Die Zeit des Jazz
Aleksandr Piatkov
In einem ruhigen Staedtchen hinter dem Ural, an der Grenze zwischen
Waeldern und Steppen, lauschte ich dem Jazz an der Wende von den
kalten Fuenfzigern zu den Tauwetter-Sechzigern. Die Toene stroemten
hinter einem Flechtzaun hervor, der gleichzeitig als Wand fuer einen
mit Rasen gedeckten Schuppen diente.
Mein Nachbar, Kolja Suchodubow, spielte Klarinette. Sein weicher,
feiner Step-Tanz auf dicken Gummisohlen und seine Roehrenhosen
ergaenzten die Musik harmonisch. Wie sich dieser Lebensstil mitten
auf einem streng bewachten kommunistischen Kontinent verbreiten
konnte, weiss ich nicht. Aber in der Stadt gab es eine Radiofabrik,
und unser staedtischer Aether war uebervoll von Amateur-
Radiostationen — natuerlich illegalen. Man nannte sie Leierkasten,
und ihre Besitzer Leierkastenmaenner. Als die Tonbandgeraete aufkamen,
brach im Staedtchen am Ischim die Zeit des Jazz an.
Ob der Jazz daran schuld ist, wie es ein bekanntes Sprichwort sagt,
aber nach dem Hochwasser der Neunziger zerreissen montags die
Erkennungsmelodien der „Zeit des Jazz“ aus einer Stadt an der Seine
die morgendliche Stille auf einem der staubigen Maerkte der Krim.
Arbeitende und Urlauber — sie sind auch meine Kaeufer — nehmen das
Geschehen mit Begeisterung auf!
Fuer einen Augenblick taucht die Harmonie, mit der der Schoepfer
seine Gegenwart in der Welt offenbart, die zerzausten Seelen der
eilenden Passanten in ein Taufbecken voller gnadenreicher
Schwingungen, die die Gebeugten aufrichten und die Gefallenen erheben.
Vielleicht koennte man das eine Auferstehung nennen, oder zumindest
macht es Hoffnung!
Publikationszertifikat Nr. 213043001458 vom 30.04.2013
© Copyright: Aleksandr Piatkov, 2013
Uebersetzung aus dem Russischen f;r proza.ru
Свидетельство о публикации №226090701496