Lisa Kottik im Marchenland
Eine groteske Erzahlung in sechs Abschnitten
Erstes Kapitel: Der Weg durch das Marchenland
Es war einmal eine Lisa Kottik, die ging durch das Marchenland. Und weil die Brucke eingesturzt war, war der Weg kurzer und billiger zugleich. „Also", sprach die Lisa Kottik, „muss i ruhig aus dem Bett steigen."
Das Marchenland war kein Land auf einer Karte, sondern ein Zustand zwischen Schlaf und Wachsein, zwischen Hoffnung und Resignation. Wer es betrat, spurte sofort jene eigentumliche Schwere in den Gliedern, die daher ruhrt, dass die Luft hier dicker war als anderswo — vollgesogen mit dem Atem all jener, die ebenfalls durch dieses Land gegangen waren und ihre Seufzer zuruckgelassen hatten. Die Baume standen kahl, aber nicht winterlich-kahl, sondern auf eine mude Art entlaubt, als hatten sie das Laub schlicht vergessen. Der Himmel war eine einzige graue Decke, die kein Licht durchlie;, und doch war es hell genug, um zu sehen, dass der Weg aus festgetretenem Schnee bestand, in dem sich die Spuren unzahliger Fu;e uberlagerten.
Die Lisa Kottik betrachtete diese Spuren und dachte, dass jede davon ein Leben gewesen war, und jede hatte einmal geglaubt, sie wurde an ein anderes Ziel kommen als dieses. Sie dachte an die Menschen, die hier gegangen waren, bevor sie kam, und an die, die nach ihr kommen wurden, und sie fragte sich, ob es einen Unterschied machte, ob man ging oder ob man blieb. In diesem Land, so schien es ihr, war das Gehen eine Art des Bleibens, und das Bleiben eine Art des Gehens. Alles war Ubergang, nichts war Ankunft. Die Brucke war eingesturzt, und mit ihr war auch die Idee einer Ankunft eingesturzt.
Am Rand des Weges stand ein alter Mann mit einer Mutze, die aussah, als hatte sie schon bessere Tage gesehen. Er hielt eine kleine Fahne in der Hand — rot und wei;, die Farben des Marchenlandes — und sagte zu der Lisa Kottik: „Du kannst net durch. Hier is die Grenze." Die Lisa Kottik schaute ihn an und sagte: „Welche Grenze? Die Brucke is doch eingesturzt." Der Mann schaute sie an und sagte: „Eben drum. Die Brucke is eingesturzt, aber die Grenze bleibt. Die Grenze is net aus Holz. Die Grenze is aus Papier und aus Angst. Und die sturzt net ein." Die Lisa Kottik fragte: „Und wenn i trotzdem geh?" Der Mann sagte: „Dann geh i mit dir. Aber i sag dir gleich: Es wird net leichter. Das Marchenland is uberall. Auch druben. Auch hier. Es gibt kein Druben, das net auch Hier war."
Die Lisa Kottik nickte und ging weiter. Der Mann mit der Mutze blieb zuruck. Sie horte ihn noch eine Weile murmeln: „Sie verlasst den marchenhaften Sektor. Sie verlasst den marchenhaften Sektor. Alles muss raus." Dann war es still.
Die eingesturzte Brucke lag am Rand des Weges — ein Haufen aus morschem Holz, verbogenen Eisentragern und zerbrochenen Gel;ndern, uberwuchert von einer dunnen Schicht Schnee, die wie ein Leichentuch uber dem lag, was einmal eine Verbindung zwischen zwei Ufern gewesen war. Auf der anderen Seite des Flusses, der hier so schmal war, dass man ihn fast uberspringen konnte, stand ein Haus. Es war klein, geduckt, mit einem Schornstein, aus dem kein Rauch stieg, und Fenstern, die aussahen wie geschlossene Augen. Die Lisa Kottik schaute lange hin;ber. Dann seufzte sie, steckte die H;nde tiefer in die Taschen ihres Mantels und ging weiter auf dem kurzeren Weg, der allerdings durch die odeste Gegend des Marchenlandes fuhrte.
Denn so war es bestellt in diesem Land: Jeder Weg war kurzer als der andere, und jeder endete woanders, als man gedacht hatte. Es gab keine Wegweiser, nur Stimmen, die gelegentlich aus dem Nichts sprachen und Dinge sagten wie: „Geh net weiter", oder: „Es is no fruh", oder: „Du hattest dahoam bleiben sollen". Die Lisa Kottik horte diese Stimmen, aber sie antwortete ihnen nicht, weil sie wusste, dass sie zu jenen gehorten, die schon lange nicht mehr weitergegangen waren.
Und dann sah sie die Mauer. Sie war nicht aus Stein, sondern aus Papier — aus unzahligen Blattern, die ubereinandergeklebt waren, beschrieben mit Worten, die niemand mehr las. Die Mauer war hoch, und sie war lang, und sie teilte das Marchenland in zwei Halften. Auf der einen Seite stand die Lisa Kottik, auf der anderen Seite war das Haus mit den geschlossenen Augen. Und dazwischen war die Mauer. Die Lisa Kottik fragte den Mann mit der Mutze, der ihr gefolgt war: „Is des die Mauer?" Der Mann sagte: „Des is die Mauer. Sie is aus Papier, aber sie is schwerer als Stein. Weil sie aus Angst is. Und Angst wiegt mehr als alles andere." Die Lisa Kottik fragte: „Kann i sie durchbrechen?" Der Mann sagte: „Du kannst es versuchen. Aber sie wird net einsturzen. Sie wird nur dicker. Und dicker. Und dicker."
Die Lisa Kottik ging naher heran. Sie beruhrte die Mauer. Sie fuhlte die Blatter, die sich anfuhlten wie Haut. Sie horte die Stimmen, die aus der Mauer sprachen — Stimmen von Menschen, die versucht hatten, sie zu durchbrechen, und die jetzt ein Teil von ihr waren. Sie horte ihren Atem, ihr Flustern, ihr Weinen. Und sie horte auch das Brummen von irgendwo dahinter — ein tiefes, vibrationsartiges Brummen, das durch die Mauer drang. Sie fragte: „Was is des?" Der Mann sagte: „Des is jemand, der druben lebt. Der brummt. Des is alles, was er noch kann. Brummen. Und warten." Die Lisa Kottik fragte: „Worauf wartet er?" Der Mann sagte: „Auf jemanden, der durch die Mauer kommt. Oder auf jemanden, der sie einrei;t. Oder auf nichts. Auf gar nichts."
Zweites Kapitel: Im Winter bei den Strau;en
Im Winter ist es bei den Strau;en noch dunkel, das wusste auch Burchard Bierhals. Da sa; die Lisa Kottik mit dem schweigsamen Anno Hugo Shieskopf und dem redseligen Martin Pimmel im Zimmer, und die dicke Matilda Mose aus Hinterwalden sah den Wolfgang Von Rannekampf.
Burchard Bierhals war ein Mann, von dem niemand so recht wusste, woher er kam, und der selbst behauptete, aus einem Land jenseits des Marchenlandes zu stammen, wo die Strau;e noch gro;er seien als hier und ihre Eier so schwer, dass man sie nur mit zwei Handen heben konne. Er sa; am Fenster, die Ellenbogen auf den Knien, und beobachtete, wie drau;en die Dunkelheit langsam dunner wurde — nicht hell, nur dunner, als wurde sie sich verbrauchen.
Burchard Bierhals sagte: „Wei;t du, Lisa Kottik, das Marchenland is wie ein Strau;. Er steckt den Kopf in den Sand und glaubt, er sei unsichtbar. Aber der Sand is net das Problem. Das Problem is, dass er den Sand fur die Welt halt." Die Lisa Kottik fragte: „Und was is die Welt, Burchard?" Burchard Bierhals sagte: „Die Welt is des, was du siehst, wenn du den Kopf aus dem Sand ziehst. Aber die meisten ziehen den Kopf nie raus. Sie bleiben im Sand. Sie glauben, der Sand sei die Welt. Und sie sterben im Sand, ohne je die Welt gesehen zu haben." Die Lisa Kottik fragte: „Und du, Burchard? Hast du den Kopf rausgezogen?" Burchard Bierhals schwieg lange. Dann sagte er: „I hab ihn rausgezogen, ja. Aber i hab ihn wieder reingesteckt. Weil die Welt drau;en zu gro; war. Zu kalt. Zu viel."
Der schweigsame Anno Hugo Shieskopf war ein Mann mit Augen wie zwei erloschenen Laternen; er hatte die Angewohnheit, die Hande zu falten und auf den Tisch zu legen, als wurde er beten wollen, es dann aber doch nicht zu tun. Der redselige Martin Pimmel hingegen sprach viel und schnell, als musse er die Stille des Marchenlandes mit Worten auffullen, die niemand behielt.
Die dicke Matilda Mose aus Hinterwalden sa; etwas abseits auf einem Hocker, dessen Bezug an einer Stelle aufgerissen war und gelbes Schaumgummi zeigte. Sie hatte den Wolfgang Von Rannekampf mitgebracht — einen Mann, der aussah, als ware er aus einem anderen Traum hierher geraten, mit einem Blick, der nie ganz auf etwas ruhte, sondern immer ein Stuck daneben. Sie sprachen wenig. Das Zimmer war eng, die Wande waren mit einer Tapete beklebt, die aussah wie ein verblasstes Muster aus einer langst vergangenen Zeit, und in der Ecke stand ein Ofen, der mehr Rauch machte als Warme. Es roch nach dem, was Menschen zurucklassen: nach feuchten Manteln, nach kaltem Rauch, nach dem, was man sagt, wenn man nicht wei;, was man sagen soll.
Auf dem Sofa lag ein Foto. Es war ein altes Foto, an den Randern geknickt, und was es zeigte, war nicht mehr deutlich zu erkennen — vielleicht einen Garten, vielleicht einen Fluss, vielleicht ein Haus auf der anderen Seite einer Brucke. Die Lisa Kottik nahm es in die Hand und drehte es um. Auf der Ruckseite stand nichts. Kein Datum, kein Name, keine Erklarung. Sie drehte es wieder um und betrachtete die Vorderseite. Sie erkannte einen Zaun, der quer durch das Bild lief, und dahinter — oder davor, sie wusste es nicht — einen Mann, der winkte. Sie fragte Burchard Bierhals: „Wer is des?" Burchard Bierhals schaute auf das Foto und sagte: „Des is einer, der die Brucke net gefunden hat. Oder der sie gefunden hat und net drubergehen wollte. Oder der drubergegangen is und net zuruckkonnte. Das Foto sagt es net. Das Foto sagt nie, was es sagen will. Deshalb sind Fotos in diesem Land so beliebt. Sie schweigen wie die Menschen."
Regen und Wind gingen durch das Haus, und in den Fenstern klirrten die Scheiben, als hatten sie Angst. Der dicke Koch kochte Gerichte aus einer anderen Zeit, und die Lisa Kottik brummte erst gar net.
Der dicke Koch war ein Mann mit einem Gesicht wie ein alter Kessel — rund, fleckig, mit einem Ausdruck, der sagte: Ich habe schon schlimmere Sturme gesehen, und ich habe sie alle uberlebt. Er hatte Topfe und Pfannen ausgebreitet, die aus einer Zeit der Knappheit und des Erfindungsreichtums stammten, und er kochte, was man kochen konnte, wenn es nicht viel gab: Kartoffeln, Kohl, eine Handvoll Graupen. Der Geruch von gedunstetem Kohl fullte die kleine Kuche und zog durch das ganze Haus, und er blieb in den Kleidern hangen und in den Vorhangen und in den Haaren der Menschen. Der dicke Koch summte dabei, aber nicht wirklich — er brummte, ein tiefer, vibrationsartiger Ton, der irgendwo in seinem Brustkorb entstand und durch die Zimmerdecke in das Zimmer der anderen wanderte.
„Warum brummst du, Koch?" fragte die dicke Matilda Mose aus Hinterwalden, aber der Koch antwortete nicht, weil er gerade dabei war, die Kartoffeln zu zerdrucken und dabei zu singen, ohne Worte, nur mit diesem Ton, der nichts und alles bedeutete.
Der redselige Martin Pimmel sagte plotzlich: „Das Brummen is das einzige, was uns noch verbindet. Wenn der Koch aufhort zu brummen, hort das Marchenland auf zu existieren. Dann sind wir nur noch Menschen in einem Zimmer. Und Menschen in einem Zimmer sind nichts Besonderes. Sie sind nur Menschen. Aber Menschen mit einem Brummen — das is eine Gemeinschaft." Der schweigsame Anno Hugo Shieskopf hob den Kopf und sagte zum ersten Mal an diesem Abend: „Gemeinschaft is ein gro;es Wort fur ein Zimmer mit einem Ofen und einem Topf Kohl." Der redselige Martin Pimmel sagte: „Gemeinschaft is immer ein gro;es Wort fur etwas Kleines. Aber das macht das Kleine net kleiner. Es macht nur das Wort gro;er."
Die Lisa Kottik dachte an die Mauer. Sie dachte an die Stimmen, die aus ihr sprachen. Sie dachte an das Brummen, das von der anderen Seite kam. Und sie fragte sich, ob das Brummen des Kochs vielleicht auch von der anderen Seite der Mauer kam — oder ob es nur der Koch war, der brummte, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Sie fragte Burchard Bierhals: „Burchard, is des Brummen von druben oder von hier?" Burchard Bierhals sagte: „Des is von uberall. Des Brummen is des Einzige, was keine Grenzen kennt. Des Brummen geht durch die Mauer durch. Wie das Wasser durch die Ritzen. Wie die Angst durch die Knochen." Die Lisa Kottik fragte: „Und was is mit der Liebe? Geht die Liebe auch durch die Mauer?" Burchard Bierhals sagte: „Die Liebe is wie des Brummen. Sie geht durch. Aber sie kommt net immer an. Manchmal bleibt sie in der Mauer stecken. Und dann wird sie zu einem Teil von ihr. Und dann is die Mauer noch dicker."
Drittes Kapitel: Um sechzehn Uhr
Um sechzehn Uhr aber sprach jemand: „Trink deinen Kakao." Die Lisa Kottik bat die Mutter: „Am Frosttag, beim Bein, trink Kaffee, Burchard Bierhals; sie, das Sofa und der Koch — nur die Mutter redet weiter."
Es gab keine Mutter in diesem Zimmer, aber es gab ihre Stimme. Die Lisa Kottik horte sie ganz deutlich, so als sa;e die Mutter am Tisch und wurde mit dem Loffel in der Tasse ruhren. Die Stimme war warm und ein wenig ungeduldig, wie Mutter nun einmal sind, wenn sie ihre Kinder lieben und ihnen gleichzeitig sagen wollen, dass sie jetzt endlich zur Vernunft kommen sollen. Die Mutter hatte immer gesagt: Trink deinen Kakao, iss deine Suppe, zieh dir was Warmes an. Und sie hatte immer gesagt: Lisa Kottik, du bist zu vertraumt. Du bist im Marchenland, Kind, und das Marchenland ist ein schlechter Ort fur Traumer.
Der Kakao, den die Mutter meinte, war kein gewohnlicher Kakao. Es war ein Kakao, wie ihn nur das Marchenland hervorbrachte: dunkel, fast schwarz, mit einer dicken Schicht aus geschmolzenen Zimtsternen, die auf der Oberflache schwammen wie kleine braune Inseln. Die Tasse war aus dickem Steingut, an der Innenseite mit einer Glasur uberzogen, die im Licht der kleinen Lampe glanzte wie ein zugefrorener See. Der Dampf, der aus der Tasse aufstieg, war so dicht, dass er sich an den Wimpern niederschlug und kleine Tropfen hinterlie;, die schmeckten wie Kindheit — su; und ein bisschen traurig. Und dann waren da noch die Marshmallows: kleine, rosafarbene und wei;e Wurfelchen, die im hei;en Kakao langsam weich wurden, ihre Form verloren und zu einer zahen, klebrigen Masse zerflossen, die sich um den Loffel wickelte wie eine Erinnerung, die man nicht loslassen will. Wenn man sie in den Mund nahm, waren sie hei; und su; und klebrig, und man musste lachen, obwohl man nicht wusste, warum. Es war ein Kakao, der nicht nur den Korper warmte, sondern auch die Seele — nicht weil er gut war, sondern weil er einen zwang, innezuhalten, den Loffel zu halten und zu warten, bis die Marshmallows geschmolzen waren. Und in diesem Warten lag eine kleine, stille Freude, die nichts mit Gluck zu tun hatte, sondern nur mit dem Augenblick.
Die Lisa Kottik sah sich um, als konnte sie die Mutter irgendwo entdecken, aber da waren nur der schweigsame Anno Hugo Shieskopf und der redselige Martin Pimmel, die jetzt noch schweigsamer waren als zuvor, und die dicke Matilda Mose aus Hinterwalden, die den Wolfgang Von Rannekampf ansah, und der Koch, der in der Kuche mit den Topfen hantierte. Die Wande waren so dunn, dass man das Brummen der Mutter durch sie hindurch horen konnte, oder war es das Brummen des Kochs, oder das Brummen des Ofens, oder das Brummen der eigenen Gedanken?
„Am Frosttag", sagte die Lisa Kottik leise zu sich selbst, „beim Bein, trink Kaffee, Burchard Bierhals; sie, das Sofa und der Koch — nur die Mutter redet weiter." Sie wusste, dass es keinen Sinn ergab. Aber sie wusste auch, dass es keinen Sinn ergeben musste. Im Marchenland ergab nichts einen Sinn, und gerade darin lag eine gewisse Ordnung. Der Frosttag war ein Tag, der nicht im Kalender stand, sondern an dem der Frost so tief in die Knochen kroch, dass man ihn nicht mehr loswurde. Das Bein war ein Bein, das jemandem wehtat, vielleicht Lisas eigenes, vielleicht das Bein einer Frau, die schon langst nicht mehr hier war. Der Kaffee war ein Trost, und Burchard Bierhals war ein Mann, der immer im falschen Moment hereinkam, und das Sofa war der Ort, an dem alle sa;en, wenn sie nicht wussten, wohin.
Die Mutter redete weiter. Sie redete uber die Dinge, uber die Mutter reden: uber die richtige Kleidung, uber die Erkaltung, uber die Nachbarn, uber die Zeit, die vergeht, und daruber, dass man nicht immer davonlaufen konne. „Lisa Kottik", sagte die Mutter, „das Marchenland is uberall und nirgends. Du kannst es net verlassen, indem du die Brucke suchst, die eingesturzt is. Du musst lernen, im Marchenland zu leben."
„Aber wie?" fragte die Lisa Kottik, und sie merkte, dass sie laut sprach, und dass die anderen sie horten, und dass es ihnen egal war, weil sie selbst schon lange nicht mehr wussten, was laut und was leise war.
„Indem du trinkst, was man dir gibt", sagte die Mutter, „und indem du zuhorst, wenn jemand redet, und wenn es nur das Brummen vom Koch is. Das is die Moral vom Marchenland, Lisa Kottik. Es is keine gro;e Moral, aber es is die einzige, die hier gilt."
Und dann sagte die Mutter noch etwas, etwas, das die Lisa Kottik nie verga;: „Das Marchenland, Lisa Kottik, is net des, was du siehst. Es is des, was du net siehst. Es is die Mauer, die durch die Kopfe geht. Die Mauer aus Angst, aus Gewohnheit, aus dem Gefuhl, dass alles immer so bleiben muss, wie es is. Diese Mauer sturzt net ein, wenn eine Brucke einsturzt. Diese Mauer sturzt nur ein, wenn du anfangst, sie zu sehen. Und dann — dann kannst du gehen. Aber du wirst feststellen, dass die Mauer net nur drau;en is. Sie is auch drinnen. Und die drinnen is die schwerste."
Die Lisa Kottik fragte: „Mutter, hast du die Mauer gesehen?" Die Mutter schwieg. Dann sagte sie: „I hab sie gesehen, ja. Aber i hab sie net durchbrochen. I hab sie nur angeschaut. Und dann hab i meinen Kakao getrunken. Und dann hab i gewartet. Gewartet, dass jemand anders sie durchbricht. Aber es is niemand gekommen. Und jetzt bin i hier. In der Mauer. Und i rede mit dir. Und du horst mir zu. Und des is mehr, als i je erwartet hatte."
Die Lisa Kottik spurte, wie ihr die Tranen kamen. Sie wusste nicht, ob sie um die Mutter weinte oder um sich selbst oder um all die Menschen, die in der Mauer steckten. Sie fragte: „Mutter, kann i dich rausholen?" Die Mutter sagte: „Net mit den Handen, Lisa Kottik. Nur mit dem Herzen. Indem du weitergehst. Indem du die Mauer net vergisst. Indem du sie siehst. Und indem du den Kakao trinkst. Mit Zimt. Und mit Marshmallows. Und dann — dann bin i vielleicht net mehr in der Mauer. Sondern in dir."
Viertes Kapitel: Das Mietzimmer
Und so blieb am Ende nur ein Mietzimmer.
Ein Mietzimmer am Rand des Marchenlandes, dort, wo die Hauser immer niedriger werden und die Stra;en immer leerer und die Menschen immer stiller. Das Zimmer war klein und hatte ein Fenster, durch das man auf einen Hof sah, der von Mauern umschlossen war, und auf dem Hof stand ein einzelner Baum, dessen Aste sich wie Finger in den grauen Himmel streckten. In der Ecke des Zimmers stand ein Bett mit einer Matratze, die durchgelegen war, ein Tisch mit einem wackeligen Bein, ein Stuhl, dessen Lehne fehlte, und ein Schrank, dessen Tur nicht mehr richtig schloss. Es roch nach Staub, nach dem Parfum der Vormieter, nach kaltem Zigarettenrauch, nach Einsamkeit.
Die Lisa Kottik packte ihre wenigen Habseligkeiten aus: ein paar Kleidungsstucke, das Foto von der anderen Seite der Brucke, eine Tasse, aus der niemand mehr trank, und einen kleinen Spiegel, in dem sie sich ansah und feststellte, dass sie alter aussah, als sie war. Das Marchenland hatte sie gezeichnet, mit feinen Linien um die Augen und einem Mund, der gelernt hatte zu schweigen. Drau;en ging der Regen nieder, und der Wind pfiff durch die Ritzen im Fensterrahmen, und irgendwo im Haus brummte jemand — der Koch, der immer noch kochte, oder die Mutter, die nie aufgehort hatte zu reden, oder das Marchenland selbst, das nie still war.
Eines Abends, als sie auf dem Bett sa; und das Foto betrachtete, klopfte es an der Tur. Die Lisa Kottik dachte, es sei der Vermieter, der die Miete wollte, oder eine Nachbarin, die Salz brauchte. Aber als sie offnete, stand ein Mann im Flur, dessen Gesicht sie kannte, ohne zu wissen, woher. Er war in einen abgetragenen Mantel gehullt, trug einen kleinen Koffer aus Leder, und in seinen Augen lag eine Mudigkeit, die tiefer ging als die Mudigkeit der Menschen. Es war Bael.
„Du bist die Lisa Kottik", sagte er. Es war keine Frage. Er wusste es. „Ich bin durch das Marchenland gegangen, wie du. Ich habe die Brucke gesucht, wie du. Und ich habe ein Sofa gefunden, auf dem ein Foto lag."
Die Lisa Kottik lie; ihn herein, weil man im Marchenland jeden hereinlie;, der anklopfte, und weil sie wusste, dass er nichts Boses im Sinn hatte. Er war ein Reisender, wie sie. Das Marchenland war voll von Reisenden, die nicht wussten, wohin sie gingen.
Bael setzte sich auf den Stuhl ohne Lehne und legte den Koffer auf seine Knie. Die Lisa Kottik setzte sich ihm gegenuber auf das Bett. Das Foto lag zwischen ihnen auf dem Tisch, und sie schwiegen eine Weile, weil im Marchenland das Schweigen oft mehr sagte als jedes Wort.
„Warum bist du gekommen?" fragte die Lisa Kottik schlie;lich.
„Weil ich dir etwas zeigen will", antwortete Bael. „Etwas, das man nur in der Stille des Mietzimmers versteht. Das Marchenland, Lisa Kottik, is kein Ort. Es is eine Prufung. Es is die Prufung, ob man lieben kann, wenn nichts mehr ubrig is — kein Zuhause, keine Brucke, keine Mutter, kein Foto, das man deuten kann. Ob man dann noch lieben kann, net aus Gewohnheit, net aus Pflicht, net aus Berechnung. Lieben als Akt des Widerstands gegen das Nichts."
Die Lisa Kottik fragte: „Und wenn man net lieben kann? Wenn man nur noch sich selbst hat und net einmal das?" Bael sagte: „Dann hat man immer noch das Zimmer. Das Zimmer is immer da. Das Zimmer is die letzte Festung. Und in dieser Festung kann man sitzen und warten. Warten is auch eine Form der Liebe. Warten is die Liebe, die noch net wei;, dass sie Liebe is." Die Lisa Kottik fragte: „Und wie lange kann man warten?" Bael sagte: „So lange man atmet. So lange man den Kakao trinkt und die Marshmallows schmelzen sieht. Das is die einzige Zeit, die zahlt. Die Zeit der schmelzenden Marshmallows." Die Lisa Kottik fragte: „Und was is mit der Mauer? Der Mauer, von der die Mutter sprach?" Bael sagte: „Die Mauer is des, was du siehst, wenn du aufwachst. Und das Zimmer is des, was du siehst, wenn du einschlafts. Zwischen beiden liegt das Marchenland. Und im Marchenland gibt es keine Mauer, die net auch ein Fenster ware. Man muss nur lange genug hinschauen."
Die Lisa Kottik fragte: „Bael, hast du die Mauer durchbrochen?" Bael schwieg lange. Dann sagte er: „I hab sie net durchbrochen. I hab sie nur angeschaut. Und dann hab i gesehen, dass sie aus Papier is. Und dass Papier brennt. Aber i hab kein Feuer gehabt. Also hab i gewartet. Gewartet, dass jemand anders sie anzundet. Aber es is niemand gekommen. Und jetzt bin i hier. Mit dir. Und mit dem Foto. Und mit dem Kakao." Die Lisa Kottik fragte: „Und was machen wir jetzt?" Bael sagte: „Wir trinken den Kakao. Und wir schauen die Mauer an. Und vielleicht, wenn wir lange genug schauen, wird sie durchsichtig. Und dann sehen wir, was dahinter is. Und vielleicht is dahinter net das Nichts. Sondern ein Zimmer. Mit einem Sofa. Und einem Foto. Und einem Koch, der brummt."
Er offnete den Koffer. Darin lag ein Bundel Papiere, vergilbt, mit Handschrift beschrieben, die verblasst war.
„Das sind Briefe", sagte er. „Briefe aus dem Marchenland. Menschen haben sie geschrieben, die die Brucke net mehr uberqueren konnten. Du musst sie net lesen. Aber ich will, dass du wei;t, dass sie existieren. Dass in diesem Land, das so viel nimmt, auch Menschen leben, die noch geben — wenn es auch nur Worte sind."
Die Lisa Kottik nahm einen der Briefe in die Hand. Er war an den Randern ausgefranst, und die Tinte war an manchen Stellen verlaufen, als hatte jemand mit Tranen geschrieben. Sie las: „Liebe Mutter, i bin noch hier. I hab die Brucke net gefunden. Aber i hab ein Zimmer gefunden. Es is klein, aber es hat ein Fenster. Und durch das Fenster sehe i einen Baum. Der Baum is kahl, aber er lebt. I auch. I lebe. Das is das Einzige, was i dir sagen kann. I lebe." Die Lisa Kottik legte den Brief zuruck. Sie sagte: „Sie haben alle uberlebt." Bael sagte: „Net alle. Aber die, die geschrieben haben, haben uberlebt. Das Schreiben is auch eine Form des Uberlebens. Das Schreiben is der Beweis, dass man noch da is. Dass man noch jemand is."
Funftes Kapitel: Die Gedichte Baels
Bael nahm ein einzelnes Blatt aus dem Bundel, hielt es sich nah an die Augen, weil das Licht im Mietzimmer zu schwach war, und begann zu lesen. Seine Stimme war ruhig, fast monoton, aber jedes Wort hatte das Gewicht eines Steines, der in ein stilles Wasser fallt.
Im Marchenland, wo Brucken brechen,
Wo niemand deine Namen ruft,
Da musst du deine Liebe sprechen,
Sonst wird sie kalt, sonst wird sie Luft.
Im Marchenland, wo alles schweigt,
Wo nichts dir Antwort gibt auf Fragen,
Da wird ein Wort, das du net zeigst,
Zu einem Ton aus alten Tagen.
Doch was du gibst, is net verloren,
Es bleibt im Zimmer, bleibt im Haus.
Es wird im Brummen neu geboren
Und zieht mit dir ins Nichts hinaus.
Bael sagte: „Diese Gedichte sind net meine. Sie kommen aus dem Marchenland selbst. Jeder, der sie hort, darf sie behalten. Jeder, der sie versteht, darf sie weitergeben." Die Lisa Kottik fragte: „Und wenn niemand sie versteht?" Bael sagte: „Dann bleiben sie im Zimmer. Und warten. Wie alles im Marchenland. Wie die Briefe. Wie das Foto. Wie das Brummen vom Koch. Alles wartet. Das is das Gesetz vom Marchenland. Nichts geht verloren. Aber nichts kommt auch an. Alles bleibt im Schwebezustand. Wie ein Marshmallow im Kakao, der noch net geschmolzen is."
Die Lisa Kottik fragte: „Bael, was is die Mauer wirklich?" Bael sagte: „Die Mauer is die Angst. Die Angst, dass alles umsonst is. Die Angst, dass niemand kommt. Die Angst, dass die Brucke net nur eingesturzt is, sondern dass es nie eine Brucke gab. Die Mauer is die Angst, die uns daran hindert, den Kakao zu trinken. Weil wir glauben, dass wir es net verdienen. Aber wir verdienen es. Jeder verdient seinen Kakao. Mit Zimt. Und mit Marshmallows."
Sechstes Kapitel: Astra
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann brummen sie noch heute.
Die Lisa Kottik blieb in dem Mietzimmer. Sie wusste nicht, ob sie fur immer bleiben wurde oder ob sie eines Tages weiterziehen wurde. Das Marchenland war uberall, hatte die Mutter gesagt, und die Lisa Kottik hatte begriffen, dass man net davonlaufen konnte. Man konnte nur lernen, in ihm zu leben — mit dem Foto auf dem Tisch, mit dem Fenster, das auf einen kahlen Baum blickte, mit dem Brummen, das durch die Wande drang.
Der Koch besuchte sie manchmal, kochte einfache Gerichte und brummte, und die Lisa Kottik horte zu. Der schweigsame Anno Hugo Shieskopf und der redselige Martin Pimmel kamen gelegentlich, schweigsam und schnell redend, und die Lisa Kottik horte zu. Die dicke Matilda Mose aus Hinterwalden kam mit dem Wolfgang Von Rannekampf, der immer noch aussah, als ware er aus einem anderen Traum hierher geraten, und die Lisa Kottik horte zu. Und manchmal, in den Nachten, wenn der Wind um das Haus pfiff und die Mutter aus dem Nichts sprach, trank die Lisa Kottik ihren Kakao. Mit Zimt. Und mit Marshmallows. Weil die Mutter gesagt hatte, mit Zimt und Marshmallows sei er besser. Und weil die Marshmallows schmolzen, und weil das Schmelzen das Einzige war, was im Marchenland noch eine Richtung hatte — von oben nach unten, von fest zu weich, von kalt zu warm.
Und Bael kam wieder, einmal im Jahr, immer im Winter, wenn es bei den Strau;en noch dunkel war. Er brachte neue Briefe, neue Gedichte, und die Kalte in seinem Mantel, und sie sa;en zusammen und schwiegen, und manchmal las er vor. Die Lisa Kottik horte zu. Es war das Einzige, was sie tun konnte, und es war genug.
Eines Tages fragte sie ihn: „Bael, was is das Marchenland wirklich?"
Bael sah sie an, lange. Dann sagte er: „Das Marchenland is die Welt, Lisa Kottik. Die Welt, wie sie is, wenn man keine Illusionen mehr hat. Die Welt, in der die Brucken einsturzen und die Menschen wegziehen und die Fotos undeutbar werden. Aber es is auch die Welt, in der ein Mietzimmer ein Zuhause sein kann und ein Brummen eine Stimme und ein Kakao ein Trost. Und es is die Welt, in der es eine Mauer gibt, die durch die Kopfe geht. Eine Mauer, die man net sieht, weil sie unsichtbar is. Aber man spurt sie. Man spurt sie jeden Tag. Und manchmal, wenn man Gluck hat, findet man ein Loch in der Mauer. Und dann kann man durchschauen. Und sieht, dass auf der anderen Seite auch nur Menschen sind. Menschen mit Kakao und Marshmallows. Menschen, die auch frieren. Menschen, die auch warten. Menschen, die auch lieben."
Die Lisa Kottik fragte: „Und was is mit der Brucke? Der eingesturzten Brucke?" Bael sagte: „Die Brucke is des, was wir bauen, wenn wir aufhoren, die Mauer zu sehen. Die Brucke is des, was wir bauen, wenn wir anfangen, das Zimmer zu sehen. Das Zimmer is die Brucke. Das Zimmer is immer die Brucke. Man muss nur den Mut haben, es zu merken."
Die Lisa Kottik fragte: „Und du, Bael? Baust du Brucken?" Bael sagte: „I baue keine Brucken. I bin die Brucke. I bin die Brucke, die man net sieht. I bin die Brucke, die man geht, wenn man net wei;, wohin. I bin die Brucke aus Worten und Kakao und Marshmallows. Und i sturze net ein. I sturze nie ein. I warte nur. Wie alles im Marchenland."
In dieser Nacht konnte Lisa Kottik nicht schlafen. Sie stand auf, ging zum Fenster und schaute hinaus auf die Stra;e. Der Regen hatte aufgehort, aber die Dunkelheit war noch da, und uber der Stadt lag eine Stille, die schwerer war als jeder Larm. Und dann sah sie das Licht.
Es war ein einzelner Lichtpunkt, weit entfernt, aber er bewegte sich. Er kam naher, langsam und stetig, und mit jedem Schritt wurde er heller. Lisa Kottik hielt den Atem an. Sie sah, wie der Lichtpunkt die Stra;e entlangkam, wie er die Dunkelheit zuruckdrangte, wie die Menschen an den Fenstern erschienen, einer nach dem anderen, und hinausschauten.
Das Licht war ein Fackelstab. Und der Fackelstab gehorte einer Frau.
Sie war gro; und hager, und ihr Gesicht war das Gesicht von jemandem, der lange unterwegs gewesen war. In ihren Augen brannte ein Feuer, das nichts mit dem Fackelstab zu tun hatte. Sie trug einen Mantel, der aussah, als ware er aus den Flicken aller Mantel dieser Welt zusammengenaht worden. Und sie ging, als hatte sie keine Eile, und doch kam sie schnell voran.
Die Frau blieb vor dem Haus stehen, in dem Lisa Kottik wohnte. Sie hob den Fackelstab, und sein Licht fiel auf die Fassade, auf die Fenster, auf das Gesicht von Lisa Kottik, die immer noch am Fenster stand und nicht wusste, ob sie traumte.
„Komm runter, Lisa Kottik", sagte die Frau. Ihre Stimme war ruhig und trug weit.
Lisa Kottik ging hinunter. Sie offnete die Tur. Die Frau stand auf der Stra;e, den Fackelstab in der Hand, und hinter ihr, in der Dunkelheit, waren die Umrisse von Menschen zu erkennen. Viele Menschen. Sie waren gekommen, ohne zu wissen, warum, weil das Licht sie gerufen hatte.
„Ich bin Astra Rothschild", sagte die Frau. „Ich bringe das Licht. Nicht fur ein Zimmer. Fur das ganze Land. Ich bringe die Freiheit. Die Freiheit fur die Nation."
Lisa Kottik sagte: „Bist du die, auf die wir gewartet haben?"
Astra Rothschild sagte: „Ich bin die, auf die ihr gewartet habt. Aber ich bin nicht gekommen, um euch zu retten. Ich bin gekommen, um euch zu zeigen, dass ihr euch selbst retten konnt. Dass ihr das Licht selbst tragen konnt. Dass die Freiheit nicht von oben kommt, sondern von unten. Von euch."
In diesem Moment trat Bael aus der Dunkelheit. Er sah Astra an, und in seinen Augen lag etwas, das Lisa Kottik noch nie zuvor gesehen hatte — nicht Kalte, nicht Spott, sondern etwas wie Hoffnung.
„Du bist also wirklich gekommen", sagte Bael.
Astra sagte: „Ich habe nicht gewartet. Ich habe gehandelt. Und jetzt musst ihr handeln. Zeigt mir die Mauer. Zeigt mir die Brucke. Zeigt mir, was ihr bauen wollt."
Sie gingen durch die Stra;en des Marchenlandes. Astra Rothschild ging voran, und ihr Fackelstab leuchtete in die Dunkelheit, und die Menschen kamen aus ihren Hausern, aus ihren Zimmern, aus ihren Lochern, und sie folgten dem Licht. Der Koch kam mit seinem Topf. Anno Hugo Shieskopf, der Schweigsame, kam und sagte kein Wort. Martin Pimmel, der Redselige, kam und sagte nichts. Matilda Mose aus Hinterwalden kam mit Wolfgang Von Rannekampf. Und Bael ging neben Astra, und er sagte: „Du hast das Licht. Aber das Licht allein reicht nicht. Man muss auch wissen, wohin man leuchtet."
Astra sagte: „Man muss auf die Mauer leuchten. Und dann auf die Brucke. Und dann auf die Menschen. Und dann auf sich selbst."
Sie erreichten die eingesturzte Brucke. Der Fluss war schmal, aber tief, und auf der anderen Seite war das Haus mit den geschlossenen Augen. Astra hob den Fackelstab, und das Licht fiel auf die Trummer aus morschem Holz und verbogenem Eisen.
„Da ist nichts mehr", sagte Martin Pimmel. „Die Brucke ist tot."
Astra sagte: „Die Brucke ist nicht tot. Sie schlaft nur. Und jetzt wecken wir sie."
Sie ging zu den Trummern. Sie legte den Fackelstab auf einen Stein und begann, die Balken zu sortieren. Sie sagte: „Das Holz ist morsch. Aber das Eisen ist noch gut. Wir brauchen neues Holz. Wir brauchen Hande. Wir brauchen Zeit. Wir brauchen Hoffnung."
Bael sagte: „Hoffnung ist das Schwierigste."
Astra sagte: „Hoffnung ist das Einzige, was zahlt."
Die Menschen begannen zu arbeiten. Der Koch ging zuruck in die Stadt und kam mit einem Karren voller Bretter. Anno Hugo Shieskopf, der Schweigsame, schleppte die schwersten Steine. Martin Pimmel, der Redselige, organisierte die Arbeit. Matilda Mose aus Hinterwalden und Wolfgang Von Rannekampf kochten fur alle. Und Lisa Kottik stand da und wusste nicht, was sie tun sollte.
Astra kam zu ihr und sagte: „Du kannst nicht bauen. Aber du kannst schreiben. Schreib auf, was hier geschieht. Damit es nicht vergessen wird. Damit die Geschichte weiterlebt. Damit die nachsten Generationen wissen, dass die Brucke nicht vom Himmel fiel. Dass sie von Menschen gebaut wurde."
Lisa Kottik nahm ein Stuck Papier und schrieb. Sie schrieb von Astra Rothschild, die mit dem Licht kam. Sie schrieb von der Mauer aus Papier, die durchsichtig wurde, als das Licht sie traf. Sie schrieb von den Menschen, die zusammenkamen, um die Brucke zu bauen. Sie schrieb von Bael, der die Brucke war, und von Astra, die das Licht war.
Tage vergingen. Wochen. Der Regen fiel und horte auf. Die Sonne kam und ging. Und die Brucke wuchs. Sie war nicht schon. Sie war nicht gerade. Sie war aus alten Brettern und rostigen Nageln. Aber sie war stabil. Und sie war von Menschen gebaut, die nicht mehr warteten.
Als die letzte Planke gelegt war, als der letzte Nagel eingeschlagen war, als alle erschopft und schmutzig dastanden und auf ihr Werk blickten, da trat Astra Rothschild vor. Sie hob den Fackelstab, und das Licht fiel auf die Brucke, und die Brucke leuchtete, als ware sie aus Gold.
„Ihr habt es geschafft", sagte Astra. „Nicht ich. Ihr. Jeder von euch. Jeder mit seinen Handen. Jeder mit seinem Licht."
Bael sagte: „Du hast uns gezeigt, wie es geht."
Astra sagte: „Ich habe nur das Licht getragen. Gehen musstet ihr selbst."
Sie gingen uber die Brucke. Alle. Astra voran, mit dem Fackelstab, und hinter ihr der Koch, und Anno Hugo Shieskopf, und Martin Pimmel, und Matilda Mose, und Wolfgang Von Rannekampf, und Lisa Kottik, und Bael. Und als sie auf der anderen Seite ankamen, sahen sie, dass das Haus mit den geschlossenen Augen offen war. Die Fenster standen weit, und aus dem Schornstein stieg Rauch. Es war bewohnt. Es war immer bewohnt gewesen. Man hatte es nur nicht gesehen, weil die Mauer aus Papier davorstand.
Und auf der anderen Seite der Brucke, da war kein Feindesland. Da waren Menschen. Menschen mit Kakao und Marshmallows. Menschen, die auch frieren. Menschen, die auch warten. Menschen, die auch lieben. Und sie alle waren jetzt vereint durch eine Brucke aus alten Brettern und rostigen Nageln, die von Menschen gebaut worden war, die nicht mehr warteten.
Astra Rothschild stellte den Fackelstab auf die Brucke. Das Licht blieb. Es wurde immer bleiben. Und die Freiheit, die sie gebracht hatte, war nicht ihre Freiheit. Es war die Freiheit der Nation. Die Freiheit des ganzen Marchenlandes.
Und wenn du eines Tages durch das Marchenland gehst und uber eine Brucke kommst, die aussieht, als ware sie von Kindern aus alten Brettern gebaut worden, dann schau genau hin. Vielleicht ist es die Brucke, von der hier die Rede war. Vielleicht ist es eine andere. Vielleicht ist es die einzige Brucke, die es gibt.
Und vielleicht — vielleicht ist Astra Rothschild noch immer da. Mit ihrem Licht. Und mit der Freiheit, die sie fur alle gebracht hat.
Moral:
Und wenn du eines Tages durch das Marchenland gehst und an eine Mauer kommst, die aussieht wie Papier, dann schau genau hin. Vielleicht brennst du sie nieder. Vielleicht gehst du einfach durch sie hindurch, als ware sie aus Luft. Vielleicht baust du eine Brucke. Aber eines Tages wirst du merken: Die Mauer war nie das Problem. Das Problem war, dass du geglaubt hast, du musstest allein gehen. Dass du geglaubt hast, das Licht musse von woanders kommen. Dass du geglaubt hast, die Freiheit sei ein Geschenk.
Doch im Marchenland gibt es eine neue Ordnung. Eine Ordnung, die nicht von oben kommt, sondern von unten. Eine Ordnung, die nicht auf Papier geschrieben steht, sondern in die Herzen gebrannt ist. Und diese Ordnung hei;t: Kakao um vier Uhr.
Vier Uhr. Nicht funf. Funf Uhr ist fur die Englander. Funf Uhr ist Tee mit Milch, kleine Sandwiches, ein Stuck Kuchen, den man nicht isst, sondern nur anschaut. Funf Uhr ist die Stunde der Etikette, der steifen Oberlippe, des hoffichen Schweigens. Funf Uhr ist die Alternative fur England.
Aber im Marchenland ist alles anders. Hier trinkt man Kakao um vier Uhr. Mit Zimt. Und mit Marshmallows. Und man trinkt ihn nicht allein. Man trinkt ihn zusammen. Mit dem Koch, der brummt. Mit Anno Hugo Shieskopf, der schweigt. Mit Martin Pimmel, der redet. Mit Matilda Mose und Wolfgang Von Rannekampf. Mit allen, die gekommen sind, um die Brucke zu bauen.
Kakao um vier Uhr ist die Alternative fur das Marchenland. Nicht eine Alternative, die spaltet, sondern eine, die eint. Nicht eine, die Mauern baut, sondern eine, die Brucken baut. Nicht eine, die die Vergangenheit beschwort, sondern eine, die die Zukunft trinkt. Schluck fur Schluck. Marshmallow fur Marshmallow.
Und wenn die Freiheit kommt, dann kommt sie nicht mit Fahnen und Parolen. Sie kommt mit einer Tasse Kakao. Sie kommt um vier Uhr. Sie kommt mit Zimt. Sie kommt mit Marshmallows, die langsam schmelzen und zu einer klebrigen, su;en Masse werden, die sich um den Loffel wickelt wie eine Erinnerung, die man nicht loslassen will.
Freiheit fur die eine Nation der Marchenlander! Nicht fur ein Konigreich, nicht fur eine Republik, nicht fur ein Parlament. Fur die eine, unteilbare, unbesiegbare Nation derer, die um vier Uhr Kakao trinken. Die Marshmallows schmelzen sehen. Die zusammen sind. Die nicht mehr warten. Die die Brucke gebaut haben. Die uber die Brucke gehen. Die auf der anderen Seite ankommen. Die dort bleiben. Die dort trinken. Die dort lieben.
Und wenn du, Wanderer, eines Tages an einer Mauer stehst, die aussieht wie Papier, dann schau genau hin. Vielleicht is es keine Mauer. Vielleicht is es eine Tasse Kakao. Vielleicht is es vier Uhr. Vielleicht is es die Freiheit. Vielleicht is es das Marchenland. Und vielleicht — vielleicht bist du schon langst drin.
Denn das Marchenland ist uberall dort, wo um vier Uhr Kakao getrunken wird. Mit Zimt. Und mit Marshmallows. Und mit denen, die nicht mehr warten. Und die Freiheit ist nicht die Stunde des Tees. Die Freiheit ist die Stunde des Kakaos.
Kakao um vier. Fur immer.
Denn das Marchenland lehrt uns, dass die gro;en Dinge — die Brucken, die Hauser, die Namen, die man in Stein mei;elt — net das sind, was uns tragt. Sie sturzen ein, sie verfallen, sie werden zu Fotografien, deren Ruckseite leer bleibt. Was uns tragt, is das Kleine, das Unscheinbare, das, was niemand fur erwahmenswert halt. Trink deinen Kakao. Das Marchenland is kein Ort, an den man gelangt, sondern ein Ort, an dem man ankommt — wenn man aufhort, nach der Brucke zu suchen, und beginnt, das Sofa zu sehen, auf dem man sitzt. Und wenn man dann noch die Marshmallows schmelzen sieht, dann hat man vielleicht verstanden, was das Marchenland wirklich is: net die Mauer, sondern das Fenster in der Mauer. Net die Brucke, sondern das Zimmer. Net die Frage, sondern der Kakao. Und die Menschen, die ihn mit uns trinken.
Wer im Marchenland die Brucke sucht, verliert den Weg. Wer aber Kakao trinkt und der Mutter zuhort, findet selbst im Mietzimmer ein Zuhause — und sei es nur fur eine Nacht, und sei es nur fur einen Augenblick, und sei es nur, weil jemand an die Tur geklopft hat und hereingekommen is, ohne zu fragen, warum. Das is die eigentliche Moral vom Marchenland: Es gibt keine Brucke, die man uberqueren konnte.
Und wenn du eines Tages an einer Mauer stehst, die aussieht wie eine gewohnliche Mauer, dann schau genau hin. Vielleicht is es keine Mauer. Vielleicht is es ein Fenster. Vielleicht is es eine Brucke. Vielleicht is es ein Zimmer mit einem Sofa und einem Foto und einem Kakao mit Marshmallows. Vielleicht is es das Marchenland. Und vielleicht — vielleicht bist du schon langst drin.
Berliner Schnauze, du musst verstehen:
Die Mauer aus Papier kannste anpusten, allet klar.
Doch det Loch, det du selber reinsto;t, tut weh —
Weil de Freiheit keene Jeige is, sondern 'n Koffer ohne Griff, wa?
Und wenn de um vier Uhr Kaffee trinkst statt Kakao,
Biste satt, aber satt is nich detselbe wie lebendig, weeste?
Det is Berlin, det is keen Theater,
Det is det Leben, und det is wahr.
Ick hab jewart, du hast jewart,
Jetzt sind wir da, jetzt sind wir da.
Die Freiheit kommt um vier mit Kakaorot —
Det is det Ende. Det is der Tod.
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