Kleiner grauer Vogel

                Kleiner grauer Vogel

                Alexandr Piatkov


Der graue Vogel gleicht eher einem Spatz. Mit seinem spitzen, hoch

erhobenen Schnabel sticht er direkt in den Himmel и sitzt regungslos auf

einem Huegel aus Schnee. Er geniesst die Fruehlingssonne in einer ruhigen

Ecke an einem hohen Zaun, der mit Stacheldraht auf weissen

Porzellanisolatoren verziert ist.


Wir standen da, den Kopf in den Nacken gelegt wie dieser Vogel, und

starrten muede auf die gebogene Spitze des Autokran-Auslegers. Diese

staehlerne Giraffe neigte ungeschickt ihren Kopf ueber eine riesige, mit

einer Schlagplatte bedeckte Gussplatte, die Mutter Erde bereits zur Haelfte

in ihren geschmeidigen Schoss aufgenommen hatte.


Es war ein schweres Gespraech mit dem Leiter der Transportabteilung, der

unbegrenzte Macht ueber all die Raederfahrzeuge besass, die durch das

Werksaustausch sausten.


Die Gussplatte wurde fuer die Herstellung grosser Aluminiumabdeckungen

benoetigt. Mit diesen Deckeln sollten wir den dringenden

Kooperationsbedarf der Partnerfabrik decken.


Es ist bekannt, dass ein Unglueck selten allein kommt. Als die Platte

schliesslich in unsere neue, hohe und weite Werkstatt gebracht wurde,

entlud man sie keineswegs dort, wo das Montageteam es sich gewuenscht

hatte. In den Glaswaenden der Experimentierwerkstatt herrschte ein ganz

eigener Geist von Spontanitaet und Improvisation.


Diese modischen Glaswaende zitterten und stiessen bei jedem Schritt

dichte Staubwolken aus.


Der junge Anschlaeger war zu faul, die dicken, unhandlichen Anschlagseile

aus dem Nachbarabschnitt zu holen, und beschloss, sie gegen die schmalen

Seile auszutauschen — doch er hatte Glueck. Seine schweren Stiefel

wirbelten nur so durch die Luft, und er landete an einem Ort, der zwar

staubig, aber absolut sicher war.


Jeder zivilisierte Mensch versteht, dass Aluminiumdeckel von der Groesse

eines mittleren Kiosks dazu dienen, etwas Wichtiges zu verschliessen —

besonders, wenn sie auch mit einem Drehantrieb ausgestattet sind. Solche

Produkte werden in robuste Holzkisten verpackt, die mit dichtem,

schwarzem Papier ausgekleidet sind.


Vor den Toren der Werkstatt, wo normalerweise die Fertigwaren abgeholt

wurden, wuchs eine hohe Pyramide dieser aegyptischen Sarkophagkisten

heran. Sie wurden von Onkel Witja abgeholt, der ueber die

Holzwerkstaetten des Werkes gebot.


Er lebte in der Naehe der Fabrik, in einer Siedlung namens "Kopaj-Gorod" —

Stadt der Graeber. Der Name ruehrte daher, dass die Menschen dort

Erdhuetten oder bestenfalls Baracken bauten — improvisierte Unterkuenfte

mit Waenden aus Holzresten und Erde.


Natuerlich hatte Onkel Witja grossen Respekt vor diesen Kisten aus dicken,

in Spezialtrocknern getrockneten Brettern. Mit ein paar solcher Kisten

koennte man gut und gerne die Haelfte seines Hauses bauen. Er grollte

also nicht, sondern war sogar zufrieden, dass er fuer seine Bauten

gelegentlich Verschnitt und Reste abstauben konnte.


Die Feuerwehrleute hingegen standen den Kisten ganz anders gegenueber.

Da all diese Schaetze die gesamte Flaeche von Wand zu Wand und vom

Boden bis zur Decke zustellten sich zudem in unmittelbarer Naehe der

Lackierkammer befanden, wurde dem Werkstattleiter eine Geldstrafe

aufgebrummt. Doch sein Gesicht blieb nicht lange trueb; es erhellte sich

bald zu einem froehlichen Lacheln, als der Erlass ueber die Praemie fuer die

Erfuellung des Kooperationsauftrags veroeffentlicht wurde.


Ich erinnere mich an diesen Vogel und denke, dass seine Vorfahren

vielleicht seit tausend Jahren an diesem Ort nisteten, wo wir versuchten,

die unglueckselige Platte aus dem Boden zu ziehen. Ausserdem erinnere ich

mich an Onkel Witja, dessen Ruhestand in seiner unscheinbaren Huette von

furchterregenden Gegenstaenden behuetet wurde, die von leuchtend

weissen Aluminiumabdeckungen geschuetzt waren.


Wie grossartig das alles war, und wie schnell es in sich zusammenbrach!


Vielleicht ist es deshalb zerbrochen, weil Onkel Witja wie dieser Vogel lebte

— fast in einem Nest und auf genau dieselbe Weise ununterbrochen nach

oben blickte, um dort sein Glueck zu suchen.



©Copyright: Alexander Piatkov, 2013

Veroeffentlichungsbescheinigung Nr. 213042501681


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