Der Lauf der Ewigkeit
Autor: Alexandr Piatkov (Alexandr Piatkov)
Rubrik: Naturwissenschaften (Naturkunde)
Uebersetzt von KI
Originaltext: proza.ru/avtor/alexanderan
Datum: 16. Oktober 2026
Publikationszertifikat: Nr. 226101600566
Der Lauf der Ewigkeit
Alexandr Piatkov
Wohin stuerzt die Stroemung der industriellen Zivilisation und was wird von ihr
uebrig bleiben? Ein Blick auf die Geschichte des Planeten durch das Prisma der
grossen Stroeme Eurasiens, die Evolution der lebendigen Energie und die tiefe
anthropologische Krise der Moderne. Wie hat die Verwandlung des Menschen in ein
Anhaengsel der Maschine die Demografie zerstoert, und warum vergiftet das
technogene Lebenstempo unsere Art? Der Autor schlaegt ein einzigartiges Projekt
zur Rettung des irdischen Erbes vor – die Schaffung autonomer „zivilisatorischer
Leuchttuerme“ auf der stabilsten tektonischen Platte des Planeten.
Exzerpt
In Verbindung mit der sich verschaerfenden Krise der industriellen Zivilisation
untersucht die vorliegende Arbeit die Moeglichkeit, ein langfristiges
Informationsmodell der Zukunft zu erstellen. Der Artikel analysiert geologische,
biologische und soziale Faktoren, die die Entstehung der systemischen Krise des
gegenwaertigen Anthropozaens beeinflusst haben. Es wird das Konzept
vorgeschlagen, autonome unterirdische Rechenzentren auf der Eurasischen
Lithosphaerenplatte zu errichten, um fuer neue Generationen ein umfassendes
Wissen ueber die Geschichte, die Technik und die fundamentalen Probleme ihrer
Vorgaenger zu bewahren.
Die Eurasische Lithosphaerenplatte
Die Natur bereitete sich ueber Jahrmillionen darauf vor, den Samen des
vernunftbegabten Lebens in ihren Schoss aufzunehmen. Die praenatale Phase dauerte
viele Jahrtausende. Schliesslich formte sich die vernunftbegabte Art, erstarkte
und breitete sich aus, indem sie alle erdenklichen Grenzen und Barrieren des
Lebensraums ueberwand. Sie hat sich gut in ihre Rolle eingefunden, schlug Wurzeln
in der lebendigen Materie und versucht heute sogar, sich aus deren Fesseln zu
befreien, die letzte Nabelschnur zu durchtrennen.
In geologischen Zeitskalen gleicht dies einem Spiel im Sandkasten. Wenn man ein
realistisches und anschauliches Modell des zurueckgelegten Weges baut, wuerde die
Menschheit wie ein Kind dann vielleicht dessen wahren Sinn besser verstehen?
Die grossen Stroeme Eurasiens
Die Bestimmung des genauen geologischen Alters von Fluessen ist eine hochkomplexe
Aufgabe. Flusssysteme veraendern staendig ihre Gestalt, trocknen aus, frieren in
Eiszeiten ein und formieren sich neu. Auf der Grundlage aktueller geologischer
Daten wird das Alter der Taeler der grossen Fluesse der Eurasischen Platte wie
folgt geschaetzt:
– Irtysch (ca. 150–180 Millionen Jahre). Der aelteste Fluss des Kontinents. Sein
Tal begann sich bereits in der Jurazeit des Mesozoikums herauszubilden.
– Ob (ca. 33 Millionen Jahre). Die uralte Prae-Ob formte sich im Oligozean. Ihr
heutiges Bett nahm der Fluss nach dem Ende der Eiszeiten vor etwa 60.000 Jahren
an.
– Lena (ca. 15–20 Millionen Jahre). Das Flusstal begann sich im Miozaen aktiv zu
bilden. Dabei gelten der Unterlauf und das Delta als juenger; sie entwickelten
sich erst im Quartaer.
– Dnjepr (ca. 5–6 Millionen Jahre). Der Palaeo-Dnjepr entstand im Neogen. Das
endgueltige Geruest des Flusstals mit seinem Terrassensystem bildete sich unter
dem Einfluss der Dnjepr-Eiszeit im Quartaer.
– Wolga (ca. 5 Millionen Jahre). Die Palaeo-Wolga floss im Pliozaen
urspruenglich aus der Richtung des Urals. Das moderne Becken mit der Quelle in
den Waldaihoehen und der Oka als groesstem Nebenfluss formierte sich endgueltig
vor etwa 1,5–1,8 Millionen Jahren.
– Jenissei (ca. 2–3 Millionen Jahre). Ein relativ junges Tal. Der Fluss bahnte
sich seinen Weg nach Norden zur Karasee endgueltig am Ende des Neogens und zu
Beginn des Pleistozaens unter dem Einfluss tektonischer Verschiebungen an der
Grenze zwischen West- und Ostsibirien.
Die geeinte globale Eurasische Platte traegt all diese Wasseradern. Die
Vorbereitung dieses Territoriums fuer die Besiedlung und die Fuehrung von
Hauswirtschaften kostete den Planeten Millionen von Jahren.
Evolution und Domestikation der Pferde
Die Heimat der modernen biologischen Gattung der Pferde ist Nordamerika, und ihr
reines Alter betraegt 4–4,5 Millionen Jahre. Die Chronologie des Ursprungs und
der Evolution dieses Begleiters der Menschheit teilt sich in zwei
Schluesselphasen.
1.Wilde Vorfahren und Evolution der Gattung
Der aelteste Vorfahre der Pferdefamilie (Hyracotherium oder Eohippus) erschien in
den Waeldern Nordamerikas. Die gesamte Geschichte der Familie umfasst etwa 55–60
Millionen Jahre. Von dort kamen spaeter auch die direkten Vorfahren der heutigen
Pferde, die vor etwa 2,5 Millionen Jahren ueber die natuerliche Landbruecke
Beringia nach Eurasien gelangten. Die moderne Gattung Equus selbst, die Pferde,
Zebras und Esel einschliesst, spaltete sich vor 4–4,5 Millionen Jahren endgueltig
ab.
2.Domestikation des Hauspferdes
Betrachtet man den Ursprung des eigentlichen Hauspferdes (Equus caballus), das
heute an der Seite des Menschen lebt, so weisen moderne genetische Studien auf
eine konkrete Region hin:
– Ursprungsort: Die Steppen Westeurasiens, genauer gesagt die Wolga-Don-Region
(Territorium des heutigen Russlands).
– Alter der Art: Die Domestikation erfolgte vor etwa 4.200–4.300 Jahren (ca.
2.200 v. Chr.) durch Vertreter der Jamnaja-Kultur. Von hier aus breiteten sich
die domestizierten Pferde mit robustem Knochenbau und fuegsamem Wesen
unaufhaltsam ueber ganz Europa und Asien aus.
Energiebilanz: Lebendige Kraft gegen Diesel
Ein Liter Dieselkraftstoff enthaelt etwa 11,9 kWh (oder 43,12 MJ) Waermeenergie.
Da das Pferd ein Lebewesen ist, laesst sich sein Energieaequivalent am
treffendsten ueber die nuetzliche mechanische Arbeit waehrend eines
standardmaessigen 8-Stunden-Arbeitstages bewerten. Diese betraegt etwa 5,9 kWh
(oder 8 Pferdest;rkenstunden).
Fuer einen korrekten Vergleich der Potenziale muss beruecksichtigt werden, dass
ein Verbrennungsmotor Waermeverluste aufweist und sein mittlerer Wirkungsgrad bei
etwa 40 % liegt.
– Potenzial von 1 Liter Dieselkraftstoff: Die gesamte Waermeenergie bei 100-
prozentiger Verbrennung betraegt 11,9 kWh. Die nuetzliche mechanische Energie,
die ein moderner Dieselmotor unter Beruecksichtigung des Wirkungsgrades abgibt,
liegt bei etwa 4,76 kWh (ca. 6,5 PS-Stunden). Die Hauptbegrenzung liegt hier
lediglich im Vorhandensein von Kraftstoff – die Maschine arbeitet, solange etwas
im Tank ist.
– Potenzial eines lebenden Pferdes: Eine metrische Pferdestaerkeneinheit (PS)
entspricht 735,5 Watt. Demnach ist eine Pferdestaerkenstunde (Arbeitseinheit)
gleich 0,7355 kWh. Ein reales, gesundes Pferd leistet in einer 8-Stunden-Schicht
etwa 8 PS-Stunden, was 5,9 kWh nuetzlicher Arbeit entspricht. Als Energiequelle
dient der Stoffwechsel, der mindestens 25.000 kcal aus dem Futter pro Tag
erfordert. Der lebendige Organismus ist durch biologische Faktoren streng
limitiert: Er braucht regelmaessige Erholung, Schlaf, Nahrung und ist anfaellig
fuer Muedigkeit und Krankheiten.
Hauptfazit: Nur 1,25 Liter Dieselkraftstoff, die im Motor eines Traktors
verbrennen, ersetzen einen ganzen Tag entbehrungsreicher koerperlicher Arbeit
eines lebenden Pferdes vollkommen. Gerade diese enorme Energiedichte im
fluessigen Kraftstoff sicherte die industrielle Revolution und befreite die
Menschheit fuer immer von der allgegenwaertigen Abhaengigkeit von Zugtieren.
Andere Haustiere
Das Hausschaf (Ovis aries)
Wurde vor etwa 11.000 bis 12.000 Jahren in der Zeit des Neolithikums domestiziert
und zaehlt damit zu den aeltesten Nutztieren der Geschichte.
– Ursprungsregion: Der Fruchtbare Halbmond in Vorderasien. Genetische und
archaeologische Forschungen verweisen auf die Gebiete der heutigen Tuerkei
(Zentralanatolien, die antike Siedlung Asikli Hoeyuek), des Irak, Syriens
(Nordmesopotamien) und des westlichen Irans. Vor etwa 7.000 Jahren gelangten
Schafe nach Europa und breiteten sich anschliessend ueber ganz Eurasien und
Afrika aus.
– Wilder Vorfahre: Als genetischer Hauptvorfahre ist das asiatische Mufflon
(Ovis gmelini) anerkannt. Der Beweis liegt im Karyotyp: Sowohl das Hausschaf als
auch das Mufflon besitzen dieselbe Chromosomenanzahl – 54.
– Biologisches Alter: Im Durchschnitt leben Schafe 10–12 Jahre (unter
geschuetzten Bedingungen maximal bis zu 25 Jahre). Auf Bauernhoefen werden sie
bis zu 7–8 Jahre gehalten, da sich nach diesem Alter ihre Zaehne abnutzen. Die
Geschlechtsreife tritt mit 4–6 Monaten ein.
Die Hauskuh
Erschien als domestizierte Unterart des Wildrinds (Auerochse) vor etwa 10.500
Jahren. Als primaeres Herkunftszentrum der buckellosen Rinder (Bos taurus) gilt
der Nahe Osten. Parallel dazu erfolgte vor etwa 8.000–9.000 Jahren im Tal des
Indus-Flusses eine unabhaengige Domestikation des Buckelrinds, des Zebus (Bos
indicus).
– Wilder Vorfahre: Der urzeitliche wilde Auerochse (Bos primigenius), der sich
als Art in Afrika und Eurasien vor etwa 250.000 Jahren herausbildete. Der letzte
Auerochse der Erde starb im Jahr 1627.
– Die Gattung Eigentliche Rinder (Bos): Spaltete sich von den gemeinsamen
Vorfahren der Horntraeger im Pleistozaen vor etwa 2 Millionen Jahren ab.
Kulturgetreide
Kulturgetreide entstand als Ergebnis der neolithischen Revolution. Der Prozess
ihrer Domestikation begann vor etwa 10.000–12.000 Jahren unabhaengig voneinander
in mehreren grossen geografischen Zentren:
– Weizen (Triticum): Naher Osten (Fruchtbarer Halbmond, Levante). Alter der
Kulturart: 10.000 – 12.000 Jahre.
– Gerste (Hordeum): Naher Osten (Levante, Vorderasien). Alter der Kultur: 10.000
– 11.000 Jahre.
– Reis (Oryza sativa): Ostasien (Tal des Jangtse-Flusses, China). Kultiviert vor
etwa 9.000 – 10.000 Jahren.
– Mais (Zea mays): Mesoamerika (Suedmexiko, gezuechtet aus dem Wildgras
Teosinte). Alter der Art: etwa 9.000 Jahre.
– Hirse (Panicum): Ostasien (Becken des Gelben Flusses, China). Alter der
Kultur: 8.000 – 10.000 Jahre.
– Sorghum (Sorghum): Nordostafrika (Sahelzone, Aethiopien). Domestiziert vor
etwa 5.000 – 6.000 Jahren.
– Roggen (Secale cereale): Vorderasien und Suedosteuropa. Entwickelte sich als
Unkraut in Weizenfeldern. Als selbstaendige Kultur existiert er seit 4.000 –
5.000 Jahren.
– Hafer (Avena sativa): Mittelmeerraum, Mongolei und Nordostchina. Stammt von
sekundaeren Unkraeutern ab. In Europa existiert er als Kultur seit etwa 3.000
Jahren.
Anmerkung: Die biologische Familie der Suessgraeser (Poaceae) selbst entstand
lange vor dem Menschen – am Ende der Kreidezeit, vor etwa 65–70 Millionen Jahren.
Krise der Industrialisierung und der anthropologische Bruch
Zehntausend Jahre brauchte die traditionelle landwirtschaftliche Produktion, um
zur Industrialisierung zu gelangen, die auf Kohlenwasserstoff-Kraftstoffen
basiert. Heute steht dieser Sektor vor einem Dieselmangel und wird der
uebermaessigen Emission von Treibhausgasen bezichtigt. Die geologischen
Bedingungen erlauben eine vernuenftige Bewirtschaftung noch fuer einige Millionen
Jahre. Die Frage ist nur, was genau aus dem Erbe der industriellen Zivilisation
in die Zukunft mitgenommen werden sollte?
Ausgehend von den menschlichen Grundbeduerfnissen, die die Lebenserwartung in
noerdlichen Breiten erheblich verlaengern, kann man getrost seine Stimme fuer die
zahnmedizinische Implantologie und all ihre zuliefernden Branchen abgeben. Und
fuer die Pferdezucht sollte man einen grundlegend neuen Industriezweig schaffen,
um diese gesamte Richtung zu den ersten Passagieren im Phaeton der naechsten
Jahrtausende zu zaehlen.
Die enorme Energiedichte im fluessigen Kraftstoff befreite die Menschheit von der
allgegenwaertigen Nutzung von Zugtieren. Doch was geschah mit dem Menschen, der
die Dieselmaschine steuert? Inwieweit entspricht die Arbeit eines Traktorfahrers,
eines Lokfuehrers oder eines Fernfahrers der Rolle seines Organismus bei der
Reproduktion der Population? Wie hat sich die Verwandlung des Mannes in ein
Anhaengsel des Mechanismus auf den Zustand der Gesellschaft ausgewirkt? War dies
die Rolle eines Kavalleriesten, eines Husaren, eines Dschigiten oder eines
Kutschers in den Gemeinschaften vergangener Zeiten, als Familien noch 5 bis 8
Kinder hatten?
Der Uebergang von der lebendigen Zugkraft zu Maschinen hat die sozial-biologische
Rolle des Mannes grundlegend veraendert, was sich direkt negativ auf die
Demografie auswirkte. Das Steuern einer Dieselmaschine verwandelte den Arbeiter
in einen Bediener, dessen Organismus biologisch nicht mehr der technologischen
Macht unter seiner Motorhaube entsprach. Waehrend der Kavallerist oder Kutscher
in einer biosozialen Symbiose mit einem Lebewesen standen, wurde der moderne
Fahrer zum Servicepersonal toter Materie. Dies fuehrte zu einer tiefen Krise der
maennlichen Identitaet und trug zum Geburtenrueckgang bis hin zur Depopulation
bei.
Betrachten wir die Schluesselaspekte dieses Bruchs:
– Charakter der Interaktion: Symbiose versus Bedienung. Die Arbeit eines Reiters
oder Kutschers baute auf der Lenkung eines fremden Willens und einer fremden
Kraft auf, was Empathie, blitzschnelle Reaktion und Geschicklichkeit erforderte.
Das Pferd war die Verlaengerung seines Koerpers. Im Dieselzeitalter verschwand
dieser lebendige Kontakt. Die Arbeit reduzierte sich auf die monotone Kontrolle
von Sensoren, Hebeln und Knoepfen. Der Mann zaehmt keine lebendige Naturgewalt
mehr – er ueberwacht lediglich das Funktionieren von Kolben, was den Prozess in
eine psychologisch auslaugende Routine verwandelt.
– Biologische Belastung: Biomechanik versus Zerstoerung. Der Organismus des
traditionellen Reiters entwickelte sich unter den Bedingungen natuerlicher
Aktivitaet an der frischen Luft, was einen hohen Testosteronspiegel und ein
gesundes hormonelles Gleichgewicht aufrechterhielt. Der moderne Fahrer ist mit
einer chronischen Zerstoerung der Gesundheit konfrontiert: stundenlanges
unbewegliches Sitzen, Vibrationskrankheit, berufsbedingte Schwerhoerigkeit durch
Motorenlaerm, Wirbelsaeulenprobleme und das Einatmen von Abgasen unterdruecken
das Fortpflanzungssystem. Physisch zehrt der Mann aus, indem er einfach nur an
Ort und Stelle sitzt.
– Wahrnehmung in der Gesellschaft: Symbol der Maennlichkeit versus Zahnrad. In
traditionellen Gemeinschaften war der Reiter ein Symbol fuer Autonomie und
Freiheit. Der Mann wurde als selbstaendiges Subjekt wahrgenommen, von dessen
persoenlicher Kraft und Tapferkeit Leben abhingen. Die industrielle Gesellschaft
verwandelte ihn in ein funktionales, leicht austauschbares Element der
Logistikkette. Der Verlust der Einzigartigkeit, die strikte Bindung an
Anweisungen und Fahrplaene zerstoerten die traditionelle Autoritaet des Mannes in
Familie und Gemeinde.
– Demografische Verschiebung: Die Oekonomie der Kinderreichen. Im Zeitalter der
Kutscher war Energie dezentralisiert und teuer. Um das Land zu bestellen und zu
ueberleben, brauchte man viele Haende – Kinder waren eine wirtschaftliche
Ressource und das Kapital der Familie. Der Vater erzog die Soehne direkt im
Prozess der gemeinsamen Arbeit. Im Dieselzeitalter ersetzten Maschinen Millionen
von Menschen. In der urbanisierten Gesellschaft hoerten Kinder auf, Helfer zu
sein, und wurden zu einem riesigen Ausgabenposten fuer langjaehrige Ausbildung
und den Erwerb von Wohnraum. Kinderreichtum wurde zu einer unbezahlbaren Last.
Der Zerfall der Familie, der Gemeinde und der lokalen Umgebung als
Produktionsstrukturen sowie die Beschleunigung des Lebens tempos fuehrten zur
Entstehung des Proletariats, das „nichts zu verlieren hat als seine Ketten“. Es
fand eine totale Dehumanisierung statt. Die weiteren Veraenderungen stellten die
Existenzmoeglichkeit der Art Homo sapiens in einer industriellen Gesellschaft,
die ihn als Population lebender Organismen ignoriert, in Frage.
Theorien zur Loesung des Antagonismus zwischen Organismus und Maschine
Der beschriebene Widerspruch steht im Mittelpunkt der Philosophie, Soziologie und
Oekologie der letzten zwei Jahrhunderte. Die Weigerung der Industrie, die
biologischen Grundlagen des Menschen anzuerkennen, fuehrte zur Bildung von vier
theoretischen Schluesselmodellen zur Aufloesung dieses fundamentalen
Antagonismus.
1.Das Konzept der „Entfremdung“ und die Humanisierung der Arbeit (Marxismus und
Frankfurter Schule)
Karl Marx beschrieb, wie der Arbeiter beginnt, den Rhythmus der Maschine zu
bedienen, was die Entfremdung des Menschen von seinem eigenen Wesen erzeugt. Der
klassische Marxismus sah den Ausweg im Uebergang der Maschinen in das Eigentum
der Gesellschaft, damit die Automatisierung Zeit fuer Kreativitaet und Familie
freisetzt. Spaeter fuegten Herbert Marcuse und Erich Fromm hinzu, dass der
Antagonismus nur durch einen radikalen Humanismus ueberwunden werden kann – durch
die Unterordnung des Tempos des technischen Fortschritts unter die biologischen
und psychologischen Beduerfnisse des menschlichen Organismus, und nicht unter die
Anforderungen oekonomischer Effizienz.
2.Die Theorie der Technosphaere (Jacques Ellul und Lewis Mumford)
Die Anhaenger dieses Konzepts behaupten, dass die Technik (die Megamaschine) zu
einer autonomen Kraft geworden ist. Das System hat sich auf die Beduerfnisse der
Selbstreproduktion von Maschinen umgestellt, nicht von Menschen. Lewis Mumford
schlug einen Uebergang zur „Biotechnik“ vor – Technologien, die dem Menschen
angemessen und in lokale Gemeinschaften integriert sind, ohne die biologischen
Rhythmen zu stoeren. Jacques Ellul glaubte, dass eine Loesung nur durch ein
tiefes spirituelles Erwachen der Menschheit und den bewussten kollektiven
Verzicht auf das Diktat der technologischen Effizienz moeglich sei.
3.Oekosoziologie, Biozentrismus und der Club of Rome
Diese Richtung betrachtet das Problem unter dem Gesichtspunkt des Ueberlebens der
Art. Depopulation, seelische Zerstoerung und Stress sind Symptome fuer die
Vergiftung des Menschen durch die unnatuerliche technogene Umwelt. Das Konzept
der „nachhaltigen Entwicklung“ (Sustainable Development) und die Theorien des
Postwachstums (Degrowth) schlagen ein bewusstes Abbremsen der Industrie vor:
Deurbanisierung, Rueckkehr zu Neo-Gemeinschaften, Verkuerzung der Arbeitszeit und
Neuausrichtung der Wirtschaft vom quantitativen Wachstum auf die qualitative
Reproduktion der Population (Gesundheit, Kinderkriegen, Oekologie).
4.Transhumanismus und Techno-Optimismus
Eine diametral entgegengesetzte Sichtweise. Waehrend die vorherigen Theorien
versuchten, die Maschine zu bremsen, um die Biologie zu retten, schlaegt der
Transhumanismus vor, den Organismus selbst zu veraendern, damit er aufhoert, das
schwache Glied zu sein. Der Antagonismus wird durch die Verschmelzung von Mensch
und Maschine aufgehoben (Cyborgisierung, genetische Modifikation,
Neurointerfaces). In dieser Optik weicht der Homo sapiens als biologische Art dem
Postmenschen, der jeglichen technogenen Belastungen standhalten kann, und das
Problem der Fortpflanzung verlagert sich vom biologischen Kinderkriegen auf die
technologische Reproduktion.
Das moderne Denken balanciert zwischen zwei Polen: entweder dem oeko-
humanistischen Weg (die Maschine der Biologie des Menschen unterordnen, das
Lebenstempo verlangsamen) oder dem technokratischen Weg (die biologische Natur
des Menschen endgueltig der Effizienz opfern).
Modellierung der Zukunft und die Rolle von Informationssystemen
In den alten Tempeln Hindustans und den grossen Pyramiden Aegyptens wurde das
alltaegliche Leben als etwas Voruebergehendes, Weltliches dargestellt, das nur
den Uebergang in die Ewigkeit sichern sollte. Die industrielle Zivilisation ist
von der Teilung der Welt in eine obere und untere Ebene abgerueckt. Sie hat die
Welt mit Wissen und der Faehigkeit erfuellt, materielle Gueter in Massen zu
reproduzieren, von denen fruehere Generationen nur traeumen konnten.
Jedoch reduzierte sich die ganze Fuelle des Lebens auf den materiellen Konsum.
Das aesthetische Gefuehl hat keine globalen Traeger mehr, die Meisterwerke der
Kunst und Architektur keine grossen Auftraggeber. Der Gedanke, dass das Leben
eines einzelnen Organismus endlich ist, hat im Bewusstsein moderner Eigentuemer
bereits Platz, doch dass die Lebenszeit der Zivilisation selbst noch frueher
ablaufen koennte – daran erinnert man sie besser nicht. Obwohl jede lebensfaehige
Zivilisation den Menschen mit der Ewigkeit versoehnen muss, verwandelt sie sich
andernfalls einfach in ein sattes Rudel.
Was auch immer die Folgen der aktuellen Krise sein moegen, ihr Resultat wird die
Entwicklung eines neuen Zweiges der vernunftbegabten Art aus der bestehenden
Landschaft heraus sein. Um die Fehler vergangener Epochen nicht zu wiederholen,
die zyklopische Bauten ohne jegliche rationale Erklaerung hinterliessen, ist es
bereits jetzt notwendig, ein gross angelegtes Modell fuer die Existenz der Art
Homo sapiens auf der Eurasischen Lithosphaerenplatte fuer die naechsten 10.000
Jahre zu erstellen. Auf diesem Raum werden keine globalen geologischen
Katastrophen prognostiziert, und er ist von einer Vielzahl von Voelkern
besiedelt, die in der Lage sind, eine Wirtschaft in Symbiose mit der Natur zu
fuehren.
Dieses Modell kann in physischen Modellen umgesetzt werden, die die Standorte
unterirdischer Rechenzentren in geschuetzten Bunkern abbilden. Solche Speicher
muessen mit autonomen, wartungsfreien Energiequellen ausgestattet sein, die fuer
Jahrtausende ausgelegt sind. Auf ihren Datentraegern muessen Datenbanken ueber
alle existierenden Wissensbereiche, Industrien, Kuenste und die Medizin
archiviert werden, um zukuenftigen Generationen eine umfassende Vorstellung von
unserer Zivilisation und ihren tragischen Lehren zu vermitteln.
In ebenso befestigten Anlagen sollten Museen mit Modellen der Lebensgestaltung in
den jeweiligen Regionen eingerichtet werden. Sie werden die Evolution der
Wirtschaftssysteme und der gesellschaftlichen Organisation der Territorien
anschaulich demonstrieren. Beim Anblick dieser Installationen, die den wahren Weg
der Zivilisation zeigen, werden die Besucher solcher Museen die Ausmasse des
zurueckgelegten Weges begreifen koennen, seine Endlichkeit oder Unendlichkeit –
je nach ihrer eigenen Position in der Welt. Dies wird ein Ort des Nachdenkens
ueber das Ewige und das Weltliche sein, voellig frei von klerikalen
Konnotationen.
Vielleicht wird in ein paar tausend Jahren die Notwendigkeit fuer dieses Projekt
real entstehen, und die ersten Neophyten einer neuen Aera werden beginnen, sich
mit der Geschichte ihrer Vorgaenger vertraut zu machen. In der Evolution des Homo
sapiens sollte die Schaffung fortschrittlicher Informationssysteme und
kuenstlicher Intelligenz genau dieser Hauptaufgabe dienen – der Dokumentation,
Systematisierung und sicheren Verpackung von Informationen ueber die Geschichte
der Art, die sie erschaffen hat.
Es bleibt zu hoffen, dass diese Wissensschaetze mehr Glueck haben werden als
Tontafeln oder Papyrusrollen. Dies wird ein logischer Beitrag zur Rettung der
Menschheit sein, die von habgierigen Produzenten von Artefakten eines unbaendigen
Fortschritts in eine energetische, oekonomische und demografische Sackgasse
gefuehrt wurde.
Свидетельство о публикации №226101601340