt in ganz Frankreich bot eine solche Moeglichkeit. Die Grundsatzentscheidung war getroffen. Es blieb nur noch eine Kleinigkeit – sie umzusetzen.
Nachdem er sich in Paris umgesehen und die Bekanntschaften mit jenen erneuert hatte, die nach den Schrecken der Robespierre-;ra am Leben geblieben waren, begann Talleyrand ueber seine treue Freundin Madame de Sta;l zu agieren, die in allen Kabinetten Einzug hielt. Zu dieser Zeit erkrankte der Aussenminister Charles Delacroix schwer und reiste zur Kur nach Holland. Dies war die Chance, die man sich unter keinen Umstaenden entgehen lassen durfte.
Endlich bot sich Germaine die Gelegenheit, eine ihrer Talente wuerdige Mission zu erfuellen. Es gab in Paris keine einflussreiche Person mehr, der die unbaendige Germaine nicht die Ohren damit vollgesungen haette, welch ein Segen es fuer Frankreich waere, wenn der edle und kluge Talleyrand den Ministerposten uebernaehme, und sei es nur fuer die Zeit von Delacroix’ Krankheit. Die salonpolitischen Bemuehungen von Madame de Sta;l endeten damit, dass Barras zustimmte, Talleyrand wegen seiner Ernennung zum Minister zu treffen.
Das Gespraech unter vier Augen endete zur vollen Zufriedenheit beider Seiten. Der Direktor war sehr interessiert an der frischen Sicht des Kandidaten fuer die Leitung der Aussenpolitik, insbesondere als Einnahmequelle. Als Charles von Barras kam und in die Kutsche stieg, in der ein Bekannter auf ihn wartete, rief er auf dem gesamten Rueckweg, wie vergessen in seinen Gedanken: „Ein immenses Vermoegen! Ein immenses Vermoegen!“. Zeitgenossen und ihnen folgend die Historiker beziehen diese Worte – und sie waren aufrichtig, da sie in extremer Erregung hervorbrachen – auf jene gewaltigen Bestechungsgelder, die Talleyrand im Laufe seiner gesamten Karriere erhielt. Ich jedoch glaube, dass sich in diesem Augenblick vor dem geistigen Auge des Fuersten Talleyrand kein vulgaerer Haufen Geld befand, sondern das Koenigreich Frankreich und er selbst in einem purpurnen Mantel.
Am 18. Juni 1797 wurde Talleyrand zum Aussenminister Frankreichs ernannt. Germaine triumphierte. Fuer den Fuersten war dies jedoch nur der erste Schritt auf seinem beschwerlichen Weg zum Thron. Nachdem er ausgiebig in den Papieren von Delacroix gestoebert hatte – wobei ihm Victoria Delacroix massgeblich half (Victoria Delacroix wurde Talleyrands Geliebte. Im April des folgenden Jahres wurde aus dieser Verbindung ein Junge geboren, der spaetere beruehmte Maler Eug;ne Delacroix. Obwohl der genesene Ehemann Victorias Eug;ne anerkannte, zweifelte in Paris niemand an der Vaterschaft Talleyrands. Waehrend der Julimonarchie erhielt Eug;ne reichlich Staatsauftraege. Dazu trug sein Vater – Charles Talleyrand – bei), die Ehefrau des kranken, ehemaligen Ministers –, entdeckte Charles eine Notiz von Magallon, die wie zugeschnitten auf Talleyrands Plaene schien. „Wie gerufen!“, rief der erstaunte Talleyrand aus.
Nur zwei Wochen nach Erhalt des Ministerportfolios verlas Minister Talleyrand im Nationalinstitut einen Bericht ueber die Moeglichkeit und Notwendigkeit der Eroberung der englischen Kolonien in Indien. Die erste Etappe des Unternehmens – die Einnahme ;gyptens.
„In Paris wurde ein Nationalinstitut fuer Wissenschaften und Kuenste organisiert; allein die Einrichtung dieses Instituts reicht aus, um den Geist zu beurteilen, der in Frankreich herrschte. Es wurde in vier Klassen unterteilt; die Klasse der physikalischen Wissenschaften stand an erster Stelle, die Klasse der politischen und moralischen Wissenschaften nahm nur einen zweitrangigen Platz ein. Man ernannte mich in meiner Abwesenheit zum Mitglied dieser Klasse. Um meine Pflicht als Akademiker zu erfuellen, verlas ich in zwei oeffentlichen Sitzungen, die durch einen kurzen Zeitraum getrennt waren, zwei Berichte, die Aufmerksamkeit erregten.
Das Thema des ersten war Nordamerika, und das Beduerfnis Frankreichs nach Kolonien war das Thema des zweiten.“
Zwanzig Tage spaeter legte der Minister diesen Bericht, ausgearbeitet als analytische Denkschrift mit konkreten Berechnungen, Zahlen und einem Massnahmenplan, auf den Sitzungstisch des Direktoriums. Darin benannte Talleyrand die potenziellen Verbuendeten Frankreichs in Indien, was im Plan von Magallon nicht vorhanden war und auch nicht sein konnte. Als Freunde Frankreichs bestimmte er jene indischen Fuersten, die mit der englischen Expansion unzufrieden waren, allen voran den Buerger Sultan Tippu.


Lassen wir Talleyrands Biografie fuer einen Moment beiseite und werfen wir einen kurzen Blick auf den Subkontinent.
In der englischen Regulierungsakte von 1774 wurde ausdruecklich festgestellt, dass die Eroberung neuer Gebiete in Indien den nationalen Interessen Englands entspreche. Dasselbe Gesetz legte die Befugnisse der Ostindien-Kompanie fest. In den eroberten Gebieten entschied die Kompanie ueber zivile und steuerliche Fragen. Nominell galt sie als kommerzielles Unternehmen und wurde von einem Aufsichtsrat verwaltet; in Wahrheit jedoch war die gesamte Machtfuelle in den Haenden eines Kontrollrats (Board of Control) konzentriert, in dem zwei Posten von Ministern des regierenden Kabinetts besetzt waren, deren Mitgliedschaft auf Empfehlung der Regierung unmittelbar durch die Krone bestimmt wurde. Der allmaechtige Kontrollrat unter der Leitung von Dundas, der die Befugnisse eines Staatssekretaers fuer Indien besass, ueberwachte sogar die Korrespondenz der Direktion der Kompanie mit ihren Filialen. Der Aufsichtsrat besass lediglich empfehlende Funktionen.
Die praktische Leitung der Kompanie oblag dem Generalgouverneur von Indien. Doch waehrend der fruehere Generalgouverneur Hastings den Direktoren der Kompanie und ihrem Aufsichtsrat gegenueber verantwortlich war und dabei Schwierigkeiten bei der Durchfuehrung der staatlichen Politik verspuerte – da er die kommerziellen Interessen der Kompanie beruecksichtigen musste –, so war mit der Eskalation des Konflikts zwischen Frankreich und England, dem die Indienfrage zugrunde lag, der neue Generalgouverneur Cornwallis von der Kompanie unabhaengig und nur der Regierung verantwortlich. Die Schaffung eines Kolonialreichs erforderte von England neue Verwaltungsformen, denn es ist leicht zu erobern, aber schwer zu halten. Versuche zu deren Einfuehrung wurden bereits unter Pitt dem Aelteren unternommen.
Das von Hastings begonnene Werk fuehrten Pitt der Juengere und Dundas fort. Sie ernannten faehige Maenner wie Wellesley auf leitende Verwaltungsposten, die in der Lage waren, die Schaffung des indischen Kolonialsystems zu vollenden. Kern dieses Systems wurde Bengalen, das bereits in den 80er Jahren von Clive erobert worden war. Bengalen diente als Vorbild fuer eine neu organisierte Kolonialprovinz. Obwohl auch hier keine Selbstverwaltung praktiziert wurde, existierte eine autokratische Buerokratie, die fuer eine effiziente Verwaltung im Sinne der Beduerfnisse der Ostindien-Kompanie sorgte. Das neue Verwaltungssystem weitete sich allmaehlich auf ganz Hindustan aus.
Der wohl wichtigste Punkt dieses Systems wurde die Politik der Vertraege und Subsidien, die bereits Clive und Hastings anzuwenden begonnen hatten. Der Sinn dieser Politik war folgender: Den lokalen Fuersten wurde der Erhalt ihrer Territorien garantiert, und es erfolgten erhebliche jaehrliche Geldzahlungen. Die Fuersten uebten die innere Verwaltung ihrer Laendereien aus. Den Englaendern oblagen die Fiskalpolitik und die Ausbeutung der Naturschaetze des Landes. Zudem organisierten, schulten und bewaffneten die Englaender indische Militaereinheiten, die von englischen Offizieren befehligt wurden.
Einen zentralen Platz bei der Eroberung Indiens wiesen die Englaender Hyderabad zu, das von Sueden her Mysore unter der Herrschaft des unruhigen Sultans Tippu bedrohte und von Norden und Westen her die kriegerischen Marathenstaaten in Schach hielt. Die Beziehungen zwischen den inneren Fuerstentuemern befanden sich in einem Zustand eines prek;ren Gleichgewichts. Die geringste Erschuetterung konnte eine Lawine bewaffneter Konflikte ausloesen und schliesslich zu einem allgemeinen Buergerkrieg fuehren.


Talleyrand zeigte in seiner analytischen Denkschrift ueberzeugend auf, dass ein kleines franzoesisches Heer, das ueber ;gypten und Syrien nach Indien vordrang, jener Faktor sein wuerde, der den Subkontinent in Zwistigkeiten stuerzen und folglich der englischen Herrschaft in Indien ein Ende setzen wuerde.


3


Das Direktorium zeigte auf der Sitzung am 23. Juli 1797 kein grosses Interesse an der Idee eines Angriffs auf die indischen Besitzungen, da genau in jenen Tagen in Lille die englisch-franzoesischen Friedensverhandlungen begannen.
Die Verhandlungen scheiterten mit Getoese, nicht zuletzt dank der Bemuehungen Talleyrands. Bei den Verhandlungen in Lille demonstrierte der neue Minister einen neuen Ansatz in der Diplomatie. Es gelang ihm sowohl, die seinen Plaenen abtraeglichen Verhandlungen zu beenden, als auch dafuer von den Englaendern viele tausend Pfund zu erhalten. Auf Dr;ngen Talleyrands verkaufte Lagarde, der Leiter der franzoesischen Delegation, fuer 25.000 Pfund die Korrespondenz des franzoesischen Aussenministeriums mit den Spaniern und Hollaendern an Lord Malmesbury, den Leiter der englischen Delegation. Angesichts der Aussicht auf neue Ausgaben schrieb Malmesbury an Pitt: „Ich bitte Sie, einen Fonds bereitzustellen, aus dem ich Mittel schoepfen kann, da ich nicht reich genug bin, um diese Summen aus eigener Tasche vorzuschiessen und vielleicht zwei oder drei Jahre auf die Rueckzahlung zu warten.“
Kaum waren die Verhandlungen in Lille gescheitert, spitzte sich die permanente Revolution zu, was als Krise des 18. Fructidor (4. September 1797) in die Geschichte einging. Drei fuehrende Direktoren – Barras, Reubell und La R;velli;re-L;peaux – schlugen Alarm wegen eines bereits angeschwollenen „monarchistischen“ Aufstands. Am Morgen des 18. Fructidor umstellten Truppen der Pariser Garnison unter dem Kommando von General Augereau, den General Bonaparte von der Italienarmee abgeordnet hatte, die Tuilerien und den Palais du Luxembourg. Der Direktor Barth;lemy wurde im Bett verhaftet, Direktor Carnot gelang die Flucht; 53 Abgeordnete der „rechten“ Flanke beider Raete wurden verhaftet, darunter General Pichegru, der Praesident des Rates der Fuenfhundert. Die Verhafteten wurden ohne Gerichtsverfahren nach Cayenne verschleppt – dem traditionellen Verbannungsort fuer politische Gegner des aktuellen Regimes. Das gleiche Schicksal ereilte die Redakteure von 42 Zeitungen.
Aus der Krise des 18. Fructidor zog Talleyrand den Schluss: Die fuer seine Plaene gefaehrlichste Figur ist General Bonaparte, und daher ist es notwendig, ihn fuer die Zeit des Umsturzes aus Frankreich, besser noch – aus Europa, zu entfernen.

Wahrlich, der Regierung wurde es nicht langweilig. Kaum war der Versuch eines rechten Umsturzes liquidiert, zeichnete sich eine Gefahr von links ab. Gemaess der Verfassung des Jahres III musste bis spaetestens Germinal (April) eine Rotation eines Drittels der Abgeordneten des nationalen Parlaments stattfinden. Im Jahre 1797 wurden statt der verfassungsmaessigen 250 Mandate insgesamt 437 Mandate gewaehlt (298 fuer den Rat der Fuenfhundert und 139 fuer den Rat der Alten). Die Verhaftungen des 18. Fructidor und der Entzug der Mandate von Abgeordneten, die der Beteiligung an der Verschwoerung verdaechtigt wurden, machten 87 zus;tzliche Abgeordnetensitze frei.
Die Regierung versuchte alle Mittel der Einflussnahme auf die Waehler. Zunaechst entfachte die der Exekutive unterstehende Presse eine Hetzjagd auf Kandidaten mit monarchistischer Gesinnung. Vorwuerfe des versteckten Royalismus gegen einzelne Kandidaten und kompromittierendes Material ueber sie wurden fast taeglich gedruckt und fanden, man muss es sagen, lebhaften Widerhall in der Leserschaft. Gleichzeitig ordnete das Direktorium, um die Gefahr von links zu beseitigen, das Verfahren zur Schliessung verschiedener Revolutionsklubs neu und legte wenig spaeter das Verfahren zur Schliessung von Zeitungen sowohl rechter als auch linker Ausrichtung fest.
Auf diese Weise ueberlebte das Direktorium durch das Abschneiden des rechten und linken Fluegels des Parlaments, indem es mit allen Mitteln versuchte, den „Sumpf“ in beiden Kammern zu vergr;;ern. Die Regierung, die taeglich mit dem Problem des ;berlebens beschaeftigt war, kam schlichtweg nicht dazu, sich um koloniale Eroberungen zu kuemmern.
Doch Talleyrand liess die Haende nicht sinken. Sieben Monate lang kaempfte er fuer die Verwirklichung seines Kolonialprojekts. Sieben Monate lang ueberzeugte der beharrliche Minister alle Direktoren zusammen und jeden Einzelnen, ueberredete General Bonaparte, die Leitung des Projekts zu uebernehmen, und… im Februar erfolgte der Durchbruch.
Mitte Februar 1798 fanden die Wahlen zum Rat der Fuenfhundert statt. Allen Listigkeiten der Regierung zum Trotz vertrat der Grossteil der gewaehlten Abgeordneten linke Ansichten. Der zweijaehrige Terror der Clique um Robespierre schien Frankreich nichts gelehrt zu haben. Das Land neigte erneut nach links. Der Terror hatte die einfachen Waehler jedoch nicht beruehrt. Robespierres Guillotine verschlang die Aristokratie und die Gesinnungsbrueder – Girondisten und Montagnards. Das Direktorium selbst sicherte den Erfolg der linken Radikalen. Frankreich hatte seit langem keine Regierung mehr gehabt, die so beharrlich auf Bereicherung bedacht war, was vor dem Hintergrund der revolutionaeren Armut des Konvents besonders abscheulich wirkte. Bestechung, Unterschlagung und Finanzbetrug erreichten ein ungeahntes Ausmass. Die Linken traten mit dem Slogan des Kampfes gegen die korrupte, in Finanzmachenschaften versunkene Regierung an, und dieser Slogan brachte ihnen unbestreitbaren Erfolg.
Die fuehrende Spitze war ueber die Wahlergebnisse ausserordentlich besorgt. Eine jakobinische Mehrheit haette das Direktorium als politische Institution durchaus begraben koennen. Um zu ueberleben, musste dringend etwas unternommen werden. Und was waere besser als eine Revision der Wahlen? Die von der Regierung gekoederten Abgeordneten des Rates der Alten forderten eine detaillierte Pr;fung der Wahlen, um die „Schrecken der jakobinischen Diktatur“ zu vermeiden. Die Exekutive reagierte bereitwillig auf den Appell der Abgeordneten. Der Rat der Alten nahm eine Resolution an, neue Abgeordnetenmandate bis zum Abschluss der Pr;fung nicht anzuerkennen. Den Rat der Fuenfhundert zu ueberzeugen, war weitaus schwieriger. Im Maerz und April schickte das Direktorium wiederholt Schreiben an die untere Kammer des Parlaments, die Ausfaelle gegen die „Anarchisten“ und offene Einschuechterungen durch eine Wiederholung der Robespierre-;ra enthielten. Gleichzeitig fand eine Arbeit hinter den Kulissen bei jedem einzelnen Abgeordneten statt. Die muehsame Arbeit der Regierung zahlte sich voll aus. Trotz stuermischer und langwieriger Debatten erklaerte der Rat der Fuenfhundert die Wahlen in sieben Wahlkreisen fuer ungueltig.
Die Manoever der Exekutive in den Parlamentskammern waren nur bis zu einem gewissen Grad wirksam. Den Buerger beruehrten sie kaum. Erforderlich war eine Aktion, die bis zu den naechsten Wahlen das Prestige der Regierung steigern wuerde. Ein kleiner siegreicher Krieg – es gibt kein besseres Mittel, um die Herzen der einfachen Franzosen zu gewinnen. Siege rufen einen natuerlichen Stolz auf den Staat hervor, und im Lichte der Siege verzeiht der Buerger der Regierung ihre kleinen Eskapaden. Das Problem bestand darin, dass Frankreich im Februar 1798 mit fast der ganzen Welt im Frieden lebte. Nur England bestritt Frankreichs Fuehrungsposition. Am 5. Maerz 1798 liefen alle Voraussetzungen und Gruende, alle Motive und Bestrebungen an einem Punkt zusammen. ;gypten.
Mit dem Erhalt der Zustimmung des Direktoriums zum ;gyptenfeldzug und der Zusage Bonapartes, diesen Feldzug zu leiten, hatte Talleyrand sein „Minimalprogramm“ erfuellt. Der General trug zwar sein Scherflein bei, indem er auf gleichzeitigen Schlaegen gegen Indien und Britannien bestand, doch der Plan gewann dadurch nur an Substanz. Mag es auch einen Angriff auf die Inseln geben. Fuer Talleyrand war es wichtig, dass ein Kolonialfeldzug begann, der England beunruhigen und zu adaequaten Gegenmassnahmen veranlassen musste.
Im folgenden Monat unternahm Talleyrand den naechsten Schritt. Im April plauderte Talleyrand im Gespraech mit dem preussischen Gesandten „zuf;llig“ ein Regierungsgeheimnis aus; er erzaehlte dem Gesandten, wohin und wann Bonapartes Armee aufbrechen wuerde. Natuerlich unterrichtete der Gesandte seinen Koenig in einem Brief ueber den Inhalt dieses Gespraechs. Ob die Nachricht die Englaender ueber die Preussen erreichte oder ob ein anderer Informationskanal funktionierte – die Ankunft von Nelsons Geschwader vor Toulon genau zum Zeitpunkt des Aufbruchs von Bonapartes Armee beweist, dass die Nachricht ihr Ziel erreichte.
Apropos anderer Kanal: die Geliebte des Ministers, Madame Grand, die von der Pariser Polizei fuer eine englische Spionin gehalten wurde. Vor der ersten Restauration, als Kaiser Napoleon bereits abgedankt hatte, Graf Provence jedoch noch nicht Koenig Ludwig XVIII. geworden war und Talleyrand das Amt des Vorsitzenden der provisorischen Regierung innehatte, verschwanden alle Dokumente bezueglich Madame Grand, der spaeteren Madame Talleyrand, spurlos aus den Staatsarchiven. Die bei der Verhaftung beschlagnahmte Geburtsurkunde, der Haftbefehl und die Verhoerprotokolle verschwanden.


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