Der Westen und der Osten
Alexandr Piatkow
Eine kurvenreiche Reisende im Zug verspeiste sachkundig ein Kotelett mit Brot
(man muss zuerst das Kotelett bezwingen, damit es nicht verdirbt), ass danach
eine Mohnrolle als Nachtisch und beendete das Mahl mit Tee und Lebkuchen.
Nach einer Weile holte sie ebenso sachkundig Festal hervor, schluckte eine
Tablette, nahm etwas spaeter noch etwas gegen Bluthochdruck, und all dies mit
der vollen Gewissheit der Unfehlbarkeit ihres Lebensstils.
Zur gleichen Zeit sass ueber dieser praktischen Frau auf der oberen Pritsche
ein Yogi im Lotossitz.
Bevor er mit der Meditation begann, trank er ein paar Schlucke Saft. Er sass
mehrere Stunden lang regungslos mit geschlossenen Augen da und legte sich dann
schlafen. Am Morgen erwachte der Yogi spaeter als alle anderen, schaffte es aber
noch vor dem Aussteigen, eine Appelsine zu essen, und sah im Gegensatz zu unserer
gefrassigen Mitreisenden tadellos aus.
Diese Dame reiste nach Deutschland zu ihrer Tochter, die einen Deutschen
geheiratet hatte. Sie war eine Anhaengerin des westlichen Wertesystems und
Lebensstils. Sie ist bereit, jedes verzehrte Gericht mit einer entsprechenden
Tablette zu begleiten, wenn das im Westen so ueblich ist; bereit, neue Dinge zu
kaufen und vor Neujahr die zwar noch recht guten, aber langweilig
gewordenen alten Sachen mitleidlos wegzuwerfen.
Ihr ganzes Leben lang hatte sie in irgendeiner Fabrik gearbeitet, und nun war sie
endlich beim Konsum angelangt. Man kann sie verstehen, aber andererseits: Wer ein
Auto fahren will, lernt das Autofahren, doch wer ein nicht weniger komplexes und
kostspieliges Geschoepf Gottes durch das Leben fuehren will – naemlich sich
selbst, den Geliebten –, lernt den Konsum nie und tut alles nach Gefuehl. Er
nimmt sich ein Vorbild, aber aus irgendeinem Grund nicht an dem Yogi, der in
seiner Kunst uebrigens bestens bewandert ist, sondern an Subjekten mit einem
zugaenglicheren Lebensstil.
Und so fahren im selben Zug ein munterer, lebensfroher Yogi und eine
mammutartige, ehrgeizige, von der Richtigkeit ihrer Gewohnheiten ueberzeugte
Anhaengerin der Konsumgesellschaft. Aber fahren sie auch in die gleiche Richtung?
Kaum, wie ein Klassiker zu sagen pflegte: „Westen ist
Westen, und Osten ist Osten, und die beiden werden niemals zusammenkommen.“
© Copyright: Alexandr Piatkow, 2013
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