Onkel Kolja
Aleksandr Piatkov
Onkel Kolja war sehr erstaunt, dass ich die Kartoffeln mit dem gebratenen
Speck nicht essen wollte. Aber aus dem Speck ragten Borsten heraus, und
ich brachte es nicht ueber mich. Danach fragte er mich staendig: „Was esst
ihr denn da in der Stadt?“ Bis zur Stadt waren es etwa dreihundert
Kilometer.
Onkel Kolja war der Mechaniker der zweiten Abteilung einer der Neuland-
Sowchosen. Waehrend der Aussaatkampagne 1974 half ich zusammen mit
anderen Abgeordneten aus dem Werk dem Dorf.
In den grossen Werken gab es viele Arbeiter, in den grossen Sowchosen
hingegen wenige. In einer langen Baracke neben dem Kontor befand sich
das Wohnheim fuer die Abgeordneten, die dort das ganze Jahr ueber lebten.
Die einen kamen, die anderen gingen.
In der Sowchose gab es sozusagen Stammpersonal und Wechselpersonal,
und ich weiss gar nicht, welcher Teil groesser war. Im Winter reparierten
die Abgeordneten Traktoren und Maehdrescher, danach kam die Aussaat,
dann wieder Reparatur, danach die Ernte, wieder Reparatur, und so ging es
ohne Ende weiter.
Natuerlich wurden aus dem Werk nicht gerade die umgaenglichsten und
diszipliniertesten Leute geschickt, weshalb sie in der laendlichen Einoede
ihre ganz eigene Atmosphaere schufen – eine, an die sie aus den
staedtischen Bierbars gewohnt waren. Es war ein permanenter Nervenkrieg;
der Direktor raste in seinem Lieferwagen herum und bruellte. Er nannte sich
selbst einen an das Maschinengewehr geketteten Schuetzen, der
ununterbrochen auf alle ballern muesste. Ein Sperrverband in einer Person;
man koennte sagen, das System klonte Schukows.
Eigentlich war die Sowchose ein Ein-Mann-Theater: Er spielte den
Maschinengewehrschuetzen, und alle anderen versteckten sich. Platz gab
es genug, die Sowchose umfasste vierunddreissigtausend Hektar. Wie es
mit einer solchen Belegschaft gelang, ueberhaupt irgendeine Ernte
einzufahren, kann ich nicht erklaeren – anscheinend gab es eine Art
resultierende Kraft, die jedoch so gering war, dass man zur Planerfuellung
alles restlos zusammenkratzen musste.
Man griff sogar auf die privaten Hofwirtschaften zurueck und organisierte
den sogenannten „Koppelverkauf“. Der Doerfler liefert Milch ab, und im
Gegenzug verkauft man ihm beispielsweise einen Fernseher. Willst du
Breschnew sehen, liefere Milch ab; lieferst du keine, siehst du ihn auch
nicht. Alle lieferten ab. Nur fuer die Saeuglinge liess man ein bisschen
uebrig. An Butter dachte schon gar niemand mehr.
Und so wurde die Wirtschaft in allen Sowchosen gefuehrt. Ich erzaehle das
fuer diejenigen, die aus dem Flugmodellbau-Zirkel des Pionierhauses direkt
auf kapitalistischem Territorium gelandet sind. Das ist die Generation des
grossen Umbruchs; sie sind jetzt Ende dreissig und erinnern sich mit
besonderer Waerme an das Sowjetland. Gegen die toten kommunistischen
Bazillen sind sie nicht geimpft und koennen sich leicht mit der Infektion
anstecken. Irgendwie haben sie sich natuerlich eingerichtet, aber der
Hoehepunkt ihres menschlichen Potenzials fiel genau in diese Zeit des
Umbruchs.
Onkel Kolja, der sich an den besten Tagen von Speck mit Kartoffeln
ernaehrte, war fuer die Technik auf siebzehntausend Hektar verantwortlich,
auf denen Lebensmittel erzeugt wurden. Er konnte kaum laufen, seine
Beine waren krank, und ich fuhr ihn in meinem Werkstattwagen von Traktor
zu Traktor; ohne ihn wussten die Abgeordneten nicht einmal richtig, wie
was eingestellt wird. Seine kranken Beine behandelte Onkel Kolja, indem er
sie in einen Misthaufen eingrub. Der Hoehepunkt der gesegneten
Stagnation – und schon in nur sechs Jahren sollte das Land im
Kommunismus leben!
Was wir in der Stadt assen, habe ich ihm nicht erst erklaert. Es war ja auch
ueberall oertlich verschieden: Es gab Regionen, Moskau, Leningrad, die Krim
mit einer durchaus passablen Versorgung, andernorts war es schlechter.
Aber die Landwirtschaft hing ueberall von den Abgeordneten ab, und das
musste unweigerlich im Zusammenbruch enden.
Die kommunistische Koenigin hoerte auf, Schukows in ihren Sowchos-
Waben zu klonen, aber auch die amerikanische Koenigin half den Liberalen
zum grossen Verdruss nicht beim Klonen von Fords.
Eine neue Koenigin heranzuzuechten gelingt ebenfalls nicht, wie ein antiker
Philosoph sagte: „Was auch immer wir erschaffen, am Ende kommt immer
die KPdSU dabei heraus“.
Ich frage mich, in welchem Zustand sich die Glaeubigen befanden und was
Luther dazu bewog, seine fuenfundneunzig Thesen an die Tuer der
Schlosskirche zu nageln? Oder in welchem Zustand war die Steppe, als
Dschingis Khan seine Jassa einfuehrte?
Damit eine neue Koenigin entstehen kann – also ein neuer Satz von
Stereotypen –, muss der alte Satz vollkommen zerfallen, sich in Substrat, in
Humus verwandeln, was ja eigentlich gerade geschieht.
Wir koennen nicht glauben, dass unsere schoene Welt vor unseren Augen
zu Staub zerfaellt. Und unsere siechende Gesellschaft versucht, darin ihre
kranken Beine zu kurieren, waehrend die abgeordneten Chicago Boys uns
beibringen, die Reibungskupplungen an unserem auseinanderfallenden
Traktor einzustellen.
© Copyright: Александр Пятков, 2013
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